mini|Polytechnische Oberschule in Berlin-Marzahn 1984

Die polytechnische Oberschule (Abkürzung POS) war die allgemeine Schulform im Schulsystem der DDR und umfasste zehn Klassen. Sie entstand 1959 aus einer Reform der achtjährigen Grundschulen bzw. zehnjährigen Mittelschulen. Konzeptionell handelte es sich um eine einheitliche zehnjährige Gemeinschaftsschule ohne innere oder äußere Differenzierung während des regulären Unterrichts, so dass der Klassenverband – abgesehen von Abiturabgängern zur Erweiterten Oberschule (EOS) und zu den Spezialschulen unterschiedlicher Richtung – stabil über alle Schuljahre erhalten blieb.

Einschulung und Abschluss Zur vorschulischen Erziehung sah der Gesetzgeber Kindergärten und andere Einrichtungen vor, die örtlich organisiert wurden.§ 13 Die Aufgaben in anderen Erziehungseinrichtungen der Volksbildung, Gesetz über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens in der Deutschen Demokratischen Republik vom 2. Dezember 1959, in: Gesetzblatt der DDR. Gesetzblatt I, Nr. 67 S. 859Exposition von Lehrmitteln von der Vorschule bis zur Oberstufe in: Lehrmittel aus der DDR werden in Haiphong ausgestellt. Tageszeitung Neues Deutschland, vom 10. August 1973, S. 4 Es bestand keine Pflicht zum Besuch dieser Einrichtungen als Kriterium für die Einschulung in die POS. Der Besuch dieser Einrichtungen war vielmehr mit der sich entwickelnden Berufstätigkeit beider Elternteile notwendig für die Betreuung der Kinder.

Die Einschulung in die POS erfolgte mit sechs oder sieben Jahren. Wer bis zum 31. Mai eines Jahres§ 1 der Ersten Durchführungsbestimmung zum Gesetz über das einheitliche Schulsystem, Schulpflichtbestimmungen vom 14. Juli 1965, in: Gesetzblatt der DDR: Gesetzblatt II, Nr. 83 S. 625 sechs Jahre alt wurde, wurde in demselben Jahr eingeschult, die später Geborenen im Folgejahr. Noch nicht schulreife Kinder konnten ein Jahr zurückgestellt werden. Auf Antrag der Eltern war auch eine Einschulung im selben Jahr für bis zum 31. August Geborene möglich.

Der Abschluss der 10. Klasse einer POS berechtigte zur Aufnahme einer Berufsausbildung zum Facharbeiter in einem Betrieb und zum Fachschulstudium, sofern für dieses keine abgeschlossene Berufsausbildung weitere Voraussetzung war.

Die Bezeichnung „polytechnische Oberschule“ und ihre Besonderheiten mini|Schulsystem in der DDR

Amtlich hieß die POS seit ihrer Einführung im Gesetz über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens 1959 zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule, verkürzt polytechnische Oberschule. Das Attribut polytechnisch wurde vorerst kleingeschrieben. Das Ministerium für Volksbildung bezeichnete die POS in den amtlichen Dokumenten allerdings des Öfteren uneindeutig als Oberschule. Mit dem Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem 1965 änderte sich der ministerielle Schriftgebrauch von polytechnische Oberschule in Polytechnische Oberschule.

Die komplexe Bezeichnung „zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule“ enthielt bereits Teile der neuen Eigenschaften der Schule im Namen. Das Attribut zehnklassig beschreibt die Schule als integrativen Schultyp ohne Gliederung und institutionelle Separation und Selektion, welcher die Klassen 1 bis 10 umfasste und somit eine vollausgebaute Schule ohne Mehrstufenklassen darstellte. Das Attribut allgemeinbildend beschreibt die Ausrichtung der Schule. Das Ziel war eine moderne, allseitige Allgemeinbildung, die keine Geringschätzung bestimmter Fächergruppen zuließ. Auch eine neigungsdifferenzierte Spezialisierung und damit Verengung der Schulbildung zum Beispiel in einem Kurssystem wurde abgelehnt. Das Attribut polytechnisch beschreibt die Idee des allgegenwärtigen polytechnischen Unterrichts und die daraus folgende Verbindung von geistig-schöpferischem Denken und praktisch-produktiver Arbeit sowie gesellschaftlich-nützlicher Tätigkeit als grundlegendes Charakteristikum der Schule. Der in der deutschen Bildungstradition herausgehobene Begriff der Oberschule stellte den kompliziertesten Bestandteil der Namensgebung dar. Eine Oberschule war eine höhere Lehranstalt. Eine höhere Schule lehrte höhere Bildung und wurde streng von der Grundschule und der Volksschule getrennt. Im engeren Sinne galten deswegen nur Gymnasien, Realgymnasien und seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Oberrealschulen als höhere Lehranstalt, die außerdem noch mit dem Abitur abschlossen. Oberschulen in diesem Sinne sowie dem gegliederten Schulsystem überhaupt wurde von der politischen Linken der Vorwurf gemacht, zu selektiv und damit verbunden ungerecht zu sein und den unteren Schichten und den ärmeren Milieus keinen oder nur sehr erschwert Zugang zu gewähren. Die Einheitsschule in Form einer Oberschule zu konstruieren, bedeutete die Beendigung der institutionellen Trennung von Primar- und Sekundarbildung und dehnte eine Vielzahl der Lehrinhalte des Gymnasiums in die Klassen 1 bis 8 aus. Weil neben der polytechnischen Oberschule keine Grundschule und keine Mittelschule mehr existierte, erhielten auf diese Weise alle Kinder einheitlich Zugang zu oberschulischer Bildung, was eine bis heute einmalige Veränderung des Schulwesen auf deutschem Boden bedeutet. In der POS war aber anders als im Gymnasium nur eine Fremdsprache obligatorisch, dafür waren die Naturwissenschaften stärker vertreten.

Geschichte mini|upright=1.05|Schulhof der Heinrich-Heine-Ober­schule in Berlin-Mitte (September 1979) mini|upright=1.05|Kennzeichen für den Ordnungs­dienst-Habenden in einer Klasse

Die Einführung der polytechnischen Oberschule als Schulform fällt in den Abschluss der Phase des Aufbaus der sozialistischen Schule (1949–1962). Sie ersetzte die bis dahin in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR als Einheitsschule existierende achtjährige Grundschule.

Pädagogische Grundlage für die POS war das Konzept des polytechnischen Unterrichts, in dem sich idealerweise in allen Fächern theoretisch-durchdringendes und praktisch-umgestaltendes Tun verbinden sollten. An der Konzeption beteiligte Pädagogen der DDR formulierten dabei als Ziel, dass den Schülern „Liebe zur Arbeit“ nahegebracht werden sollte und dass man fächerübergreifend an Erfahrungen anknüpfen werde, die die Schüler während des Unterrichtstages in der Produktion gesammelt haben würden. In Vorbereitung auf die Etablierung der POS wurde zunächst ohne langen Vorlauf für das Schuljahr 1958/59 eine neue Stundentafel eingeführt, die das neue Schulfach Einführung in die sozialistische Produktion in Industrie und Landwirtschaft (ESP), verbunden mit wöchentlich einem Tag praktischen Unterrichts in der Produktion, enthielt.

Im Januar 1959 wurden auf einer Tagung des Zentralkomitees der SED die Thesen „Über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens in der Deutschen Demokratischen Republik“ verabschiedet, die noch einmal die Umgestaltung des Schulwesens im Sinne des polytechnischen Unterrichts bekräftigten und sie programmatisch untermauerten: „Es geht darum, die Schule in organisatorischer Weise zur sozialistischen Schule umzuwandeln. […] Deshalb wird der Vorschlag unterbreitet, eine zehnklassige, allgemeinbildende polytechnische Oberschule aufzubauen.“Zitat aus: Über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens in der Deutschen Demokratischen Republik, Thesen des ZK der SED, in: René Frenzel (Hrsg.): Die sozialistische Schule. Berlin 1960. Auf Grundlage dieser Thesen verabschiedet die Volkskammer am 2. Dezember 1959 das Gesetz über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens in der Deutschen Demokratischen Republik. Mit der Gründung der POS ging die Verabschiedung einer neuen Schulordnung am 12. November 1959 (die bereits die enge Zusammenarbeit zwischen Schulen und Betrieben regelt) einher.

Das Gesetz von 1959 garantierte außerdem in den zweisprachigen Teilen der Bezirke Cottbus und Dresden Unterricht an den betreffenden POS auch in sorbischer Sprache.§ 17 Gesetz über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens vom 2. Dezember 1959, in: Gesetzblatt der DDR. Gesetzblatt I, Nr. 67 S. 859

Zunächst umfasste das Regelsystem der POS nur die Klassen eins bis acht, das bedeutete, dass die nach und nach eingeführte 9. und 10. Klasse nicht zur Regelschulzeit zählte. Insbesondere in Städten gab es diese Klassenstufen, wenn auch nicht in jeder Schule. Erst Anfang der 1970er Jahre wurde mit einer nochmals umfassenden Neustrukturierung des Bildungssystems der DDR die Regelschulzeit auf 10 Jahre verlängert, womit auch die Klassen 9 und 10 in die POS integriert wurden.

Der innere Aufbau der POS Die POS wurde nach innen in eine Reihe von Stufen gegliedert. Dieses Stufensystem erfuhr mehrmals eine Änderung in den verschiedenen Perioden der DDR-Bildungspolitik. Generell ist es nicht mit den Schulstufen der westdeutschen Schule vergleichbar, weder vom Ansatz her noch in den Bezeichnungen. Das Stufensystem war zunächst eine Erscheinung aus vergangener Weimarer Schultradition, ohne im Schulalltag irgendwie konkret institutionalisiert zu sein, denn bereits die Auflösung des gegliederten Schulsystems 1946 schuf eine einheitliche achtklassige Schule. Somit diente das Stufensystem als Verfeinerung auf dem Papier und in den Lehrplänen, um die Verwaltungsarbeit, die Steuerung des Lehrplanes, die Organisation der Stundentafel und des Unterrichtes pragmatischer und leichter gestalten zu können. 1982 verschwand die Stufung de facto völlig, und es existierte nur noch eine in allen Aspekten von Klasse 1 bis 10 „organisch gelenkte Oberschule für alle Kinder“. Im engeren Sinne zeigte das Stufensystem deutlich die reformpädagogischen Einflüsse, die in der polytechnischen Oberschule existierten, denn die Lehrpläne und die Konzeption der Stufen beachteten die Spezifik des Älterwerdens und der Entwicklung der Kinder, so dass eine kindgerechte und dem Kind zugewandte Bildungs- und Erziehungsarbeit gewahrt werden sollte.

Unterstufe mini|Schulanfang in der DDR, 1980 mini|hochkant|Schriftproben der Schulausgangsschrift, die in der Unterstufe ab 1968 gelehrt wurde mini|Magnetische Buchstaben und Silben für Übungen in der Unterstufe

Die Unterstufe umfasste von 1946 bis 1970 die Klassen 1 bis 4, mit Ende der Einführung des neuen Lehrplanwerks 1971 die Klassen 1 bis 3. Gelehrt wurden neben deutscher Sprache und Literatur, Heimatkunde, Rechnen bzw. Mathematik auch die musischen Fächer Zeichnen und Musik sowie das Fach Körpererziehung bzw. Sport. Die polytechnischen Fächer der Unterstufe waren Schulgarten, Werken und Nadelarbeit. Den Nähunterricht gab es pflichtmäßig für Mädchen und Jungen in der 3. und 4. Klasse; spätestens ab 1977 jedoch nur noch als fakultativen Unterricht. In der 1. Klasse wurde außerdem das Fach Schönschreiben zur Einübung der Schreibschrift gegeben.