mini|„Entartete Kunst“: Ecce Homo von Lovis Corinth, 1925|alternativtext=Ölgemälde von zwei Männern, die einen Gefangenen mit zusammengebundenen Händen in ihrer Mitte halten. Der linke Mann trägt einen Arztkittel und der rechte Mann trägt eine graue Rüstung mit schwarzen Stiefeln. Der mittlere Mann trägt ein rotes Gewand und ist mit Blutspritzern übersät. Oben links steht handschriftlich „Ecce Homo. Lovis Corinth. 1925“. mini|Hafenkneipe von Joachim Ringelnatz, 1933|alternativtext=Ölgemälde eines Blicks in eine Kneipe. Die doppelten Fenster sind in Steinmauern eingelassen und lassen durch transparente Gardinen kaum ins Innere blicken. Im Hintergrund ist ein Tresen und vorne sitzen an runden Tischen Menschen. An der oberen Scheibe die Aufschrift „zum Südwester“.
Entartete Kunst war während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland der offiziell propagierte Begriff für die mit rassentheoretischen Begründungen diffamierte moderne Kunst. Der Begriff Entartung wurde Ende des 19. Jahrhunderts von der Medizin auf die Kunst übertragen und meint damit degeneriert.
Als „entartete Kunst“ galten im NS-Regime alle Kunstwerke und kulturellen Strömungen, die mit der Kunstauffassung und dem Schönheitsideal der Nationalsozialisten, der sogenannten „Deutschen Kunst“, nicht in Einklang zu bringen waren: Expressionismus, Dadaismus, Neue Sachlichkeit, Surrealismus, Kubismus oder Fauvismus. Darüber hinaus wurden alle Werke von Künstlern mit jüdischem Hintergrund als entartet bewertet.
Die betreffenden Werke wurden 2010 von der Freien Universität Berlin erfasst, die eine online abrufbare Datenbank eingerichtet hat.Entartete Kunst auf www.geschkult.fu-berlin.de
Entstehung des Begriffs „entartete Kunst“ Das Wort „entartet“ stammt ursprünglich aus dem Mittelhochdeutschen, wo es die Bedeutung „aus der Art geschlagen“ hatte. Im 19. Jahrhundert wurde der Begriff erstmals im abwertenden Zusammenhang benutzt, als der Romantiker Friedrich Schlegel in Bezug auf die Dichtung der Spätantike von „entarteter Kunst“ schrieb. Der französische Diplomat und Schriftsteller Arthur de Gobineau verwendete 1853 den Begriff in seinem Essai sur l’inégalité des races humaines erstmals in rassisch abwertendem Sinn, jedoch ohne antisemitische oder deutschnationale Konnotationen. Karl Ludwig Schemann, der Gobineaus Werk ins Deutsche übersetzte und zwischen 1898 und 1901 veröffentlichte, war Mitglied des Alldeutschen Verbandes.
Richard Wagner veröffentlichte 1850 den Artikel Das Judenthum in der Musik, in dem er den Einfluss des Judentums in der Musik anprangerte und die jüdische Emanzipation im Sinne der Aufgabe des Judentums forderte. Wagner veröffentlichte weitere theoretische Schriften, in denen er sich auch mit anderen Kunstgattungen befasste und die zum Teil kontrovers aufgenommen wurden. 1892/93 publizierte der jüdische Kulturkritiker Max Nordau sein Werk Entartung, in dem er nachzuweisen versuchte, dass die Entartung der Kunst auf die Entartung der Künstler zurückgeführt werden kann. In Anknüpfung an Nietzsches Kritik der décadence brandmarkte Nordau fast alle literarischen Strömungen vom Symbolismus bis zum Naturalismus als Ausdruck einer Degenerationserkrankung. Seine Hauptangriffe gelten den Präraffaeliten in der Malerei, Wagner in der Musik sowie Verlaine, Mallarmé, Moréas, Baudelaire, Gautier, Wilde und Ibsen in der Dichtung.
Bereits vor dem Ersten Weltkrieg wurde der Begriff im Zusammenhang mit der bildenden Kunst verwendet, so etwa in einer Rede des Abgeordneten Julius Vorster am 12. April 1913 im Preußischen Abgeordnetenhaus, als er sich unter Bezug auf eine Sonderbund-Ausstellung über eines der bekanntesten Gemälde von Franz Marc (Die gelbe Kuh) echauffierte:
Nationalsozialisten gegen moderne Kunst Diffamierung aller Formen moderner Kunst Die Nationalsozialisten entwickelten ein gesondertes Kunstideal einer Deutschen Kunst und verfolgten die von ihnen so bezeichnete „Verfallskunst“ und „artfremde“ Kunst, die nicht den nationalsozialistischen Idealen entsprach und von Pessimismus und Pazifismus geprägt sei. Kommunistische oder jüdische Künstler wurden mit Berufs- und Malverboten belegt, ihre Kunstwerke wurden aus Museen und öffentlichen Sammlungen entfernt und konfisziert. Vertreter „entarteter Kunst“ wurden zur Emigration gezwungen oder ermordet.
Es gab drei konsequente Diffamierungs-Maßnahmen der NS-Kulturpolitik: Bücherverbrennung im Mai 1933 in Berlin und 21 weiteren Städten sowie nach dem Anschluss Österreichs 1938 auch dort, Verfolgung der Maler und ihrer „entarteten Kunst“ und Verfolgung der „entarteten Musik“ an den Reichsmusiktagen 1938 in Düsseldorf.
Infolge des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 wurden jüdische, kommunistische und weitere unerwünschte Künstler aus öffentlichen Ämtern gewaltsam entfernt. Mit der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 und Joseph Goebbels’ Rede auf dem Berliner Opernplatz wurde bereits in den ersten Monaten nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten deutlich, dass die Vielfalt des Kunstschaffens der Weimarer Republik unwiderruflich zu Ende war.
Der Vernichtungsangriff auf die Moderne und ihre Protagonisten betraf alle Sparten der Kultur wie Literatur, Filmkunst, Theater, Architektur oder Musik. Moderne Musik wie der Swing oder der Jazz wurde auf der am 24. Mai 1938 eröffneten Ausstellung „Entartete Musik“ ebenso rücksichtslos diffamiert wie der „Musikbolschewismus“ von international bekannten Komponisten wie Hanns Eisler, Paul Hindemith oder Arnold Schönberg, von denen die meisten überdies auch jüdischer Herkunft waren. In der Folge erschien ab 1940 das berüchtigte Lexikon der Juden in der Musik.
1930–1936 Der vom NS-Volksbildungsminister Thüringens Wilhelm Frick bewirkte Erlass „Wider die Negerkultur, für deutsches Volkstum“ (Bekanntmachung am 12. April 1930), der sich gegen die moderne Kunst richtete, war der Ausgangspunkt des Angriffes auf als „undeutsch“ definierte Einflüsse in der Kunst. Dies führte im Oktober 1930 zur Überstreichung von Oskar Schlemmers Wandgestaltung der Weimarer Werkstattgebäude. Weiter betrieb Frick die Auflösung der Weimarer Bauhausschule und entließ die Lehrerschaft. Er berief Paul Schultze-Naumburg, einen führenden Vertreter einer rechtskonservativen Bau- und Kulturideologie, zum Direktor der neugegründeten Vereinigten Kunstlehranstalten Weimar. Unter dessen Leitung wurden im Weimarer Schlossmuseum Werke von Ernst Barlach, Charles Crodel, Otto Dix, Erich Heckel, Oskar Kokoschka, Franz Marc, Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff und anderen entfernt. Zwar wurde Minister Frick am 1. April 1931 das Vertrauen des Thüringischen Landtages entzogen, doch die Landtagswahlen vom 31. Juli 1932 brachten der NS-Fraktion die absolute Mehrheit und öffneten den Zugriff von Weimar auf Berlin, was konsequenterweise dazu führte, dass exemplarisch die gerade zum Goethejahr 1932 mit Wandmalereien von Charles Crodel erneuerten Kuranlagen von Bad Lauchstädt im Sommer 1933 teils verbrannt, teils überstrichen wurden, während in Berlin ein erbitterter Richtungskampf geführt wurde, den Alfred Rosenberg im Winter 1934/1935 für sich entschied und nach den Olympischen Spielen in Berlin 1936 umsetzte. Der Künstler Emil Bartoschek malte übertrieben naturalistische Bilder, die über eine Galerie in der Berliner Friedrichstraße zahlreiche Käufer fanden, um von seiner abstrakten Malerei abzulenken, die einem kleinen Kreis vorbehalten blieb.
mini|Gedenktafel in der Köpenicker Straße in Berlin vor einem ehemaligen Depot für „Entartete Kunst“|alternativtext=Farbfotografie von einer Gedenktafel mit dem Titel „Depot für Aktion Entartete Kunst“. Rechts steht ein Text und links sind zwei Schwarzweißfotografien. Auf einem betrachtet Hitler die aufgereihten Gemälde im Lager und auf dem zweiten Foto sind die Gemälde ausgestellt.
1936–1945 Auftakt der neuerlichen Verfolgungswelle war die Schließung der Neuen Abteilung der Nationalgalerie Berlin im Kronprinzenpalais am 30. Oktober 1936. Eine zweite zentrale Aktion begann 1937 auf der Grundlage eines am 27. Juli 1937 von Joseph Goebbels veröffentlichten „Führerauftrags“. Damit wurde angewiesen, „aus allen im Reichs-, Landes- und Kommunalbesitz befindlichen Museen, Galerien und Sammlungen die noch vorhandenen Produkte der Verfallszeit zu beschlagnahmen.“ In der Folge wurden Werke aus 101 Sammlungen in 74 Städten beschlagnahmtMaike Steinkamp: Das unerwünschte Erbe. Die Rezeption „entarteter“ Kunst in Kunstkritik, Ausstellungen und Museen der SBZ und frühen DDR (= Schriften der Forschungsstelle „Entartete Kunst“. Band 2). Akademie-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-05-004450-7, S. 57., ein großer Teil davon vernichtet.
1936 erging ein totales Verbot jeglicher Kunst der Moderne. Hunderte Kunstwerke, vor allem aus dem Bereich der Malerei, wurden aus den Museen entfernt und entweder für die Ausstellung „Entartete Kunst“ konfisziert, ins Ausland verkauft oder zerstört.Ausstellung deutscher Kunst in London, ein Bild von Oskar Kokoschka, das von der Gestapo in vier Teile zerrissen wurde, Burlington Galleries London, 7. Juli 1938, in der Österreichischen Nationalbibliothek. Maler, Schriftsteller und Komponisten erhielten – soweit sie nicht ins Ausland emigriert waren – Arbeits- und Ausstellungsverbot. Das bereits seit 1933 bestehende Ankaufsverbot für nichtarische und moderne Kunstwerke wurde verschärft. Die schrittweise Entrechtung der jüdischen Bevölkerung hatte zur Folge, dass auch zahlreiche Kunstwerke aus deren Privatbesitz in die Hand des Staates fielen und, sofern sie als „entartet“ galten, vernichtet oder ins Ausland verkauft wurden.
Bekannte verfemte Künstler Unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten gaben diese in aggressiver Weise mit polizeilich erzwungenen Ausstellungsschließungen und verbalen wie tätlichen Angriffen auf Künstler und kulturelle Vereine die Linie vor, die sie hinsichtlich der Kulturpolitik in den Folgejahren durchzusetzen gedachten. Als Reaktion darauf flohen viele Künstler in die Nachbarstaaten Deutschlands. Weitere Fluchtwellen wurden durch die Nürnberger Gesetze 1935 ausgelöst sowie durch die Diffamierung als „entartete“ Kunst und die Novemberpogrome 1938. Beispielsweise flohen 64 Hamburger Künstler in 23 unterschiedliche Länder.
Als „entartet“ galten unter anderem die Werke von Ernst Barlach, Willi Baumeister,Brigitte Pedde: Willi Baumeister 1889–1955. Schöpfer aus dem Unbekannten. epubli, Berlin 2013, ISBN 978-3-8442-6815-7 (willi-baumeister.com). Max Beckmann, Karl Caspar, Maria Caspar-Filser, Marc Chagall, Giorgio de Chirico, Lovis Corinth, Otto Dix, Max Ernst, Lyonel Feininger, Otto Freundlich, Paul Gauguin, Wilhelm Geyer, Otto Griebel, George Grosz, Werner Heuser, Karl Hofer, Karl Hubbuch, Hans Jürgen Kallmann, Wassily Kandinsky, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Käthe Kollwitz, Wilhelm Lehmbruck, Elfriede Lohse-Wächtler, Gerhard Marcks, Ludwig Meidner, Paula Modersohn-Becker, Piet Mondrian, Rudolf Möller, Otto Mueller, Emil Nolde, Otto Pankok, Max Pechstein, Pablo Picasso, Christian Rohlfs, Oskar Schlemmer, Karl Schmidt-Rottluff, Werner Scholz und Wolf Schwamberger.
Die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München 1937 mini|Joseph Goebbels in der Wanderausstellung „Entartete Kunst“, 1938 in Berlin. Links zwei Gemälde von Emil Nolde: Christus und die Sünderin und Die klugen und die törichten Jungfrauen, rechts eine Skulptur von Gerhard Marcks: Heiliger Georg|alternativtext=Frontale Schwarzweißfotografie von einer Gruppe, die durch eine Tür in die Ausstellung geht. Vorne begleiten zwei Männer mit Anzügen Joseph Goebbels, denen Uniformierte folgen. Links sind zwei Gemälden und rechts eine Steinfigur zu sehen. mini|hochkant|links|Handzettel zur Ausstellung 1937 in München|alternativtext=Infoblatt zur Ausstellung „Entartete Kunst“ mit alter, schwarzer Schrift auf rotem Untergrund. Oben stehen die Hauptaussagen „Gequälte Leinwand – seelische Verwesung – krankhafte Phantasien – geisteskranke Nichtskönner“