Marcha orientalis (lat.: Östliche Mark, Ostmark) oder Ostland ist eine Bezeichnung, die für diverse östliche Grenzgebiete des Fränkischen Reichs verwendet wurde (z. B. Sächsische Ostmark), aber meistens wird damit die fränkische Präfektur Pannonia (auch Pannonia Superior; nicht zu verwechseln mit dessen Namen gebenden römischen Provinz) bzw. das Bairische Ostland verstanden, aber auch alle bairischen Ostlande und pannonischen Fürstentümer unter dem Präfekten des Marcha Orientalis. Das Bairische Ostland war die östliche Präfektur des fränkischen Herzogtums Baiern von Beginn des 9. Jahrhunderts bis zur Machtübernahme der Magyaren 907.Manfred Scheuch: Historischer Atlas Österreich, Verlag Christian Brandstätter, Wien 2007, ISBN 3-87070-588-4

Das Ostland entstand mit der Eroberung des Awarenreiches durch Karl den Großen aus dem als Awarenmark bzw. Pannonische Mark eroberten vorwiegend von Slawen besiedelten Awarenland, vermindert um die Ebene zwischen Donau und Theiß, die die Bulgaren übernahmen, und vermehrt um die bairisch-slawischen Gebiete des Traungaus und Karantaniens. Als oberste weltliche Leiter wurden sogenannte Präfekten eingesetzt. Östlich vom Traungau eröffnete sich das Ostland in der Awarenmark durch dessen Region Oberpannonien und der darin geschaffenen Donaugrafschaft und Grafschaft Steinamanger. Im Norden, Osten und Südosten der restlichen Awarenmark übernahmen slawische Eliten die lokale Macht und bildeten Fürstentümer (z. B. das Plattensee-Fürstentum in der Region Unterpannonien), die dem Präfekten unterstanden, aber dem bairischen König zu Treue und Heerfolge verpflichtet waren.

Mit der Unterstellung der Awarenmark unter Ludwig den Deutschen, als König von Baiern, kam allmählich die Bezeichnung bairisches Ostland auf. Die Politik im Ostland bestimmten innerfamiliäre Kämpfe der karolingischen Königsfamilie und ständige Kämpfe mit dem Tributärfürstentum Mähren. Ende des 9. Jahrhunderts fielen die Magyaren ein und übernahmen nach einem vernichtenden Sieg gegen die Baiern 907 große Teile des Ostlandes.

Nach der Schlacht auf dem Lechfeld 955 unter Otto dem Großen kamen Teile davon an die Franken zurück und wurden in Baiern eingegliedert.Herwig Wolfram: Die Geburt Mitteleuropas. Geschichte Österreichs vor seiner Entstehung 378–907. Verlag Kremayr & Scheriau, 1973, ISBN 3-218-00451-9. 996 wurde erstmals Ostarrîchi urkundlich erwähnt. Ostarrîchi war zwar wesentlich kleiner als die Marcha Orientalis, kann aber herrschaftsgeschichtlich als deren Nachfolger betrachtet werden.

Zur Bezeichnung des bairischen Ostlandes Ab Mitte des 9. Jahrhunderts wurden die lateinischen Namen plaga orientalis, oriens oder partes orientales verwendet. Die Bezeichnung bairisches Ostland ist ab 870 nachweisbar. Die Bezeichnung in der fränkischen Sprache des Volkes war mit großer Wahrscheinlichkeit bereits damals Ostarrîchi.Peter Schmid, Heinrich Wanderwitz (Hrsg.): Die Geburt Österreichs: 850 Jahre Privilegium minus. Verlag Schnell & Steiner, 2007. Mit der Besetzung des Landstriches durch die Magyaren reduzierte sich die Ausdehnung des bairischen Ostlandes auf ungefähr die Hälfte. Es blieb nur der Streifen zwischen Donau und niederösterreichisch-steirischen Kalkalpen, für den die Bezeichnung Ostarrîchi zutraf. Der in Zusammenhang mit dem Ostland gelegentlich verwendete Begriff Ostmark ist ein Name, der erst aus dem 19. Jahrhundert stammt und später vom Nationalsozialismus für Österreich verwendet wurde.Kleindel: Österreich, Zahlen – Daten – Fakten. Sonderausgabe A & M, 2004, ISBN 3-902397-49-7.

Politische Entwicklung Grenzmarken Karls des Großen mini|hochkant|links|Awarenmark und Mark Karantanien zur Zeit Karls des Großen um 800 mini|hochkant|Graf Ottokar (rechts) besiegte 788 als Königsbote Karls des Großen die Awaren am Ybbsfeld.

Bereits zu Zeiten des Baiernherzogs Tassilo III. hatten die fränkischen Königsboten Graman und Graf Ottokar, der der Überlieferung nach gemeinsam mit seinem Bruder Adalbert 791 Gründer des Hippolytusklosters, dem historischen Stadtkern St. Pöltens, war,SANT YPOELTEN – STIFT UND STADT IM MITTELALTER, abgerufen am 14. April 2013 788 die Awaren auf dem Ybbsfeld besiegt und hinter den Kamp und den Wienerwald zurückgedrängt. In den Feldzügen von 791 bis 796 und 803 schlug Karl der Große in zeitweiliger Koalition mit dem bulgarischen Khan Krum die Awaren vernichtend. Zum Schutz des Reiches gegen die östlich siedelnden Awaren ließ Karl der Große nach den erfolgreichen Feldzügen der Jahre 791 bis 803 in den eroberten Gebieten neue Grenzmarken errichten: neben der nördlichen Ostmark die südlichere Awarenmark und die an diese im Süden anschließende Mark Karantanien.

Nach dem endgültigen Zusammenbruch des Awarenreichs entwickelte sich eine Gewaltenteilung zwischen Norden und Süden der vormals awarischen Gebiete. Im Norden setzte Karl seinen Schwager Gerold in der Baar, seit der Entmachtung Tassilos 788 bereits Präfekt in Baiern, als Präfekten des Ostlandes, von den Karolingern als Pannonia superior bezeichnet, ein. Er kontrollierte damit die bairische Ostgrenze unter Einschluss von Karantanien und Pannonien. Im Süden, Pannonia inferior genannt, herrschte von Cividale aus Erich von Friaul. Neben seinem eigenen Herzogtum verwaltete er Istrien mit der oberen dalmatinischen Küste, Krain und Slawonien. Die neu erschlossenen Gebiete reichten im Osten wohl bis über den Balaton hinaus und schlossen im Südwesten an Karls ehemals langobardisches Oberitalien an. Die Grenze zwischen Pannonia superior und inferior bildete die Drau. Präfekt Erich von Friaul wurde 799 von den Bewohnern Tarsatikas umgebracht. Im September desselben Jahres fiel Präfekt Gerold in Kämpfen mit den Awaren.Walter Pohl: Die Awaren, Ein Steppenvolk in Mitteleuropa 567–822 n. Chr. 2 Aufl. München 2002, ISBN 3-406-48969-9.

Bildung des Bairischen Ostlandes nach 799 mini|hochkant|Karl der Große schuf die Grundlagen für die Bildung des Bairischen Ostlandes.

Nach dem Tode Gerolds kam es zu einem Aufstand der Awaren, in dessen Folge die Verwaltung Baierns umgestaltet wurde. Die nachfolgende Teilung Baierns in zwei Präfekturen erfolgte wahrscheinlich bereits vor 802. Der „altbairische“ Traungau wurde mit dem „neubairschen“ Karantanien und der Avaria Karls sowie den nordöstlichen Teilen des untergegangenen Herzogtums Friaul unter den Nachfolgern Erichs von Friaul unter dem gemeinsamen Namen Plaga oder Marcha orientalis verwaltet.Andere Autoren sehen den Beginn als eigenständiges Gebilde mit dem Vertrag von Verdun 843.

Die Verwaltung des Ostlandes war also bereits zu dieser Zeit von jener des „alten Herzogtums“ Baiern getrennt. Hauptstadt war zunächst die alte Römerstadt Lorch an der Enns, wo neben dem Präfekten Altbaierns in Regensburg der Präfekt des Ostlandes residierte. Dem Ostlandpräfekten waren die fränkischen Grenzgrafen, die verbliebenen Awaren und die im ganzen Ostland verteilten Slawenfürsten untergeordnet. Er war dem Präfekten Altbaierns gleichrangig und amtierte als unmittelbarer Vertreter des Königs in seinem Verwaltungsbereich. Nach 799 amtierten nacheinander die Präfekten Goteram, Werinher (805/806 genannt), Albrih und Gotafrid. Das neueroberte Land war zu Beginn des Jahrhunderts fast ausschließlich im Besitz des Königs. 805 wurde noch unter Karl dem Großen das tributäre awarische Fürstentum eingerichtet. Die Kolonisierung durch Baiern und Franken unter der Führung der Bistümer, Klöster und des weltlichen Adels begann bereits unter Karl dem Großen und Ludwig dem Frommen. Verstärkt wurde dieser Prozess vor allem unter Ludwig dem Deutschen und seinem Sohn Karlmann, die die bairischen Kirchenherren mit zahlreichen Lehen und Eigenbesitzungen ausstatteten.

Ludwig der Deutsche, König der Baiern mini|hochkant|Ludwig der Deutsche mit Bischöfen, seine Söhne Karlmann, Ludwig der Jüngere und Karl der Dicke. Darstellung aus der Grandes Chroniques de France.

817 übergab Kaiser Ludwig der Fromme neben dem „alten“ Baiern (Nordgau) die Awarenmark an seinen ungefähr elfjährigen Sohn Ludwig den Deutschen und setzte ihn als König von Baiern über das entstandene Territorium. Von 819 bis 822 wurde der Süden durch Ljudevit von Posavien, den Fürsten von Sisak, bedroht. Der Fürst hatte sich vergeblich bei Kaiser Ludwig über die Übergriffe des fränkischen Markgrafen von Friaul Chadaloh beschwert und griff daraufhin gemeinsam mit den Karantanern und Timotschanern die Franken an. 819 zog Chadaloh gegen Ljudevit ins Feld und verstarb kurz danach. Es folgte ein sechs Jahre währender Krieg. 823 wurde Ljudevit von einem fränkischen Heer geschlagen, welches wahrscheinlich Markgraf Balderich, der Nachfolger Chadalohs, angeführt hatte.Herwig Wolfram: Die Geburt Mitteleuropas. Geschichte Österreichs vor seiner Entstehung 378–907. Verlag Kremayr & Scheriau, 1973, ISBN 3-218-00451-9, S. 193ff.

826 übernahm König Ludwig der Deutsche im Alter von etwa 20 Jahren auch de facto die Regentschaft in Baiern. Mit ihm kam als neuer Präfekt des Ostlandes Gerold II., der Onkel des Königs. Gerold blieb zumeist am Hof des Königs, obwohl sein Mandatsgebiet das Ostland war. Seine erste Aufgabe wurde wahrscheinlich die Wiederherstellung des Ostlandes, nachdem ein Teil davon an den friulanischen Präfekten Balderich verlorengegangen war. 827 drangen die Bulgaren zu Schiff auf der Drau in Pannonien ein. Für die Niederlage gegen die Bulgaren wurde Balderich verantwortlich gemacht.

Der Reichstag von 828 Nach den Kriegen in Unterpannonien wurde infolge eines Reichstages, den Ludwig der Fromme nach Aachen einberufen hatte, 828 die Verfassung des Ostlandes entscheidend verändert. Bis 828 waren weder in Pannonien noch in Karantanien Grafschaften eingerichtet gewesen. Nun wurde auch in diesen Gebieten weitgehend die fränkische Grafschaftsverfassung eingeführt. Die gentilen Fürsten von Karantanien und Sisak wurden durch fränkische Grafen abgelöst. Die Krain wurde nach Balderichs Niederlage gegen die Bulgaren aus dessen Präfektur herausgelöst, dem Ostland angeschlossen und ebenfalls einem fränkischen Grafen unterstellt. Das awarische Fürstentum wurde aufgelöst und dessen Herrschaftsgebiet vom fränkischen Grafen Rihheri (Grafschaft Steinamanger) und der Donaugrafschaft übernommen. Ab der Neuorganisation von 828 bildete die Raab die Grenze zwischen Ober- und Unterpannonien.Herwig Wolfram: Salzburg, Bayern, Österreich. Die Conversio Bagoarium et Carantanorum und die Quellen ihrer Zeit. Verlag Oldenbourg, Wien, München, Oldenbourg 1996.

Die Ära Ratpots 832/833 wurde Ratpot, vermutlich ein Verwandter Gerolds und damit auch des Königs, Nachfolger Gerolds II. als Präfekt im Ostland. Als erster der ostländischen Präfekten besaß Ratpot eine eigene Grafschaft, die Donaugrafschaft zwischen Enns und Raab, die in Untergrafschaften unterteilt war. Und als erster Präfekt wurde er mit den Mährern konfrontiert, als Mojmir I. (um 830–846) die mährischen Stämme unter seine Oberhoheit brachte, andere mährische Stammesoberhäupter vertrieb, als königgleicher Fürst eine separatistische Politik gegenüber dem Fränkischen Reich betrieb und ab 833 zunehmend Druck auf das Ostland ausübte. Auf Anraten Ratpots und Salachos, dem Grafen in der Krain, übergab Ludwig der Deutsche 839 das neugeschaffene pannonische Fürstentum an den vormals mährischen Stammesfürsten Pribina.Uta von Freeden, Herwig Friesinger, Egon Wamers (Hrsg.): Glaube, Kult und Herrschaft. Phänomene des Religiösen. Kolloquien zur Vor- und Frühgeschichte. Bd. 12, Römisch-Germanische Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-7749-3663-8, S. 400ff.