mini|Alfred Tetens (1889) Alfred Tetens (* 1. Juli 1835 in Wilster; † 13. Januar 1903 in Altona) war ein deutscher Kapitän, Entdecker und später Wasserschout des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg.

Leben Jugend und frühe Fahrten (1849–1860) Alfred Tetens war der siebte Sohn eines in dänischen Diensten stehenden Justizrats und Senators. Nach Schulbesuch in Lübeck und Konfirmation erhielt er die Zustimmung des Vaters zur Ausbildung zum Seemann.Hans Fischer: „Der Kapitän“. In: Ders., Randfiguren der Ethnologie: Gelehrte und Amateure, Schwindler und Phantasten. Reimer, Berlin 2003. S. 38–57, hier: S. 40. Da die Familie keine Verbindungen zum Seehandel beziehungsweise seemännische Vorfahren besaß, trat Tetens im Jahr 1850 auf dem Schoner Odin seine erste Fahrt als Schiffsjunge an. Von Hamburg gelangte er über Brasilien und die Kapverdischen Inseln nach New York. Drei Jahre später fuhr er auf der Winterthur nach Australien, wo in Melbourne wegen des Goldrauschs ein Großteil der Mannschaft desertierte. Aus praktischer Not wurde Tetens zum Vollmatrosen ernannt.

Das Patent zum Untersteuermann erhielt Tetens am 10. Juli 1857. Für eine erste Indien-Reise heuerte er auf der Lucy and Harriet an. Im Folgejahr bestand er in London die Prüfung zum Steuermann. Mit der Palmerston fuhr er ein zweites Mal nach Indien. Anschließend segelte er mit der Norwood nach Neuseeland. Nach einer nächsten Rückkehr bestand Tetens am 27. Dezember 1861 in London das Examen zum Kapitän. Zum Anfang des folgenden Jahres stach er mit der Norwood wiederum in See, jetzt für eine Reise in die Philippinen.Daten zu Tetens’ Seemannskarriere bis hier lt. „Chronology of the Life of Alfred Tetens“ in: Alfred Tetens: Among the Savages of the South Seas: Memoirs of Micronesia, 1862–1868 […]. Translated from the German by Florence Mann Spoehr. Stanford University Press / Oxford University Press, Stanford / London 1958, S. xxxv–xxxvi.

Agent und Statthalter von Andrew Cheyne (1861–1863) Nach Abmusterung in Manila traf Tetens zur Jahresmitte 1862 den schottischen Handelskapitän Andrew Cheyne, der ihn als Agent für ein Kopra- und Bêche-de-mar-Geschäft auf den Palau-Inseln engagierte. Als erster Steuermann des Black River Packet erreichte Tetens im Oktober 1862 den Haupthafen Koror der Palaugruppe. Hier wurde er von Cheyne beim Bezirksobersten Abbathule (heute: Ibedul) eingeführt. In den folgenden Wochen fand eine Begegnung mit dem Naturforscher Karl Semper statt, von dem Tetens genauere Kenntnisse über das Inselgebiet erwarb.

Nach dreimonatigem Aufenthalt wurde Tetens zusammen mit dem niedergelassenen Strandbummler John Davies und zwei indigenen Anführern nach Yap (Karolinen) überführt. Hier produzierte man für Cheyne eine Schiffsladung Bêche-de-mar. Mit dem Oberhaupt des Dorfes Krurr, Foneway, traf Tetens bereits die Absprache, zu späterer Zeit als unabhängiger Handelskapitän wiederzukehren und dann in direkte Geschäftsbeziehung mit ihm zu treten.Jakob Anderhandt: „Der Nimmersatt des Pazifik“. In: Ders.: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie in zwei Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012. Band 1, S. 68–87, hier: S. 70 f. und 77.

Im November 1863 kam Tetens nach Koror zurück, wo er Cheynes Station belagert fand. An den verfeindeten Bezirk Artingal (heute: Melekeok) hatte Cheyne Schusswaffen verkauft und musste kurz nach Tetens’ Wiederankunft fliehen. Zuvor setzte er ihn als seinen Statthalter ein. Laut Tetens’ Biographie stellten die Palau-Insulaner bald auch den Handel mit ihm selbst ein, angeblich um Tetens zu isolieren und ihn bei sich bietender Gelegenheit zu beseitigen. In einer jüngeren Darstellung hält Jakob Anderhandt dies nicht für plausibel:

Zufolge der Biographie wurde Tetens von Cheyne abgegriffen, nachdem sein Haus bereits von einer Kriegerschar umstellt war.Alfred Tetens: Vom Schiffsjungen zum Wasserschout: Erinnerungen aus dem Leben des Capitäns Alfred Tetens. Nach seinen Aufzeichnungen verfaßt von S. Steinberg. Mit Portrait, und 10 Illustrationen von C. Schildt. 2. Auflage. Niemeyer, Hamburg 1889, S. 313–316. Kurz vor dem Einlaufen des Handelskapitäns hätten Abbathule und seine Untertanen sich Tetens jedoch wieder angenähert: „Da aber das herannahende Schiff, wie sie richtig vermuteten, den Verhaßten wieder in ihre Nähe brachte, so wollte man sich aufs Neue meiner Freundschaft versichern, um gegen den harten Mann geschützt zu sein.“Alfred Tetens: Vom Schiffsjungen zum Wasserschout: Erinnerungen aus dem Leben des Capitäns Alfred Tetens. Nach seinen Aufzeichnungen verfaßt von S. Steinberg. Mit Portrait, und 10 Illustrationen von C. Schildt. 2. Auflage. Niemeyer, Hamburg 1889, S. 315. Nach Abnahme von Lagerbeständen in Koror und Yap kehrten Cheyne und Tetens nach Manila zurück, wo ihre Geschäftsbeziehung endete.

Entdecker im Auftrag von Joh. Ces. Godeffroy & Sohn (1865–1868) mini|hochkant=1.2|Beschreibungen von verschiedenen Inseln nebst Lebensweise & Gewohnheiten der Eingeborenen: Titelseite von A. Tetens’ Bericht über die erste Vesta-Expedition (Staatsarchiv Hamburg)Staatsarchiv Hamburg, Bestand 622-1/103 Tetens, Nr. IV 1, Blatt 2. Durch Karl Semper (s. o.) hatte Tetens von einem geheimen Vertrag zwischen Abbathule und Andrew Cheyne erfahren, in dem sich letzterer gegen exklusive Waffenlieferungen ein Handelsmonopol in Koror und eine politische Schlüsselfunktion als „oberster Schlichter“ für die gesamte Palaugruppe ausbedang.Vgl. den Abriss in: Jakob Anderhandt: „Der Nimmersatt des Pazifik“. In: Ders.: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie in zwei Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012. Band 1, S. 68–87, hier: S. 74 f. Nach Rückkehr nach Hamburg verwendete Tetens den Titel des „Statthalters“ darauf, sich im Schatten der Vereinbarung als „Vice-König der Karolinen“ zu präsentieren.Alfred Tetens: Vom Schiffsjungen zum Wasserschout: Erinnerungen aus dem Leben des Capitäns Alfred Tetens. Nach seinen Aufzeichnungen verfaßt von S. Steinberg. Mit Portrait, und 10 Illustrationen von C. Schildt. 2. Auflage. Niemeyer, Hamburg 1889, S. 188. Durch eine Zeitungsmeldung wurde der Chef des Handelshauses J.C. Godeffroy & Sohn, Johan Cesar Godeffroy, auf den Kapitän aufmerksam und ernannte ihn zum Leiter einer Expedition in den westlichen Stillen Ozean. Zweck der Unternehmung sollte es sein, neben bereits etablierten Handelsbeziehungen der Godeffroys auf Samoa ein weiteres Standbein in der Südsee zu schaffen, das allmählich zu einem „zweiten Samoa“Jakob Anderhandt: „Der Nimmersatt des Pazifik“. In: Ders.: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie in zwei Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012. Band 1, S. 68–87, hier: S. 69. heranwachsen konnte. Hierfür wurde Tetens die Aufsicht über die zunächst beabsichtigten Geschäfte auf den Palau-Inseln und in den Karolinen übertragen, sodass er „durch Einsetzung von Sub-Agenten die Ausdehnung […] entsprechend […] fördern“ könne. Handelsgüter, auf die Tetens sich zu konzentrieren hatte, waren Bêche-de-mar („Biche la mar“), Kopra („Copprah“), Perlschale („Perlmuttschale“), sowie Baumwolle, Tabak, Indigo und „ähnliche Artikel“. Ethnographische und zoologische Sammlungen für das Museum Godeffroy waren demgegenüber „Nebensache“ – „… indeß hoffen wir, daß Sie doch Zeit und Muße finden werden, für unser naturhistorisches Unternehmen mit schönem Erfolge zu wirken …“ (aus der Direktive für die Expedition).Alfred Tetens: Vom Schiffsjungen zum Wasserschout: Erinnerungen aus dem Leben des Capitäns Alfred Tetens. Nach seinen Aufzeichnungen verfaßt von S. Steinberg. Mit Portrait, und 10 Illustrationen von C. Schildt. 2. Auflage. Niemeyer, Hamburg 1889, S. 195 ff. Für die am 1. August 1865 beginnende, dreigliedrige Fahrt wurde die Godeffroy’sche Brigg Vesta zusätzlich mit zwölf Geschützen ausgestattet. Auf der Reiherstiegwerft erbaute man außerdem die Dampfpinasse Martha-Alfred, welche Tetens während eines Inselaufenthaltes rasche Tagesfahrten ermöglichte.Alfred Tetens: Vom Schiffsjungen zum Wasserschout: Erinnerungen aus dem Leben des Capitäns Alfred Tetens. Nach seinen Aufzeichnungen verfaßt von S. Steinberg. Mit Portrait, und 10 Illustrationen von C. Schildt. 2. Auflage. Niemeyer, Hamburg 1889, S. 190.

Die erste Vesta-Expedition: Cuxhaven – Hongkong (1. August 1865 – 1. September 1866)

mini|hochkant=1.7|Erste Vesta-Expedition, Aug. 1865–Sept. 1866

Die Vesta stach von Cuxhaven aus in See, stieß aber bereits in der Nordsee auf schlechtes Wetter und hatte auf der weiteren Fahrt mit entgegenstehendem Wind zu kämpfen. Der Äquator wurde erst am 25. September passiert. Am 29. November kam das Nordwestkap Australiens in Sicht.Alle Orts- und Datumsangaben zur ersten Vesta-Expedition, sofern nicht anders belegt: Alfred Tetens: Expeditionen der Hamburger Brigg Vesta: Die Berichte von Kapitän Alfred Tetens, 1865–1868. […]. Australian National University (Pacific Manuscripts Bureau), Canberra 2009, S. 3–41. Statt wie geplant südenum zu segeln, wählte Tetens nach „reiferer Überlegung“ die nördliche Route und kam durch die Atlas-Straße (zwischen Sumbawa und Lombok) in die Floressee. Vor Ambleau (?) erfolgte ein Rendezvous mit einem Regierungsschiff, dem eine erste Briefsendung nach Hamburg übergeben wurde. In der Dampierstraße trieb man erstmals mit Insulanern in Kanus Tauschhandel.Alfred Tetens: Expeditionen der Hamburger Brigg Vesta: Die Berichte von Kapitän Alfred Tetens, 1865–1868. […]. Australian National University (Pacific Manuscripts Bureau), Canberra 2009, S. 4 f. Nach einer Zwischenlandung auf Botanta vor der Nordwestküste Neuguineas und einer ergebnislosen Suche nach qualitativ zureichendem Bêche-de-mar sichtete man am 11. Januar 1866 Angaur, die südlichste Insel der Palaugruppe. Am 13. des Monats lag die Vesta auf der Reede vor Koror und wurde am folgenden Morgen vom ansässigen Engländer James Simpson in den Hafen gelotst. Über die jetzigen Aussichten, in Koror eine Zentralniederlassung für J.C. Godeffroy & Sohn zu errichten, äußerte Tetens:

mini|hochkant=1.2|Der Hafen von Yap und der Transport von Steingeld. Zeichnung von Franz Hernsheim, ca. 1875 Nach einem Ehrbesuch Abbathules auf der Vesta nahm Tetens zur Verstärkung der Mannschaft drei Palau-Insulaner an Bord. Bei Fortsetzung der Reise (24. Januar 1866) erhielten außerdem zehn Yap-Männer freie Passage nach ihren Heimatinseln. Ferner verschiffte Tetens etwa zwanzig Stück des auf Malakal gefertigten Steingeldes und lieferte anlässlich dessen eine frühe Beschreibung:

In Rul, dem Haupthafen von Yap, suchte Tetens am 7. Februar den Anführer Foneway auf und warb unter Bezugnahme auf seine frühere Absprache (1862, s. o.) fünfzig Yap-Männer als Fischer für eine Bêche-de-mar-Expedition in die östlich liegenden Inselgebiete an. Dabei entdeckte Tetens auf den Matelotas-Inseln eine Passage durch das Riff (10./11. Februar), landete einige seiner Arbeiter und verhandelte dann auf Asor (heute: Yasor, Ulithi-Atoll) mit den Anführern Guerr (?) und Romumí (?) über die Errichtung von Camarinen (temporären Stationen) zum ausgedehnteren Fischen von Trepang (16./17. Februar). Die Vesta wurde vor die Hauptinsel Mogmog verlegt (18. Februar), wo sie für den Rest des Aufenthalts verankert blieb.

Wegen starker Winde, die das Fischen erschwerten, fiel die Ausbeute spärlich aus. Deshalb übertrug Tetens seinem Maschinenmeister die Aufsicht über die temporären Stationen (23. März) und setzte die Expedition nach einer Rückkehr nach Yap zu den Exchequerinseln fort. Beim Zwischenhalt in Rul (24. März) wurden noch einmal einhundert einheimische Männer als Fischer an Bord genommen, außerdem 25 Kanus, da Tetens die Dampfpinasse (s. o.) zum Einsatz für Zwischenfahrten im Ulithi-Atoll stationiert hatte.