Die Wirtschaftsgeschichte der Stadt Braunschweig ist eng mit der Geschichte und Wirtschaft des Braunschweiger Landes und der näheren Umgebung der Stadt Braunschweig verbunden. Bereits die Stadtgründung dürfte mit der günstigen Lage am Schnittpunkt mehrerer frühmittelalterlichen Fernstraßen und der ab hier schiffbaren Oker in Zusammenhang stehen. Die Ernennung zur Residenzstadt Heinrich des Löwen führte zu einer ersten wirtschaftlichen Entwicklungsphase der Stadt. Durch den Beitritt zur Hanse und die faktische Unabhängigkeit entwickelte sich Braunschweig im Mittelalter zu einem der wichtigsten Handelsplätze in Mitteldeutschland. Nach der Wiedereingliederung in das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel versuchte Herzog Rudolf-August die Wirtschaftskraft der ehemals wohlhabenden Hansestadt wiederherzustellen. Einen Aufschwung erlebte die Wirtschaft aber erst während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt zum Rüstungsstandort ausgebaut und wurde hierdurch ab 1944 zum Ziel schwerer Bombenangriffe. Nach dem Niedergang mehrerer bedeutender Industriezweige und der Rezession der 1970er entwickelt sich die Stadt heute zu einem wichtigen Forschungs- und Entwicklungsstandort innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums. Die Region ist nach wie vor ein bedeutender Cluster der Automobilindustrie. Die Stadtinfrastruktur von Braunschweig entspricht wegen des weiten Umlandes einer sonst doppelt so einwohnerstarken Großstadt.
Entstehung des Handelsplatzes Stadtgründung mini|Die Burg Dankwarderode im Mittelalter, Rekonstruktion des mutmaßlichen Zustands von 1200 von Ludwig Winter, 1884 Eine der wichtigsten frühen Entwicklungsgrundlagen ist die günstige topografische Lage, die wahrscheinlich zu den ersten Ortsgründungen geführt haben dürfte. Bereits vor diesen Gründungen verliefen mehrere Fernhandelswege im heutigen Braunschweiger Gebiet. Den Ausschlag für die ersten Siedlungsgründungen dürfte aber wahrscheinlich eine Furt durch die Oker gegeben haben, in deren Nähe vermutlich auch die ersten Siedlungen namens Brunswick und Dankwarderode entstanden. Zudem war die Oker ab Braunschweig flussabwärts schiffbar und es konnten Waren über den – gegenüber dem Landweg günstigeren und sichereren – Wasserweg bis in das Stadtgebiet gebracht werden. Ein ausgebauter Hafen findet seit dem 13. Jahrhundert Erwähnung. Über die Verbindung Oker – Aller – Weser war Braunschweig mit der wichtigen Handelsmetropole Bremen verbunden und konnte somit auch am Seehandel partizipieren. Durch die politischen Beziehungen der herrschenden Brunonen nach Friesland und in die Mark Meißen wurde der Handelsplatz Braunschweig weiter gestärkt.
Handelsstraßen Vom Harz kommend in Richtung Lüneburg verlief die Salzstraße, deren Verlauf in etwa der heutigen B4 entspricht. Um das Jahr 1000 entwickelte sich die heutige B1 zur „Via Regia“, der ottonischen Königsstraße von Aachen nach Magdeburg, die im rheinisch-westfälischen Bereich auf den noch älteren „Hellweg“ zurückgeht. Über diese Straße war Braunschweig auch mit einem der wichtigsten Elbübergänge bei Magdeburg verbunden und hatte damit Zugang zu den slawischen Gebieten östlich der Elbe. Beide dieser bedeutenden mittelalterlichen Fernhandelswege kreuzten sich im Gebiet des heutigen Braunschweig. Darüber hinaus gab es weitere Straßenverbindungen, welche beispielsweise von der Nordseeküste kommend wahrscheinlich über Stade, Bardowick und Lüneburg in den Braunschweiger Raum führten. Auch mit Hamburg und Lübeck im Norden bestanden Verbindungen, ebenso wie aus Hildesheim, Gandersheim, Goslar, Halberstadt und Leipzig Straßenverbindungen in den Braunschweiger Raum führten.
Aufstieg unter Heinrich dem Löwen mini|Krönung (oder Eheschließung?) von Heinrich dem Löwen und Mathilda. (aus dem Evangeliar Heinrichs des Löwen, um 1188) mini|Der Altstadtmarkt als bedeutendster Handelsplatz Braunschweigs Mit dem politischen Aufstieg Heinrichs des Löwen ging auch ein massiver Ausbau der Stadt Braunschweig zur Residenzstadt einher. Einer der Schwerpunkte war die kaufmännische Entwicklung der Stadt. Heinrich erweiterte die Stadt um neue Stadtteile wie das Weichbild Neustadt oder, früher, das Weichbild Hagen, in welchem er niederländische Handwerker ansiedelte. Die bereits bestehenden Weichbilder Altstadt und Altewiek wurden weiter ausgebaut; spätestens im Verlauf dieses Ausbaus entwickelte sich die Altstadt zum dominierenden wirtschaftlichen und politischen Zentrum der Stadt. Gleichzeitig wuchs auch die wirtschaftliche Bedeutung Braunschweigs im norddeutschen Raum. Dieser Aufschwung wurde auch durch den Sturz Heinrichs im Jahr 1181 nicht gebremst und nach dem Tod Heinrichs im Jahre 1195 von seinen Nachfahren weiter gefördert.
Im Jahr 1199, kurz nach seiner Machtergreifung, verlieh Otto IV. der Stadt umfangreiche Zollfreiheiten im gesamten Heiligen Römischen Reich sowie königlichen Schutz für die Händler. Durch die Gunst des Kaisers stieg Braunschweig sogar für mehrere Jahre zur imperialen Residenz auf, was zu einem weiteren Zuzug von Handwerkern und Händlern führte. Durch die Verbindungen Heinrichs des Löwen und seiner Nachfahren verfügten die Braunschweiger Kaufleute zudem seit 1230 über Handelsprivilegien und Schutzbriefe in Dänemark und England. Handelsbeziehungen entwickelten sich nicht nur zu anderen Hansestädten, sondern auch nach England, Flandern, Brabant, Russland und Ungarn.
Ein weiterer wichtiger Schritt für die Stadtentwicklung war die Verleihung verschiedener Stadt- und Marktrechte und anderer Privilegien für die verschiedenen Weichbilder. Als erste erhielten im Jahr 1227 die Weichbilder Hagen und Altstadt ihr Stadtrecht. Es folgten das Recht der Gildenbildung und das Marktrecht für Tuch in der Altewiek, Marktrechte für Wolle im Hagen sowie weitere Privilegien für die Bäcker im Sack, die Lakenmacher in der Neustadt und die Schmiede in allen Weichbildern. Die bedeutendsten Gewerbe der Stadt waren die Fernhändler, die Wechsler, Goldschmiede sowie die Tuch- und Lakenmacher. Etwa im Jahr 1250 wurde als letzter eigenständiger Stadtteil das zentrale Weichbild Sack gegründet, welches um 1300 die Stadtrechte verliehen bekam.
Hansestadt Entstehung der Gilden Bereits seit 1245 hatte die Stadt Braunschweig begonnen, ein Netz von Städtebündnisverträgen abzuschließen und damit den Handel abzusichern. Ebenfalls Mitte des 13. Jahrhunderts erfolgte der Beitritt der Stadt und ihrer Weichbilder zur Hanse. Der genaue Zeitpunkt des Beitritts ist urkundlich nicht erwähnt, jedoch ist die Teilnahme an den Hansetagen ab 1358 bestätigt. Innenpolitisch nahmen die Gilden einen immer stärkeren politischen Einfluss auf die Stadtentwicklung. Der Handel wurde hauptsächlich über den Landweg betrieben, aber auch über den Wasserweg konnten Handelswaren bis ins Stadtinnere gebracht werden. Haupthandelsplätze in der Stadt waren die heute noch bestehenden Marktplätze Altstadtmarkt, Hagenmarkt und Kohlmarkt. Dazu kamen die Rathäuser der verschiedenen Braunschweiger Weichbilder und Handelshöfe in der Stadt. Durch den starken Handel und die Anwesenheit vieler Händler, auch aus weit entfernten Gebieten, entwickelte sich Braunschweig in der Folge auch zu einem bedeutenden Finanzplatz des Mittelalters.
Aufstände und Wirtschaftskrise Die Aufnahme in die Hanse und die daraus resultierende zunehmende Bedeutung des Handels für die Stadt führten aber auch zu Konflikten zwischen den Patriziern, Großkaufleuten und den Gilden um den Einfluss in der Stadtregierung, die schließlich 1293/94 in der Schicht der Gildemeister gipfelten. Braunschweig war durch ein sehr starkes Gefälle in der Sozialstruktur gekennzeichnet, wodurch fast die Hälfte der Bevölkerung der ärmeren Unterschicht zugerechnet werden musste. Gleichzeitig gab es eine reichsweite Wirtschaftskrise, die auch vormals wohlhabende Edelleute in wirtschaftliche Bedrängnis brachte. Damit einher ging ein Anstieg von Überfällen auf Handelszüge, was die Stadt dazu zwang, enorme finanzielle Mittel zu deren Sicherung aufzubringen. Braunschweig war auf sichere Handelswege sowohl durch seine Stellung im Fern- und Zwischenhandel als auch zum Export seiner eigenen Produkte angewiesen.
Einen weiteren schweren Einschnitt erlebte die Wirtschaft der Stadt und Region durch den Ausbruch der Pest in Braunschweig im Jahr 1350, was zu drastischen demografischen sowie auch wirtschaftlichen Veränderungen führte. Der Handel kam in großen Teilen endgültig zum Erliegen; weite Teile der überlebenden Braunschweiger Bevölkerung verarmten. Militärische Aktionen wie die Schlacht von Dinklar 1367 und das Gefecht am Elm 1373 führten zu einer weiteren finanziellen Belastung für die Stadt. Die zunehmende Verschuldung der Bevölkerung und die hohen finanziellen Verpflichtungen sorgten für weitere Unzufriedenheit, die sich schließlich zwischen 1374 und 1380 in den Unruhen der Großen Schicht entluden. Acht Ratsherren wurden hingerichtet. Den überlebenden Stadtoberhäuptern gelang es aus dem Exil die Hanse zu bewegen, eine Handelssperre gegen Braunschweig auszurufen und die Stadt vorübergehend aus der Hanse auszuschließen. Dies verstärkte die bereits bestehenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten enorm und führte zur weiteren Verarmung der Bevölkerung.
Erst 1386 konnte der Streit endgültig beigelegt werden, indem neun Handwerksgilden gleichberechtigt mit den Patriziern in den Rat der Stadt aufgenommen wurden. Damit hatten nun sowohl die Kaufleute als auch die Handwerksgilden die Möglichkeit, die Politik der Stadt direkt zu beeinflussen. Der Stadt wurde nun wieder die volle Mitgliedschaft in der Hanse gestattet.
Aufstieg zum Vorort der Hanse mini|Die Braunschweiger Messe auf dem Kohlmarkt, Lithographie um 1840. Bis ins 17. Jahrhundert behielt Braunschweig seine starke Stellung im Handel der Hanse und gehörte auch zu den neun Städten, die am letzten Hansetag 1669 teilnahmen. Durch den Dreißigjährigen Krieg und den Niedergang der Hanse kam Braunschweig in erhebliche wirtschaftliche und finanzielle Probleme. In dieser Lage wurde die Stadt von Truppen des Braunschweiger Herzogs Rudolf August besetzt und in das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel eingegliedert. Der Herzog suchte die Wirtschaftskraft der ehemals wohlhabenden Hansestadt wiederzubeleben und richtete 1681 gegen den Widerstand der Messestädte Leipzig und Frankfurt zwei jährliche Warenmessen ein. Diese erlebten ihre Blütezeit während des 18. Jahrhunderts, als sie eine ähnliche Bedeutung wie die Warenmessen in Frankfurt und Leipzig entwickelten. Sie verloren während des 19. Jahrhunderts ihren wirtschaftlichen Stellenwert und wurden 1910 aufgehoben.
Heute ist die Stadt Mitglied der Neuen Hanse, die es seit 1980 gibt. Im Sommer 1985 wurde der fünfte Hansetag neuer Rechnung in Braunschweig abgehalten.
Manufakturwesen in der Frühen Neuzeit mini|Schnupftabakdose mit dem Porträt des Ferdinand von Schill,Lackarbeit der Manufaktur Stobwasser,1. Hälfte des 19. Jahrhunderts. In der Frühen Neuzeit wurden, zur Förderung der Exportwirtschaft in Stadt und Fürstentum Braunschweig, im Auftrag der Herzöge Karl I. (1713–1780) und Karl Wilhelm Ferdinand (1735–1806) eine Reihe von Manufakturen eingerichtet. Die Manufakturen sollten die Produktion landeseigener Fertigprodukte steigern, um durch deren Ausfuhr dringend benötigte finanzielle Mittel, Gold und Bargeld, einzunehmen.
Um landesfremde Handwerker und Unternehmer anzulocken, gewährten die Herzöge Privilegien und Vergünstigungen. So kam es besonders in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu zahlreichen staatlichen und privaten Manufakturgründungen, wie der Buchdruckerei des Großen Waisenhauses (1751), der Chemiefabrik der Gebrüder Gravenhorst (1762), der Papiermaché- und Lackwarenmanufaktur Stobwasser (1763) sowie zahlreicher Zichorienfabriken ab 1781.
Zichorienfabrikation