Der Steirische Herbst (Eigenschreibweise steirischer herbst) ist ein interdisziplinäres Festival für zeitgenössische Kunst. Er findet seit 1968 jedes Jahr in Graz und der übrigen Steiermark statt und vernetzt mit je unterschiedlicher Gewichtung bildende Kunst, Performance, Theater, Oper, Musik und Literatur. Der Steirische Herbst ist ein „produzierendes Festival“, das Programm besteht vorwiegend aus Auftragsarbeiten und Uraufführungen.

Name Der Name des Festivals geht vermutlich auf einen Gedichttitel des steirischen Mundartdichters Hans Kloepfer zurück. Er spielt auf die Bedeutung der Landwirtschaft in der Region an, der er die Ernte geistiger Früchte gegenüberstellt. Der damalige Kulturlandesrat und Gründer des Steirischen Herbst Hanns Koren (ÖVP) war ein Bewunderer Kloepfers, der als Anhänger des Nationalsozialismus jedoch umstritten war und ist.Eva Scharrer: Gründungskomitee. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023.Robert Engele: Hans Kloepfer und die Nazis. In: Austria-Forum, 31. August 2017, abgerufen am 2. Februar 2023.

Künstlerische Leitung / Intendanzen In den ersten Jahren wurde der Steirische Herbst von Gremien (Programmkuratorium bzw. -direktorium) geleitet, die mit den wesentlichsten Protagonisten des steirischen Kulturlebens besetzt waren. Ab 1983 wurden Intendanten und Intendantinnen bestellt, die für das Programm verantwortlich zeichneten: Peter Vujica, 1983–1989 Horst Gerhard Haberl, 1990–1995 Christine Frisinghelli, 1996–1999 Peter Oswald, 2000–2005 Veronica Kaup-Hasler, 2006–2009; 2010–2014. In: kleinezeitung.at, 11. Dezember 2009, abgerufen am 19. Juni 2015;; 2015–2017Kaup-Hasler verlängert beim „steirischen herbst“. In: kleinezeitung.at, 13. Juni 2014, abgerufen am 19. Juni 2015. Ekaterina Degot, 2018–2022;Ekaterina Degot ist neue „herbst“-Intendantin. In: news.orf.at, 7. April 2017, abgerufen am 7. April 2017. 2023–

Geschichte 1968–1982

Bereits vor der eigentlichen Gründung fand 1967 eine Veranstaltungsreihe mit dem Namen „Steirischer Herbst“ statt, die viele Bestandteile des späteren Festivals umfasste: die Steirische Akademie, die Dreiländer-Biennale Trigon und die Internationalen Malerwochen der Neuen Galerie Graz. An der ersten Ausgabe 1968 wirkten weitere Institutionen mit, etwa die Vereinigten Bühnen Graz (Schauspielhaus Graz, Oper Graz), das ORF-Landesstudio Steiermark, die Hochschule für Musik und darstellende Kunst und die Künstlervereinigung Forum Stadtpark. 1968 fand auch das erste Musikprotokoll statt. Die von Emil Breisach gegründete Plattform für zeitgenössische und experimentelle Musik ist bis heute Teil des Festivals.Eva Scharrer: Gründungskomitee. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023. Der vorzeitige Abbruch einer Podiumsdiskussion zur Situation der zeitgenössischen Kunst brachte dem Steirischen Herbst in seinem Gründungsjahr seinen ersten „Skandal“ ein.

Das Festival wandte sich in den ersten Jahren vor allem der (internationalen) Avantgarde zu, die unter den Nationalsozialisten verboten oder marginalisiert worden war. Der Widerspruch zwischen seinem progressiven und oft gesellschaftskritischen Programm und seinem konservativen Umfeld war charakteristisch für den Steirischen Herbst. Neben Koren waren etwa auch der ÖVP-Politiker Paul Kaufmann und Erich Marckhl, der Mitglied der illegalen NSDAP gewesen war, im Gründungskomitee.Eva Scharrer: Gründungskomitee. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023.

Zu den frühen Höhepunkten zählten Premieren von Ödön von Horváth (inszeniert von Gerald Szyszkowitz), Harald Sommer, Peter Handke und György Ligeti sowie Opernaufführungen von Krzysztof Penderecki und Ernst Krenek. Im Bereich der bildenden Kunst fanden unter anderem eine Personale zu Bruno Munari, die Trigon-Biennale „Intermedia urbana“ und die Ausstellungen „Körpersprache ‒ Bodylanguage“ (mit Vito Acconci, Trisha Brown, Valie Export, Bruce Nauman, Arnulf Rainer u. a.) und „Kunst als Lebensritual“ (mit John Baldessari, Shigeko Kubota, Les Levine, Dennis Oppenheim, Friederike Pezold u. a.) viel Beachtung.Eva Scharrer: Programm-Kuratorium. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023.Eva Scharrer: 1968. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023.Eva Scharrer: 1970. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023.Eva Scharrer: 1973. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023.Eva Scharrer: 1974. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023. Für Skandale sorgten auch die Festivalplakate, insbesondere das Motiv von 1972, das einen korpulenten Mann von hinten zeigt, der seine Hose – je nach Interpretation – hochzieht oder runterlässt.Robert Engele: „Hos’n obi“ oder „Hos’n auffi?“ – das war die Frage. In: Austria-Forum, 14. Juni 2011, abgerufen am 2. Februar 2023.

Im Laufe der Siebziger wurde das Programm nach und nach erweitert. Hinzu kamen die Grazer Filmtage, das Symposion über Fotografie, ein Kinder- und Jugendprogramm sowie Kleinkunst und Zirkusveranstaltungen (mit dem ersten Auftritt des Circus RoncalliEva Scharrer: 1975. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023.). Darüber hinaus gab es erstmals eigene Reihen für Jazz (mit Auftritten von Anthony Braxton und McCoy Tyner) und Tanz (unter anderem mit einer Auftragsarbeit von Laura Dean).Eva Scharrer: 1976. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023. Ausstellungen wurden in dieser Zeit vor allem von Horst Gerhard Haberl und der Produzentengruppe pool sowie von Wilfried Skreiner, dem Leiter der Neuen Galerie Graz, kuratiert.Eva Scharrer: Programm-Direktorium. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023. Für das Projekt „Künstlerschaufenster“ (mit Laurie Anderson, Artist Placement Group, Daniel Spoerri u. a.) waren 1979 Peter Pakesch und Peter Weibel verantwortlich, die später regelmäßig beim Steirischen Herbst aktiv waren.Eva Scharrer: 1979. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023.

Im Bereich des Theaters wurden vorwiegend Werke österreichischer Autoren und Autorinnen (z. B. Elfriede Jelinek, Ernst Jandl und Gerhard Roth) uraufgeführt. Aufsehen erregte 1975 vor allem Wolfgang Bauers „Gespenster“. Die Produktion, die vom ORF übertragen wurde, wurde in der Öffentlichkeit hitzig diskutiert und zog Rufe nach einer Abschaffung des Festivals nach sich. Hanns Koren konnte dies, nicht zuletzt durch eine Rede im Landtag, verhindern.Helmut Bast: Mythos mit Wetterfleck. In: Falter, 18. April 2006, abgerufen am 8. Februar 2023. Ihm folgte 1976 Kurt Jungwirth (ÖVP) als Präsident des Steirischen Herbst. Für Kontroversen sorgte 1981 auch Hermann Nitsch und sein Orgien-Mysterien-Theater, von dem sich Bürgermeister Alexander Götz (FPÖ) und Kulturreferent Heinz Pammer (ÖVP), beide Mitglieder im Präsidium des Festivals, vehement distanzierten.Christine Resch: Kunst als Skandal. Der steirische herbst und die öffentliche Erregung. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1994, ISBN 978-3-85115-196-1, S. 74.

1983–1989

Von 1983 bis 1989 wurde der Steirische Herbst erstmals von einem Intendanten geleitet: Peter Vujica, der in den frühen Jahren bereits für das Musikprotokoll verantwortlich war. Als Festivalintendant setzte Vujica auf eine Vermischung von E- und U-Musik. Neben Uraufführungen von Komponisten und Komponistinnen wie Luna Alcalay, Olga Neuwirth und Friedrich Cerha lud er auch Industrial- und Post-Punk-Bands wie Laibach, Fad Gadget, The Fall und Der Plan oder Grenzgänger wie Glenn Branca nach Graz ein.Eva Scharrer: Peter Vujica. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023.Eva Scharrer: 1989. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023. Abgesehen von Premieren von deutschsprachigem Gegenwartstheater (Heiner Müller, Herbert Achternbusch) fanden in den Achtzigern auch einige internationale Uraufführungen statt, zum Beispiel von Julio Cortázar und Samuel Beckett, der sein letztes Stück und seine einzige Auftragsarbeit (Was wo) für den Steirischen Herbst schrieb.Eva Scharrer: 1983. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023.Eva Scharrer: 1985. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023.

Vujica stellte die Festivalausgaben vermehrt unter ein bestimmtes Leitmotiv, so etwa „Animal Art“ 1987, das sich mit lebenden, echten Tieren in der Kunst auseinandersetzte (mit künstlerischen Beiträgen von Henning Christiansen, General Idea, Lili Fischer, Richard Kriesche, Christina Kubisch, Nam June Paik u. a.).Eva Scharrer: 1987. In: steirischer herbst Retrospektive, abgerufen am 2. Februar 2023. Anlass für diese Ausgabe war ein Protest von Tierschützern 1985, die die Nutzung der Lurgrotte für ein Jazzkonzert von George Gruntz verhindern wollten, um die lokale Fledermausbevölkerung zu schützen. (Das Konzert wurde schließlich ohne Publikum aufgezeichnet.)

Das Leitmotiv für das Jahr 1988 lautete „Schuld und Unschuld der Kunst“ und führte zur wahrscheinlich berühmtesten Ausgabe des Steirischen Herbsts, der sich anlässlich des 50. Jahrestags des „Anschlusses“ mit der NS-Vergangenheit Österreichs auseinandersetzte. Insbesondere das von Werner Fenz kuratierte Projekt „Bezugspunkte 38/88“ mit Kunst im öffentlichen Raum erregte die Gemüter. Mehrere Werke wurden Opfer von Vandalismus, etwa eine Klanginstallation von Bill Fontana, bei der Kabel durchgeschnitten wurden, und eine Skulptur von Hans Haacke, auf die ein Brandanschlag verübt wurde.Christine Resch: Kunst als Skandal. Der steirische herbst und die öffentliche Erregung. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1994, ISBN 978-3-85115-196-1, S. 49–55. Die Nutzung des öffentlichen Raums und das übergreifende Festivalthema sind seitdem charakteristisch für den Steirischen Herbst.

1990–1999

Auf Vujica folgte 1990 Horst Gerhard Haberl als Leiter des Festivals. Er stellte seine gesamte Intendanz (bis 1995) unter das Motto einer „Nomadologie der Neunziger“. Haberl wollte sich vom Begriff der Avantgarde lösen, ohne auf den der Postmoderne zurückzugreifen, und schlug deshalb in Zusammenarbeit mit dem Philosophen Peter Strasser und inspiriert von Vilém Flusser sowie Gilles Deleuze und Félix Guattari „Mobilität“ als dritten Weg vor.Horst Gerhard Haberl und Peter Strasser (Hrsg.): Nomadologie der Neunziger. steirischer herbst Graz 1990 bis 1995. Cantz, Ostfildern 1995, ISBN 978-3-89322-758-7. Dafür rief der Steirische Herbst auch zwei Schriftenreihen ins Leben, herbstschrift und herbstbuch.

Einen bleibenden Eindruck im Grazer Stadtbild hinterließ Hartmut Skerbischs Skulptur Lichtschwert, eine Kopie des Trägergerüsts der Freiheitsstatue mit Schwert statt Fackel, die 1992 für die Festivalausgabe America nowhere entstand und heute neben der Oper steht.Hartmut Skerbisch, Statue (Lichtschwert), 1992. In: OFFSITE_GRAZ. Abgerufen am 24. Mai 2023. Im selben Jahr wurde eines der letzten Stücke von John Cage als Auftragswerk des Musikprotokolls uraufgeführt.Peter Dickinson: Cage Fifty-Eight. In: Gramophone, abgerufen am 24. Mai 2023. Zu den Bühnenhighlights von Haberls Intendanz zählten unter anderem Aufführungen von Werner Schwab und Botho Strauß (in der Regie von Leander Haußmann) sowie Auftritte von La Fura dels Baus und die Premiere von Tomaž Pandurs Russische Mission.Wolfgang Kralicek: Das Beste aus 51 Nächten. Herbstliche Erinnerungen eines Theaterkritikers. In: Martin Behr, Martin Gasser, Johanna Hierzegger (Hrsg.): herbstbuch 1968–2017. Styria Verlag, Graz 2017, ISBN 978-3-222-13577-4, S. 105.