mini|hochkant|Nikolai Morosov (1910) mini|Blick in das frühere Arbeitszimmer in Borok Nikolai Alexandrowitsch Morosow (, wiss. Transliteration ; * auf dem Gut Borok im Gouvernement Jaroslawl; † 30. Juli 1946 ebenda) war ein russischer Revolutionär und Freimaurer, der sich unter anderem mit Astronomie und Chemie beschäftigte. Mit seinen pseudowissenschaftlichen Schriften legte Morosow den Grundstein für die Neue Chronologie von Anatolij Fomenko.
Zaristisches Russland Er war der uneheliche Sohn des Gutsbesitzers P. A. Schtschepotschkin aus dem Ujesd Mologa und einer Tochter eines Schmiedes; er führte den Familiennamen seiner Mutter. Von 1869 bis 1874 war er Schüler des Zweiten Moskauer Gymnasiums, das er jedoch infolge seiner revolutionären Tätigkeit nicht abschloss. Im Jahr 1874 trat er dem Moskauer Zirkel der „Tschaikowzy“ bei und beteiligte sich am „Gang ins Volk“ (Aufklärung und revolutionäre Agitation unter den Bauern). Im selben Jahr wurde er nach Genf entsandt, wo er als Redakteur und Journalist für verschiedene Publikationen tätig war und Mitglied der Ersten Internationale wurde.
Morosow verbrachte wegen Verbreitung revolutionären Gedankenguts fast 25 Jahre in zaristischer Festungshaft. Schon bald nach seiner Freilassung im Jahre 1906 wurde er in Sankt Petersburg zum Professor für Astronomie ernannt. Darüber hinaus lehrte Morosow Chemie an der dortigen Hochschule. Er wurde Mitglied fast aller naturwissenschaftlichen Gesellschaften Russlands, Vorsitzender der Gesellschaft für Naturkunde, sogar Mitglied des Aeroklubs. Noch im Jahre 1907 wurde er zum Abgeordneten der Duma gewählt, durfte dieses Amt als ehemaliger politischer Gefangener aber nicht antreten. Für seine 1910 erschienene Gedichtsammlung „Sternenlieder“ wurde er erneut zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt, die er 1912–1913 in der Dünaburger Festung verbüßte.
Nach der Oktoberrevolution Er ist der Autor einer Reihe von Büchern und Artikeln über Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Astronomie, Meteorologie, Geophysik, Luftfahrt und anderem mehr – größtenteils im populärwissenschaftlichen Charakter. In seinen Arbeiten bestritt er die Relativitätstheorie A. Einsteins. Seine Hypothesen über den komplexen Aufbau der Atome, die weit von modernen Vorstellungen entfernt waren, kombinierten sich mit haltlosen spekulativen Schlussfolgerungen.
Ab 1918 war Morosow Leiter des großen P.-F.-Lesgaft-Instituts für Naturwissenschaften in Petrograd, ab 1924 Leningrad, und wurde Herausgeber der wissenschaftlichen Zeitschrift dieses Institutes. Mit der Entwicklung neuer mathematisch-astronomischer Methoden beabsichtigte er außerdem, einen Beitrag zur Datierungsproblematik geschichtlicher Ereignisse auf Basis von Himmelskörperkonstellationen zu leisten. Lenin gab Morosow aufgrund seiner revolutionären und wissenschaftlichen Verdienste 1923 sein ehemaliges Landgut zurück, wo Morosow die letzten Lebensjahre bis zu seinem Tod verbrachte. 1931 vermachte er jedoch den größten Teil des Landgutes der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, die daraus ein Erholungszentrum für Akademiemitglieder machte. 1932 wurde er zum Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften gewählt. Bis 1946 setzte sich seine rege Veröffentlichungstätigkeit auf wissenschaftlichem und literarischen Gebiet fort, u. a. erschienen auch seine Memoiren in mehreren Auflagen.
Nach Morosows Tod wurde sein Geburtshaus in ein ihm gewidmetes Museum umgewandelt.
Chronologiekritik Morosow selbst sah seine Erkenntnisse im Bereich der Chronologieforschung, die er vor allem auf die Bibel anwandte, als seine größte Leistung an. Dagegen klassifizieren Spezialisten aus verschiedenen Disziplinen Morosows Konzept, das die etablierte Chronologie historischer Ereignisse verkürzt, als pseudowissenschaftlich.
Sein Buch „Die Offenbarung Johannis – Eine astronomisch-historische Untersuchung“ erlebte von 1907 bis 1910 drei Auflagen. Seit Ende 1907 hielt Morosow in den größeren Städten Russlands öffentliche Vorträge über seine Sicht der Offenbarung des Johannes. Die deutsche Ausgabe mit einem Vorwort von Arthur Drews erschien 1912. Er fand eine wachsende Zahl begeisterter Anhänger, aber auch erbitterten Hass und Widerstand aus Kreisen der orthodoxen Kirche, die bald auch ein Vortragsverbot bei der Regierung gegen ihn erwirkte.
Zur Offenbarung des Johannes stellte Morosow zwei Thesen auf: Die Johannesapokalypse beschreibt die einzigartige Himmelskonstellation des 30. September 395. Der Verfasser dieser Schrift ist identisch mit Johannes Chrysostomos von Antiochia.
Als Morosows Hauptwerk galt ihm selbst schließlich das siebenbändig 1924 bis 1932 erschienene Buch Christus – Geschichte der menschlichen Kultur aus naturwissenschaftlicher Sicht. Drei weitere geplante und als Manuskript ausgeführte Bände blieben allerdings unveröffentlicht. Das Werk verarbeitete die Erkenntnisse seiner umfangreichen chronologischen Bibelforschungen, welche er nach 1918 zusammen mit einigen Mitarbeitern des Lesgaft-Instituts durch eine ausführliche Analyse der Bibel und der historischen Dokumente, die den biblischen Geschichtsperioden zugeordnet werden, erarbeitet hatte. Seine diesbezüglichen Forschungen waren sowohl in religiösen Kreisen als auch im Institut und unter Wissenschaftlerkollegen sowie Politikern umstritten. Letzteres führte dazu, dass sich die Veröffentlichung schwierig gestaltete. Über vier Jahre zogen sich die Auseinandersetzungen, Eingaben, Briefe an Lenin, Expertisen zu Morosows Werk (u. a. durch den sowjetischen Bildungsminister Anatoli Lunatscharski) hin, bis der erste Band 1924 erscheinen konnte.
Nachwirkungen Eine Reihe anderer Theoretiker, die jedoch meist nicht der klassischen Geschichtswissenschaft entstammten, ließ sich durch Morosows Forschungen anregen und nahm Ideen aus seinen chronologisch-historischen Werken auf, so etwa Anatoli Timofejewitsch Fomenko bei der Ausarbeitung seiner Neuen Chronologie. Auch Immanuel Velikovsky werden Übernahmen aus den Ideen Morosows zugeschrieben. In seinen chronologiekritischen Schriften beruft sich der Schweizer Historiker Christoph Pfister ebenfalls auf Morosows Werk.
Nach Morosow sind seit 1931 der Asteroid (1210) Morosovia, seit 1922 die Siedlung Possjolok imeni Morosowa, seit 1970 der Mondkrater Morozov und die dortige vormalige Schlüsselburger Schießpulverfabrik in der heutigen Oblast Leningrad in Russland sowie Straßen in verschiedenen Städten Russlands benannt.
Literatur Die Offenbarung Johannis – Eine astronomisch-historische Untersuchung. Stuttgart 1912, 223 Seiten (russ. 1907). Periodische Systeme des Aufbaus der Materie – Theorie der Entstehung der chemischen Elemente. Moskau 1907, 483 Seiten, 55 lithographierte Tafeln [Manuskript 1906] Die Grundlagen der qualitativen Analyse der mathematischen Physik., 402 Seiten, 22 Tafeln und 89 Bilder. 1908. Widerstandsgesetze bei der Bewegung von Körpern im elastischen Raum. 1908, 66 Seiten. Die Grundlagen der vektorialen Algebra in ihrer Entstehung aus der reinen Mathematik. 1909, mit 88 Abbildungen und 2 Tafeln. Christus – Geschichte der menschlichen Kultur aus naturwissenschaftlicher Sicht. 7 Bände. Moskau 1924–1932.
Weblinks
Morosow auf hrono.ru
Gedicht: "Eine Heldin von vielen" von Nikolai Alexandrowitsch Morosow über die Revolutionärin Ljudmila Wolkenstein (entstanden während seiner Haftzeit, ca. 1900)
Einzelnachweise
Kategorie:Astronom (20. Jahrhundert) Kategorie:Chemiker (20. Jahrhundert) Kategorie:Chronologiekritik Kategorie:Ehrenmitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Person als Namensgeber für einen Asteroiden Kategorie:Person als Namensgeber für einen Mondkrater Kategorie:Russe Kategorie:Geboren 1854 Kategorie:Gestorben 1946 Kategorie:Mann