mini|Italienische Talkshow Il Salotto di Leandra (2018) Eine Talkshow (engl. talk „Gespräch“, show „Sendung“) ist eine Diskussionssendung im Rundfunk (Fernsehen oder Hörfunk) oder über Online-Kanäle. Im Fernsehen heißt sie auch Fernsehdebatte, im Radio Radiodebatte, Hörfunkdebatte oder Talkradio, im Internet Webtalkshow.
Die Diskussion findet dabei entweder als Interview zwischen dem Gastgeber und einem oder mehreren Gesprächsgästen statt oder auch als Podiumsdiskussion zwischen den Talkgästen selbst. Der Gastgeber wird Moderator oder Talkmaster genannt, englisch Host. Typisch ist der Ablauf, bei dem der Moderator die Gesprächsgäste zunächst zu einem Thema befragt, und sich anschließend ein mehr oder weniger freies und/oder von dem Gastgeber gelenktes Gespräch unter den Gesprächsgästen entwickelt. Es gibt nicht die idealtypische Talkshow, sondern verschiedene Sendeformate, die als einzige Gemeinsamkeit das Gesprächselement aufweisen. Europäische Vorläufer der Talkshow waren politische, soziale oder religiös-philosophische Diskussionsrunden im Radio. Die BBC erkannte sechs Jahre nach dem Beginn des Rundfunks in Europa die Bedeutung von Gesprächen im Radio und widmete in ihrem BBC Hand Book von 1929 dem Thema ein eigenes Kapitel „How to Conduct a Wireless Discussion-Group“ und gab eine Broschüre für die Interessenten heraus. Die Talkshow, die damals noch nicht so hieß, richteten keine festen Moderatoren im Funkhaus in London aus, sondern freiwillige Fachleute in den jeweiligen Vereinen, Clubs etc. vor Ort.
Nicht zu verwechseln sind Talkshows mit den Late-Night-Shows, in denen nur bekannte Personen auftreten und die auch Comedy-Elemente enthalten.
Arten Talkshows lassen sich zunächst in drei Arten aufteilen:Klaus Plake: Reden und Redlichkeit. In: Jens Tenscher und Christian Schicha (Hrsg.): Talk auf allen Kanälen. 2002, S. 39 (Digitalisat) Der Personality-Talk dient insbesondere der (Selbst-)Darstellung von Prominenten. Häufiger Kritikpunkt ist, dass es in manchen Sendungen weniger um inhaltliche Auseinandersetzungen, sondern vielmehr darum gehe, dass die prominenten Gäste die Gelegenheit nutzen, ihr neues Produkt – Buch, Film oder CD – zu präsentieren.„Eine Rederei“ – 40 Jahre Talkshow in Deutschland. In: Focus. 18. März 2013 Die Debatten-Show widmet sich überwiegend der Präsentation politischer Themen, die normalerweise nicht personenorientiert behandelt werden (Polittalk). Polittalk sind alle Talkshows, bei denen kontrovers diskutierbare politische Themen im Vordergrund stehen. Die Bekenntnis-Show behandelt persönlich-intime Themen, wobei Scham- und Peinlichkeitsgrenzen erreicht und überschritten werden können. Die Nachmittagsshows, in denen Bürger Alltagsprobleme diskutieren, werden als „Daytime talk“ oder „Daily Talk“ bezeichnet
Grundsätzlich lassen sich „Daily Talk“ und „Polit-Talk“ unterscheiden.
Es gibt Talkshows mit vorher vorgegebenem Inhalt und auch Formate, deren Inhalt sich erst während der Gesprächsrunde ergibt („television talk“ ohne Drehbuch). Das Publikum wird in beiden kaum bis gar nicht eingebunden und meistens nur als Kulisse eingeladen.Jö Krieger: Die Popularisierung des Mediums Fernsehen. 2002, S. 23 (Digitalisat) Verschiedene Talkshows des gleichen Genres unterscheiden sich häufig nicht durch ihre Themen, sondern eher durch ihre Moderatoren und den äußeren Rahmen, in dem sie stattfinden.
„Daily Talk“
Daily Talk war in Deutschland ein typisches Phänomen der 1990er und 2000er Jahre.
Charakteristika
Zwischen den meisten Daily-Talk-Formaten lassen sich Gemeinsamkeiten feststellen: Die Sendungen werden meistens an jedem Werktag (montags bis freitags) ausgestrahlt und haben somit Reihencharakter. Die Shows sind nicht in der Hauptsendezeit, sondern in der zuschauerschwachen Zeit zwischen 11:00 und 17:00 Uhr platziert. Es gibt ein Saalpublikum, das in den meisten Sendungen die Möglichkeit hat, sich mit Fragen, Diskussionsbeiträgen oder Statements an der Diskussion zu beteiligen. Die Talk-Gäste rekrutieren sich fast ausschließlich aus „einfachen Leuten“, Prominente werden nur selten eingeladen. Entscheidend für die Einladung ist die echte oder vermeintliche Sachkompetenz der Gäste, also ihre Fähigkeit, zum Thema der Sendung als direkt oder indirekt Betroffene authentisch Stellung zu beziehen. Üblicherweise sind dies pro Sendung zwischen fünf und zehn Personen. Die Shows sind billig und effektiv, da hohe Marktanteile vergleichsweise kostengünstig erreicht werden können.Andreas Weiß: Wer sieht sich das nur an? Den Zuschauern von Daily Talks auf der Spur. Eine Rezipientenbefragung (= Angewandte Medienforschung, Band 10). Reinhard Fischer, München 1999, S. 21f. Das Publikum vieler Daily-Talk-Formate besteht zu einem hohen Anteil aus Frauen (zwei Drittel der Zuschauer) und Älteren.Weiß 1999: S. 37. Trotz des hohen Anteils an älteren Zuschauern wenden sie sich in erster Linie jedoch meist an ein jüngeres, für die Werbung interessantes Publikum.Uli Gleich: Talkshows im Fernsehen – Inhalte und Wirkungen, Zuschauer- und Kandidatenmotive. In: Media Perspektiven. 12/1998, ARD-Werbung Sales & Services GmbH, Frankfurt/Main (PDF 100 kB), S. 524.
Diese Formate tragen oft die Namen ihrer Gastgeber als Sendungstitel, da der Moderator – als personalisierte Präsentationsform des Fernsehens – den Bezug zwischen Programm und Publikum herstellt. Für den Zuschauer wird er zur imageprägenden Identifikationsfigur. In den Gesprächen werden Alltagsnähe und enthemmte Umgangsformen – sowohl von den Gästen als auch von den Moderatoren – zunehmend praktiziert und vermitteln dem Zuschauer den authentischen Charakter der Sendungen. Dieser Eindruck wird durch die Anwesenheit des Studiopublikums noch intensiviert.Gary Bente, Bettina Fromm: Affektfernsehen. Motive, Angebotsweisen und Wirkungen (= Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen, Band 24). Leske und Budrich, Opladen 1997, S. 22f.
Trotzdem beinhalten Daily Talks viele Elemente der alltäglichen zwischenmenschlichen (face to face) Kommunikation, da das Gespräch zwischen dem Moderator und seinem oft unprominenten Gast zwar in eine Sendungsdramaturgie eingebunden ist, diese aber weder durch Showelemente in seinem alltagsnahen Charakter beeinträchtigt wird, noch deren Inhalte zum Zweck der medialen Verbreitung inszeniert werden.
Themenstruktur in Daily Talkshows Auch wenn sich die Themen deutscher Nachmittags-Talkshows insgesamt auf alle Bereiche des Lebens erstrecken, stehen meist sehr persönliche und intime Belange der Gäste im Vordergrund. Bezüglich der Themenschwerpunkte zeichnen sich vier dominante Bereiche ab:
Prominenz und Unterhaltung Familie, Liebe und Partnerschaft Soziales, Gesundheit und Arbeitsleben Individuelle Konflikte in privaten Beziehungen und AlltagsproblemeUdo Michael Krüger: Thementrends in Talkshows der 1990er Jahre. Talkshows bei ARD, ZDF, RTL, SAT.1 und PRO SIEBEN im Vergleich. In: Media Perspektiven. 12/1998, ARD-Werbung Sales & Services GmbH, Frankfurt/Main, S. 614.
Themen des öffentlichen Lebens mit Bezug zu Politik, Wirtschaft und Justiz sind nur nachrangig vertreten, noch geringer ist die Bedeutung solcher Themen, die einen Bezug zur Kultur, Wissenschaft, Forschung und Technik haben. Auf der anderen Seite sind aber auch typische Kategorien des Boulevards unterrepräsentiert: Sex- und Erotikthemen erhalten etwas weniger Sendezeit als Themen zu Politik und Gesellschaft im weiteren Sinne. Eine sehr geringe Rolle spielen Kriminalität und Katastrophen. Insgesamt scheint sich das Themenspektrum an den alltäglichen Lebensbereichen der Bevölkerungsmehrheit zu orientieren, während die institutionellen Handlungsbereiche wie Politik und Kultur nahezu bedeutungslos sind.
Mit der Kultivierung des Privaten verlieren auch der Glamour der Prominenz und die institutionelle Öffentlichkeit relativ an Gewicht, stattdessen werden die Bereiche des privaten Alltags mit seinen Problemen und Konflikten, die einerseits in den Beziehungen des Einzelnen zur Außenwelt, andererseits im persönlichen Intimbereich liegen, häufig dargestellt.Krüger 1998: S. 618.
Mit steigender Konkurrenz dieser Sendeformate untereinander werden die Themen zunehmend provokativ formuliert. Außerdem orientieren sie sich inhaltlich stärker an privat artikulierten Wünschen, Problemen und Konflikten, die zum Teil den Bereich der gesellschaftlich akzeptierten Normen überschreiten. Sex- und Erotikthemen haben zwar einen hohen öffentlichen Aufmerksamswert, ihr tatsächlicher Anteil spielt jedoch nur eine relativ geringe Rolle.Krüger 1998: S. 623.
Wichtiger als dieser Bereich erscheint die Tendenz zur konzeptionellen Veränderung der Daily Talkshows, wobei das Thema an Bedeutsamkeit verliert, dafür das Affektpotential und die Artikulationsformen der Akteure aus Randmilieus neuen Aufmerksamkeits- und Unterhaltungswert erhalten. Diese Tendenz zur Entthematisierung der Talkshow geht einher mit einem anderen Verständnis von der Rolle der Akteure: Es bedarf keiner Kompetenz mehr in einem bestimmten Sachgebiet, um eine Position mit Argumenten zu vertreten, sondern es kommt vielmehr darauf an, in ungewöhnlichen Formen der Selbstdarstellung neue Aufmerksamkeitsimpulse zu erschließen.
Kritik Kritiker bemängeln, dass in diesen Formaten meist „Menschen aus problematischen Umfeldern oder in schwierigen persönlichen Situationen, Menschen in seelischen Krisen, Opfer von Missbrauch, Menschen mit finanziellen Schwierigkeiten aufgrund Verschuldung, Problemfamilien“N. Klass: Rechtliche Grenzen des Realitätsfernsehen. Tübingen 2004, S. 46 zur Schau gestellt werden. Weiterhin diene die Selbstentäußerung der Privatheit und Intimität lediglich einer Befriedigung voyeuristischer Interessen des Publikums, oftmals führt dies gar zu stärkeren Problemen des Protagonisten nach der Ausstrahlung.Ralf Hansen: Aspekte der Zerstörung von Privatheit und Intimität auf Telepolis Einige dieser Talkshows setzen auch bezahlte Laiendarsteller ein, auch Publikumsreaktionen werden durch schriftliche oder optische Anweisungen manipuliert.
Medienpsychologen sprechen hier auch vom Affektfernsehen, dessen Merkmale eine meist künstlich erzeugte Personalisierung, Authentizität, Intimisierung oder Emotionalisierung sind. Die Medienwissenschaftler Gary Bente und Bettina Fromm etablierten 1997 für diese Talkshows die Bezeichnung „Affekt-Talks“. Angela Keppler unterscheidet zwischen dem narrativen Realitätsfernsehen und dem performativen Realitätsfernsehen. Beim performativen Realitätsfernsehen handelt es sich „um Unterhaltungssendungen, die sich zur Bühne herausgehobener Aktionen machen, mit denen gleichwohl direkt oder konkret in die Alltagswirklichkeit der Menschen eingegriffen wird.“vgl. Keppler, Angela (1994): Wirklicher als die Wirklichkeit? Das neue Realitätsprinzip der Fernsehunterhaltung. Frankfurt/M.: Fischer, S. 8f Beim narrativen Realitätsfernsehen werden die „Zuschauer mit der authentischen oder nachgestellten Wiedergabe tatsächlicher Katastrophen unterhalten“.vgl. Keppler, Angela (1994): Wirklicher als die Wirklichkeit? Das neue Realitätsprinzip der Fernsehunterhaltung. Frankfurt/M.: Fischer, S. 8
„Polit-Talk“ Speziell für Polit-Talkshows lassen sich nach Girnth/Michel (2007)Heiko Girnth, Sascha Michel: Von diskursiven Sprechhandlungen bis Studiodekorationen. Polit-Talkshows als multimodale Kommunikationsräume. In: Der Sprachdienst. 3/2007, S. 87–88 folgende Charakteristika nennen: Institutionalisierung: Die Sprechhandlungen sind institutionell reglementiert, was Auswirkungen beispielsweise auf das Rederecht, die Rededauer etc. hat. Diskursivität: Sprachliche Äußerungen verweisen immer auf vorangehende Diskurse/Texte und nachfolgende Diskurse/Texte. Politiker müssen somit das Vorwissen ihrer (direkten und indirekten) Gesprächspartner berücksichtigen.