mini|Szenen aus der Eneide. Nach einer Handschrift des 15. Jahrhunderts Der Eneasroman (auch Eneit oder Eneide) ist eine freie Bearbeitung und Übersetzung des französischen Roman d’Énéas. Er wurde zwischen 1170 und 1188 von Heinrich von Veldeke verfasst. Die Handlung folgt dem römischen Nationalepos Aeneis, setzt aber eigene Akzente.
Der Eneasroman ist eines der ältesten profanen Werke in deutscher Sprache. Er ist der erste deutschsprachige höfische Roman des Mittelalters und die erste nicht klerikale Übertragung eines Antikenromans in den deutschsprachigen Raum. Veldeke setzte mit der Dichtung Maßstäbe für einen klaren und reinen Stil in Metrik und Reim.
Handlung Der Roman beginnt mit einer kurzen Zusammenfassung der Zerstörung Trojas [Vv. 1–32]. Dem Trojaner Eneas tragen die Götter auf, zu fliehen und sein Leben zu retten [Vv. 55–57], weil er der Sohn der Göttin Venus ist [Vv. 41–48]. Die Göttin Juno lässt ihn nun sieben Jahre auf dem Meer umherirren, da sie wütend auf dessen Mutter ist [Vv. 156–180]. Der Konflikt zwischen den beiden Göttinnen entstammt noch der Aeneis. Juno und Venus initiieren dort den Konflikt, der aus dem Parisurteil resultierte. Deutlich dezimiert erreichen Eneas und seine Gefolgsleute schließlich Karthago, das die schöne Dido gegründet hat [Vv. 254–291].
Dido gewährt ihnen großzügig Hilfe und Sicherheit [Vv. 562–565] und verliebt sich bei der ersten Begegnung mit Eneas heftig in ihn [Vv. 698–749]. Sie hält ihre Gefühle zunächst aber geheim [Vv. 848–861] und kann in der Nacht darauf vor lauter Sehnsucht und Liebe zu Eneas nicht schlafen [1331–1441]. Dido quält sich folglich unendlich [Vv. 1387] und berät sich nur mit ihrer Schwester Anna. [Vv. 1460–1470] Alle beschriebenen Qualen stellen klassische "Minne-Symptome" dar. Nachdem Dido einmal verliebt ist, zieht diese Liebe alle körperlichen Konsequenzen nach sich.
Eines Tages beschließt sie, mit Eneas und dessen Gefolge auf die Jagd zu gehen [Vv. 1678–1681]. Durch ein Unwetter werden Dido und Eneas aber von der Gesellschaft getrennt und suchen zusammen Schutz unter einem Baum [Vv. 1824–1829]. Eneas begreift, wie schön sie ist, und die beiden schlafen miteinander [Vv. 1834–1855]:
Nach anfänglichem Leugnen in der Zeit darauf gibt sie sich schließlich offen als seine Frau zu erkennen [Vv. 1888–1911]. Dabei stößt Dido auch die Herren der umliegenden Länder vor den Kopf, weil sie sich nach dem Tod ihres verstorbenen Gatten Sychaeus verpflichtet hat, sich nie wieder zu binden [Vv. 1919–1949]. Dieses Problem wird auch in der späteren Unterweltsfahrt des Eneas thematisiert. Nach einiger Zeit schicken die Götter Eneas eine Botschaft, in der sie ihn auffordern, das Land zu verlassen [Vv 1958–1969]. Er ist darüber zwar betrübt, will aber tun, was sie verlangen [Vv. 1970–1994]. Dido versucht, ihn davon abzuhalten. Sie beklagt sich und beschimpft ihn, scheitert aber. [Vv. 2004–2110] Nach seiner Abfahrt [Vv. 2230–2235] verbrennt sie Eneas’ zurückgelassenes Gut, sticht sich sein Schwert ins Herz und verbrennt anschließend auch selbst im Feuer [Vv. 2423–2433]. Diese Art des Todes stellt Dido als besonders maskulin dar, was ihrem gesamten bisherigen Auftreten entspricht [Vv. 2423–2440]:
Kurz vor dem Tod verzeiht sie Eneas noch. [Vv. 2441–2447] Dido wird sehr beklagt und fürstlich bestattet [Vv. 2456–2514].
Während der Reise erscheint der verstorbene Vater Eneas [Vv. 2540–2547] und trägt ihm auf, seine tapfersten Männer auszuwählen, um nach Italien zu fahren. Vorher solle er ihn aber noch in der Unterwelt treffen. Zu diesem Zweck solle Eneas die Prophetin Sibylle von Cumae treffen [Vv. 2556–2615]. Eneas findet die furchterregende Sibylle vor ihrem Tempel [Vv. 2693–2705]. Nachdem die Sibylle um Eneas’ Bestimmung erfährt, verspricht sie, ihm zu helfen [Vv. 2767–2775]. Die beiden machen sich auf den Weg in die Unterwelt [Vv. 2888–2911]. In der Unterwelt herrschen große Qualen und Leid [Vv. 2941–2951]. Sibylle führt Eneas weiter [Vv. 3180–3183] und sie treffen auf den Höllenhund Cerberus [Vv. 3198–3199], auf die leidenden Kinder, die im Mutterleib gestorben sind [Vv. 3273–3283], auf die gefallenen Krieger [Vv. 3310–3311] und auf die, die aus Liebe den Tod gefunden haben. Eneas findet hier auch Dido, die sich aber abwendet [Vv. 3292–3306].
In den Elysischen Gefilden begegnet ihnen schließlich der Vater des Eneas, Anchises [Vv. 3576–3585]. Er zeigt ihm in einem Gewässer die Zukunft [Vv. 3611–3625]. Außerdem verkündet er seinem Sohn, wo er sich nach der Reise niederlassen soll [Vv. 3706–3719]. Sibylle und Eneas kehren wieder in die Oberwelt zurück [Vv. 3732–3735].
Zusammen mit seinem Gefolge fährt Eneas nun übers Meer und kommt in der Tibermündung an [Vv. 3741–3754]. Der dort angesiedelte König Latinus nimmt ihn in Laurentum freundlich auf [Vv. 3924–3927]. Er verspricht Eneas seine Tochter Lavinia als Frau, dazu Land und Krone nach seinem Ableben. Die Götter selbst haben es Latinus so aufgetragen [Vv. 3954–3960]. Eneas beginnt daraufhin, auf einem Berg die Burg Montalbane zu errichten [4050–4069]. Die Königin erinnert ihren Mann zornig daran, dass die Prinzessin bereits dem Rutulerfürsten Turnus versprochen ist. [Vv. 4153–4256] Der will sein Recht gegenüber Eneas behaupten und versammelt ein großes Heer um sich [Vv. 4410–4518]. Im Heer des Turnus befinden sich sehr viele edle und tapfere Männer aus den verschiedensten Ländern und Städten [Vv. 5119–5126]. Auch unter anderem der Sohn von Neptun [Vv. 5014–5089] und die wunderschöne Jungfrau Camilla, die sich wie ein Ritter verhält und mit ihrem weiblichen Gefolge in den Kampf zieht [Vv. 5142–5224]. Turnus und seine Gefolgsleute beschließen vorerst, die Burg Montalbane zu belagern [Vv. 5516–5523]. Eneas ist aber gut gerüstet mit Waffen und Lebensmitteln, so dass er standhalten kann [Vv.5538–5551]. Die Göttin Venus sieht unterdessen, in welcher Gefahr ihr Sohn schwebt. Sie verträgt sich wieder mit Volcanus, dem Schmiedegott, damit er Eneas eine prächtige Rüstung baut [Vv. 5595–5670].
Eneas zieht nun auf Anraten seiner Mutter nach Pallanteum, um die Unterstützung des dortigen Königs Euander zu gewinnen [Vv. 5848–5900]. Weil Turnus und Euander Feinde sind, schickt dieser unter anderem seinen Sohn Pallas mit Eneas mit [Vv. 6124–6188]. Als Eneas mit Gefolge zurückkommt, gehen die Heere kurz darauf aufeinander los [Vv. 7267–7375]. Der Kampf dauert den ganzen Tag und Eneas erlegt viele Feinde [Vv. 7397–7447]. Auch Turnus und Pallas liefern sich einen heftigen Zweikampf, in dem Pallas schließlich niedergestochen wird [Vv. 7510–7570]. Ehe Turnus den Getöteten verlässt, stiehlt er ihm einen Ring vom Finger. Diesen Ring hat Eneas Pallas zum Zeichen der engen Verbundenheit geschenkt [Vv.7599–7615]. Pallas wird voller Schmerz beklagt. [Vv. 7753–7775] [Vv. 8125–8234]. Sein Grab ist königlich [Vv. 8240–8373]:
Die Pforte wird zugemauert und erst mehr als 2000 Jahre später in der Zeit von Kaiser Friedrich I. wiederentdeckt [Vv. 8409–8408].
Latinus berät sich nun mit seinen Vasallen [Vv. 8428–8458]. Sie kommen gerade zu dem Entschluss, dass Eneas und Turnus im Zweikampf um Frau und Krone kämpfen sollen [Vv. 8609–8621], als die beiden Heere erneut beginnen zu kämpfen [Vv. 8742–8768]. Besonders die Jungfrau Camilla kämpft tapfer und ersticht einen Spötter [Vv. 8964–9027]. Als sie aber den Helm eines Opfers an sich nehmen will, wird sie hinterrücks von einem Trojaner durchbohrt [Vv. 9064–9131]. Die tote Amazonenkönigin wird beweint, in die Heimat geschickt und prachtvoll begraben [Vv. 9283–9574].
Eines Abends nimmt die Mutter Lavinia beiseite und rät ihr, Turnus zu lieben [Vv. 9735–9788]. Lavinia weiß nicht, was es mit der Minne auf sich hat und die Mutter versucht, es ihr zu erklären [Vv. 9789–9831].
Die Königin schließt damit, dass sie androht, ihre Tochter töten zu lassen, falls sie ihr Herz Eneas zuwenden sollte [Vv. 9966–9990]. Kurz darauf erblickt Lavinia von ihrem Fenster aus Eneas [Vv. 10007–10027]. Augenblicklich beginnt sie, ihn zu lieben [Vv. 10031–10027]. In einem langen Monolog versteht Lavinia nun immer mehr von der Minne, die sie so leiden lässt. Sie beginnt, Turnus zu hassen [Vv. 10061–10430]. Am nächsten Tag durchschaut die Königin Lavinias Zustand und überredet die Tochter, den Namen des Geliebten aufzuschreiben [Vv. 10497–10661]. Als sie den Namen Eneas’ liest, verflucht sie ihre Tochter und schimpft auf den Trojaner. Dabei verleumdet sie ihn und deutet unter anderem an, er sei mehr Männern als Frauen zugewandt. [Vv. 10614–10673]. Lavinia verteidigt Eneas [Vv. 10674–10687] und fällt schließlich einer Ohnmacht zum Opfer [Vv. 10713–10724]. Nach dem Erwachen schreibt Lavinia einen kurzen Brief an Eneas, in dem sie ihre Liebe zu ihm offenbart [Vv. 10722–10805]. Sie versteckt den Brief in einem Pfeil [Vv. 8812–10827] und überzeugt mit einer List einen Bogenschützen davon, ihn in Richtung Eneas abzuschießen. Eneas findet den Brief und liest ihn heimlich [Vv. 10843–10937]. Bei Eneas zeigen sich nun ebenfalls die Anzeichen der Minne [Vv. 11024–11035]:
Er kann nicht schlafen [Vv. 11016–11041] und ist jetzt in der Lage, die Qualen Didos nachzuvollziehen. Hätte er das schon früher getan, hätte er sie nie zurückgelassen. Eneas sieht jetzt, welche Schuld er um ihretwillen trägt und dass die Minne ihr – genauso wie ihm jetzt – Geisteskraft geraubt hat [Vv. 11180–11193]. Umso entschiedener will er gegen Turnus um Lavinia kämpfen [Vv. 11043–11083].
Am Tag des Zweikampfes kommt es nochmals zu einer Auseinandersetzung zwischen den Kampfgenossen von Turnus und Eneas [Vv. 11634–11807]. Eneas wird von einem Pfeil getroffen. [Vv. 11851–11886] Er wird nur kurz verarztet, erscheint dann wieder auf dem Feld [Vv. 11888–11920]. Turnus und Eneas beginnen nun endgültig den Zweikampf mit dem Schwert [Vv. 12175–1238]. Turnus schlägt sich tapfer, aber Eneas hat eine so gute Rüstung, dass er stets geschützt bleibt [Vv. 12382–12411]. Zudem verleiht ihm der Anblick Lavinias Hoffnung [Vv. 12412–12459], so dass er die Oberhand gewinnt. Turnus gesteht Eneas nun alles zu, auch die Entscheidung über sein Leben [Vv. 12460–12558]. Da zeigt Eneas Mitleid: Er will Turnus am Leben lassen und ihm seine Gewogenheit schenken [Vv. 12559–12578]. Da sieht er an der Hand des Turnus den Ring des Pallas. Er rächt seinen Freund und bestraft Turnus’ Habgier, indem er ihn enthauptet [Vv. 12573–12606]. Die Klage um Turnus ist groß [Vv. 12607–12609].
Am nächsten Tag wird Eneas in Laurentum herzlich willkommen geheißen [Vv. 12842–12874]. Eneas und Lavinia werden vom Glück erfüllt [Vv. 12878–12891]. Im gesamten prächtig ausgestatteten Palast herrscht feierliche Stimmung [Vv. 12971–12964]. Nur die Königin verflucht Lavinia und liegt tagelang im Bett, bis der Tod sie einholt [Vv. 13086–13092].
Der Hochzeitstag wird sehr groß begangen [Vv.13088–13119]. Es herrscht allgemeine Großzügigkeit [Vv. 13165–13200]. Heinrich vergleicht die Feier mit dem Mainzer Hoffest von 1184. Eneas wird ein König mit Macht. Er lebt mit Lavinia sehr glücklich [Vv. 13255–13286]. Zu seinen Nachfahren gehören Romulus und Remus, sowie Julius Caesar und Kaiser Augustus [Vv. 13359–13411]. In dessen Zeit ist auch Jesus Christus geboren [Vv. 13412–13428].
Heinrich von Veldeke hat das Werk aus dem Französischen übernommen. Er beschreibt kurz die Umstände der Entstehung: Wenn Vergil, der ursprüngliche Urheber der Erzählung, die Wahrheit gesagt hat, dann ist die Geschichte wahr. Denn Heinrich hat alles genau richtig übersetzt [Vv. 13505–13528].
Charakterisierung der wichtigsten Figuren Eneas Der Trojaner Eneas wird überwiegend positiv dargestellt. Er ist ein Kind der Liebesgöttin Venus. Cupido selbst ist sein Bruder [Vv. 41–48]. Eneas ist darum außerordentlich schön [Vv. 10007–10027]. Auch von weltlicher Seite her kommt er aus einer edlen Familie [V. 1541]. Aus seinem Geschlecht erwachsen einige der größten Heldenfiguren der römischen Geschichte [Vv. 13359–13411].