Gerundium (lat. gerere „vollbringen“, gerundus (ältere Form für gerendus) „auszuführend“, als Substantiv Neutrum gerundiumDie Form gerund-ium statt gerund-um ist wahrscheinlich eine Analogbildung nach particĭp-ium. „das Auszuführende“)Hadumod Bußmann (Hrsg.) unter Mitarbeit von Hartmut Lauffer: Lexikon der Sprachwissenschaft. 4., durchgesehene und bibliographisch ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-520-45204-7, Artikel Gerundium. ist ursprünglich ein Begriff aus der lateinischen Grammatik, wo er ein Verbalsubstantiv bezeichnet. Genauer gesagt bezeichnet man hier als Gerundium die Deklinationsformen des Verbalsubstantivs, in denen nicht eine Substantivierung (Konversion) der Infinitivform zu sehen ist.

Die Bezeichnung wird alternativ zu anderen Bezeichnungen in zahlreichen Sprachen verwendet, ohne immer deckungsgleich mit der Verwendung im Lateinischen zu sein.

Folgende Anwendungen sind die häufigsten: Englisch: Verbalsubstantiv. Slawische Sprachen, baltische Sprachen: alternative Bezeichnung für die Adverbialpartizipien. Sanskrit: adverbial gebrauchtes Gerundium ohne Kasusbezug zu anderen Satzteilen (s. Absolutivum). Turksprachen u. a.: spezielle nicht-finite Formen zum Ausdruck von Adverbialsätzen, s. Konverb.

Latein Im Lateinischen ist das Gerundium ein Verbalsubstantiv. Es ergänzt die substantivische Verwendung der Infinitivform, da die Infinitivform im Lateinischen nur als Nominativ oder präpositionsloser Akkusativ substantivisch verwendet werden kann. Die fehlenden Kasus (Fälle), die sogenannten cāsūs oblīquī Genitiv, Dativ, Akkusativ nach Präposition und Ablativ, werden dann vom Gerundium übernommen.

Beispiele für den substantivierten Infinitiv: Nominativ: Cantāre mē dēlectat. „Singen (das Singen) erfreut mich.“ Akkusativ: Didicī cantāre. „Ich lernte singen (das Singen).“

Beispiele für das Gerundium als Ersatzform für die fehlenden Fälle (Kasus): legere „lesen, das Lesen“ → ars legendī (Genitiv) „die Kunst des Lesens“ docēre „lehren, das Lehren“ → docendō (Ablativ) discimus „durch (das) Lehren lernen wir“

Beziehung zum Gerundivum Das Gerundium entstand historisch aus dem substantivierten Neutrum des verbaladjektivischen Gerundivums (Gerundiv).Die Entstehung des Gerundiums aus dem Gerundivum kann man sich etwa so vorstellen: Aus cupiditās librī legendī (wörtlich: „Begierde nach einem zu lesenden Buch“) wurde cupiditas legendi („Begierde nach zu Lesendem“ und daraus „Begierde nach Lektüre“). Beispiele mit Übersetzung aus: F. Adami und Eduard Bornemann: Lateinische Sprachlehre (= Bornemann. Lateinisches Unterrichtswerk. Teil 3). 8. Auflage. Hirschgraben-Verlag, Frankfurt 1970, S. 163. Beispiel für die formale Herleitung des Gerundiums aus dem Gerundivum: Gerundivum (passivisches Verbaladjektiv auf -us, -a, -um mit den Endungen der o/a-Deklination): Das Neutrum Singular legendum „ein zu lesendes“ wird substantiviert zum Gerundium auf -i, -o, -um: legendī „des Lesens“, legendō „durch das Lesen“, ad legendum „zum Lesen“. Gerundivum und Gerundium werden wegen des charakteristischen Bildungselementes auch adjektivische nd-Form (= Gerundivum) bzw. substantivische nd-Form (= Gerundium) genannt.Vergleiche die ähnlichen Bezeichnungen ant-Form im Französischen und ing-Form im Englischen.

Morphologie (Formenlehre) Morphologisch wird das Gerundium, das formengleich mit dem Gerundivum ist, aus dem Präsensstamm des Verbes, dem Kennzeichen -nd- und den drei Endungen -ī, -ō, -um gebildet. Der Stammauslaut wird gekürzt (amāre „lieben“ > amăndi „des Liebens“), in der 3. und 4. Konjugation findet sich der Zwischenvokal e (audīre „hören“ > audĭĕndī „des Hörens“, capere „fangen“ > capiĕndī „des Fangens“).Hermann Throm: Lateinische Grammatik. 5. Auflage (= unveränderter Nachdruck der 1. Auflage). Pädagogischer Verlag Schwann, Düsseldorf 1970, S. 58, 68, 195–199. Hermann Throm: Abriss der lateinischen Syntax. 1. Teil. (= Fundamentum Latinum). Pädagogischer Verlag Schwann, Düsseldorf 1959, S. 87–91. (Hermann Throm (1903–1985) war Gymnasialprofessor am Kurfürst-Friedrich-Gymnasium in Heidelberg). 1. Konjugation (ā-Konjugation): laudāre „loben, das Loben“ > laudandī „des Lobens“, 2. Konjugation (ē-Konjugation): dēlēre „zerstören, das Zerstören“ > dēlendī „des Zerstörens“, 3. Konjugation (konsonantische Konjugation): regere „leiten, das Leiten“ > regendī „des Leitens“, 3. Konjugation (gemischte- oder ĭ-Konjugation): capere „fangen, das Fangen“ > capiendī „des Fangens“. 4. Konjugation (ī-Konjugation): audīre „hören, das Hören“ > audiendī „des Hörens“

Die folgende Tabelle zeigt die Deklination des lateinischen Infinitivs des Verbs laudāre „loben“ im Nominativ und reinen Akkusativ sowie die Formen des Gerundiums im Genitiv, Dativ, Akkusativ (mit Präposition) und Ablativ (mit oder ohne Präposition).

Kasus Form mögliche Übersetzung Nominativ laudāre loben, das Loben Genitiv laudandī des Lobens Dativ laudandō dem Loben Akkusativ laudāre loben, das Loben Akkusativ ad laudandŭm zum Loben Ablativ (in) laudandō beim Loben, durch das Loben

Zur Syntax des Gerundiums Das Gerundium dient zwar als Substantiv, hat aber zugleich auch Eigenschaften einer Verbalform: Die vom Gerundium abhängigen Ausdrücke können die Form eines direkten Objekts oder einer adverbialen Bestimmung haben (eben wie sonst bei Verben): Gerundium mit Akkusativ-Objekt: Pompēium laudandō „durch das Loben des Pompeius / indem er Pompeius lobte“, ōrātiōnem habendō „durch das Halten einer Rede“, iniūriam ferendō „durch das Ertragen eines Unrechtes“. Gerundium mit Adverb: diū ridendō „durch langes Lachen“, fortiter bellandō „durch tapfere Kriegführung“, Gútta cavát lapidém nōn ví, sed saépe cadéndō. „Der Tropfen höhlt den Stein nicht mit Kraft, sondern durch häufiges Fallen / Steter Tropfen höhlt den Stein.“ In der deutschen Übersetzung erscheinen die Adverbien (diū, fortiter, saepe) als Adjektive in Verbindung mit den substantivierten Infinitiven.

Das Gerundium (bzw. die ganze Gerundialkonstruktion) nimmt im Satz die Funktionen ein, die seine jeweilige Kasusform auch allgemein haben kann: Es kann als Attribut (Beifügung) von einem Substantiv abhängen, es kann in einem von Verben oder Präpositionen regierten Kasus stehen oder als adverbiale Bestimmung in einem Adverbialkasus. Der Akkusativ des Gerundiums (laudandum) steht nur nach Präpositionen wie ad, in, inter, ob (als Subjekt oder direktes Objekt eines Verbs steht hingegen die Infinitivform). Der Dativ ist wenig gebräuchlich. Der Ablativ steht entweder allein oder nach den Präpositionen in, ab, ex, dē, prō.

Genitiv (Attribut): ars vivendi „die Kunst des Lebens / Lebenskunst“, facultās evadendi „die Möglichkeit des Entkommens / zu entkommen“, evadendī causa „um zu entkommen / wegen des Entkommens“,

Akkusativ wenn von einer Präposition regiert: ad pugnandum parātus „kampfbereit“,

Dativ („finaler Dativ“): solvendō non esse „zahlungsunfähig sein“.

Ablativ: bellandō diripiendōque „durch das Führen eines Krieges und durch das Plündern“, „dadurch, dass sie Krieg führten und plünderten“, Semantik: Ablativ als Adverbialkasus (instrumental/modal). in conficiendō „bei/während der Durchführung“ Ablativ von der temporalen Präposition in regiert.

Wie an den Übersetzungen der Beispiele zu sehen ist, bezeichnet das Gerundium lediglich die im Verb ausgedrückte Handlung, das Tun selbst (es ist ein nomen actionis – im Gegensatz zum verbaladjektivischen Gerundivum, das zusätzlich eine Notwendigkeit ausdrückt, wie in vir laudandus „ein zu lobender Mann, ein Mann, den man loben muss“).

Moderne romanische Sprachen Die romanischen Sprachen setzen als Tochtersprachen des Lateinischen den Ablativ (ohne oder mit Präposition) des lateinischen Gerundiums fort. Es bezeichnet durch den instrumentalen Ablativ die Begleitumstände, unter denen sich eine Handlung vollzieht. Docendo discimus: (Ablativ von dŏcēre „lehren“): „Durch das Lehren, dadurch, dass wir lehren, lernen wir.“Heinrich Lausberg: Romanische Sprachwissenschaft. Formenlehre 2. Teil (= Sammlung Göschen, Band 1200/1200a). Walter de Gruyter, Berlin 1962, S. 198–202. Wilhelm Meyer-Lübke: Grammatik der romanischen Sprachen. Band 3: Romanische Syntax. Verlag O. R. Reisland, Leipzig 1899, S. 534. (Reprografischer Nachdruck: Verlag Olms, Hildesheim/New York 1972, ISBN 978-3-487-04239-8).

Die Formen der modernen romanischen Sprachen: Ausgangsform: lateinisch: cantando (Ablativ von căntāre „singen“, „durch das Singen“) > rumänisch: cântând, italienisch, sardisch, spanisch, portugiesisch: cantando, katalanisch: cantant, rätoromanisch: chantand (engadinisch) und cantond (surselvisch), französisch: chantant, okzitanisch: cantant.

Französisch Das französische Gerundium (le gérondif)Die Bezeichnung gérondif, im 16. Jahrhundert aus lateinisch gerundivum entlehnt, ist eigentlich irreführend, da es sich hier nicht um das Gerundivum handelt, das im Französischen als adjectif verbal bezeichnet wird. gehört mit dem Partizip Präsens (Mittelwort der Gegenwart, le participe présent) zu den ant-Formen, vergleichbar den ing-Formen im Englischen.

Bei der Entwicklung vom Lateinischen zum Französischen sind Gerundium und Partizip Präsens lautlich zusammengefallen (cantando > chantant; cantantem > chantant). Deshalb entspricht das französische gérondif heute (auf der synchronen Ebene) formal dem participe présent (Partizip Präsens), dem die Präposition en In der älteren französischen Sprache (vor 1600) konnte das Gerundium auch mit anderen Präpositionen wie z. B. à, de, par, pour und sans verbunden werden. Auch ohne Präposition kam das Gerundium bis ins 17. Jahrhundert vor. Ernst Gamillscheg: Historische französische Syntax. Max Niemeyer Verlag, Tübingen, 1957, S. 445–447. vorangestellt wird.

Beispiel: Il travaille en chantant. (wörtlich: „Er arbeitet im Singen“) „Er arbeitet und singt dabei“.

Ausgangsform zur Bildung des Gerundiums sowie des Partizip Präsens im modernen Französischen ist die 1. Person Plural des Präsens Indikativ (le présent de l’indicatif) eines Verbes.

Beispiele: chanter „singen“ > nous chantons „wir singen“ > (en) chantant „singend“. faire „machen“ > nous faisons „wir machen“ > (en) faisant „machend“. finir „beendigen“ > nous finissons „wir beendigen“ > (en) finissant „beendigend“. voir „sehen“ > nous voyons „wir sehen“ > (en)voyant „sehend“. Unregelmäßige Bildungen haben drei Verben: être „sein“ > (en) étant „seiend“. avoir „haben“ > (en) ayant „habend“. savoir „wissen“ > (en) sachant „wissend“.

Das neufranzösische gérondif hat zwei Formen (les temps du gérondif)Maurice Grevisse: Le bon usage. Grammaire française. 12. Auflage, bearbeitet von André Goosse. Éditions Duculot, Paris/Gembloux, 1986, S. 1348, § 892.: le gérondif présent (gewöhnlich gérondif genannt) zum Ausdruck der Gleichzeitigkeit in Bezug auf das Hauptverb: en chantant „singend, beim Singen“. Beispiel: Il faisait toujours ses devoirs en chantant. „Er sang immer wenn er seine Hausaufgaben machte“ (beide Handlungen laufen gleichzeitig ab). le gérondif passé zum Ausdruck der Vorzeitigkeit in Bezug auf das Hauptverb: en ayant chanté „gesungen habend, als er gesungen hatte“. Diese Form gilt als schwerfällig und wird im modernen Sprachgebrauch vermieden.Man verwendet dafür ayant + participe passé (Mittelwort der Vergangenheit, Partizip Perfekt): Ayant fait ses devoirs … „als (da) er seine Aufgaben gemacht hatte“, oder einen Nebensatz mit einer Konjunktion wie z. B. quand, comme, après que bzw. eine Infinitiv-Konstruktion: Après avoir fait ses devoirs, il quitta (il a quitté) la maison. „Nachdem er seine Aufgaben gemacht hatte, verließ er das Haus.“

Das gérondif hat im heutigen Französisch eine temporale (zeitliche), konditionale (bedingende) oder modale (die Art und Weise betreffende) Bedeutung.Hans-Wilhelm Klein und Hartmut Kleineidam: Études françaises: Grundgrammatik. Ernst Klett Schulbuchverlag, Stuttgart 1989, S. 130–132.