Horst Herold (* 21. Oktober 1923 in Sonneberg, Thüringen; † 14. Dezember 2018 in Nürnberg) war ein deutscher Jurist und von 1971 bis 1981 Präsident des Bundeskriminalamts. In dieser Funktion wurde er zu einer Symbolfigur der Terrorismusbekämpfung in der Bundesrepublik der 1970er Jahre, insbesondere im Zusammenhang mit den Anschlägen der Rote Armee Fraktion (RAF). Unter seiner Leitung wurde die Rasterfahndung entwickelt.Teil 4/6, ZDFinfo vom 2. August 2015, (Youtube)
Leben Herold wuchs in Pößneck auf, bis seine Familie 1930 nach Nürnberg zog. Im Zweiten Weltkrieg diente er als Leutnant im Panzerregiment der Panzergrenadier-Division „Großdeutschland“.Ludger Tewes: Die Panzergrenadierdivision "Großdeutschland" im Feldzug gegen die Sowjetunion, Verlag Klartext, Essen 2020, ISBN 978-3-8375-2089-7, S. 861 Dort wurde er 1943 schwer verwundet und geriet am 9. Mai 1945 in Nordböhmen in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der er fliehen konnte.
Nach dem Studium der Rechtswissenschaften von 1945 bis 1951 an der Universität Erlangen wurde Horst Herold im Bereich des Völkerrechts promoviert; das Thema seiner Dissertation von 1951 lautete Der fehlerhafte rechtsgeschäftliche Staatsakt im Völkerrecht.Eintrag im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek: http://d-nb.info/480837171
Herold war ursprünglich links orientiert. Für ihn war der dialektische Materialismus der wahre Teil des Marxismus.Dorothea Hauser: Baader und Herold. Beschreibung eines Kampfes. Berlin 1997, S. 23. Auf der Basis von Gesprächen mit Herold. Als Kind nahm er an der kommunistischen Jugendbewegung teil. Während seines Studiums war er Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und aktiv in der außerparlamentarischen Bewegung gegen die deutsche Wiederbewaffnung.Dorothea Hauser: Baader und Herold. Beschreibung eines Kampfes. Berlin 1997, S. 28 ff., 66, 78. Auf der Basis von Gesprächen mit Herold. Er war SPD-Mitglied.
Beruf 1952 wurde Horst Herold Gerichtsassessor bei der Staatsanwaltschaft am Landgericht Nürnberg-Fürth. 1953 erfolgte die Berufung zum Staatsanwalt. Sein Vorgesetzter war Hans Sachs. Ab 1964 wurde er Leiter der Nürnberger Kriminalpolizei. Bereits drei Jahre später nahm er die Position des Nürnberger Polizeipräsidenten ein. Von 1969 bis 1971 war Herold Mitglied einer Reformkommission zur Arbeit des Bundeskriminalamtes (BKA).
Am 1. September 1971 wurde er zum Präsidenten des Bundeskriminalamts (BKA) ernannt. In seiner Tätigkeit bis 1981 unterwarf er das BKA einem Reformprozess, der das BKA zum Aushängeschild der deutschen Polizei weltweit machen sollte. Insbesondere der Ausbau der technischen und personellen Ausstattung konnte von ihm erfolgreich vorangetrieben werden. Zugleich wurde damit, anders als vom historischen Gesetzgeber gedacht, die Zentralisierung der Kriminalpolizei in den Elementen der Kriminaltechnik, der eigenen kriminologischen Forschung und die Entwicklung neuer kriminalistischer Ansätze vollzogen.
Im Januar 1977 wurde Herold mit dem isländischen Falkenorden in der Ausprägung Kommandeur mit Stern geehrt, nachdem er der isländischen Polizei einen pensionierten BKA-Beamten vermittelt hatte, der dabei helfen sollte, den Fall Guðmundur und Geirfinnur aufzuklären.Datenbankabfrage auf der Website des isländischen Präsidenten, abgerufen am 13. Juni 2020. In diesem Fall wurden fünf Männer wegen Mordes verurteilt, die unter folterähnlichen Bedingungen zu Geständnissen gebracht worden waren. Im September 2018, 44 Jahre nach der vermeintlichen Tat, wurden alle Angeklagten vom isländischen Obersten Gerichtshof freigesprochen.
Unter der Leitung von Horst Herold wurde im Zuge des innenpolitischen Kampfes gegen den Terror der RAF die Rasterfahndung eingeführt. Horst Herold erläuterte das Vorgehen 1986 so:
Ruhestand Nach heftigen Meinungsverschiedenheiten mit dem ab 8. Juni 1978 amtierenden Bundesminister des Innern Gerhart Baum (FDP) beantragte Herold nach einem Herzinfarkt im September 1980 seine vorzeitige Pensionierung.BKA-CHEF: Ans Schienbein, Der Spiegel 49/1980 vom 1. Dezember 1980. Horst Herold wurde am 31. März 1981 im Alter von 57 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.
Sein Vorhaben, ein Buch über die Fahndung nach der RAF zu schreiben, scheiterte daran, dass Baum ihm die Akteneinsicht verwehrte. Weil sich die Polizeibehörden nicht in der Lage sahen, Herold ausreichend zu schützen, musste er danach seinen Wohnsitz von seinem Eigenheim in Nürnberg auf das Gelände einer damaligen BGS-Kaserne in Rosenheim verlegen, wo für ihn ein Fertighaus errichtet wurde. Die Kosten dafür musste er selbst tragen.Heribert Prantl: Zum Tod von Horst Herold Staatsdiener und Staatsdenker In: Süddeutsche Zeitung, 14. Dezember 2018 Dort lebte er auch als Pensionär. In diesem Zusammenhang wird ihm das Zitat „Ich bin der letzte Gefangene der RAF“ zugeschrieben.Michael Jürgs: Gefangen in der Vergangenheit – Ein Besuch bei Horst Herold. In: Der Tagesspiegel, 22. September 2007. Nach dem Tod seiner Frau kehrte er 2017 nach Nürnberg zurück.Heribert Prantl: Der letzte Gefangene der RAF ist geflüchtet. In: Süddeutsche Zeitung, 3. September 2017. Herold starb im Dezember 2018 nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 95 Jahren.
Auszeichnungen 1977: Kommandeur mit Stern des Falkenordens 1981: Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern 1984: Bürgermedaille der Stadt Nürnberg, wo seine Karriere begonnen hatte. 2004: Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband
Verfilmungen In dem TV-Doku-Drama Todesspiel (1997, Regie: Heinrich Breloer) über den Deutschen Herbst wurde Herold vom Schauspieler Dieter Mann verkörpert. In dem Film Baader (2002) wurde Herold (hier fiktionalisiert zu Kurt Krone) vom Schauspieler Vadim Glowna verkörpert. In dem Film Im Schatten der Macht (2003, Regie: Oliver Storz) wurde Herold vom Schauspieler Martin Lüttge verkörpert. In dem Film Der Baader Meinhof Komplex (2008, Regie Uli Edel nach einem Buch von Stefan Aust) wurde Herold vom Schauspieler Bruno Ganz verkörpert.
Trivialkultur Seine auf die damaligen Terroristen der RAF und der Bewegung 2. Juni gemünzte Ankündigung „Wir kriegen sie alle“ wurde mehrmals künstlerisch verarbeitet, unter anderem zu hören auf dem „Verschwende Deine Jugend“-Sampler („Horst Herold – Wir kriegen euch alle“), auf dem „Gang nach Canossa II“-Sampler („D.Werk – Wir kriegen sie alle“) und als Endlosrille auf der LP Amok Koma der Gruppe Abwärts.
Literatur Bundeskriminalamt (Hrsg.): Festschrift für Horst Herold zum 75. Geburtstag – Das Bundeskriminalamt am Ausgang des 20. Jahrhunderts. Wiesbaden 1998. Dieter Schenk: Der Chef. Goldmann Verlag, München 2000, ISBN 3-442-12970-2. Dorothea Hauser: Baader und Herold. Beschreibung eines Kampfes. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1998/Rowohlt Verlag, Reinbek 2007, ISBN 3-499-62279-3. Birgit Seiderer, Horst Herold und das Nürnberger Modell (1966–1971). Eine Fallstudie zur Pionierzeit des polizeilichen EDV-Einsatzes in der Reformära der Bundesrepublik. in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 91/2004, S. 317–350. Imanuel Baumann, Andrej Stephan: „Kommissar Computer“: Dr. Horst Herold (* 1923) und die Geister, die er rief. In: Schatten der Vergangenheit. Das BKA und seine Gründungsgeneration in der frühen Bundesrepublik. Von Imanuel Baumann, Herbert Reinke, Andrej Stephan, Patrick Wagner, Köln 2011, S. 79–86. Amadou Korbinian Sow, On Reaching a Crime Scene Ahead of the Criminal: Dreams of Police and Technology from the 1970s to Today, German Law Journal, Volume 23 (2022), Issue 4, S. 597–624, doi: 10.1017/glj.2022.40.
Weblinks
Dorothea Hauser: Der Kriminalphilosoph, zeit.de, 23. Oktober 2003. Horst Herold – Der Terroristenjäger, stern.de, 17. Oktober 2003. Gefangen in der Vergangenheit – Ein Besuch bei Horst Herold, Tagesspiegel, 22. September 2007. Kommissar Computer: Horst Herold zum 85. Geburtstag, Heise, 21. Oktober 2008.
Nachlass Bundesarchiv N 1848
Einzelnachweise
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