mini|Don-Inda-Klasse, spanische Notschlepper mit 228 t Pfahlzug Ein Notschleppkonzept ist ein Plan, der die rechtzeitige Ankunft leistungsfähiger Bergungsschlepper bei einem Havaristen sicherstellen soll, bevor dieser in eine Situation gerät, aus der ein Freischleppen nicht oder nur unter Inkaufnahme schwerer Umweltschäden möglich ist. Solche Konzepte werden meist von staatlichen Stellen erarbeitet. Oft beinhalten solche Konzepte außer Vorgaben für Eingreifzeiten und Größenklassen von Schleppern auch weitere Vorgaben, wie z. B. Notliegeplätze und Maßnahmen zur Unterstützung durch Einheiten vom Festland aus.BMVBS: Maritime Notfallvorsorge Infolge der Erstellung solcher Pläne wurden in vielen Ländern staatlich betriebene oder geförderte Notschleppkapazitäten mit spezialisierten Einheiten (Notschleppern) aufgebaut. Oft werden auch Neubauten von Behördenschiffen (z. B. Küstenwache) als Multifunktionseinheiten mit Notschlepp- und Rettungsfähigkeiten geplant. Auch in Ländern, in denen solche staatsunterstützten Konzepte nicht vorhanden sind, existieren häufig Notschleppkapazitäten privater Firmen, da diese Schleppaufträge lukrativ sein können. Jedoch ist in diesen Ländern nicht sichergestellt, dass jederzeit alle Seegebiete mit ausreichenden Kapazitäten ausgestattet sind, da sich private Firmen evtl. nur für bestimmte Regionen mit hoher Eintrittswahrscheinlichkeit einer Havarie interessieren.
Notschlepper Als Notschlepper (englisch: Emergency TowingVessel – ETV) bezeichnet man einen Bergungsschlepper oder ein entsprechend ausgerüstetes Mehrzweckschiff, das – meist behördlich oder in behördlichem Auftrag betrieben – zur Abwehr einer Gefahr für Menschen, die Umwelt oder die Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs manövrierunfähige oder -behinderte Schiffe an einen sicheren Ort verbringen oder sie gegen Wind und Strömung halten oder kontrolliert verdriften kann, bis kommerzielle Schleppdienste den Havaristen übernehmen oder seine Manövrierfähigkeit wieder hergestellt ist. Weiterhin werden an Notschlepper Anforderungen zur Unterbringung größerer Gruppen Schiffbrüchiger, zu Feuerlöschkapazitäten, Operation in explosionsgefährdeten Umgebungen usw. gestellt. Die Grenze zu kommerziellen Bergungsschleppern ist fließend; manchmal werden privat betriebene Schlepper zusätzlich von einem Staat gefördert, um Notschleppkapazitäten sicherstellen zu können. In anderen Ländern wiederum werden Notschleppkapazitäten hauptsächlich von der Marine bereitgestellt. Viele der neueren existierenden Notschlepper sind nach einem von mehreren von Rolls-Royce erarbeiteten Grunddesigns gebaut. (online via www.rusi.org; PDF; 267 kB)
Deutsches Notschleppkonzept Das deutsche Notschleppkonzept, aufgerufen am 25. Februar 2011 sieht für jeden Notfallort auf See im deutschen Zuständigkeitsbereich eine maximale Eingreifzeit von zwei Stunden vor. Dies erfordert in der Nordsee drei, in der Ostsee trotz deutlich geringerer Fläche vier Schlepper. Eine fünfte Station in der Ostsee (Kiel) wurde im Frühjahr 2021 aufgegeben.Bundesbehörde sieht keinen Bedarf mehr für die „Bülk“, Kieler Nachrichten vom 27. April 2021 Geforderte Ausrüstung und Leistung der Schlepper sind den Schiffsgrößen im jeweiligen Einsatzbereich angepasst. Um auch dicht unter Land operieren zu können, sind für jede Station maximale Tiefgänge festgelegt. Außerdem ist je ein Schiff mit mindestens 200 t bzw. 100 t Pfahlzug in Nord- und Ostsee stationiert, um die festgelegten Bemessungsschiffe sicher handhaben zu können. Diese sind, bei Windstärke 9, Böen 11, in der Nordsee ein 13.000-TEU-Containerschiff (entspricht etwa der Emma-Mærsk-Klasse) und in der Ostsee ein 135.000-tdw-Tankschiff. Ein Pfahlzug von 200 t ist nur mit einem höheren Tiefgang als dem für die Nordsee geforderten Maximum von 6 m wirtschaftlich zu erreichen. Daher benötigt dieses Schiff, die Nordic, eine ballastveränderliche Tauchtiefe, die in der Ostsee eingesetzte Baltic braucht dagegen wegen der winterlichen Vereisung der Ostsee eine höhere Eisklasse. Zum Schleppen havarierter Tankschiffe mit entsprechender Ladung sind beide Schiffe auch in explosionsgefährdeten Bereichen einsetzbar.
Vier der acht Fahrzeuge sind Mehrzweckschiffe der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes. Weitere drei sind gechartert: zwei von der Hamburger Fairplay-Gruppe, eines von der Bremer Boluda Deutschland.
Die Arbeitsgemeinschaft Küstenschutz betreibt mit Nordic und Baltic die jeweils leistungsstärksten Schlepper in beiden Meeren und stellt auch zwei, auf der Nordic vor Norderney und in Warnemünde, vorgehaltene Boarding-Teams zur Bemannung evakuierter Schiffe. Während die Charterschlepper durchgehend zur Verfügung stehen, beziehen die Mehrzweckschiffe ihre Notschleppstationen erst ab Windstärke 8. Die jährlichen Charterkosten für die Schlepper beliefen sich 2005 auf rund 15 Millionen Euro.
Seit 2001 besteht eine Vereinbarung mit den Niederlanden zur gegenseitigen Unterstützung. Davon betroffen sind der niederländische Schlepper Guardian (ex Ievoli Amaranth) und die Nordic. Zur Sicherstellung der Möglichkeit, havarierte Schiffe auf einen Notliegeplatz einzuweisen, hat der Bund 2005 außerdem mit den fünf Küstenländern eine entsprechende Vereinbarung geschlossen.
Die gecharterten Notschlepper werden wie die bundeseigenen Mehrzweckschiffe vom Reedereizentrum der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung in Cuxhaven bereedert. Im Fall einer komplexen Schadenslage kann auch das benachbarte Havariekommando in Cuxhaven auf die Notschlepper zurückgreifen.
Anders als in manchen anderen Ländern sieht das deutsche Notschleppkonzept keine festgelegten Notliegeplätze vor; es gibt allerdings beim Havariekommando eine Liste von in Frage kommenden Liegeplätzen, die im Bedarfsfall zugewiesen werden können. Notschlepper und ihre Stationen Nr. Gebiet Schiffsname Bild Pfahlzug(in Tonnen) Typ Stationierungsposition 1 Nordsee Nordic 120px 201 gecharterter Schlepper (Fairplay-Gruppe) 10 sm nördlich Norderney 2 Nordsee Mellum 120px 110 Mehrzweckschiff der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung 5 sm südwestlich Helgoland 3 Nordsee Neuwerk 120px 110 Mehrzweckschiff der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung 5 sm südwestlich Süderoogsand 4 Ostsee Scharhörn 120px 145 Mehrzweckschiff der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung Kiel-Ostsee-Weg 5 Ostsee Baltic 120px 127 gecharterter Schlepper (Fairplay-Gruppe) Warnemünde 6 Ostsee Arkona 120px 40 Mehrzweckschiff der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung Stralsund 7 Ostsee VB Bremen Fighter 120px 104 gecharterter Schlepper (Boluda Deutschland) Sassnitz
Ehemalige Notschlepperstation Nr. Gebiet Schiffsname Pfahlzug(in Tonnen) Typ Stationierungsposition 1 Ostsee Bülk 40 gecharterter Schlepper (Schlepp- und Fährgesellschaft Kiel) Kieler Förde
Entwicklung des Notschleppsystems in Deutschland Wegen eines kontinuierlichen Rückgangs der Schiffshavarien verringerten die Bergungsunternehmen in den 1970er Jahren ihre Schleppkapazitäten. In den 1980er Jahren waren kommerzielle Hochseeschlepper kaum noch wirtschaftlich zu betreiben, eine durchgängige Verfügbarkeit war in der Deutschen Bucht nicht mehr gewährleistet. In Reaktion auf diese Entwicklung stellte die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung mit dem Mehrzweckschiff Mellum 1984 erstmals ein Fahrzeug mit erheblicher Notschleppkapazität in Dienst. Die Ausweitung des deutschen Küstenmeeres und die Einrichtung einer ausschließlichen Wirtschaftszone zum 1. Januar 1995 sowie die fehlende Reserve für die Mellum waren weitere Gründe, ein zweites Schiff in Dienst zu stellen.Antwort der Bundesregierung vom 20. Juli 1995 auf eine kleine Anfrage der Abgeordneten Gila Altmann zum Thema „Hochseeschlepper unter bundesdeutscher Flagge und Küstenschutz“ (PDF; 362 kB) Im September 1995 wurde zunächst aus Anlass eines geplanten längeren Werftaufenthaltes der Mellum kurzfristig der in diesem Zusammenhang ebenfalls als Mehrzweckschiff bezeichnete Bohrinselversorger Manta gechartert. In die Ausschreibung einer längerfristigen Charter fiel die Havarie des Öltankers Sea Empress im Februar 1996 vor Großbritannien, bei der die Grenzen der eingesetzten Schlepper offenbar wurden, was zu einer Überprüfung der Ausschreibungsbedingungen führte. Schließlich wurde als Bemessungsschiff ein 250.000-tdw-Tankschiff festgelegt und noch 1996 der Hochseeschlepper Oceanic gechartert. Die Bereithaltung von Schleppkapazität war jedoch nur für die Deutsche Bucht vorgesehen, nicht für die Ostsee, und nach der 1998 erfolgten Indienststellung des neuen Mehrzweckschiffes Neuwerk, mit dem das Konzept der Mellum fortgesetzt und erweitert worden war, sollte die Charter auslaufen.
Im Oktober/November 1998 kam es an der nordfriesischen Küste zur Havarie des Stückgutschiffes Pallas, bei der mehrere Schleppversuche unter Beteiligung von Neuwerk, Mellum und Oceanic scheiterten. Bei der schließlichen Strandung des Schiffes im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer wurden Strände auf Amrum und Föhr mit Schweröl verunreinigt, etwa 16.000 Seevögel verendeten. Die große öffentliche Aufmerksamkeit für diese Schäden, die von einem Schiff ohne jedes besondere Gefahrenpotential verursacht waren, machte Schwächen der Gefahrenabwehr auf See offenbar und führte zu einer grundsätzlichen Neubewertung. Eine vom Bundesminister für Verkehr eingesetzte unabhängige Expertenkommission stellte am 16. Februar 2000 neben allgemeinen Organisationsmängeln Ausrüstungsmängel des Notschleppdienstes fest. In der Ostsee gebe es außerdem keinen ausreichend leistungsfähigen Schlepper. – 1,64 MB
Daraufhin wurde auf Basis umfangreicher wissenschaftlicher Gutachten das neue Notschleppkonzept entwickelt.Antwort der Bundesregierung vom 7. November 2001 auf eine kleine Anfrage der Abgeordneten Goldmann, Friedrich, Koppelin u. a. zum Thema „Verbesserung des Küstenschutzes“ (PDF; 360 kB) Die Anforderungen konnten zunächst mit den vorhandenen Fahrzeugen und den auf dem Markt verfügbaren Schleppern nur teilweise erfüllt werden. Das Konzept konnte dementsprechend ab 2001 beginnend mit den zusätzlichen Charterungen nur schrittweise umgesetzt werden. Die Scharhörn und die zu dieser Zeit noch in Planung befindliche, 2005 in Dienst gestellte, Arkona wurden mit Notschleppfähigkeiten ausgestattet. Nach europaweiter Ausschreibung für entsprechende 10-Jahres-Charterverträge gingen schließlich 2009 auch die beiden großen Neufahrzeuge in Bau. Die auf dem Design der spanischen Luz de Mar basierende Baltic löste Ende September 2010 auf der Station Warnemünde den 65-Tonnen-Schlepper Fairplay-26 ab, die Nordic in der Silvesternacht 2010/2011 auf der Station Norderney den Hochseeschlepper Oceanic.
Die Charterschlepper wiesen zunächst keine Kennzeichnung auf, dass sie im behördlichen Auftrag agieren. Bei der Havarie der Glory Amsterdam im Oktober 2017 trug zum Unglück bei, dass der Kapitän zögerte, die Assistenzversuche der Nordic anzunehmen, da er hohe Bergungskosten durch ein kommerzielles Bergungsunternehmen befürchtete. Daraufhin wurde zunächst bei der Nordic ein den Küstenwachtschiffen vergleichbares stilisiertes Hoheitszeichen (ohne die Bezeichnung „Küstenwache“) angebracht.
2019 wurde durch die die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes der Bau von zwei neuen Mehrzweckschiffen bei der Abeking & Rasmussen Schiffs- und Yachtwerft Aktiengesellschaft in Lemwerder beauftragt. Zusätzlich wurde später eine Option für einen dritten Neubau gezogen. Die drei Neubauten der Scharhörn-Klasse sollen auch als Notschlepper eingesetzt werden und die drei Mehrzweckschiffe Scharhörn, Mellum und Neuwerk ersetzen.Auftrag erteilt! Zwei neue Mehrzweckschiffe für Nord- und Ostsee, veröffentlicht auf https://www.gdws.wsv.bund.de/ am 20. Dezember 2019, abgerufen am 30. März 2021 Mit einem Pfahlzug von 145 Tonnen werden sie deutlich leistungsstärker als ihre Vorgänger.
Notschleppsysteme in anderen Ländern Australien