Bermuthshain ist ein Ortsteil von Grebenhain im mittelhessischen Vogelsbergkreis.

Geographie mini|Ortsansicht von Bermuthshain mit Blick zum Höllerich

Geographische Lage Bermuthshain liegt am südöstlichen Rand des Hohen Vogelsberges in einer Höhe von . Die Gemarkung von Bermuthshain hat eine Größe von 850 ha und erstreckt sich über eine Höhe von 450 bis 600 m über NHN. Von ihr sind heute noch 590 ha landwirtschaftlich genutzte Fläche, davon 472 ha Wiesen und 118 ha Ackerland. Die Waldflächen betragen 203 ha, die Ortslage 30 ha und sonstige Flächen wie Wege, Gewässer und überörtliche Straßen 60 ha.

In der Nähe von Bermuthshain entspringt die Lüder, die am Ortsrand vorbeifließt und nach 40 km bei Lüdermünd im benachbarten Landkreis Fulda in die Fulda mündet. Bermuthshain liegt einer leichten Talmulde, die von mehreren Hügelzügen eingerahmt wird, darunter dem 575 m hohen Höllerich.

Klima Die klimatischen Begebenheiten sind, wie im gesamten Vogelsberggebiet, sehr rau. Mit durchschnittlicher Jahrestemperatur von 6 °C und Niederschlägen von rund 1.000 mm pro m² im Jahr ist die landwirtschaftliche Nutzungsperiode in Bermuthshain eher kurz. Die durchschnittliche Temperatur von Mai bis Juli erreicht 14,5 °C, Spätfröste können bis Ende Mai auftreten. Der hohe Vogelsberg wird aufgrund dieser Tatsachen im Volksmund auch Hessisch-Sibirien genannt.

Ortsgeschichte mini|Die Ersterwähnungsurkunde vom 29. Dezember 1012

Mittelalter Entstanden ist Bermuthshain sehr wahrscheinlich um 1000 im Zusammenhang mit der zunehmenden Rodung und dem Landesausbau im Vogelsberggebiet während des hohen Mittelalters. Die Ersterwähnung findet sich in einer Königsurkunde vom 29. Dezember 1012: „… loca in Ufecreginfeld (Crainfeld), Warmuntessneida et in Illiwineshusen …“,Harry Bresslau: Hrsg., Die Urkunden Heinrich II. und Arduins. Nachdruck 2001. = Monumenta Germaniae Historica. Diplomata. 4; 3. Nr. 253. in der König Heinrich II. der Abtei Fulda den Forst Zundernhart (oder Branfirst) schenkt. Neben Warmuntessneida (Bermuthshain) werden in dieser Schenkungsurkunde unter anderem Iliuuineshusun (Ilbeshausen), ufe Creginfelt (Crainfeld), Widenaho (Weidenau) und Calbaho (Kalbach) als Grenzpunkte des geschenkten Gebietes genannt. Als Siedlungsform wird hier der Ort als Dorf genannt.

Die Überlieferung der Urkunde findet sich ebenso in einem berühmten Kopiar, dem Codex Eberhardi, geschrieben um 1160, die auf 1012 datiert wird: „… deinde in Warmuntessneita et Illiwineshusen …“ (darauf in Bermuthshain und in Ilbeshausen).StAM, K 426, fol. 50 r.

Der Ort gehörte zum Besitz des Klosters Fulda in der Wetterau, der im Hochmittelalter von den Grafen von Nidda als dessen Vögten verwaltet wurde. Nach dem Erlöschen des Niddaer Grafenhauses 1206 kam es an die Grafen von Ziegenhain und 1437 noch vor deren Aussterben 1450 an die Landgrafen von Hessen. In althessischer Zeit gehörte Bermuthshain stets zum Amt Nidda und zum Gericht Crainfeld. Nach den verschiedenen hessischen Landesteilungen im 16. Jahrhundert gehörte es ab 1604 zur Landgrafschaft Hessen-Darmstadt.

In einer Urkunde vom 23. Juli 1377 trat Metze von Bleichenbach, die Ehefrau Wilhelms von Fronhausen, das Dorf Berumechan, uff dem Fogilsberge gelegin an Konrad von Hutten ab. 1489 wird Bermetzhene in einem Verzeichnis der den Brüdern Walter, Philipp und Daniel von Fischborn in verschiedenen Dörfern zustehenden Gülten und Zinsen genannt. Gemäß einem zwischen Landgraf Wilhelm II. von Hessen und dem Gericht Crainfeld 1493 geschlossenen Abkommen hatten die Männer der Dörfer Kreyenfelt und Bernhartsheim jährlich 100 Viertel Hafer aus dem Amt Nidda auf das Marburger Schloss zu führen. 1489 wurde der Ort „Bermetzehene“ genannt.Eduard Edwin Becker: Alsfelder Regesten. 1911. S. 65.

Der Ortsname wird in der Ortsnamenskune als „Siedlung des Warimunts“ erklärt. Der erste Wortstamm bezieht entweder auf einen Personennamen oder auf den Pflanzennamen Wermut. Das ursprüngliche Grundwort ist „sneida“. Dies bezieht sich auf das mittelhochdeutsche Wort „Schneise, Rodung“. Später wurde das Wort „hagen“ ersetzt, was eine umgrenzte Siedlung umschreibt.Lutz Reichardt: Die Siedlungsnamen der Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach in Hessen. Namenbuch. Dissertation. Göppingen 1973. S. 48.

Nördlich von Bermuthshain im Oberwald lag im Mittelalter das aus zehn Höfen bestehende Dorf Schershain, das 1399 erstmals urkundlich erwähnt wird: „… Z(um) (or)ffe Schershagen …“StAD, Urkunden Oberhessen, Schershain. Bereits 1556 wird der Ort in einem Salbach als Wüstung bezeichnet: „Schershainer Gut.“StAD, Salbuch Crainfeld, 30 a, fol.6. Seine Gemarkung wurde noch bis ins 20. Jahrhundert hinein von Bauern aus Grebenhain und Bermuthshain bewirtschaftet, wohin die Einwohner Schershains abgewandert sein dürften.(spekulativ). Im Mittelalter wurde ein Wundarzt als Scherer bezeichnet. Also war Schershain die „Siedlung des Barbiers oder Wundarztes“.Lutz Reichardt: Siedlungsnamen, S. 327.

Neuzeit In zwei Verzeichnissen von Personen, die ein Furstgelt (Abgabe für Bau- und Brennholz) entrichtet haben, werden 1549 alle insgesamt 21 zahlungspflichtigen Personen aus Bermuthshain genannt, das damals 47 Hausvorstände zählt. Dies ist die erste Nennung einer größeren Zahl von Bermuthshainer Familiennamen. Das 1556 folgende Salbuch des Amtes Nidda nennt dann alle Hausvorstände.

Um 1580 bis 1590 wurde erstmals eine Schule im Mutterort Crainfeld eingerichtet, die zunächst auch die Kinder aus Bermuthshain besuchten. Im Zusammenhang mit der hessischen Generalkirchenvisitation von 1628 wurde kurz darauf in Bermuthshain erstmals eine eigene Schule errichtet. Diese ging in den folgenden Kriegswirren wieder ein, wurde aber spätestens im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts zunächst als Winterschule wieder eingerichtet und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in eine ständige Schule umgewandelt.

Während des Dreißigjährigen Krieges zogen die Truppen des Herzogs Christian von Braunschweig auf ihrem Weg zur Pfalz am 1. Juni 1622 durch das Gericht Crainfeld, das vollständig ausgeplündert wird. Ein Reiterregiment unter dem Grafen Wolfgang Ernst von Büdingen brannte Crainfeld fast vollständig nieder. In Bermuthshain wurden zahlreiche Häuser zum Oberwald sowie zum Böhl hin zerstört. 23 Familien wurden geschädigt und 7 Einwohner misshandelt oder ermordet. Die Schadenssumme in Bermuthshain betrug 1806 Reichstaler. 1635 lagen kroatische Söldnertruppen in Bermuthshain und tyrannisieren die Bevölkerung mit „Schlägen, Wassereingießen und Plünderung“. Noch in den letzten Kriegsjahren waren nacheinander kaiserliche, bayerische, schwedische und hessische Truppen in Bermuthshain einquartiert. Das Dorf war nach Kriegsende vollständig verarmt, die wirtschaftliche Erholung dauerte mehrere Jahrzehnte.

Während des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) lagerten abwechselnd französische und alliierte Truppen in Bermuthshain und erzwingen umfangreiche „Fouragierungen“.

Am 30. Mai 1768 erteilte Landgraf Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt der Gemeinde Bermuthshain das Privileg zur Abhaltung eines Vieh- und Krammarktes am Dienstag und Mittwoch nach Jakobi. Er findet bis heute jährlich als Krammarkt mit Kirmes statt.

1818 wurde das erste Bermuthshainer Brandkataster aufgestellt, 1820 ein Verzeichnis aller Grund-Riße der Hofraithen und daran liegenden Gärten. Nach dem Inkrafttreten der neuen hessischen Gemeindeordnung 1821 wurde die aus dem Mittelalter überkommene Gerichtsorganisation abgeschafft und das Gericht Crainfeld aufgelöst. An die Stelle des bisherigen Schultheißen trat ein gewählter Bürgermeister. 1832 wurde Bermuthshain in den Kreis Nidda eingegliedert, 1848 in den Regierungsbezirk Nidda. Seit 1852 gehörte es zum Landkreis Lauterbach.

mini|Parzellhandriss von 1832 mini|Postkarte aus der Zeit um 1900 mini|Dorfgemeinschaftshaus Bermuthshain (ehem. Neue Schule)

Die Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen berichtet 1830 über Bermuthshain:

Im 19. Jahrhundert war das Leben in Bermuthshain zeitweise von großer Armut geprägt, da die häusliche Leineweberei aufgrund der industriellen Konkurrenz zusammengebrochen und die Landwirtschaft vom Kleinbauerntum geprägt war. Zwischen 1821 und 1894 wanderten mehr als 23 Ortsbürger, zum Teil mit ihren Familien, nach Nordamerika aus. Von den 102 Wohnhäusern wurden in dieser Zeit 28 abgebrochen. Die wirtschaftliche Lage entspannte sich erst durch den Bau der Nebenbahn Lauterbach-Gedern-Stockheim, nach deren Vollendung 1906 Bermuthshain eine eigene Bahnstation erhielt. Die Nebenbahnstrecke blieb bis 1975 für den Personenverkehr in Betrieb. Der Abbau der Gleise erfolgte 1997.

1830 wurde die Alte Schule im Ortskern fertiggestellt, ein Fachwerkbau, der heute das Wahrzeichen des Ortes ist. Die Glocke im Turm wurde 1749 von den Frankfurter Glockengießern Benedikt und Johann Georg Scheidewind gegossen und hing vorher im Dachreiter des Hirtenhauses, das an der Stelle der Alten Schule stand.

1886 ließ der Bermuthshainer Revierförster Wilhelm Dillemuth bei dem örtlichen Holzdreher Friedrich Jost die ersten Skier („Schneeschuhe“) im Vogelsberg anfertigen. Friedrich Jost nahm im folgenden Jahr die Fertigung von Schneeschuhen zu Verkaufszwecken auf. Hieraus ging die heute noch im Besitz seiner Nachfahren befindliche ortsansässige Firma Ski Luft hervor.

Unter dem bedeutenden Bürgermeister Friedrich Jost, der von 1921 bis 1931 auch dem hessischen Landtag angehörte, erfolgte in den Jahren 1909 und 1910 der Bau der Wasserleitung, nachdem noch 1898 die Kreisstraße nach Ober-Moos und Crainfeld sowie die Ortsdurchfahrt in der nunmehrigen Hauptstraße ausgebaut worden waren. In den Jahren 1910 bis 1928 wurde in Bermuthshain als erstem Ort im hohen Vogelsberg (neben Volkartshain) eine Flurbereinigung durchgeführt. 1921 erfolgte der Anschluss der Gemeinde an das elektrische Stromnetz des Überlandwerks Oberhessen. 1934 wurden die erste Skisprungschanze auf dem Höllerich und 1938 die Volkshalle am Marktplatz als erstes frühes Dorfgemeinschaftshaus erbaut.

Im Ersten Weltkrieg hatte Bermuthshain 20 Gefallene und zwei Vermisste zu beklagen. Beim Rückmarsch der deutschen Truppen von der Westfront nach Abschluss des Waffenstillstandes am 9. November 1918 wurde Bermuthshain vom Durchmarsch einzelner Truppenteile berührt und erhielt Einquartierung.

Etwa seit 1890 war Bermuthshain, wie nahezu die gesamte Vogelsbergregion, durch die antisemitische Bewegung geprägt. In den 1920er Jahren dominierte bei den Wahlen zunächst der Hessische Bauernbund, bevor die Region zu einer Hochburg des Nationalsozialismus wurde. 1930 wurden in Bermuthshain eine Ortsgruppe der NSDAP und ein SA-Sturm gegründet.

Im Zweiten Weltkrieg fielen 27 gebürtige Bermuthshainer als Soldaten und mindestens fünf aus Bermuthshain stammende Zivilisten starben bei Luftangriffen, Erschießungen oder in Konzentrationslagern. Die während oder nach dem Krieg nach Bermuthshain gekommenen Evakuierten und Heimatvertriebenen verloren 10 Angehörige als Gefallene. Von 1943 bis 1945 existierte am Marktplatz ein Barackenlager für ukrainische Zwangsarbeiterinnen, die in der benachbarten Luftmunitionsanstalt Hartmannshain (Muna) arbeiten mussten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1950 das neue Feuerwehrhaus errichtet und mit dem Bau des schon 1913 geplanten neuen Schulhauses begonnen, das 1952 eingeweiht werden konnte. Seit Ende der 1950er Jahre wurde durch die Gemeinde Bermuthshain in bis dahin nie gekanntem Ausmaß in die Modernisierung der Infrastruktur investiert. So wurden 1960–1963 die Ortskanalisation, 1965 das Gefrierhaus, 1968 die Friedhofskapelle und 1970 die Skisprungschanze auf dem Höllerich fertiggestellt. Noch in der Zeit der Selbstständigkeit wurden ab 1963 nach und nach alle Ortsstraßen asphaltiert und die Ortsdurchfahrt ausgebaut.

Die zweiklassige Volksschule im Ort wurde im Jahr 1969 infolge der Schulreform in Hessen zugunsten der neuen Mittelpunktschule (Oberwaldschule) im benachbarten Grebenhain geschlossen.