Schweigespirale nennt sich ein Teil der in den 1970er-Jahren von Elisabeth Noelle-Neumann formulierten Theorie der öffentlichen Meinung. Demnach hängt die Bereitschaft vieler Menschen, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen, von der Einschätzung des Meinungsklimas ab. Widerspricht die eigene Meinung der als vorherrschend betrachteten Meinung, so gibt es Hemmungen, sie zu äußern, und zwar umso stärker, je ausgeprägter der Gegensatz wird (zum Bild der Spirale siehe unten). Die Massenmedien, vor allem das Fernsehen, können erheblichen Einfluss auf die öffentliche Meinung ausüben, indem sie eine bestimmte Meinung als angebliche Mehrheitsmeinung präsentieren und den Einzelnen dadurch veranlassen, sich nicht gegenteilig zu äußern. Schweigespiralen können auch in Sozialen Netzwerken (Internet) auftauchen, zumal dort durch Bots eine gefälschte Mehrheitsmeinung technisch generiert werden kann.

Beschreibung Die zentralen Annahmen beim Konzept der Schweigespirale sind die folgenden:Wolfgang Donsbach, Robert L. Stevenson: Herausforderungen, Probleme und empirische Evidenzen der Theorie der Schweigespirale. In: Publizistik. Band 31, 1986, S. 7–34.Elisabeth Noelle-Neumann, Thomas Petersen: The Spiral of Silence and the Social Nature of Man. In: Lynda Lee Kaid (Hrsg.): Handbook of Political Communication. Erlbaum, Mahwah 2004, ISBN 0-8058-3775-2, S. 339–356. Die meisten Menschen empfinden „Isolationsfurcht“, wollen nicht sozial isoliert sein („soziale Natur des Menschen“). Menschen machen sich ständig ein Bild von der Verteilung der Meinungen in der Öffentlichkeit und von der Entwicklung dieser Verteilungen (mittels eines „quasi-statistischen Wahrnehmungsorgans“). Menschen, die den Eindruck haben, die Häufigkeit ihrer Meinung steige in der Gesellschaft an oder entspreche bereits der Mehrheitsmeinung, äußern sich bereitwilliger in der Öffentlichkeit als diejenigen, die glauben, mit ihrer Meinung zu den Verlierern oder zur Minderheit zu gehören. Die Minderheitsfraktion tendiert eher zum Schweigen, aus Furcht, sich sozial zu isolieren. Dadurch erscheint die mutmaßliche Mehrheitsfraktion größer als sie tatsächlich ist. In der Gruppe, die sich in der Minderheit wähnt, wird deshalb nun noch mehr geschwiegen. Es kommt so zu einer selbstverstärkenden Rückkopplung (daher das Bild "Schweigespirale"), durch die in der öffentlichen Wahrnehmung eine Fraktion immer dominanter wird, während die Gegenseite fast zu verschwinden scheint. Das öffentlich wahrnehmbare Meinungsprofil entspricht dadurch immer weniger der realen Meinungsverteilung in der Gesellschaft. Die öffentliche Wahrnehmung des gesellschaftlichen Meinungsprofils wird stark davon beeinflusst, welche Ansichten und Argumente in den Massenmedien auftauchen. Voraussetzung für das Auftreten einer Schweigespirale ist, dass das Thema des Meinungskampfs „moralisch aufgeladen“ ist, also das emotionale Potential hat, die Meinung der Minderheit nicht als nur falsch (bloßer Irrtum), sondern als moralisch schlecht erscheinen zu lassen.

In einer klassischen Schweigespiral-Situation wird die faktische Minoritätsmeinung (Minderheitsmeinung) durch Medien parallel und gehäuft als Mehrheitsmeinung dargestellt. Aus Angst, isoliert zu werden, unterlassen es in der Folge Anhänger der eigentlichen Mehrheitsmeinung, ihre Meinung öffentlich zu äußern. Dies führt Noelle-Neumann auf die soziale Natur des Menschen zurück, die ihn Isolation fürchten lässt und jeden einzelnen einem Konformitätsdruck, das heißt einem Anpassungsdruck, unterwirft. Aus diesem Grund sei jeder Mensch ständig damit beschäftigt, seine Umwelt zu beobachten („Prozess der quasi-statistischen Wahrnehmung der öffentlichen Meinung“). So erfährt er, welche Meinungen und Einstellungen öffentlich geäußert werden können, ohne Sanktionen befürchten zu müssen (Konsonanzstreben). Für den Prozess der Schweigespirale bedeutet das, dass die vermeintliche Minderheitsmeinung (also die echte Mehrheitsmeinung) mit der Zeit zur tatsächlichen Minderheitsmeinung wird, da in dem Maße, wie die Anhänger der eigentlichen Mehrheitsmeinung verstummen, die Anhänger der eigentlichen Minderheitsmeinung ermutigt werden, ihre Ansichten öffentlich zu äußern, ohne Isolation fürchten zu müssen. Wird der Konformitätsdruck so stark, dass Menschen nicht nur schweigen, sondern ihre Meinung tatsächlich wechseln, kann sich sogar ein Umschwung im realen Meinungsprofil einstellen.

Moderne Massenmedien sind zwar keine Voraussetzung für die Entstehung einer Schweigespirale, sie verstärken und beschleunigen aber durchaus die Effekte, die durch Isolationsfurcht auftreten. Isolationsfurcht ist jedoch auch in „massenmedienfreien“ Gesellschaften zu beobachten. Isolationsdrohend wirken zum Beispiel zeitgenössische moralische Grundsätze, gegen die niemand öffentlich verstoßen will aus Angst, gemieden zu werden. Noelle-Neumann dazu:Elisabeth Noelle-Neumann: Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut. Langen Müller, München 1980, S. II.

Entstehung Die Theorie der Schweigespirale entstand anlässlich von Beobachtungen, die Noelle-Neumann in den Bundestagswahlkämpfen 1965 und 1972 machte:Elisabeth Noelle-Neumann: Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut. Langen-Müller, München 1980, S. 14 ff. Nach repräsentativen Umfragen des Institutes für Demoskopie Allensbach lagen 1972 die beiden großen Parteien SPD und CDU/CSU bei der Frage nach der persönlichen Wahlabsicht ständig Kopf an Kopf. Dennoch nahm bei den Befragten in der Befragungszeit die Erwartung zu, die SPD würde siegen. Als Grund für diese Einseitigkeit sah Noelle-Neumann die Berichterstattung der Massenmedien.

Es erschien ihr daher sinnvoll, das Verhältnis und die Wechselwirkungen zwischen dem empfundenen Meinungsklima und den in Umfragen real ermittelbaren Meinungsprofilen genauer zu bedenken und zu untersuchen.

Rezeption Noelle-Neumanns Theorie der Schweigespirale wurde in Deutschland und international kontrovers diskutiert.Deisenberg, Anna Maria (1986): Die Schweigespirale - die Rezeption des Modells im In- und Ausland. München: Minerva-Publikation. Hauptkritikpunkt war eine mangelnde empirische Fundierung ihrer Theorie. So wurde speziell der Wahlanalyse von 1976 vorgeworfen, dass Noelle-Neumann keine Inhaltsanalyse der Fernsehberichterstattung durchgeführt hatte und ihre Einschätzung der Journalisteneinstellung vermutlich vornehmlich auf Befragungen von Printjournalisten beruhte, wobei nur 100 Journalisten befragt wurden. Des Weiteren ist keine methodisch vollständig solide Untersuchung der „Schweigenden“ belegt, und auch Noelle-Neumanns theoretische Annahme, wobei sie von Isolationsfurcht als einziger Determinante für die Redebereitschaft ausgeht, wurde kritisiert. Weitere Einflüsse wie Persönlichkeitsattribute, Geselligkeit etc. werden nicht einbezogen.

Nach Roessing, T. (2011: S. 84) befragte Noelle-Neumann in einer Studie 1980 etwa neben weiteren 18 Unionsanhänger, von denen eine Mehrheit den Wahlsieg von SPD/FDP voraussagten (50 %), 27 % den Wahlsieg der CDU erwarteten und 23 % sagten, es sei „unmöglich zu sagen“. Klaus Merten wendete außerdem ein, dass der Einfluss der Bezugsgruppen bei der Betrachtung der Schweigespirale zu berücksichtigen sei und der Wähler in der Wahlkabine ja unbeobachtet entscheidet (ebd. S. 85).

In ihrem Buch „Die Schweigespirale“ (1980) sammelte Noelle-Neumann viele Aufsätze zum Thema der Definition und Entstehung öffentlicher Meinung wie Jean-Jacques Rousseau, David Hume, James Madison, John Locke, Niklas Luhmann und geht auch auf den Begriff der Mode im Kontext der öffentlichen Meinung ein. Ihre Untersuchung ist daher nicht isoliert zu betrachten, sondern im Kontext der Diskussionen in der Soziologie einzuordnen und selbstbestimmt in der Bedeutung zu bewerten. Außerdem ist die globalisierte Medienkultur ein Argument dafür, dass es Mittel und Wege gibt sowohl Framing-Prozesse als auch Prime-Prozesse durch selbstbestimmte Rezeption (bewusster Konsum) zu übersteigen. Dennoch ist ihre Theorie bahnbrechend für die Reflexion hierarchischer Diskussionsprozesse.

Zusammengefasst werden die bisher vorliegenden Befunde zur Schweigespirale als teils widersprüchlich und bisher nicht konsistent kritisiert. Gleichwohl ist das Phänomen in Deutschland, aber auch international Gegenstand zahlreicher empirischer Untersuchungen und theoretischer sowie methodischer Weiterentwicklungen.Helmut Scherer, Annekaryn Tiele, Teresa Naab: Die Theorie der Schweigespirale: methodische Herausforderungen und empirische Forschungspraxis. In: Werner Wirth, Andreas Fahr, Edmund Lauf (Hrsg.): Anwendungsfelder in der Kommunikationswissenschaft. Halem, Köln 2006, ISBN 3-931606-54-6 (Forschungslogik und -design in der Kommunikationswissenschaft. Band 2), S. 107–138. Außerdem sind im Bereich der Demokratietheorie, insbesondere bei partizipatorischen Ansätzen wie der deliberativen Demokratie, die einen stärkeren öffentlichen Diskurs fordert, die in der Schweigespirale aufgestellten Kritikpunkte, etwa rund um Aschs Experimente, relevant.

In mehreren Studien zeigte sich, dass ähnliche Effekte wie die Schweigespirale auch im Internet, konkret in sozialen Netzwerken, auftreten. Die meisten Menschen würden sich demnach der gefühlten Mehrheitsmeinung ihrer Kontakte anschließen. Dadurch entstehe eine Filterblase, so „dass sich am Ende alle fragen, wer denn eigentlich diese Leute sind, die andere Parteien wählen als sie selbst.“Julia Bähr: Wer stellt die Mehrheit?, FAZ.net, abgerufen am 12. Juli 2015.

Verschiedene Biographien von Helmut Kohl verwenden Noelle-Neumanns Theorie zur Erklärung seiner Wahlniederlage. Das 2014 erschienene Buch Der neue Tugendterror des rechtspopulistischen ehemaligen SPD-Politikers Thilo Sarrazin verwendet die Theorie.

Kontext mit anderen theoretischen Ansätzen: Third-Person-Effekt Der Third-Person-Effekt (dt. Dritte-Personen-Effekt) als ein weiterer Ansatz in diesem Kontext beschreibt, dass Rezipienten bei Dritten eine stärkere Medienwirkung annehmen als bei sich selbst. Die amerikanische Kommunikationswissenschaftlerin Diana C. Mutz hat die beiden Ansätze zuerst zusammengefügt.Vgl. Michael Schenk: Medienwirkungsforschung. 3. Auflage. Mohr Siebeck, Tübingen 2007, S. 555, ISBN 978-3-16-149240-2. Sie geht davon aus, dass eine vermutete größere Medienwirkung bei Dritten dazu führe, dass Rezipienten einen Einfluss auf die öffentliche Meinung bzw. deren Trend annehmen. Die Massenmedienmeinung wird als Mehrheitsmeinung wahrgenommen. Wenn diese Medienmeinung mit der eigenen Meinung nicht übereinstimmt, kann dies, nach der Theorie der Schweigespirale, eine Schweigetendenz verstärken. Wenn die Medienmeinung mit der eigenen Meinung übereinstimmt, führt dies zu einer erhöhten Rede- bzw. Zeigebereitschaft. In ihrer Studie kann sie sowohl den Third-Person-Effekt als auch einen Schweigespiraleffekt nachweisen. Wahrnehmungen von Medienwirkungen auf Dritte können eine Schweigetendenz (bei Inkongruenz) bzw. eine Rede- und Zeigebereitschaft (bei Kongruenz) verursachen.Diana C. Mutz: The Influence of Perceptions of Media Influence: Third Person Effects and the Public Expression of Opinions. In: International Journal of Public Opinion Research 1, 1989, S. 2–23.

Kontext mit kommunikationstheoretischen Effekten: looking-glass-Effekt Sich auf der Seite der meisten wähnen bei der Berücksichtigung seiner Artikulation (Roessing, T.: 2011:91f.)

Kontext mit kommunikationstheoretischen Effekten: False consensus Meinungslager nimmt ein Konsens über die eigene Meinung an, obwohl es nicht stimmt. Dieses Meinungslager vertritt dann eine „selbstbewusste“ Redehaltung ein(Roessing, T. 2011: 92).

These: Dieses Prinzip ist aktuell zu beobachten, bei dem in medialen Online-Distributionen der größten Verlage in Zusammenarbeit mit der PR-Maschinerie rassistische Ressentiments in der Bevölkerung medial über-repräsentiert werden.

Kontext mit kommunikationstheoretischen Effekten: Pluralistic Ignorance