mini|Die goldene Larnax aus dem Grabtumulus von Vergina (Aigai) enthält mutmaßlich die sterblichen Überreste des Königs Philipp II. von Makedonien (Museum der königlichen Gräber, Vergina) Die Argeaden () waren ein antikes Herrschergeschlecht, das bis 310 v. Chr. die Könige von Makedonien gestellt hat.

Berühmteste Angehörige dieser Dynastie waren die Könige Philipp II. und dessen Sohn Alexander der Große, unter denen Makedonien zunächst die Hegemonie über die Hellenen errang, dann mit dem Alexanderzug die Herrschaft über einen Großteil der ihnen damals bekannten Welt (Alexanderreich) erklomm und damit zu einem wichtigen Träger der Kulturepoche des Hellenismus wurde. Die Argeaden starben aber bereits mit den Söhnen Alexanders des Großen im Mannesstamm aus.

Ob die antiken Makedonen Griechen waren, ist bis heute umstritten.Vgl. Peter van Nuffelen: Sind die Makedonen Griechen? Über Nationalismus und Forschungsgeschichte. In: Martin Lindner (Hrsg.): Antikenrezeption 2013 n. Chr. Heidelberg 2013, S. 89–106. Ihrem Königsgeschlecht sprach man diesen Status aber spätestens seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. zu, weshalb es den Argeaden im Unterschied zu ihren Untertanen auch gestattet war, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, was „Barbaren“ untersagt war. Dies wurde durch die angebliche Abstammung der Könige begründet: Der griechischen Mythologie zufolge stammten die Argeaden von dem in Argos herrschenden sagenhaften Geschlecht der Temeniden ab, weshalb sie vor allem bei frühen antiken Geschichtsschreibern, wie z. B. Thukydides, auch als „Temeniden“ bezeichnet werden.Thukydides 2,99,3. Die Bezeichnung als „Argeaden“ ist erst seit dem späten Hellenismus bei Strabon, Pausanias und Appian bezeugt.Strabon 7, frag. 11; Pausanias, Achaia 7,8,9; Appian, Syriake 10,63. Der Stammvater der Temeniden, Temenos, galt als ein Ur-Urenkel des Halbgottes Herakles, auf den sich so auch die Argeaden berufen konnten.

Herkunftslegenden Über die Herkunft der Argeaden und die ihnen zugeschriebene Gründung des makedonischen Königreiches liegen zwei voneinander abweichende Darstellungen vor, die beide von zweifelhaftem Wert sind. Einig sind sich beide darin, dass die Dynastie aus Argos auf dem Peloponnes und von dem dort herrschenden Geschlecht der Temeniden stammte.

Perdikkas Die älteste bekannte Gründungsmythologie der Argeaden wird von dem Geschichtsschreiber Herodot (5. Jahrhundert v. Chr.) im achten Buch seiner Historien (137 f.) überliefert. Demnach waren die drei Brüder Gauanes, Aëropos und Perdikkas Nachkommen des Temenos, die aus ihrer Heimatstadt Argos aus nicht genannten Gründen fliehen mussten. Sie ließen sich zunächst in Illyrien nieder, zogen dann aber in die obermakedonischen Landschaften weiter und traten in den Dienst des Königs der Stadt Lebaia, dessen Pferde, Rinder und Kleinvieh je einer von ihnen hütete.Die Stadt Lebaia ist gänzlich unbekannt und wird außer bei Herodot nirgends erwähnt. Aufgrund der Kargheit und Armut des Landes war es dort üblich, dass sogar die Frau des Königs eigenhändig das Brot für ihre Bediensteten backte, wobei der für Perdikkas bestimmte Brotlaib jedes Mal größer ausfiel als beabsichtigt. Der beunruhigte König deutete dies als ein Wunderzeichen für ein bevorstehendes bedeutendes Ereignis, worauf er die drei Brüder aufforderte seine Stadt zu verlassen. Diese verlangten zuerst aber den ihnen zustehenden Lohn, worauf der König auf die Sonne zeigte, die gerade durch den Rauchfang seines Hauses schien, und sie als den ihnen gebührenden Lohn ausgab. Während die beiden älteren Brüder Gauanes und Aëropos darauf ratlos verharrten, nahm Perdikkas ein Messer, zirkelte mit demselben den von der Sonne beschienenen Bereich des Estrichs ab und schöpfte dreimal symbolisch das Sonnenlicht in seinen Bausch. Sodann verließ er mit seinen Brüdern Lebaia, aber der König schickte ihnen Reiter hinterher, um sie töten zu lassen, nachdem ihm die wiederum ominöse Bedeutung dieser Handlungen des jüngsten der Brüder bewusst geworden war. Doch hatten die drei Brüder auf ihrem Weg einen kleinen Fluss überquert, der kurz darauf zu einer solchen Größe anschwoll, dass ihre Verfolger ihnen nicht mehr nachstellen konnten. (Die Nachkommen der drei Gründerväter würden demselben Fluss als dem Retter ihres Geschlechts regelmäßig Opfergaben darbringen.) Nun gelangten die Brüder in eine andere Landschaft Makedoniens und ließen sich dort in der Nähe der Gärten des Midas, Sohnes des Gordias, am Fuße des Bermion genannten Gebirges nieder. Von dort aus begannen sie nun, das übrige Makedonien ihrer Herrschaft zu unterwerfen und gründeten damit ihr eigenes Königreich, wobei die Nachkommen des von der Sonne begünstigten Perdikkas das Königsgeschlecht bildeten.

In ihrem Kern beschreibt diese Sage offensichtlich die Entstehung des makedonischen Königreichs, wonach die Makedonen, wie von Thukydides später beschrieben, ihre ersten Wohnsitze ursprünglich in den gebirgigen und von unwirtlicher Wildheit und Armut gekennzeichneten obermakedonischen Landschaften (Orestis, Lynkestis, Elimiotis, Pelagonien und Eordaia) hatten und von dort aus schließlich in die fruchtbaren niedermakedonischen Landschaften am thermaischen Golf expandierten.Thukydides 2,99,2. Die tatsächlichen Ahnen der Argeaden hätten sich dann als Anführer eines der vordringenden Stämme besonders erfolgreich hervorgetan und mit der zwischen den Hoch- und Niederlanden strategisch exponiert angelegten Festung Aigai eine wichtige Machtbasis gebaut, von der aus sie über die in den Niederlanden siedelnden Völker ein Königtum errichten konnten, von dem nur die in Obermakedonien zurückgebliebenen Stammesvettern zunächst nicht erfasst wurden.Geyer: Makedonien bis zur Thronbesteigung Philipps II. S. 38.

Herodot verortete die Stadt Lebaia explizit in „Obermakedonien“ und bei den von ihm beschriebenen „anderen Landschaften Makedoniens“, wohin die Temeniden-Brüder nach ihrem Fortgehen aus Lebaia zogen, dürfte es sich um die fruchtbaren Gebiete Niedermakedoniens gehandelt haben, worauf der von immer blühenden Rosen bewachsene „Garten des Midas“ verweist. Mit dem Fluss, den die Brüder überqueren mussten, um ihren Verfolgern zu entkommen, könnte der Aliakmonas gemeint sein, an dessen Ober- und Unterlauf eben die obermakedonischen Landschaften Orestis und Elimiotis lagen. Und eben in Orestis unweit des Flusses gelegen befinden sich die Ruinen des Ortes Argos Orestikon, der laut Appian der Heimatort der Argeaden gewesen war.Appian, Syriake 10,63. Auch wenn die Geschichtswissenschaft diese Behauptung mehrheitlich als unglaubwürdig betrachtet, wird in ihr dennoch ein Bewusstsein der späteren Makedonen von der Herkunft ihres Volkes und Königshauses aus den obermakedonischen Gebirgsländern erkannt. Das „Bermiongebirge“ wird weiterhin als das moderne Vermio identifiziert, an dessen zum makedonischen Tiefland auslaufenden Fuße die Stadt Beroia (heute Veria) liegt, die eine der ältesten makedonischen Königssitze überhaupt war.

Auch Thukydides nahm König Perdikkas I. offenbar als den Begründer der Dynastie an. Der jüngere Geschichtsschreiber zählte nämlich vor Archelaos I. acht weitere Herrscher, die alle in Herodots Königsliste als Nachfahren von Perdikkas I. genannt wurden.Thukydides 2,100,2; Herodot 8,139.

Karanos Erst etwa ein halbes Jahrhundert nach Herodot und Thukydides begannen die Geschichtsschreiber die Stammessage der Argeaden zu erweitern und mit Karanos einen neuen, vor Perdikkas lebenden ersten König Makedoniens und damit einen neuen Dynastiegründer zu setzen. Den Anfang machte der Dichter Euripides, der in seinem um 410 v. Chr. zu Ehren des Königs Archelaos I. vollendeten Drama Archelaos diesen als „Karanos, Sohn des Temenos“, lobpreiste und ihn das makedonische Königreich gründen ließ. Diese literarische Fiktion ging schnell in den geschichtlichen Kanon ein, zuerst bei Theopompos (4. Jahrhundert v. Chr.), der zur Zeit König Philipps II. schrieb, demnach Karanos ein Sohn des Königs Pheidon gewesen war.Theopompos, Philippika, FGrHist. 115, frag. 393. Dieses Patronym wurde später von Diodor übernommen, während bei Satyrus der König Aristodamidas der Vater des Karanos ist.Diodor 7,17; Satyrus, FGrHist. 631, frag. 1. Diodor erwähnte allerdings auch die Abkunft des Karanos von Poeas, womit er einer alternativen Linie des Temenidengeschlechtes als die des Pheidon und Aristodamidas angehörig wäre.Diodor 7,17.

Die Geschichte, wie Karanos das makedonische Königreich begründete, wurde in mehreren Variationen erzählt. Laut Diodor sammelte Karanos noch vor den ersten Olympischen Spielen eine Kriegerschar aus Argos und dem Peloponnes um sich, um mit ihr dem bedrängten König von Orestis im Kampf gegen den König von Eordeia zu Hilfe zu eilen, wofür er von diesem als Belohnung die Hälfte des Königreichs Orestis erhielt, aus dem schließlich Makedonien entstand.Diodor 7,15,1. Bei Justin folgte Karanos einem Orakelspruch von Delphi, indem er mit einer Gruppe Griechen den Spuren einer Ziegenherde folgend in das Land Emathia zog, die Stadt Edessa besetzte und sie in Aigai umbenannte. Von dort ausgehend vertrieb er Midas und die anderen Könige der Region und schuf so das Königreich Makedonien.Justin 7,1. Nach Pausanias besiegte Karanos den Stammesfürsten Kisseus, der in einem Grenzland herrschte, und setzte somit das Fundament für sein Königreich.Pausanias, Boeotia 9,40,8. Der byzantinische Autor Georgios Synkellos (8. Jahrhundert n. Chr.) hielt sich an den Bericht Diodors und schrieb wie Karanos mit seinen Kriegern aus Argos und dem Peloponnes mit der Hilfe des Königs von Orestis Makedonien eroberte. Auch bei Synkellos war Karanos ein Nachkomme des Poeas, eine genealogische Linie die bereits Diodor bekannt war.Synkellos 499,12.

Karanos wurde auch von Marsyas von Pella, Plutarch und Eusebius von Caesarea als Dynastiegründer angenommen.Marsyas von Pella, FGrHist. 135, frag. 14; Plutarch, Alexander 2,1; Eusebius, Chronik 1,108,21. Eusebius orientierte sich am Bericht des Diodor.

Hellenentum mini|Alexander der Große eroberte das persische Großreich und wurde zum Wegbereiter des Hellenismus. Büste gefertigt von Leochares im 4. Jahrhundert v. Chr. (Akropolismuseum, Athen) Zu den ersten Königen der Argeaden liegen keine historischen Belege vor, weshalb deren Existenzen als legendär angesehen werden, wenngleich Diodor und andere Autoren ihnen Regierungsjahre zurechneten.Diodor 7,15,2. Erst Amyntas I. und dessen Sohn Alexander I. gerieten in den Fokus zeitgenössischer Geschichtsschreiber (Herodot, Thukydides) aufgrund ihrer Berührung mit dem auf den europäischen Kontinent ausgreifenden persischen Großreich. Für Thukydides war Alexander I. sogar der erste König überhaupt, den er namentlich kannte, während ihm noch nicht einmal die Namen seiner Vorgänger geläufig waren. Zuvor konnte das als zivilisatorisch rückständige und verwildert geltende Makedonien bei der gelehrten griechischen Welt schlicht kein Interesse wecken. Auch die geographische Lage des Landes am äußersten Rand des Wahrnehmungshorizonts der griechischen Poleiswelt und sein archaisch anmutendes, auf einem Königtum fußenden Staatswesen ließen es vom Standpunkt der Griechen aus schon eher den Charakter eines barbarischen Landes einnehmen, das mit den zivilisierten griechischen Stadtstaaten nichts gemein habe.