mini|hochkant|Wappen der Schelme von Bergen (Siebmacher-Wappenbuch, 1605) mini|Schelmenburg in Bergen-Enkheim 2014. Die Schelme von Bergen waren eine ritterständische Adelsfamilie, deren Stammburg im heutigen Frankfurter Stadtteil Bergen lag. Bekannt sind die Schelme von Bergen durch die Sage, welche die Herkunft auf Henker oder Abdecker zurückzuführen sucht. Das Motiv wurde mehrfach rezipiert, unter anderem von Heinrich Heine und Mark Twain. Die Schelme von Bergen und ihr Name sind jedoch urkundlich lange vor den ersten Belegen für den Berufsstand des Henkers als Angehörige des lokalen Ritteradels in Bergen nachweisbar.
Geschichte Der Name Schelm von Bergen wird erstmals am Ende des 12. Jahrhunderts urkundlich erwähnt. Der erste Namensträger gehörte einer niederadligen Familie an, die etwa ein halbes Jahrhundert vorher bereits mit Besitzungen vor allem in Bergen und Rödelheim fassbar ist.Heinz F. Friederichs: Zur Frühgeschichte der Ministerialenfamilien von Bergen und Schelm von Bergen. Hanauer Geschichtsblätter 18, 1962, S. 16–29. In der Folge wurde der Beiname von zahlreichen Familienmitgliedern übernommen, die als Ganerben in vielen Burgen des Frankfurter Umlands ansässig waren.
Herkunft Der Reichsministeriale Werner Schelm von Bergen wurde erstmals 1194 in einer Urkunde genannt. Ähnliche Leitnamen lassen sich bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts bei den Rittern von Stengazzen zurückverfolgen. Diese waren vermutlich in der nach Enkheim führenden Steingasse (heute: Röhrborngasse) ansässig. Zahlreiche Angehörige der Familie sind als Ritter von Bergen belegt. Das legt eine Verwandtschaft oder Abstammung naheHeinz F. Friederichs: Zur Frühgeschichte der Ministerialenfamilien von Bergen und Schelm von Bergen. Hanauer Geschichtsblätter 18, 1962, S. 16–21; Werner Henschke: Die Schelme von Bergen in Sage, Geschichte und Dichtung. Frankfurt 1979, S. 15–17., denn der Beiname Schelm tauchte erstmals bei diesem Werner von Bergen auf, wurde aber in der Folge von den meisten Zweigen beibehalten.
Der Name scheint zunächst auf die Person beschränkt gewesen zu sein, denn erst nach dem Tod Werners erscheinen weitere Nachkommen mit dem Beinamen. Davor nannten sich diese ebenfalls nur von Bergen.Heinz F. Friederichs: Zur Frühgeschichte der Ministerialenfamilien von Bergen und Schelm von Bergen. Hanauer Geschichtsblätter 18, 1962, S. 30. Aus dem Namen Schelm, in seiner ursprünglichen Bedeutung ein Todbringer, und dem Zeitpunkt der Erstnennung wurde gelegentlich auf eine Teilnahme am Dritten Kreuzzug geschlossen, was aber sonst nicht zu belegen ist. Die unklare Herkunft des Beinamens hat zu unterschiedlichen Sagen geführt. Als Stammburg des Rittergeschlechts gilt die Wasserburg in Bergen, auch Schelmenburg oder Gruckau genannt, die Burg wurde jeweils an den Erstgeborenen der Berger Linie vererbt.
Die Schelme außerhalb Bergens Angehörige des Rittergeschlechts sind im hohen Mittelalter als Lehensnehmer und Ganerben im Frankfurter Raum und im früheren Maingau urkundlich zahlreich erwähnt.Werner Henschke: Die Schelme von Bergen in Sage, Geschichte und Dichtung. Frankfurt 1979, S. 22. Nicht in allen Fällen sichern Quellen eindeutig die Verwandtschaftsbeziehung. Sie erschließt sich vielfach nur aus Ähnlichkeiten im Wappen, den Leitnamen der jeweiligen Familie und den Besitzverhältnissen.Heinz F. Friederichs: Zur Frühgeschichte der Ministerialenfamilien von Bergen und Schelm von Bergen. Hanauer Geschichtsblätter 18, 1962, S. 16. Bereits der erste Namensträger, Werner Schelm von Bergen, besaß einige Güter in Rödelheim. Bei der Ersterwähnung der dortigen Reichsburg im Jahr 1276 werden als Ganerben die Ritter von Praunheim, von Preungesheim und von Sachsenhausen zusammen mit einem Schelm von Bergen und Dietrich Schelm von Bommersheim genannt. Wahrscheinlich handelt es sich um nahe Verwandte, welche die Burg geerbt hatten.Heinz F. Friederichs: Zur Frühgeschichte der Ministerialenfamilien von Bergen und Schelm von Bergen. Hanauer Geschichtsblätter 18, 1962, S. 47. Die gemeinsamen Vorfahren werden in den Rittern von Stengazzen oder von Bergen vermutet.
Im hohen Mittelalter besaßen die Schelme im heutigen Rhein-Main-Gebiet eine weitverzweigte Verwandtschaft und traten oft als Gegner der Freien Reichsstadt Frankfurt auf. Die Schelme von Bergen sind 1550 auch im fränkischen Ritterkanton Odenwald nachweisbar.Siehe auch: Liste fränkischer Rittergeschlechter#S. Dies dürfte auf die von Herrmann Schelm von Bergen begründete Linie Umstadt-Otzberg zurückzuführen sein.
Schelme von Bommersheim, Bornheim und Bonames Die Schelme von Bommersheim lassen sich direkt auf den Reichsministerialen Werner Schelm zurückführen. Sein Sohn Gerlach besaß in Bommersheim und Kriftel einige eppsteinische Lehen, aber kaum noch in Bergen.Heinz F. Friederichs: Zur Frühgeschichte der Ministerialenfamilien von Bergen und Schelm von Bergen. Hanauer Geschichtsblätter 18, 1962, S. 30f. In Bornheim sind um die Mitte des 14. Jahrhunderts einige Edelknechte belegt, die auch über Streubesitz in Bergen verfügten. 1366 und 1367 legten die letzten dortigen Namensträger den Frankfurter Bürgereid ab.Heinz F. Friederichs: Zur Frühgeschichte der Ministerialenfamilien von Bergen und Schelm von Bergen. Hanauer Geschichtsblätter 18, 1962, S. 35f.
Die Linie der Schelme von Bonames, die seit 1304 als Vögte der Burg Bonames auftraten, geht auf den erwähnten Rödelheimer Ganerben Dietrich Schelm von Bommersheim zurück. Wahrscheinlich aufgrund finanzieller Schwierigkeiten räumten die Bonameser Schelme 1345 der Stadt Frankfurt zunächst ein Öffnungsrecht ein und verkauften die Burg schließlich 1367. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts sind einige Angehörige dieses Zweigs in den geistlichen Stand übergetreten oder wurden Frankfurter Bürger.Heinz F. Friederichs: Zur Frühgeschichte der Ministerialenfamilien von Bergen und Schelm von Bergen. Hanauer Geschichtsblätter 18, 1962, S. 36–38. mini|Allianzwappen der Gans von Otzberg (links, heraldisch rechts) und der Schelme von Bergen (rechts) an der Wasserburg Schloss-Nauses. mini|Allianzwappen der Herren von Boineburg mit den Schelmen von Bergen am Rodensteiner Schloss in Groß-Umstadt mini|Grabstein des Hans Andres Schelm zu Bergen in der Burgmauer der Reichsburg Friedberg in Hessen
Schelme in Umstadt-Otzberg Die Linie Umstadt-Otzberg dürfte von Herrmann Schelm von Bergen begründet worden sein. Deren bekanntester Vertreter war Sibold, Vogt zu Umstadt. Der Hauptsitz dieser Linie befand sich auf der Veste Otzberg. Ein Allianzwappen der Schelme mit dem Wappen der Ganse von Otzberg ist noch an der Wasserburg Schloss-Nauses erhalten; auch in Groß-Umstadt besaßen die Schelme einen Burgmannenhof (heute Rodensteiner Schloss genannt). Nach dem Landshuter Erbfolgekrieg und dem damit verbundenen Verlust Umstadts für Hanau ist die Linie in Gelnhausen nachweisbar, wo sie als letzte der verschiedenen Linien der Schelme von Bergen 1844 erlosch.Heinz F. Friederichs: Zur Frühgeschichte der Ministerialenfamilien von Bergen und Schelm von Bergen. Hanauer Geschichtsblätter 18, 1962, S. 33f. Der Genealoge Johann Gottfried Biedermann stellte wohl deshalb 1751 fest, dass die Schelme von Bergen aus dem fränkischen Raum weggezogen seien.Johann Gottfried Biedermann: Geschlechts=Register Der Reichs Frey unmittelbaren Ritterschafft Landes zu Francken löblichen Orts Ottenwald … Kulmbach 1751.
Spätes Mittelalter Stellung in der Ständegesellschaft Die ursprünglichen Besitzungen in Bergen und im Amt Bornheimerberg gerieten im Mittelalter zunehmend unter den Einfluss der Herren und Grafen von Hanau, die in Bergen seit 1269 Rechte besaßen und versuchten, diese auszuweiten. 1354 musste Sibold Schelm von Bergen die Schelmenburg an Ulrich III. von Hanau übertragen und von diesem als Lehen nehmen. Die freien Ritter waren damit zu Vasallen geworden.Heinrich Reimer: Hessisches Urkundenbuch. Abt. 2, Urkundenbuch zur Geschichte der Herren von Hanau und der ehemaligen Provinz Hanau. Bd. 3. 1350–1375. Publikationen aus den königlich-preußischen Staatsarchiven, Hirzel, Leipzig 1894 Nr. 105; Heinz F. Friederichs: Zur Frühgeschichte der Ministerialenfamilien von Bergen und Schelm von Bergen. Hanauer Geschichtsblätter 18, 1962, S. 34; Werner Henschke: Die Schelme von Bergen in Sage, Geschichte und Dichtung. Frankfurt 1979, S. 86 Bis zum Ende des Alten Reiches gehörte Bergen damit zur Herrschaft, später Grafschaft Hanau und schließlich zur Grafschaft Hanau-Münzenberg. Die Schelme von Bergen gerieten als hanauische Gefolgsleute häufig mit der Stadt Frankfurt in Konflikt.
Raubrittertum Auch ließen sie sich wegen Verarmung, wie viele Niederadlige der Region zu dieser Zeit, als Raubritter zu Raubüberfällen auf Frankfurter Kaufleute verleiten. Sibolds Söhne Sibold (IV.) und Gerlach (IV.) mussten 1382 Urfehde schwören, nachdem die Stadt Frankfurt die Burg in Bergen erobert hatte.Heinrich Reimer: Hessisches Urkundenbuch. Abt. 2, Urkundenbuch zur Geschichte der Herren von Hanau und der ehemaligen Provinz Hanau. Bd. 4. 1376–1400. Publikationen aus den königlich-preußischen Staatsarchiven, Hirzel, Leipzig 1897 Nr. 362; Heinz F. Friederichs: Zur Frühgeschichte der Ministerialenfamilien von Bergen und Schelm von Bergen. Hanauer Geschichtsblätter 18, 1962, S. 30; Werner Henschke: Die Schelme von Bergen in Sage, Geschichte und Dichtung. Frankfurt 1979, S. 82. Die Stadt behielt sich ein Öffnungsrecht vor. Mit dem Sieg über Frankfurt in der Kronberger Fehde 1389 gelang es Ulrich IV. von Hanau aber, seine Lehnsleute von diesen Verpflichtungen zu befreien. Bereits 1393 beraubte Sibold erneut Frankfurter Bürger.
Auch von den Vettern des Umstadt-Otzberger Zweigs sind solche Raubzüge bekannt. Über Sibold Vogt zu Umstadt liegt ein Fehdebrief des Siegfried Wambolt zu Umstadt aus dem Jahr 1400 vor, in dem Sibold unter anderem zahlreiche Straßenräubereien vorgeworfen werden.Heinrich Reimer: Hessisches Urkundenbuch. Abt. 2, Urkundenbuch zur Geschichte der Herren von Hanau und der ehemaligen Provinz Hanau. Bd. 4. 1376–1400. Publikationen aus den königlich-preußischen Staatsarchiven, Hirzel, Leipzig 1897 Nr. 865; Heinz F. Friederichs: Zur Frühgeschichte der Ministerialenfamilien von Bergen und Schelm von Bergen. Hanauer Geschichtsblätter 18, 1962, S. 14 und 34f., Werner Henschke: Die Schelme von Bergen in Sage, Geschichte und Dichtung. Frankfurt 1979, S. 43–52; P. Hupach: Der Scheltbrief des Ritters Siegfried Wamboldt wider Sibold Schelm, Vogt zu Großumstadt (1400). Heimat-Jahrbuch Gelnhausen, 1957, S. 79f.
Frühe Neuzeit Territorialisierungsprozess Die beginnende Territorialisierung ab dem ausgehenden Mittelalter konsolidierte die Herrschaftsbereiche der Landesherren und verrechtlichte die Beziehungen zwischen den entstehenden Territorien und zu den nachgeordneten Herrschaftsträgern. Damit entfiel die Möglichkeit der Schelme von Bergen, sich durch Raub und Fehde Einnahmen zu verschaffen. Dieser Konsolidierungsprozess ordnete Bergen auch eindeutig der Grafschaft Hanau zu und das Frankfurter Interesse ließ nach, in Bergen Fuß zu fassen. Andererseits wurden die Besitzungen der Schelme in Bergen und Seckbach durch Erbteilungen weiter verkleinert. 1475 mussten die Besitzrechte in Bornheim an die Stadt Frankfurt verkauft werden. Dies hatte bei der Teilung der Grafschaft Bornheimer Berg 1481 den Verbleib Bornheims (zusammen mit Hausen und Oberrad) bei Frankfurt zur Folge, während der wesentlich größere Teil der Grafschaft Hanau zugeschlagen wurde.Werner Henschke: Die Schelme von Bergen in Sage, Geschichte und Dichtung. Frankfurt 1979, S. 53–55. Wie bei vielen Angehörigen des niederen Adels ist mit dem 15. Jahrhundert ein wirtschaftlicher Niedergang festzustellen, einzelne Zweige bestanden aber bis in das 19. Jahrhundert fort.