La Rochelle ist eine westfranzösische Hafenstadt und Hauptstadt des Départements Charente-Maritime in der Region Nouvelle-Aquitaine mit Einwohnern (Stand: ); 2010 lebten im hiesigen Großraum knapp 210.000 Menschen.. In: insee.fr.

La Rochelle ist unter anderem Mitglied im Hansebund der Neuzeit; 2015 wurde der Gemeinde von der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa der Ehrentitel „Reformationsstadt Europas“ verliehen.Sieben neue „Reformationsstädte“ in Europa. EKD-Pressemeldung. 15. Dezember 2016, abgerufen am 25. Mai 2016. – Zur Bedeutung La Rochelles in der Reformationsgeschichte siehe das Stadtporträt La Rochelle, belle et rebelle des Projekts Reformationsstädte Europas. In: reformation-cities.org/cities, abgerufen am 25. Mai 2016 (deutsch).

Geographie Lage La Rochelle liegt am Atlantik, am Golf von Biscaya gegenüber der Île de Ré, und ist ein wichtiges Schifffahrts-, Handels- und Fremdenverkehrszentrum. Die Entfernung zu Nantes im Norden beträgt rund 150 km, zu Bordeaux im Süden 190 km und zu Paris im Nordosten 460 km.

Klima

Naturschutz La Rochelle schließt an der Atlantikküste unmittelbar an den Meeresnaturpark Estuaire de la Gironde et Mer des Pertuis an. Außerdem ist die Stadt mit dem etwa zehn Kilometer nördlich beginnenden Regionalen Naturpark Marais Poitevin assoziiert.

Wappen

Bevölkerung + Bevölkerungsentwicklung Jahr 1962 1968 1975 1982 1990 1999 2006 20162021Einwohner 66.590 73.347 79.757 75.840 71.094 76.584 77.196 75.73678.535 Quellen: Cassini und INSEE

Geschichte mini|Hafenportal von der Seeseite aus, mit Tour de la Chaîne und Tour St. Nicolas

Ursprünge Im Gebiet um La Rochelle siedelten in der Antike die Santonen, ein Stamm der Gallier, von denen die Gegend um Saintes, die Saintonge, ihren Namen erhielt. Die Besatzungsmacht der Römer entwickelte entlang der Atlantikküste den dort bis dahin unbekannten Anbau von Wein und die Gewinnung von Salz und belieferte damit ihr ganzes Reich. Zeugnisse dieser Epoche sind archäologische Ausgrabungen römischer Villen in Saint-Eloi und in Les Minimes, ferner die von Salzgärten mit Salinen.

Der Name La Rochelle heißt übersetzt „Der kleine Felsen“, bezogen auf ein erhöhtes Kalkfelsplateau im Gebiet der heutigen Stadt, auf dem sich im Zuge der Völkerwanderung (Ende 4. bis Mitte 6. Jahrhundert) von der Donau kommende Alanen niederließen und dauerhaft ansiedelten. An sie erinnert noch der Name der Landschaft Aunis im Hinterland von La Rochelle.

Entwicklung zum größten Hafen am Atlantik Die Gründung der Stadt muss für das 10. Jahrhundert angenommen werden.

mini|Tour de la Lanterne, Wehrmauer und Tour de la Chaîne

Relativ späte erste schriftliche Überlieferungen über die Zeit um 1140 sprechen von einer Zuwanderung von Colberts, einer Gruppe entflohener Sklaven, die sich der Niederlassung der Alanen anschlossen und deren Entwicklung mit vorantrieben.

Zu ihnen stießen noch die kosmopolitischen Templer, deren Routen im 12. und 13. Jahrhundert auch nach La Rochelle führten. Unter ihrer Mitwirkung wurde der Hafen zum größten der Atlantikküste ausgebaut. Noch heute gibt es eine Straße, die nach den Templern benannt ist, die Rue des Templiers. (Die Rue du Temple und der Cour du Temple weisen dagegen auf reformierte Kirchen hin, die auf Französisch temple heißen.)

mini|hochkant|Tour de la Lanterne von NO, Wehrmauer

1137 machte Wilhelm X., Herzog von Aquitanien, den Hafen der Stadt zu einem freien Hafen. Für die spätere, blühende Geschichte der Stadt zeichnete Eleonore von Aquitanien verantwortlich. Sie verlieh La Rochelle 1199 das freie Stadtrecht, verbunden mit einer bürgerlichen Selbstverwaltung und eigener Gerichtsbarkeit. Damals wurde für La Rochelle, erstmals in der französischen Geschichte, mit Guillaume de Montmirail ein Bürgermeister benannt. In der Folge wurde jedes Jahr aus den Reihen der mächtigsten Familien der Stadt ein neuer Bürgermeister gewählt.

Im Jahr 1224 wurde die Stadt während des Französisch-Englischen Krieges von König Ludwig VIII. belagert, bis sie sich schließlich unterwarf.

Während des Hundertjährigen Krieges fand bei La Rochelle am 22. Juni 1372 eine Seeschlacht zwischen einer kastilisch-französischen und einer englischen Flotte statt. Während die Engländer 40 Schiffe in die Schlacht führten, boten die Spanier und Franzosen 60 Schiffe und deutlich mehr Personal auf. Letztere besiegten die Engländer, womit die Kontrolle über den Kanal zum ersten Mal seit der Seeschlacht von Sluis 1340 in die Hände Frankreichs fiel.

Bis zum 15. Jahrhundert behielt La Rochelle den größten Hafen Frankreichs an der atlantischen Küste. Gehandelt wurde hauptsächlich mit Wein und Salz.

In Zeiten der Religionskriege

mini|La Rochelle, Leuchtfeuer und Pinie

Für das La Rochelle des 16. und frühen 17. Jahrhunderts von großer Bedeutung ist Amos Barbot († 1625), der mit seiner Histoire de La Rochelle die älteste verfügbare erzählende Quelle zur Geschichte der Stadt seit dem Mittelalter darstellt. Ihm folgend verfasste Louis-Étienne Arcère (1698–1782) eine Geschichte von La Rochelle.

Während der Renaissance öffnete sich die Stadt den Ideen der Reformation, die bereits vor 1540 zahlreiche Anhänger hatte. Die gegenseitige Toleranz ließ zu Beginn die gemeinsame Nutzung der katholischen Kirchengebäude zu.

Von 1562 bis 1598 überzogen das Land die Verwüstungen der Religionskriege. Im Jahr 1565 wurden in La Rochelle 30 katholische Priester erdrosselt und vom Tour de la Lanterne ins Meer gestoßen, was einen offenen Kampf auslöste. Bald darauf wurde es zur Hauptstadt des Protestantismus in Frankreich und wurde im Jahr 1570 im Frieden von Saint-Germain (1570) als Place de Sûreté eingestuft.

Der große Gegenschlag der katholischen Liga begann mit dem „Massaker der Bartholomäusnacht“ am 24. August 1572, mit der Hinrichtung von Hugenottenanführern in Paris und den sich anschließenden furchtbaren Gemetzeln, die auf ganz Frankreich übergriffen.

Im Jahr 1573 erfolgte die Belagerung des Hugenottenzentrums durch die königlich-katholische Armee unter dem Befehl des Herzogs von Anjou, des späteren Heinrich III. Trotz sechsmonatiger intensiver Belagerung unter Verwendung modernster Kriegstechniken auf beiden Seiten hielten die Protestanten durch, so dass die Angreifer aufgaben. Immerhin hatten annähernd 20.000 Mann auf katholischer Seite ihr Leben gelassen. Gezwungenermaßen musste die Krone den Hugenotten von La Rochelle noch 1573 die ungehinderte Ausübung ihrer Religion gestatten.

Mit dem Edikt von Nantes (1598) beendete Heinrich IV. die Religionskriege.

Erneute Belagerung von La Rochelle 1627–1628

mini|Henri-Paul Motte: Die Belagerung von La Rochelle. Historiengemälde aus dem Jahr 1881. Im Vordergrund ist Kardinal Richelieu abgebildet.

Etwa 29 Jahre später geriet die Stadt wieder in Konflikt mit Ludwig XIII., dessen königliche Armee La Rochelle am 10. September 1627 erneut belagerte. Die Stadt hatte sich mit den Engländern verbündet, die bereits die Insel Ré besetzt hatten. In den Kämpfen standen sich zwei unversöhnliche Gegner gegenüber: auf der einen Seite Kardinal Richelieu, Erster Minister des französischen Königs, auf der anderen Seite Jean Guiton (1585–1654), Admiral und neuer Bürgermeister von La Rochelle.

Die Blockade durch die Königlichen erfolgte nicht nur von der Land-, sondern auch von der Seeseite, wo ein 12 km langer Damm aufgeschüttet wurde, in dem lange angespitzte Holzbalken in Richtung Stadt eingerammt waren. Soldaten der Artillerie besetzten den Damm. Die Versorgung und Verstärkung vom Meer aus, etwa von den Engländern, war damit abgeschnitten. Dem Bürgermeister gelang es trotzdem, die hungernde Bevölkerung der Stadt über mehr als ein Jahr zum Durchhalten zu bewegen.

Nachdem der Hunger unter den Verteidigern immer mehr Todesopfer gefordert hatte, musste Guiton kapitulieren. Am 30. Oktober 1628 zog Richelieu mit seinem Heer in die Stadt ein; zwei Tage später folgte ihm König Ludwig XIII. In den Häusern fanden sie unzählige Leichen. Von den 28.000 ursprünglich eingeschlossenen Einwohnern hatten nur 5.000 überlebt, unter ihnen Jean Guiton, der ins Exil nach London ging und nach seiner Rückkehr (1635) in den königlichen Dienst eintrat.

Exodus der Hugenotten und die Kolonialzeit Nach der Niederlage der Hugenotten von La Rochelle 1628 ging ihre Verfolgung im ganzen Land unerbittlich weiter; sie erreichte mit der Rücknahme des Edikts von Nantes durch Ludwig XIV. ihren Höhepunkt. Viele Hugenotten flohen, wanderten aus und gründeten 1689 in Nordamerika die Stadt New Rochelle. Die beschädigten Wehranlagen wurden durch den Festungsarchitekten Vauban wiederhergestellt und modernisiert.

In der Kolonialzeit spielte La Rochelle im „atlantischen Dreieckshandel“ zwischen Afrika, Neufrankreich (Kanada und die Antillen) und dem Kernland Frankreich eine wichtige Rolle. Es war der drittwichtigste Sklavenhafen nach Nantes und Le Havre.David Geggus: The French Slave Trade: An Overview. In: William and Mary Quarterly. Band 58, Nr. 1, 2001, S. 122, doi:10.2307/2674421, . Der atlantische Sklavenhandel und die Entwicklung der überseeischen Beziehungen waren dafür verantwortlich, dass La Rochelle weiterhin einer der größten Häfen Frankreichs blieb.

19. Jahrhundert 1864 war der Hafen von La Rochelle im Bereich des „Bassin der Flotten“ hinter den Schleusen Standort für Tauchexperimente des ersten mechanisch betriebenen U-Boots der Welt, genannt Plongeur, unter dem Kommando von Marie-Joseph Camille Doré, der in La Rochelle geboren wurde.

Zweiter Weltkrieg

mini|U-Boot-Bunker La Pallice

Im fünf Kilometer entfernten La Rochelle-La Pallice baute die Organisation Todt ab April 1941 einen U-Boot-Bunker, der heute nicht mehr öffentlich zugänglich ist. Ab 1943 unterhielt die Kriegsmarine ein Marinelazarett in der Stadt.

Die Stadt La Rochelle sowie die Hafenanlagen in La Pallice blieben bis zur bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 in deutscher Hand. Im Rahmen eines Stillhalteabkommens zwischen dem deutschen Festungskommandanten Vizeadmiral Ernst Schirlitz und dem französischen Unterhändler, dem Fregattenkapitän Jules Hubert Meyer wurde vereinbart, auf eine befohlene Zerstörung der Stadt- und Hafenanlagen zu verzichten, sofern die alliierten Truppen die in La Rochelle eingekesselten Deutschen nicht angreifen würden. Diese „Konvention von La Rochelle“ führte schließlich dazu, dass Stadt- und Hafenanlagen nach der deutschen Kapitulation unversehrt übergeben werden konnten, während andere Atlantikstädte wie z. B. Royan noch im April kurz vor Kriegsende völlig zerstört wurden.

Internierung und Zwangsarbeit in La Rochelle Obwohl nach Peschanski La Rochelle 1944 „mit 651 Internierten in Wirklichkeit das Rückgrat der Baustellen der Organisation Todt war“Denis Peschanski: Les camps français d’internement (1938-1946) - Doctorat d’Etat. Histoire. Univer-sité Panthéon-Sorbonne - Paris I, 2000 S. 758 (Online1 oder Online2)., ist weder bei ihm noch in anderen Quellen viel über die Situation der Internierungslager in und um La Rochelle zu erfahren. Die AJPNAJPN - Anonymes, Justes et Persécutés durant la période Nazie dans les communes de France (AJPN - Namenlose, Gerechte und Verfolgte während der NS-Zeit in den Gemeinden Frankreichs). erwähnt in dem Zusammenhang 43 Lager und Internierungsorte in der Charente-Maritime und verortet davon 16 direkt auf dem Gebiet von La Rochelle.AJPN: La Rochelle en 1939-1945 Allerdings dürften sich darunter auch viele Doppelnennungen befinden, denn mindestens vier Lager aus der Liste betreffen das Quartier Laleu-La Pallice.