miniatur|White Tower in London miniatur|hochkant|Mittelschiff von Durham Cathedral

Die Anglo-Normannische Architektur ist eine Epoche der englischen Architekturgeschichte und entspricht der europäischen Hoch- und Spätromanik im 11. und 12. Jahrhundert. Nach der Eroberung Englands durch Wilhelm I. im Jahr 1066 fand der normannische Baustil dort in seiner „anglo-normannischen“ Ausformung Verbreitung und löste damit die Baustile der vorromanischen angelsächsischen Architektur ab.

Auf ihn folgt die erste Stufe der gotischen Architektur Englands – der Early English Style, dem dann noch der Decorated Style und der Perpendicular Style nachfolgten.

Begriff Mit dem Terminus „Anglo-Normannische Architektur“ wird heute die im Vereinigten Königreich verbreitete Form der normannischen Architektur bezeichnet und damit von der ursprünglichen normannischen Architektur der Normandie sowie der christlich-islamischen Mischarchitektur in Süditalien und Sizilien unterschieden. Der Architekt und Antiquar Thomas Rickman hatte im Jahr 1817 erstmals die romanische Baukunst Englands als „normannisch“ bezeichnet. In seinem 1817 erschienenen Werk An Attempt to Discriminate the Styles of English Architecture from the Conquest to the Reformation charakterisierte er die mittelalterlichen Baustile Englands nach stilistischen und chronologischen Gesichtspunkten in Normannisch, Early English, Decorated und Perpendicular.

Historische Entwicklung mini|Westfassade von St-Étienne in Caen, ein Vorbild für die anglo-normannische Architektur Die anglo-normannische Architektur bildete sich nach der Eroberung Englands durch die Normannen unter Wilhelm dem Eroberer im Jahr 1066 aus, der die romanische Architektur der Normandie nach England brachte. Als beispielhaft gelten die großen romanischen Kirchen von Jumièges (1037–1067), die Abteikirche auf dem Mont-Saint-Michel (1024–84) und Sainte Trinité und Saint-Étienne in Caen (begonnen 1062 und 1064), die unter Wilhelm I. entstanden waren, mit Formen, wie sie ähnlich wenig später im eroberten England auftraten. Allerdings lassen sich normannische Einflüsse schon vorher festhalten, etwa im „sächsisch-normannischen Mischstil“ ab ca. 1050–65 beim Neubau der Westminster Abbey durch Edward den Bekenner, der im Exil in der Normandie aufgewachsen war und so mit der romanischen Bauweise vertraut war.

Mit der Eroberung Englands durch die Normannen im Jahr 1066 wurden auch die Gesellschaft, die Kirche und damit auch die Architektur normannisiert. Der normannische Machtanspruch zeigte sich zuerst an Burgen samt Keep und Kastellen, später an Kloster- bzw. Abtei- und Kathedralkirchen. Fast alle wichtigen Kirchen wurden neu errichtet.

Bauformen Die bisher existierenden angelsächsischen Saalbauten hatten mit den mächtigen Kirchen der normannischen Tradition wenig gemeinsam. Für die großen Neubauten ist die additive Anordnung der Raumteile signifikant. Die Teile sind gleichwertig einander zugeordnet. Ein „Raumganzes“ wird nicht angestrebt.

In der Ornamentik ist das normannische Zickzackband legendär geworden, daneben Zinnen-, Ketten- und Rollmuster – also vor allem geometrische Formen.

Von ausschlaggebender Bedeutung für den Gewölbebau war die Kathedrale von Durham, die um das Jahr 1104 als erste große Kirche ein Kreuzrippengewölbe im Mittelschiff einführte, damit auf Caen und St-Etienne in Beauvais einwirkte und dieser Gewölbeform den Triumphzug durch Europa ermöglichte.

Die Langhäuser der normannischen Kirchen sind auffallend langgestreckt: die St. Albans hat 10 Joche, die Winchester 11, die Ely 13 und die Norwich 14. Die Querhäuser und die Chöre sind ebenfalls langgestreckt. In der Normandie gab es maximal zwei Chorjoche, später in Gloucester, Chichester und Lincoln drei, in St. Albans, Ely und Norwich vier.

Zu der normannischen Tradition gehörte anfangs der Staffelchor (Westminster, Canterbury, Old Sarum, St. Albans, Rochester, Ely, Durham, Christchurch und Lincoln) und der Chorumgang mit Kapellenkranz (Battle Abbey, Canterbury II, Winchester, Gloucester, Tewkesbury, Chichester und Norwich). Nach der Jahrhundertwende wandelte sich das Bild unter dem Einfluss der Reformorden und der Rechteckchor wurde bevorzugt (Southwell, Old Sarum II, Hereford, Romsey). Zu dieser reichen Ausformung der Ostteile gehörte die Entwicklung von weiträumigen Hallenkrypten (Canterbury, Winchester, Gloucester, Worcester, Rochester).

Das traditionelle normannische Stützensystem wird im Westen und Norden Englands verändert und der Rundpfeiler wird zur Norm (Gloucester, Tewkesbury, Worksop, Dunfermline).

Wandaufriss mini|Wandaufriss von Durham Cathedral Bis gegen Ende des 11. Jahrhunderts hielt sich der klare Aufbau normannischer Tradition und erst im Verlauf des 12. Jahrhunderts machten sich Abweichungstendenzen und Formenvielfalt bemerkbar.

St. Albans Am Anfang steht die Abteikirche von St. Albans, da die Aufrisse der wohl älteren Lanfranc-Kirche von Canterbury, Wilhelms Battle-Abbey und Old Sarum sind nicht mehr nachzuweisen sind. Charakteristisch bei St. Albans sind die Flächen- und Massenhaftigkeit der Wand, die Schlichtheit im Aufbau und die Beschränkung in der Form. Vom ursprünglichen Langhaus sind noch sechs Joche der Nordwand erhalten. Die Stützenzone ist bezeichnet durch die Reihung abgetreppter, mauerhafter Pfeiler und tiefgestufter Archivolten. Darüber weiten sich emporenartige Rundbogenöffnungen mit sich verengendem Gewände auf die Seitendächer. Im Obergaden finden sich Rundbogenfenster mit Mauerlaufgang. Flache, rechteckige Vorlagen markieren die Jochfolge, schmale verkröpfte Schmiegengesimse die Geschosse. Im Querhaus und im offenen Vierungsturm haben sich Doppelarkaden erhalten. Alles das lässt die Anknüpfung an normannische Vorbilder zunächst nur schwer erkennen.

Winchester Als Derivation der Festlandsarchitektur erweist sich das Querhaus von Winchester mit seinem strengen, klar gegliederten Wandsystem. Die hufeisenförmigen, mit Unterzug versehenen Scheidbogen stehen über Kreuzpfeilern mit ein- und vorgestellten Halbsäulen. Darüber liegen tiefgestufte, zweiteilige Emporenarkaden und im Obergaden ein alternierender Säulenlaufgang vor den Fenstern. Die Joche sind durch halbrunde Dienste auf rechteckigen Vorlagen gegliedert.

Ely Im Querhaus von Ely (1081–1099) wird erstmals der Stützenwechsel aufgenommen. Im Erdgeschoss werden Rundpfeiler von je zwei Kreuzpfeilern mit Halbsäulenvorlagen zu „Doppelarkaden“ zusammengezogen. Diese Anordnung setzt sich leicht variiert in der Emporenzone fort. Der Fensterlaufgang ist weiter aufgebrochen als in Winchester. mini|Kathedrale von Durham

Durham Der Stützenwechsel wird 1093 in der Abteikirche von Durham in prägnanter Weise ausgebildet, in der Alternierung von massigen, mit Vorlagen umstellten Kreuzpfeilern und wuchtigen, profilierten Rundstützen. Dadurch entsteht ein großer, langsamer Rhythmus von Doppeljochen, die von weit hervortretenden Dienstbündeln begrenzt werden. Die hier auftretende Höhentendenz steht in der Tradition von Bernay, Jumièges und La Trinité in Caen. Gleichzeitig schrumpft die Emporen- und Obergadenzone in erheblichem Maße.

Auf die Dienste setzen schwere, profilierte Gurtrippen auf, welche das siebenteilige Kreuzrippengewölbe einbinden. Die Mittelkappen lagern im Langhaus auf Konsolen, während sie im Chor auf Säulenbündeln aufsetzen. Reiche Dekorationen an plastischen Gliedern erleichtern die Mauerschwere. Die Bogenläufe sind bis in die Rippen mit Zickzackwülsten belegt, die Zylinderpfeiler mit Kanneluren, Rauten- und Zickzackmustern dekoriert.

Gewölbe miniatur|Kreuzrippengewölbe in Durham Cathedral Traditionell waren die englischen Kirchen des 11. Jahrhunderts flach gedeckt oder mit offenem Dachstuhl versehen. Apsiden, Seitenschiffe (St. Albans, Blyth, Gloucester, Ely, Norwich etc.), Krypten (Canterbury, Rochester, Winchester, Gloucester und Worcester), selten Querhausarme (Winchester und Ely) waren kreuzgratgewölbt. Mit dem Bau von Durham tritt die Wende ein. 1096 sind die Chorseitenschiffe, 1104 der Chor, 1110 das Querhaus und bis 1130 das Langhaus mit Kreuzrippengewölben ausgestattet. Durch die Verzahnung der Wandkompartimente mit den Gewölbefeldern wird eine Einheit geschaffen, die es ermöglicht, den Begriff Joch in seinem strengen Sinne anzuwenden.

Aber das Kreuzrippengewölbe konnte sich im anglo-normannischen Raum nicht durchsetzen und wurde nur hin und wieder in Seitenschiffen, vereinzelt auch im Querhaus angewandt (Seitenschiffe von Southwell und Romsey, Querhaus-Seitenschiffe in Winchester nach 1107, Chorseitenschiff von Peterborough um 1118). mini|Kathedrale von Peterborough

Norwich Der Stützenwechsel greift auch über auf die Ostteile des Langhauses von Norwich (1096–1119), im fünften Joch westlich der Vierung unter Rückgang auf „normale“ Proportionen. Nach Westen hin setzt er sich in modifizierter Form fort (Bündelpfeiler – eigentlich Kreuzpfeiler mit 16 Vorlagen – wechseln mit Segmentbogenpfeilern).

Im Hinter- und Aneinanderreihen plastischer Elemente lässt sich auch die Tendenz zur Durchschichtung der Wand ablesen. Deutlich wird dies im Langhaus von Ely (ab 1106), das durch die enge Stellung der Stützen einen schnellen Rhythmus gewinnt.

Peterborough Der Chor und das Querhaus von Peterborough (1118–1143) rezipieren die Neigung zur Erleichterung der Wand mit Rund- und Sechseckpfeilern und der Vergitterung durch waagerechte und senkrechte Glieder.

Romsey Diese Entwicklung kulminiert tendenziell in Romsey (1120–1140) in der Verzahnung der aufstrebenden Pfeiler mit der Emporenzone, während das erste Pfeilerpaar vor der Vierung noch rund ist, zeigen die restlichen Bündelpfeiler des Langhauses eine starke vertikale Tendenz. Diese ist zweifach, in freistehenden Rundbogenprofilen gegliedert, das offene Bogenfeld durch ein eingestelltes Säulchen geteilt. Der Fensterlaufgang teilt die Wand in drei Schichten. Diese ist dann nur noch sichtbar in den schmalen „Brücken“ zwischen den Pfeilern.

Sonderentwicklung Eine Sonderentwicklung, möglicherweise in Wechselwirkung mit Durham, scheint im Westen der Insel erfolgt zu sein, und zwar in den hohen Rundpfeilerstellungen der Langhäuser – bis zu 9,30 Metern Höhe – von Gloucester (erstes Viertel des 12. Jahrhunderts) und Tewkesbury mit ihren geschrumpften Mittelzonen. Im Norden folgt die Abteikirche von Dunfermline (1128–1150) diesem Prinzip. Als Varianten dieser Höhenstreckung der Arkaden kann wohl auch Romsey, Jedburg, Oxford und Hereford angesehen werden. Der Rundpfeiler in gemäßigter Proportion findet Verbreitung in Southwell, Carlisle, Malvern, Chester und Melbourne.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts die aus der Normandie übernommene Tendenz zur Auflösung und körperplastischen Gliederung der Wand fortgesetzt wird. Die Rhythmisierung durch Stützenwechsel und Wandvorlagen, die Verschleierung der Mauerdicke durch Halbsäulen, Profile und Dekorationswülste, die Tiefenschichtung der oberen Geschosse und die allmähliche Auszehrung der Wand sind dafür signifikant. Diese Einzelmerkmale sind zwar notwendige Voraussetzung für die Entstehung der Gotik, doch in der Massenhaftigkeit und Schwere ihrer Form noch ganz der Romanik verbunden.

Außenbau