Margery Kempe (* ca. 1373 in Bishops Lyn, (England); † nach 1438) war eine englische katholische Mystikerin und Visionärin, die für ihre mittelenglische Schrift The Book of Margery Kempe bekannt ist. Das Buch wird vielfach als die erste Autobiografie in englischer Sprache angesehen. Ihr Buch schildert ihre familiären Nöte, ihre ausgedehnten Pilgerreisen zu heiligen Stätten in Europa und im Heiligen Land sowie ihre mystischen Gespräche mit Gott. Sie wird in der Anglikanischen Gemeinschaft verehrt, wurde jedoch nicht als katholische Heilige heiliggesprochen.
Kindheit und Familie Sie wurde um 1373 in Bishop’s Lyn (heute King’s Lynn) in Norfolk, England, als Margery Burnham oder Brunham geboren. Ihr Vater, John Brunham, war Kaufmann in Lynn, Bürgermeister der Stadt und Abgeordneter im Parlament. Die erste urkundliche Erwähnung ihrer Familie Brunham findet sich im Red Register of Lynn aus dem Jahr 1320, wo ihr Großvater Ralph de Brunham genannt wird. Bis 1340 war er dem Parlament von Lynn beigetreten.Goodman, Anthony. Margery Kempe and Her World. Kempes Verwandter Robert Brunham, möglicherweise ihr Bruder, wurde 1402 und 1417 Abgeordneter für Lynn.Beal, Jane. Margery Kempe. British Writers: Supplement 12. Ed. Jay Parini. Detroit: Charles Scribner's Sons, 2007. Ihr Beichtvater war der heilige Johannes von Bridlington.
Leben Es sind keine Aufzeichnungen über eine formale Ausbildung erhalten, die Kempe möglicherweise genossen hat. Als Erwachsene las ihr ein Priester Works of religious devotion auf Englisch vor, was darauf hindeutet, dass sie möglicherweise nicht in der Lage war, diese selbst zu lesen, obwohl sie offenbar verschiedene Texte auswendig gelernt hatte. Kempe scheint das Pater Noster (das Vaterunser), das Ave Maria, die Zehn Gebote sowie andere „Tugenden, Laster und Glaubensartikel“ gelernt zu haben.
Im Alter von etwa zwanzig Jahren heiratete Margery den angesehenen Kaufmann John Kempe, der 1394 Stadtbeamter wurde. Das Paar hatte mindestens vierzehn Kinder. Aus Danzig ist ein Brief erhalten, in dem der Name ihres ältesten Sohnes mit John angegeben ist und der einen Grund für seinen Besuch in Lynn im Jahr 1431 nennt.Sobecki, Sebastian (2015). The writyng of this tretys: Margery Kempe's Son and the Authorship of Her Book. Studies in the Age of Chaucer. 37: 257–83. doi:10.1353/sac.2015.0015. hdl:11370/3e11c1cf-62de-425d-8226-e9dbe0c123eb. S2CID 162448256.
Kempe glaubte, wie andere mittelalterliche Mystiker auch, dass sie aufgrund zahlreicher Visionen und Erfahrungen, die sie als Erwachsene hatte, zu einer „tieferen Verbundenheit mit Christus“ berufen worden sei. Nach der Geburt ihres ersten Kindes durchlebte Kempe eine fast achtmonatige Krisenphase,Torn, Alison. Medieval Mysticism Or Psychosis?. Psychologist. Nr.24.Bd.10 (2011): 788–790. bei der es sich möglicherweise um eine postpartale Psychose handelte.Jefferies, Diana; Horsfall, Debbie (2014). Jefferies, Diana, and Horsfall, Debbie (Hrsg.), Forged by Fire:Margery Kempe's Account of Postnatal Psychosis, Literature and Medicine, Bd. 32, (Nr. 2): 348–364. doi:10.1353/lm.2014.0017. PMID 25693316. S2CID 45847065. Abgerufen am 26. November 2020. Während ihrer Krankheit gab Kempe an, zahlreiche Teufel und Dämonen gesehen zu haben, die sie angriffen und ihr befahlen, „ihren Glauben, ihre Familie und ihre Freunde zu verlassen“. Sie behauptet, dass sie sie sogar zum Selbstmord ermutigten. Außerdem hatte angeblich sie eine Vision von Jesus Christus in Gestalt eines Mannes, der sie fragte: „Tochter, warum hast du mich verlassen, wo ich dich doch nie verlassen habe?“
Kempe versichert, dass sie Erscheinungen und Gespräche mit Jesus, Maria und anderen religiösen Gestalten hatte und dass sie Visionen davon hatte, aktiv an der Geburt und Kreuzigung Christi beteiligt zu sein. Diese Visionen und Halluzinationen wirkten sich physisch auf ihre körperlichen Sinne aus, sodass sie Geräusche hörte und unbekannte, seltsame Gerüche wahrnahm. Sie berichtete, eine himmlische Melodie gehört zu haben, die sie zum Weinen brachte und in ihr den Wunsch weckte, ein keusches Leben zu führen. Beal zufolge „fand Margery andere Wege, die Intensität ihrer Hingabe an Gott zum Ausdruck zu bringen. Sie betete für eine keusche Ehe, ging zwei- bis dreimal täglich zur Beichte, betete jeden Tag früh und oft in der Kirche, trug ein Büßerhemd und ertrug bereitwillig alle negativen Reaktionen, die ihre Gemeinschaft als Antwort auf ihre extremen Formen der Hingabe zum Ausdruck brachte“.
Eine Erklärung dafür, dass sie diese kritischen Blicke der anderen ertrug, war ihr Gespräch mit der Mystikerin Juliana von Norwich, zu der sie eigens gereist war. Am Ende ihres Gesprächs versicherte Juliana von Norwich ihr: „Je mehr Scham sie [Kempe] hervorruft, desto mehr Verdienst erlangt sie in den Augen des Herrn.“Kempe, Margery (1985). The Book of Margery Kempe. Penguin Group. S. 78. ISBN 9780140432510. Kempe war in ihrer Gemeinde zudem dafür bekannt, dass sie ständig weinte, während sie Christus um Gnade und Vergebung anflehte.
In Kempes Vision versicherte Christus ihr, dass er ihr ihre Sünden vergeben habe. „Er gab ihr mehrere Gebote: Sie solle ihn ihre Liebe nennen, das Büßerhemd nicht mehr tragen, auf den Verzehr von Fleisch verzichten, jeden Sonntag die Eucharistie empfangen, den Rosenkranz nur bis sechs Uhr beten, still sein und in Gedanken mit ihm sprechen“; außerdem versprach er ihr, dass er „ihr den Sieg über ihre Feinde schenken, ihr die Fähigkeit geben werde, allen Geistlichen zu antworten, und dass [er] bei ihr sein und sie niemals verlassen werde, ihr helfen und niemals von ihr getrennt sein werde“. Kempe trat keinem Orden bei, führte aber „ihr Leben der Hingabe, des Gebets und der Tränen in der Öffentlichkeit“.
Ihre Visionen führten dazu, dass sie sich in der Öffentlichkeit lautstark heulte, schluchzte und sich krümmte, was sowohl Geistliche als auch Laien erschreckte und verärgerte. Zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrem Leben wurde sie von Geistlichen und Stadtbeamten inhaftiert und ihr wurde eine Vergewaltigung angedroht. Sie berichtet jedoch nicht davon, sexuell missbraucht worden zu sein. In den 1420er Jahren diktierte sie ihr Buch, das heute als The Book of Margery Kempe bekannt ist und in dem sie ihre Visionen, mystischen und religiösen Erfahrungen sowie ihre „Versuchungen zur Unzucht, ihre Reisen und ihren Prozess wegen Ketzerei“ schildert.Drabble, Margaret. Margery Kempe. The Oxford Companion to English Literature. 6.Auflage. New York: Oxford UP, 2000: 552. Kempes Buch gilt gemeinhin als die erste in englischer Sprache verfasste Autobiografie. In Kempes Buch werden deren ausgiebigen Pilgerreisen zu verschiedenen heiligen Stätten in Europa und Asien beschrieben, darunter auch ihre Pilgerreise 1433 durch das römisch-deutsche Reich zur Wunderblutkirche in Wilsnack in der Prignitz, die zunächst mit dem Schiff von Danzig nach Stralsund und dann über Wilsnack weiter nach Aachen führte.
Kempe wurde mehrfach wegen Ketzerei vor Gericht gestellt, jedoch nie verurteilt. Sie wurde als Lollardin verdächtigt, was sie allerdings zurückwies, und musste vor einem Kirchengericht am Bischofssitz York erscheinen. Mögliche Gründe für ihre Verhaftungen waren unter anderem ihre Predigten, die Frauen verboten waren, das Tragen von ausschließlich weißer Kleidung als verheiratete Frau – also das Vortäuschen, eine Nonne zu sein – oder ihr offensichtlicher Glaube, sie könne für die Seelen der im Fegefeuer Befindlichen beten und erkennen, ob jemand verdammt sei oder nicht, ähnlich dem Konzept der Fürsprache der Heiligen. Kempe wurde zudem vorgeworfen, ohne kirchliche Genehmigung gepredigt zu haben, da ihre öffentlichen Reden auf einem schmalen Grat zwischen Äußerungen über ihren persönlichen Glauben und dem Anspruch, die Heilige Schrift zu lehren, wanderten.Gasse, Roseanne (1 January 1996). Margery Kempe and Lollardy. Magistra.
Während eines Verfahrens wegen Ketzerei wurde sie, weil sie die Heilige Schrift zitierte, für von einem Dämon besessen gehalten, und man verwies auf das Verbot für Frauen, zu predigen, das im 1. Timotheusbrief steht. Kempe erwies sich in den Gemeinden, in denen sie lebte, als eine Art Störfaktor, da ihr verzweifeltes Wehklagen und ihre extremen emotionalen Reaktionen auf eine überlegene Verbindung zu Gott hindeuteten, die manche anderen Laien als Herabsetzung ihrer eigenen Beziehung oder als unangemessene Bevorzugung gegenüber der Beziehung zwischen Gott und dem Klerus empfanden.Rosenfeld, Jessica (2014). Envy and Exemplarity in The Book of Margery Kempe. Exemplaria. Nr. 26: 105–121. doi:10.1179/1041257313Z.00000000042. S2CID 144212727.
Spirituelle Autobiographie Nahezu alles, was über Kempes Leben bekannt ist, stammt aus ihrer spirituellen Autobiografie, die als The Book of Margery Kempe bekannt ist. In den frühen 1430er Jahren beschloss Kempe, obwohl sie Analphabetin war, ihr spirituelles Leben festzuhalten. Im Vorwort des Buches beschreibt sie, wie sie einen Engländer als Schreiber engagierte. Er hatte in Deutschland gelebt, starb jedoch, bevor das Werk vollendet war, und das, was er geschrieben hatte, war für andere unverständlich. Möglicherweise handelte es sich dabei um John Kempe, ihren ältesten Sohn. Daraufhin überredete sie einen örtlichen Priester – möglicherweise ihren Beichtvater Robert Springold –, am 23. Juli 1436 mit der Neufassung zu beginnen. Am 28. April 1438 begann er mit der Arbeit an einem zusätzlichen Abschnitt, der die Jahre 1431–1434 abdeckte.Felicity Riddy, Kempe, Margery (b. c.1373, d. in or after 1438), Oxford Dictionary of National Biography.Oxford University Press, 2004.
Die Erzählung in Kempes Buch beginnt mit der schwierigen Geburt ihres ersten Kindes. Nachdem sie ihre dämonischen Qualen und die darauf folgende Erscheinung Christi beschrieben hatte, nahm Kempe zwei häusliche Gewerbebetriebe auf: eine Brauerei und eine Getreidemühle, beides für mittelalterliche Frauen übliche häusliche Erwerbszweige. Beide scheiterten nach kurzer Zeit. Obwohl sie versuchte, frommer zu leben, beschrieb sie, dass sie einige Jahre lang von sexuellen Vergnügungen und gesellschaftlicher Eifersucht in Versuchung geführt wurde. Schließlich wandte sich Kempe von ihrer weltlichen Arbeit ab und widmete sich ganz der spirituellen Berufung, die ihrer früheren Vision zufolge erforderlich war.Howes, Laura (1992). On the Birth of Margery Kempe's Last Child. Modern Philology. Nr. 90. Band 2: 220–223. doi:10.1086/392057. JSTOR 438753. S2CID 162242251.
Im Sommer 1413 vereinbarte Kempe mit ihrem Ehemann eine keusche Ehe, um ein Leben im Dienst Gottes zu führen. Obwohl Kapitel 15 von The Book of Margery Kempe ihre Entscheidung beschreibt, ein Leben in Enthaltsamkeit zu führen, wird in Kapitel 21 erwähnt, dass sie erneut schwanger ist. Es wird vermutet, dass Kempe während ihrer Pilgerreise ein Kind zur Welt brachte – ihr letztes; später berichtet sie, dass sie ein Kind mit sich führte, als sie nach England zurückkehrte. Es ist unklar, ob das Kind gezeugt wurde, bevor die Kempes ihr zölibatäres Leben offiziell begannen, oder danach.