Edmund Weiskopf oder WeißkopfSchreibweise der zeitgenössischen österreichischen Sport- und Tageszeitungen, auch Ödön Virág (* 22. November 1911 oder 1. Januar 1911 in Budapest, Österreich-Ungarn; † 16. März 1996Schriftliche Mitteilung des Fußballhistorikers Professor Pierre Lanfranchi vom 29. Mai 2008 an den Hauptautor dieses Artikels.), war ein österreichisch-ungarischer Fußballer, der den Großteil seiner Karriere in Frankreich gespielt hat und – als Edmond Weiskopf, genannt VirageBei Ejnès, S. 378, tatsächlich mit Endungs-e. Virage bedeutet auf Französisch Kurve, Wende, Drehung, und möglicherweise hat der Autor hierbei eine fußballerische Eigenschaft des Flügelstürmers im Hinterkopf gehabt. Allerdings wird Weiskopf auch auf einer für den Fußballhistoriker außerordentlich ergiebigen Homepage zu Olympique Marseille während der Kriegsjahre unter diesem Pseudonym geführt; siehe z. B. http://www.om-passion.com/joueursutilises_saison_1940.html und hier, 2. Absatz. – auch in der französischen Nationalelf eingesetzt wurde.

Zur Quellenlage Die Biografie dieses Außenstürmers jüdischer Herkunft ist, wie sich bereits an den unterschiedlichen Namensschreibweisen und GeburtsdatenChaumier, Ejnès und Pécheral nennen den 22. November, Barreaud den 1. Januar, der französische Fußballverband und www.weltfussball.de den 22. Oktober als Weiskopfs Geburtsdatum zeigt, mit diversen Fragezeichen versehen, was bei einem Spieler, der es zu nationalen Titeln und internationalen Einsätzen für zwei Länder brachte, eher ungewöhnlich ist. Es gibt auch keine veröffentlichten Äußerungen Weiskopfs, lediglich ein kurzes Porträt seines ehemaligen Trainers Arthur Baar, das Weiskopfs spätere Stationen eher im Dunkeln lässt. Der Autor Marc Barreaud scheint sogar davon auszugehen, dass es sich um zwei unterschiedliche Personen handelt.Barreaud, S. 47 (als Weisskopf/Virag vor dem Krieg) und 166 (als Weiskopf/Virag bei Kriegsende, mit unterschiedlich exakten Geburtsdaten) Biographische Züge finden sich auch bei Horak/Maderthaner, die ihn unter dem Namen „Edi“ Weißkopf als späteren austro-französischen Nationalspieler beschreiben, der seinerzeit Barbesitzer in Paris gewesen sei und auch in der Résistance mitgewirkt haben soll.Horak/Maderthaner, S. 186f.

Vereinslaufbahn Vor dem Zweiten Weltkrieg Kurz vor dem Ersten Weltkrieg im ungarischen Teil der k.u.k. Monarchie geboren, spielte er unter dem Namen Virág ÖdönIm Ungarischen wird der Familienname vorangestellt. in den 1920ern beim jüdischen Klub VAC BudapestBaar, S. 277; einzelne Internetquellen sprechen von einem Klub namens Sondyi Budapest. und anschließend in der Amateurmannschaft des MTK Budapest, von dem aus er 1931 in die Wiener Krieau zum seinerzeit erfolgreichen jüdischen Erstligisten SC Hakoah Wien wechselte.Siehe den Artikel „Verstärkungen aus Budapest und Palästina“ im Wiener Sport-Tagblatt vom 24. Dezember 1931, S. 9; auch die ungarische Sportzeitung Nemzeti Sport schrieb am 1. Oktober 1936 anlässlich der Meldung seines Wechsels nach Marseille, Weiskopf sei ein ehemaliger MTK-Spieler gewesen. Damit dürfte die Angabe bei Arthur Baar: 50 Jahre Hakoah 1909–1959 Ramat Gan 1959, der Wechsel zur Hakoah habe bereits 1928 stattgefunden, ein Irrtum sein. Sein frühest bekanntes Tor als Hakoah-Professional erzielte Weiskopf im Dezember 1931 bei einem internationalen Weihnachtsturnier gegen Nemzeti Budapest (siehe Wiener Sonn- und Montags-Zeitung vom 28. Dezember 1931), das erste Tor in einem Pflichtspiel am 14. Februar 1932 in der Cup-Achtelfinalpartie gegen die Cricketer (siehe Reichspost vom 15. Februar 1932, S. 5: „Das Tor der Krieauer erzielte Weißkopf“). Dort spielte er unter Baar und Béla Guttmann als Edmund Weißkopf bis zum Saisonende 1934, unter anderem an der Seite von Friedrich Donenfeld und József Eisenhoffer. Insgesamt bestritt er 36 Meisterschaftsspiele für die Hakoah und erzielte dabei fünf Tore. Bis dahin hatte Weiskopf es zudem zu einer nicht näher spezifizierbaren Anzahl von C-Länderspielen (Junioren) für den jungen ungarischen Fußballverband gebracht.Siehe https://www.rsssf.org/miscellaneous/hongfran-recintlp.html und Chaumier, S. 313

Die entscheidenden Beweggründe seines anschließenden Wechsels nach Frankreich sind nicht bekannt. Obwohl der Antisemitismus in Österreich Anfang der 1930er noch hauptsächlich latent war, könnten religiöse oder private Gründe Weiskopfs Entscheidung ebenso beeinflusst haben wie sportliche, denn während seiner letzten Monate bei den Krieauern hatte ihn Oskar Reich aus der Stammelf verdrängt.Vgl. Reichspost vom 8. April 1934, S. 18 und weitere folgende Ausgaben. Zudem war auch westlich des Rheins seit 1932 mit dem Fußballspielen Geld zu verdienen (offiziell bis zu 42.000 alten Francs pro Jahr)Zu Beginn der Saison 1938/39 galt: Grundvergütung maximal 2.000 FF pro Monat, dazu 150 FF Sieg- und 75 FF Remisprämien pro Spiel bis zum o. g. Jahresmaximum (Guillet/Laforge, S. 140) – und es gab erprobte Wege, diese Beschränkung zu „umgehen“ (siehe hier, 2. Absatz)., und es zog zahlreiche Österreicher und Ungarn in die Division 1,Vgl. zu den Zahlen ausländischer Profis in Frankreich diese Zusammenstellung so dass er möglicherweise auch einfach dem „Zug der Zeit“ gefolgt ist. Außerdem hatte er in Frankreich bereits im April 1933 auf sich aufmerksam gemacht, als er mit der Hakoah bei einem Turnier in Marseille je einen Treffer beim 6:2 gegen den FC Sochaux und beim 3:1 über den Gastgeber Olympique erzielte.http://www.compactmemory.de/ (Die Neue Welt, Heft 292 vom 14. April 1933, S. 8)

Von 1934 bis 1936 stand er beim FC Sète unter Vertrag,Barreaud, S. 47 der in der Saison zuvor gerade den Doublé (Meisterschaft und Pokalsieg in derselben Spielzeit) gewonnen hatte. Eine Wiederholung dieser Erfolge gelang den Südfranzosen in den folgenden beiden Jahren nicht, so dass Weiskopf zunächst noch ohne Titel blieb; immerhin gehörte Sète mit den Ligaplatzierungen Vier und Sieben sowie dem Erreichen des Pokalviertelfinals 1935 aber zu den dominierenden Teams im französischen Fußball.

1936 holte ihn Trainer József Eisenhoffer zu Olympique Marseille,Pécheral, S. 88 und gleich in seiner ersten Saison wurde er mit dieser Mannschaft Landesmeister. Er brachte es zwar in den 30 Ligabegegnungen nur auf 13 Einsätze, aber dennoch galt er auf der Linksaußenposition als Stammspieler,Beaudet 2002, S. 191 zumal er auch 13 Treffer erzielt hatte.http://www.om-passion.com/joueursutilises_saison_1936.html; ebenso Guillet/Laforge, S. 138 Die Behauptung, Weiskopf habe in der Rückrunde dieser Saison für den Zweitligisten Le Havre AC gespielt und sei danach zu Olympique zurückgekehrt,Diese Behauptung findet sich auf ; überraschenderweise allerdings ebenso auf – wenn überhaupt, könnte Weiskopf von Oktober 1936 bis Januar 1937 in Le Havre gespielt haben; allerdings hätte dies außerhalb der offiziellen Zeitfenster für Vereinswechsel gelegen. ist wenig plausibel. Denn dann hätte er nahezu die gesamte Vorrunde für Marseille bestritten haben müssen und es wäre ungewöhnlich gewesen, wenn der Verein in der Rückrunde auf einen Spieler dieser Effizienz (1,0 Tore/Spiel) verzichtet hätte. Zudem sind für Weiskopf im September 1936 zwei Ligaeinsätze für Olympique (gegen den RC Paris und beim RC Roubaix) nachgewiesen, in denen er jeweils einen Treffer erzielte.http://www.om-passion.com/matchsom_1936_2590.html bzw. http://www.om-passion.com/matchsom_1936_2609.html Es folgte eine längere Pause, die darin begründet war, dass der Klub über gleich sieben hochkarätige Offensivkräfte verfügte, darunter mit Vilmos Kohut und Édouard „Waggi“ Wawrzyniak zwei weitere Linksaußen.Pécheral, S. 91 Im Januar 1937 meldete sich Edmund Weiskopf mit einem Paukenschlag in Marseilles erster Elf zurück, als er zum 5:0-Auswärtssieg gegen Red Star drei Treffer beisteuerte. Auch in seinen folgenden zehn Spielen bis MaiLetztes Saisonspiel (Heimniederlage gegen Sochaux) am 20. Mai 1937, siehe http://www.om-passion.com/matchsom_1936_2809.html – also genau in der Zeit, in der er bei Le Havre gewesen sein soll – war er noch achtmal erfolgreich; gegen Strasbourg konnte er sogar erneut drei Tore erzielen.

1937/38 wurde Marseille Vizemeister, und Weiskopf stand diesmal in zwölf Punktspielen (fünf Tore) auf dem Platz.http://www.om-passion.com/joueursutilises_saison_1937.html; ebenso Guillet/Laforge, S. 139 In dieser Spielzeit gehörte auch sein ehemaliger Hakoahner Mitspieler Donenfeld zum Aufgebot von Olympique,Mit József Eisenhoffer (1900–1945) stand noch ein weiterer Ex-Hakoah-Spieler, Mitglied der 1925er Meistermannschaft, in Marseilles Kader, mit dem Weiskopf gleichfalls noch in Wien zusammengespielt hatte, bevor der Ältere während der Saison 1932/33 bei Olympique einen Vertrag unterschrieb. aber beide kamen bei dem krönenden Saisonabschluss nicht zum Einsatz, als Marseille im Endspiel um die Coupe de France mit 2:1 nach Verlängerung gegen den FC Metz obsiegte.Aufstellung bei Beaudet 2003, S. 193, und Guillet/Laforge, S. 313

Die nur sporadische Berücksichtigung in Marseilles erster Elf dürfte Weiskopfs Bereitschaft, den Verein zu verlassen, gefördert haben; ab Sommer 1938 stürmte er für den Pokalfinalgegner, den FC Metz. Mit dieser Mannschaft langte es zwar nur zu einem Mittelplatz in der Division 1, aber dort wurde der am 3. März 1938 eingebürgerte Budapester im Frühjahr 1939 zum französischen A-Nationalspieler (siehe unten).

Während Krieg und Besetzung Anschließend wechselte Edmond WeiskopfZusätzlich zum romanisierten Vornamen tauchte auch die Zusatzbezeichnung „genannt Virag“ in dieser Zeit auf (vgl. Ejnès, S. 378). zum Racing Club de Paris. Dieser war nicht nur wegen seiner Spielstärke (Pokalsieger und Ligadritter von 1939) attraktiv, sondern in diesem Team standen während der Saison 1939/40 mit „Rodolphe“ Hiden, „Auguste“ Jordan und „Henri“ Hiltl auch drei Österreicher sowie mit Gyula Mathe alias Jules Mathé ein Ungar, die gleichfalls französische Nationalspieler waren oder wurden. Außerdem galt Racing aufgrund des Einflusses seines Präsidenten Jean Bernard-Lévy als „judenfreundlicher Klub“.Vgl. das Kapitel zum RC Paris in Dietrich Schulze-Marmeling (Hrsg.): Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball. Die Werkstatt, Göttingen 2003, ISBN 3-89533-407-3, S. 419–432. Dessen Autor Günter Rohrbacher-List erwähnt Weiskopf allerdings nicht. Diese Spielzeit stand aber nicht nur in Frankreich unter dem Zeichen des heraufziehenden Zweiten Weltkriegs. Bereits im September 1939 führte die französische Generalmobilmachung dazu, dass bei zahlreichen Vereinen nur noch Rumpfmannschaften zur Verfügung standen; ein geordneter Spielbetrieb war nicht mehr möglich, so dass die Liga dreigeteilt wurde. Angesichts des deutschen Einmarsches ab Mai 1940 – Paris fiel Mitte Juni – erlaubte aber selbst diese Maßnahme keinen regulären Meisterschaftsverlauf mehr: Racing beispielsweise konnte von 18 Partien in der Nordstaffel nur noch neun austragen. Der Pokalwettbewerb hingegen wurde mit dem Finale am 5. Mai 1940 im allerdings nicht ausverkauften Prinzenparkstadion (lediglich 25.970 zahlende Zuschauer)Zwei Jahre zuvor entrichteten dort noch über 33.000 Besucher ihren Obolus, und dem Finale 1939 im größeren Stade Olympique Yves-du-Manoir hatten sogar über 52.000 Zuschauer beigewohnt (Guillet/Laforge, S. 313f.) noch vollständig abgewickelt. Und in diesem Endspiel stand Edmund Weiskopf im Angriff des Racing Club, der gegen Olympique Marseille mit 2:1 gewann – jedenfalls bis zu seinem Platzverweis, nachdem er sich mit Marseilles Mittelläufer Max Conchy, der gleichfalls ausgeschlossen wurde, ein sehr intensives Duell geliefert hatte. Diese Begegnung brachte zugleich ein erneutes sportliches Aufeinandertreffen mit Friedrich Donenfeld, der für „OM“ auf der Linksaußen-Position stürmte.Beaudet 2003, S. 193; L’Équipe/Gérard Ejnès: Coupe de France. La folle épopée. L’Équipe, Issy-les-Moulineaux 2007, ISBN 978-2-915535-62-4, S. 356