Sahure war der zweite König (Pharao) der altägyptischen 5. Dynastie im Alten Reich. Er regierte etwa innerhalb des Zeitraums von 2490 bis 2475 v. Chr.Jahreszahlen nach T. Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002. In der Landesverwaltung setzte er die Politik seiner Vorgänger fort, hohe Staatsämter zunehmend mit Personen zu besetzen, die nicht der königlichen Familie entstammten. Außenpolitisch sind durch archäologische Funde und Reliefdarstellungen Handelsbeziehungen nach Vorderasien, Nubien und Punt sowie Kriegszüge auf die Sinai-Halbinsel und vielleicht auch nach Libyen bezeugt. Sahure ist aber vor allem durch seine Bautätigkeit bekannt, zu deren zentralen Projekten eine Pyramidenanlage sowie ein bisher unentdecktes Sonnenheiligtum und eine Palastanlage gehörten. Der Totentempel seiner Pyramide zählt zu den besterhaltenen der ägyptischen Geschichte. Architektonisch stellte er ein prägendes Vorbild für spätere Tempelanlagen dar. Seine gut erhaltenen Reliefdarstellungen geben ausführliche Einblicke in die familiären Beziehungen der 5. Dynastie sowie in die Wirtschaft, Verwaltung und die Außenbeziehungen Ägyptens während Sahures Regierungszeit.
Herkunft und Familie mini|hochkant|links|Darstellung des Sahure (groß) mit seinen Söhnen (mittleres und unteres Register); Totentempel der Sahure-Pyramide
Die familiären Beziehungen Sahures waren lange Zeit unklar und Forschungen hierzu stützten sich hauptsächlich auf die Angaben des Papyrus Westcar, nach dem die ersten drei Könige der 5. Dynastie (Userkaf, Sahure und Neferirkare) Brüder waren. Nach einer anderen Variante wurden Sahure und Neferirkare als Söhne des Userkaf und der Chentkaus I. angesehen.Aidan Dodson, Dyan Hilton: The Complete Royal Families of Ancient Egypt. The American University in Cairo Press, London 2004, S. 64–65.
Erst im Jahr 2002 neu entdeckte Relief-Blöcke vom Aufweg der Sahure-Pyramide konnten Klarheit hierüber schaffen. Demnach war Sahures Mutter die „Gottestochter“, „Königsgemahlin“ und „Königsmutter“ Neferhetepes. Sie war die Gemahlin des Userkaf, der ihr in Sakkara eine Königinnenpyramide neben seiner eigenen Pyramidenanlage errichten ließ. Userkaf kann somit als Vater von Sahure angesehen werden.Tarek El Awady: The royal family of Sahure. New evidence. In: Miroslav Bárta, Filip Coppens, Jaromír Krejčí (Hrsg.): Abusir and Saqqara in the Year 2005. Prag 2006, S. 192–198.
Als Gemahlin des Sahure erscheint auf derselben Reihe von Blöcken Meretnebty. Sie war möglicherweise die volle Schwester des Herrschers, was sich aber bislang nur aus einer Szene ableiten lässt, die Königsmutter und Königin Hand in Hand zeigt. Weitere Belege, etwa Titel, die sie als Königstochter ausweisen, fehlen hingegen.Tarek El Awady: The royal family of Sahure. New evidence. In: Miroslav Bárta, Filip Coppens, Jaromír Krejčí (Hrsg.): Abusir and Saqqara in the Year 2005. Prag 2006, S. 198–203.
Mehrere Söhne des Königs sind bekannt. Zwei von ihnen werden als älteste Königssöhne bezeichnet. Es handelt sich um Ranefer, der später unter dem Namen Neferirkare den Thron besteigen sollte, und um Netjerirenre.Tarek El Awady: The royal family of Sahure. New evidence. In: Miroslav Bárta, Filip Coppens, Jaromír Krejčí (Hrsg.): Abusir and Saqqara in the Year 2005. Prag 2006, S. 208–213. Da beide den Titel eines ältesten Königssohns trugen, aber nur eine Gemahlin Sahures bekannt ist, könnten sie möglicherweise Zwillinge gewesen sein.Tarek El Awady: The royal family of Sahure. New evidence. In: Miroslav Bárta, Filip Coppens, Jaromír Krejčí (Hrsg.): Abusir and Saqqara in the Year 2005. Prag 2006, S. 213–214. Weitere Söhne Sahures waren Chakare, Raemsaf und Heryemsaf.Tarek El Awady: The royal family of Sahure. New evidence. In: Miroslav Bárta, Filip Coppens, Jaromír Krejčí (Hrsg.): Abusir and Saqqara in the Year 2005. Prag 2006, S. 214–216.
Herrschaft mini|hochkant|Der Palermostein
Regierungsdauer Die Regierungsdauer des Sahure kann aufgrund der vergleichsweise guten Quellenlage im Gegensatz zu vielen anderen Herrschern des Alten Reiches recht genau angegeben werden. Sie betrug etwa 12 bis 13 Jahre, was sich sowohl aus den zeitgenössischen Quellen als auch aus deutlich später entstandenen Texten ergibt. Der Königspapyrus Turin, der im Neuen Reich entstand und ein wichtiges Dokument zur ägyptischen Chronologie darstellt, gibt 12 Jahre an, der im 3. Jahrhundert v. Chr. lebende ägyptische Priester Manetho 13. Das höchste zeitgenössisch sicher belegte Datum ist ein „Jahr nach dem 6. (oder 7.?) Mal der Zählung“, womit die ursprünglich als Horusgeleit eingeführte landesweite Zählung des Viehs zum Zwecke der Steuererhebung gemeint ist. Eine gewisse Problematik bei Datumsangaben des Alten Reiches birgt der Umstand, dass diese Zählungen anfangs alle zwei Jahre stattfanden (das heißt auf ein „x-tes Jahr der Zählung“ folgte ein „Jahr nach dem x-ten Mal der Zählung“), später aber zum Teil auch jährlich stattfinden konnten (auf ein „x-tes Jahr der Zählung“ folgte das „y-te Jahr der Zählung“).siehe hierzu M. Verner: Archaeological Remarks on the 4th and 5th Dynasty Chronology. Prag 2001. Bei Sahure ist dieser Unsicherheitsfaktor stark minimiert. Es sind Datumsangaben für insgesamt vier „Jahre der Zählung“ und drei „Jahre nach der Zählung“ überliefert. Es kann also von einer im Wesentlichen regelmäßigen zweijährlichen Zählung unter Sahures Herrschaft ausgegangen werden.M. Verner: Archaeological Remarks on the 4th and 5th Dynasty Chronology. Prag 2001, S. 391.
Das einzige größere Problem stellt eine Datumsangabe dar, die Ludwig Borchardt Anfang des 20. Jahrhunderts im Pyramidenkomplex des Sahure entdeckte und die ein „Jahr 12“ nennt, was unter Berücksichtigung einer zweijährlichen Zählung eine Verdopplung von Sahures Regierungszeit bedeuten würde. Eine ausführliche wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Inschrift wurde aber durch den Umstand verhindert, dass Borchardt nicht vermerkte, wo er diese entdeckt hatte und weder eine Umzeichnung noch ein Foto anfertigte. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die Inschrift erst nach Sahures Herrschaft angebracht wurde. Sie könnte von Restaurierungsmaßnahmen späterer Könige stammen oder erst im Neuen Reich als sogenanntes Besucher-Grafitti im Taltempel der Pyramide angebracht worden sein.M. Verner: Archaeological Remarks on the 4th and 5th Dynasty Chronology. Prag 2001, S. 392–393.
Ereignisse Sahure erscheint auf dem Palermostein. Der Palermostein ist ein großes Bruchstück des ehemaligen Annalenstein der 5. Dynastie. Er listet auf seiner Rückseite sämtliche aufgezeichneten Jahresereignisse der Könige Menkaure bis Neferirkare auf. Leider ist die Oberfläche der Steintafel besonders auf ihrer Rückseite durch Abrieb so stark beschädigt, dass der Großteil der ursprünglichen Inschrift nur schwer lesbar ist und teilweise erhebliche Lücken aufweist. In Zeile 3 + 4 sind folgende Regierungsjahre von König Sahure erhalten:
Jahr Ereignisse Zeile 3: 5. Jahr - Der König von Ober- und Unterägypten, Sahure, hat folgende Stiftungen veranlasst: ... in Heliopolis; Sohn des ???: ...200 Wab-Priester... göttliche Barke...; Nechbet von Hierakonpolis: 800 Gottesopfer täglich; Wadjet von Buto: 4800 Gottesopfer täglich; Rē: 138 Gottesopfer im Sentj-Schrein täglich, 40 Gottesopfer im Gotteshaus von Oberägypten täglich, 74 Gottesopfer auf seinen Dächern(?) täglich, 24 Aruren wirtschaftlich nutzbarer Flächen an dessen Sonnentempel „Felder des Rē“; Hathor-vom-Sonnentempel-„Felder des Rē“: 4 Gottesopfer täglich; Mes...: 200 Aruren wirtschaftlich nutzbarer Flächen im Gau zu Busiris; Sem...: 200 Aruren wirtschaftlich nutzbarer Flächen im Gau zu Busiris; Chenti-Iautef: 228 Aruren wirtschaftlich nutzbarer Flächen im Gau zu Memphis; Hathor der Pyramide „Sahure erscheint als Ba“: 226 Aruren wirtschaftlich nutzbarer Flächen in den nördlichen Gauen + 100 Aruren wirtschaftlich nutzbarer Flächen im Harpunen-Gau; Weißer Stier: 33 Aruren wirtschaftlich nutzbarer Flächen im Gau „An der Spitze des Ostens“. - 3. Mal der Inventur für die Institution „Haus des Horus und des Seth“ im Jahr nach der 2. Viehzählung... (Rest zerstört) Zeile 3: 6. Jahr - Der König von Ober- und Unterägypten, Sahure, hat folgende Stiftungen veranlasst: Für die große Enneade von ...?... im Schrein auf des Königs Gütern in den westlichen Gauen... (Rest zerstört). Zeile 4: 12. Jahr - Der König von Ober- und Unterägypten, Sahure, hat folgende Stiftungen veranlasst: Rē des Westens: ...?... Aruren wirtschaftlich nutzbarer Flächen in ...?...; Hathor: 204 Aruren wirtschaftlich nutzbarer Flächen für des Königs Gutshof in ...?... - Herbringen von 6000 Einheiten von Kupfer aus dem Gebiet von Chetju-Mefkat. - Herbringen von 80.000 Einheiten von Myrrhe + 6000 Einheiten von Elektrum + 2900 Einheiten von Malachit + 23.020 Einheiten von ??? aus Punt. - Nilfluthöhe: 2,27 m Zeile 4: 13. Jahr - ...im Jahr nach der 6. Viehzählung... im 9. Monat, am 6. Tag... (Rest zerstört). Ende der Herrschaft
Toby Wilkinson, Iorwerth Eiddon Stephen Edwards und Marshall Clagett machen auf die großzügigen Schenkungs- und Stiftungsaktivitäten von Sahure aufmerksam. Dabei richten sie ihr gesondertes Augenmerk auf bestimmte Gottheiten, die entweder äußerst selten belegt sind, unter einem Beinamen auftreten und/oder deren Namenslesung aufgrund der Abriebschäden schwer lesbar sind. So ist beispielsweise unklar, wessen „Sohn“ als Gottheit im ersten Stiftungseintrag gemeint ist. Gelehrte wie Alessandro Roccati schlagen eine Ergänzung zu „Sohn des Ra“ vor, doch muss dies spekulativ bleiben, da erstens kein Gott des Alten Ägyptens diesen Beinamen trug und „Sohn des Ra“ eigentlich ein Königstitel war. Der Sonnengott Ra wird auffallend oft wiederholt, was aber gemäß Wilkinson und Clagett wenig verwunderlich sei: der Kult um Ra erfuhr während der vierten, fünften und sechsten Dynastie seinen absoluten Höhepunkt. Rätselhaft bleiben hingegen die Namenssilben „Mes...“ und „Sem...“, die zwar höchstwahrscheinlich Götter meinen, aber aufgrund ihrer Unleserlichkeit (noch) nicht zugeordnet werden können. Bei dem Namen „Chenti-Iautef“ (wörtlich „Vorderster der Ehrwürdigen“) handelt es sich um einen häufig belegten Beinamen des Gottes Ptah. Zu guter Letzt bleibt die Identität des „Weißen Stieres“ obskur. Apis kann es nicht sein, denn der wurde als „schwarz gescheckt“ beschrieben; Mnevis scheidet auch aus, weil er als „pechschwarz mit weißem Dreieck auf der Stirn“ beschrieben wird. Der Eintrag zu Sahures fünftem Jahr endet mit einer „Inventur im Haus des Horus und des Seth“, etwas, das sich seit Cheops nachverfolgen lässt und die Einträge auf dem Palermostein jeweils zuverlässig abschließt. Damit ist auch Sahures Jahreseintrag zum fünften Regierungsjahr vollständig (auch wenn der Eintrag zur Nilfluthöhe verloren ist).Toby A. H. Wilkinson: Royal Annals of Ancient Egypt: The Palermostone and its associated Fragments. London 2000, S. 159–169.
Des Weiteren machen die Gelehrten auf den Eintrag zur Rückkehr einer Expedition ins sagenumwobene „Goldland“ Punt aufmerksam. Der Eintrag auf dem Palermostein stellt die bislang früheste sichere Erwähnung des Gebietsnamens „Punt“ dar, obgleich die geografische Lage des Landes den Ägyptern möglicherweise schon viel länger bekannt war. Es ist bis heute unbekannt, wo genau Punt wirklich gelegen hat, als am wahrscheinlichsten gilt das „Drei-Länder-Eck“ von Äthiopien, Erythrea und Sudan. Während die Namen der ersten drei Güter sicher identifizierbar sind, bleibt der Name der vierten Importware aufgrund Beschädigungen unleserlich. Die hohe Zahl für die Mengeneinheit lässt darauf schließen, dass es sich um etwas gehandelt haben mag, das in kleinen Schrotkörnern oder Stückchen transportiert werden musste. Vorschläge umfassen unter anderem Harz, Salz und Rosinen.
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