mini|Postkarte zum Kampf um den Achtstundentag (erschienen im Verlag Richard Lipinski ca. 1901–1910) Als freie Gewerkschaften bezeichnet man in Deutschland die sozialistisch orientierte Gewerkschaftsorganisation des 19. und 20. Jahrhunderts. Der Begriff „frei“ ist ein im Laufe der Zeit aufgekommener Zusatz, um die Organisationen von den konkurrierenden liberalen Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen auf der einen Seite und den christlichen Gewerkschaften auf der anderen Seite zu unterscheiden.Vergl. zur Namensgebung: Paul Umbreit: Freie Gewerkschaften. In: Internationales Handwörterbuch des Gewerkschaftswesens. Berlin 1931, Digitalisat Auch in Österreich wurden aus demselben Grund die sozialistischen Organisationen als freie Gewerkschaften bezeichnet.
Nach Vorläufern entwickelten sich sozialistisch oder sozialdemokratisch orientierte Gewerkschaften seit den 1860er Jahren sowohl im Umfeld des eigentlich gewerkschaftsskeptischen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) wie auch der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP). Die beiden Richtungen vereinigten sich 1875. Einen tiefen Bruch, der die Entwicklung zurückwarf, bedeutete das Sozialistengesetz von 1878. Bereits während der Geltungsdauer des Gesetzes fand ein Neuaufbau statt. Aber erst nach dessen Aufhebung 1890 konnten sich die Freien Gewerkschaften zu einer Massenorganisation entwickeln. Die bisherigen Einzelorganisationen schlossen sich 1890 zur Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands zusammen. Die freien Gewerkschaften entwickelten sich zur mitgliederstärksten Gewerkschaftsrichtung. Innerhalb der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung bildeten sie eine Basis für einen reformerischen Flügel. Die Gewerkschaften setzten 1906 gegenüber der SPD die Gleichberechtigung von Partei und Gewerkschaften durch.
Während des Ersten Weltkrieges unterstützten sie die Burgfriedenspolitik der Regierung. Mit dem Hilfsdienstgesetz wurden die Gewerkschaften als berufene Interessenvertreter der Arbeiter staatlich anerkannt. Kurz nach dem Beginn der Novemberrevolution vereinbarten sie mit den Arbeitgebern das Stinnes-Legien-Abkommen, das ihnen auch die Anerkennung der Arbeitgeber als Verhandlungspartner einbrachte.
Zu Beginn der Weimarer Republik wurde die Organisation der freien Gewerkschaften in Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund umbenannt. Hatte die Generalkommission vor dem Ersten Weltkrieg noch die (wenigen) sozialdemokratisch orientierten Angestellten mitorganisiert, kam es 1920 zur Gründung des Allgemeinen freien Angestelltenbundes (AfA-Bund). Im Jahr 1924 kam es zur Gründung des Allgemeinen deutschen Beamtenbundes (ADB). Sowohl diese Organisation der Beamten wie auch der AfA-Bund waren lose mit dem ADGB verbunden. Man sprach zeitgenössisch vom „Drei-Säulen-Modell“ der Arbeitnehmerbewegung.
Den Höhepunkt ihrer Bedeutung erreichten die freien Gewerkschaften in den frühen 1920er Jahren. In dieser Zeit erreichten sie ihre höchsten Mitgliederzahlen. Der Generalstreik der Gewerkschaften trug entscheidend zur Niederschlagung des Kapp-Putsches bei. Während der Inflationszeit geriet die Organisation in eine tiefe Krise. Nach einer Phase der Erholung war mit der Weltwirtschaftskrise erneut eine Schwächung der freien Gewerkschaften verbunden. In der ersten Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft bemühten sich die Führer der freien Gewerkschaften um ein Fortbestehen der Organisation und passten sich dem neuen Regime an. Dies verhinderte nicht, dass die freien Gewerkschaften unmittelbar nach dem „Tag der nationalen Arbeit“ (Erster Mai) 1933 zerschlagen wurden.
Frühzeit mini|Probenummer der Zeitschrift „Das Volk“ herausgegeben von Stephan Born Erste gewerkschaftsähnliche Ansätze gab es bereits im Vormärz. So wurde 1846 von Leipziger Buchdruckern der Gutenbergverein gegründet. Die Buchdrucker waren auch später eine wichtige Gruppe der frühen Arbeiterbewegung. Sie konnten dabei auf eine alte Organisationstradition zurückblicken. Im Jahr 1848 wurden von Prinzipalen und Gesellen zunächst ein gemeinsamer Nationaler Buchdruckerverein gegründet, ehe nach Arbeitskämpfen sich 1849 mit dem Gutenbergbund eine Organisation der Gesellen bildete. Aus dem Umfeld der Buchdrucker ging auch Stephan Born hervor, der in Paris mit Karl Marx und Friedrich Engels in Kontakt kam und Mitglied im Bund der Kommunisten wurde.
Die zweite Gruppe, die sich besonders früh überregional organisierte, waren die Zigarrenarbeiter. Während der Revolution von 1848 kam es am 25. September 1848 zum ersten Zigarrenarbeiterkongress, auf dem mit der Assoziation der Zigarren-Arbeiter Deutschlands eine zentrale Organisation gegründet wurde. Sie orientierte sich dabei teilweise noch an der berufsständischen Politik der Zünfte. Daneben wurden aber auch bereits Mindestlöhne und Tarifverträge gefordert. Im Jahr 1849 waren in diesem Verband bereits 77 Orte vertreten. Anknüpfen konnten die Organisationen an schon bestehende Unterstützungs- und Bildungsvereine.
Während der Bund der Kommunisten mit dem Schwerpunkt im Rheinland sich während der Revolution insbesondere um programmatische Fragen kümmerte, wurde die von Stephan Born in Berlin gegründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung zum eigentlichen Ursprung der organisierten Arbeiterbewegung. Auch wenn in ihr auch noch Meister organisiert waren, stellte sie Forderungen zur Verbesserung der Lage der Arbeiter. Darunter waren etwa Mindestlöhne und eine Regelung der Arbeitszeiten aber auch die Forderung nach Koalitionsfreiheit. Diese und andere Punkte gehörten auch später zu den wichtigen Forderungen gerade auch der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung.
Unter anderem von Born organisiert, fand in Berlin ein Allgemeiner Arbeiterkongress statt. Im Aufruf in Borns Zeitschrift Das Volk hieß es:
Letztlich konnten sich die verschiedenen Ansätze zur Entstehung einer Arbeiterbewegung in der Reaktionsära nicht halten. Im Jahr 1850 wurden die Buchdrucker- und Tabakarbeitergewerkschaft sowie die Arbeiterverbrüderung verboten.
Allerdings kam es trotzdem auf lokaler Ebene, teilweise anknüpfend an Organisationen der Revolutionszeit, zu Arbeitskämpfen. So streikten 1850 etwa 2000 Tucharbeiter in Lennep. Dort hatte es während der Revolution einen Arbeiterverein gegeben, der auch in andere Orte des bergischen Landes ausgestrahlt hatte. Vor dem Streik konnte in Lennep ein neuer Verein entstehen. Die Bewegung wurde militärisch unterdrückt. Ähnlich verliefen Arbeitskämpfe 1855 und 1857 in Elberfeld und Barmen. Auch insgesamt hat sich der Streik als Methode zur Durchsetzung von materiellen Interessen in dieser Zeit allmählich durchgesetzt. Allein im Jahr 1857 zählte man 41 Streiks. Es gelang der Polizei nicht, alle Zusammenschlüsse zu verbieten. Auf lokaler Ebene existierten Organisationen teilweise als Unterstützungskassen oder Bildungs- und Geselligkeitsvereine fort oder bildeten sich neu.
Entwicklung bis zum Ende des Sozialistengesetzes Voraussetzungen für Gewerkschaftsgründungen mini|Die Zigarrenarbeiter waren neben den Buchdruckern eine Kerngruppe der frühen Gewerkschaftsbewegung (Gemälde von J. Marx von 1889) In den 1860er Jahren verbesserten sich in Preußen während der sogenannten Neuen Ära die Bedingungen für organisatorische Bestrebungen der Arbeiter. In der Zeit des Verfassungskonflikts warben der Linksliberalismus und die bürgerlichen Demokraten um die Arbeiter. Aus diesem Umfeld wurde die Arbeiterbewegung insbesondere in Form der Arbeiterbildungsvereine stark gefördert. Zwischen 1860 und 1864 entstanden nach einer Schätzung 225 Arbeiter- und Handwerkervereine.
Allmählich machten sich aber Bestrebungen zu eigenständigen, vom Bürgertum unabhängigen Organisationen breit. Als solche entstand 1863 der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV). Daneben entstand, zunächst noch mit dem Linksliberalismus verbunden, der Vereinstag Deutscher Arbeitervereine (VDAV). 1868 hatten August Bebel und Wilhelm Liebknecht diesen zu einer Arbeiterorganisation umgeformt. In dieser Zeit entstand auch die Zweiteilung der Arbeiterbewegung in Partei und Gewerkschaft. Dabei herrschte in Deutschland bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die Partei vor. In Großbritannien dagegen waren Gewerkschaften längst zu mächtigen Organisationen geworden, ehe sich um die Jahrhundertwende die Labour Party bildete. In Deutschland war es umgekehrt. Zunächst entstanden Arbeiterparteien und erst danach von ihnen abhängige Gewerkschaften. Die Partei betrachtete die Gewerkschaften gerne als untergeordnete Schulen für ihren Nachwuchs.
Eine wichtige Voraussetzung für das Entstehen von dauerhaften Gewerkschaftsorganisationen war das Koalitionsrecht. In Preußen bestand seit 1845 ein gesetzliches Koalitionsverbot, das 1854 noch verschärft wurde. 1860 endete endgültig die staatliche Kontrolle über die Arbeitsverhältnisse im Bergbau. Im Berggesetz von 1865 wurde das Koalitionsverbot ausdrücklich verankert. Nicht nur in Arbeiterkreisen, auch unter Sozialreformern wie Gustav Schmoller wurde das Koalitionsverbot zunehmend kritisch gesehen. Insbesondere aus linksliberalen Kreisen gab es Vorstöße gegen das Verbot von Zusammenschlüssen. Im Königreich Sachsen war das Koalitionsverbot 1861 gefallen, als man in Preußen ab 1867 zu einer lockeren Handhabung überging, ehe die Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes 1869 das Koalitionsrecht ausdrücklich einräumte.
Entstehungszeit sozialistischer Gewerkschaften mini|August Bebel entwarf Musterstatuten für die Internationalen Gewerkgenossenschaften mini|Johann Baptist von Schweitzer gründete trotz theoretischer Bedenken im Umfeld des ADAV die Arbeiterschaften Während Axel Kuhn meint, dass die Gewerkschaftsgründungen von den Parteien ausgingen, betont Klaus Schönhoven, dass die ursprünglichen Impulse zur Gewerkschaftsgründung nicht von den Parteien ausgingen, sondern sich diese autonom entwickelten. Sowohl ADAV wie auch VDAV griffen diese Bestrebungen zunächst zögernd auf, um ihre Basis zu verstärken. Die Gründung von Gewerkschaften durch den ADAV widersprach eigentlich dem eheren Lohngesetz als einem zentralen Bestandteil der Parteiideologie. Dies besagt, dass durch Streiks oder ähnliche Maßnahmen erzielte Lohnzuwächse sogleich vom Markt wieder zunichtegemacht würden. Eine Gewerkschaft, mit dem Ziel Lohnerhöhungen durchzusetzen, hätte somit keinen Sinn. Die Partei argumentierte, dass die Gewerkschaften nützlich für die Bewusstseinsbildung und daher sinnvoll seien. Die Folgen des Engagements der Parteien war ambivalent. Einerseits beschleunigten sie den Prozess der Mobilisierung, andererseits gerieten die Gewerkschaften in den Sog politischer Konflikte.