Pizzicato [] (von ital. „gezwickt“), im Deutschen auch Pizzikato,Duden. ist eine Spielweise auf Streichinstrumenten der Violinfamilie, bei der die Saiten nicht mit dem Bogen gestrichen, sondern mit den Fingern der rechten Hand, die normalerweise den Bogen führt, gezupft werden. Sie wird heute üblicherweise durch die Abkürzung pizz. zu Beginn der pizzicato zu spielenden Passage gefordert; die Rückkehr zum Spiel mit dem Bogen wird durch coll’arco oder arco angezeigt. Der Terminus „pizzicato“ ist auch auf Spielweisen anderer Instrumente übertragen worden. mini|hochkant|Pizzicato auf einem Kontrabass mini|hochkant|Stanislaus Stückgold: Mann mit Geige (ohne Jahr)

Pizzicato auf den Instrumenten der Violinfamilie Klang 15px Klangbeispiel: Violin-Pizzicato

Charakteristisch für den Klang des Pizzicatos ist zum einen, dass die Saite an ihrem einen Ende durch den weichen Finger abgeteilt wird, im Gegensatz etwa zur Gitarre, bei der die Verkürzung der Saite durch die Bünde auch auf der Griffbrettseite für ein hartes Ende sorgt. Dadurch wird der Klang fast sofort nach dem Anreißen abgedämpft. Ein längeres Nachschwingen ist nur bei leeren Saiten möglich. Zum anderen verursacht die Steifigkeit der Saiten eine starke Inharmonizität: Die Teiltöne schwingen nicht in ganzzahligen Verhältnissen, wodurch die Wahrnehmbarkeit der Tonhöhen herabgesetzt wird. Diese beiden Elemente verursachen den Eindruck von Geräuschhaftigkeit des Pizzicatos. Sie sind am stärksten ausgeprägt bei den hohen Instrumenten Violine und Viola; am resonantesten und klarsten sind Pizzicati auf dem Kontrabass.

Ausführung Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Ausführung des Geigenpizzicatos nicht als ein technisches Problem angesehen, dessen Schwierigkeiten einer Diskussion in der pädagogischen Literatur würdig seien. Die meisten Schulwerke erwähnen es nicht einmal; einige wenige widmen ihm kurze Abschnitte. Die geringen klanglichen Gestaltungsmöglichkeiten und sein sehr kurzer und trockener Klang haben eine gewisse Verachtung vieler Geiger für das Pizzicato verursacht. Sie klingt noch 1928 bei Carl Flesch durch, wenn er anlässlich der Besprechung von Artur Schnabels Fünf Stücken für Violine solo schreibt:

Die Technik der Geige aber war das Vorbild für die Technik der übrigen Streichinstrumente. Während tatsächlich auf den hohen Streichinstrumenten das Pizzicato kein besonderes technisches Problem darstellt, andererseits aber auch keine wesentlichen Varianten erlaubt und über längere kompositorische Strecken im Regelfall nur als Begleitung eines anderen Instrumentes trägt, haben die tiefen Streichinstrumente erst im Lauf des 20. Jahrhunderts ihren eigenen technischen Weg gefunden. Insbesondere für den Kontrabass sind im Jazz eigenständige und von den übrigen Streichinstrumenten unabhängige musikalische Strukturen entstanden, die auf den diesem Instrument eigenen vielfältigen Möglichkeiten des Pizzicatos beruhen.

Das Pizzicato auf der Violine Über die Grundbewegung des Geigenpizzicatos schrieb Leopold Mozart in seinem Versuch einer gründlichen Violinschule (1756):

Werden vom Komponisten Doppelgriffe verlangt, wird auch der Mittelfinger eingesetzt. Mehr Finger stehen nicht zur Verfügung, weil wegen des Zeitmangels beim Wechsel vom arco- zum pizzicato-Spiel und zurück fast immer der Bogen in der Hand behalten werden muss. Wenn genügend Zeit ist, wird der Bogen in die Handfläche genommen und von kleinem Finger und Ringfinger gehalten, außerdem vom Mittelfinger, falls dieser nicht zum Spielen gebraucht wird. Andernfalls steht zum Spiel nur der abgespreizte Zeigefinger zur Verfügung, ohne dass der Daumen am Griffbrett abstützen könnte. Akkorde mit mehr als zwei Noten werden daher immer arpeggiert.

Die Anrissstelle auf der Saite stimmt normalerweise nicht mit der „Kontaktstelle“ des Bogens überein. Während dieser durchschnittlich ein Zehntel der schwingenden Länge der Saite vom Steg entfernt streicht, wird das Pizzicato am Griffbrett und somit deutlich weiter vom Steg entfernt ausgeführt, auf der Violine laut Carl Flesch „ungefähr 12 cm vom Steg entfernt“Flesch I S. 34. Je näher sich der Finger einem Ende der Saite nähert, desto schwächer wird (theoretisch) der Grundton angerissen, desto stärker wird bei insgesamt leiser werdendem Ton der Anteil der höheren Teiltöne, desto heller also der Klang. Diese Unterschiede werden erst seit dem 20. Jahrhundert gezielt zur Klangfärbung eingesetzt, auf den höheren Instrumenten Geige und Bratsche allerdings äußerst selten (etwa in Alban Bergs Violinkonzert (1935)Alban Berg, Violinkonzert, 2. Satz ab Takt 125.). Jürg Baur hat im zweiten Satz seiner Sonate für Violine solo verschiedene Klangmöglichkeiten des Violinpizzicatos systematisch eingesetzt: Flageolette, unterschiedliche Zupfrichtungen (quer oder senkrecht zum Griffbrett), Zupfen mit einem oder mehreren aneinandergelegten Fingern (hellerer oder dunklerer Klang), verschiedene Anrissstellen.

Die wesentlichsten Einschränkung für die klangliche Differenzierung des Geigenpizzicatos ist sowohl der geringe Abstand der Saiten untereinander als auch derjenige zum Griffbrett (bei der Violine nur drei bis fünfeinhalb Millimeter), wodurch die Fingerkuppen nicht befriedigend an die Saiten gesetzt werden können. Das Gefühl, mit dem Finger ohnehin nicht frei agieren und daher nicht wie beim arco-Spiel am Ton arbeiten zu können, hat wesentlich zum Desinteresse der Geiger am Pizzicato beigetragen. Dennoch werden immer wieder Klangverbesserungen des Pizzicatos gefordert. Hermann Scherchen schrieb in seinem Lehrbuch des Dirigierens (1929): „Der […] Pizzicato-Ton existiert in den Orchestern meistens nur in seiner häßlichsten Art: als trocknes Knipsen, als in die Musik eingebrochenes Geräusch.“Scherchen 1929 S. 65. Scherchen war selber Streicher, er schrieb aus der Sicht des Dirigenten. Im selben Jahr schrieb der Geiger Carl Flesch: „Orchestergeiger verfügen gewöhnlich über ein besseres Pizzicato als Solisten.“Flesch I. S. 34 Die Beurteilung der Klangqualität ist offenbar in hohem Maß von subjektiven Kriterien abhängig.

Das moderne Kontrabass-Pizzicato mini|Ron Carter: Weicheres Jazz-Pizzicato. Der gestreckte Zeigefinger liegt fast parallel zur Saite; gut sichtbar ist die Spitze des gegen das Griffbrett gestützten Daumens.

mini|links|Dieser Kontrabassist spielt wohl keine klassische Musik, benutzt aber eine eher in diesen Bereich gehörige Pizzicato-Technik. Die nahe am Instrumentenkorpus stehende Hand lässt nur eine Beugung des Fingers zu.

Im Gegensatz zur Geige bietet der Kontrabass ausreichende Möglichkeiten, die Finger in eine gute Spielposition zu bringen. Zudem wird im Jazz immer ohne Bogen gespielt. Die Hand ist also frei zur klanglichen Gestaltung. Aus einer Vielzahl von Varianten des heutigen Kontrabasspizzicatos, die teils der Klangfärbung dienen, teils dem Personalstil des Musikers entspringen, schälen sich zwei wesentliche Grundformen herausvgl. dazu die unter Weblinks verlinkten Videos.: In seiner Ausgangsposition liegt der Finger rechtwinklig zur Saite. Durch eine Beugung in den beiden unteren Fingergelenken nähert er die Fingerspitze der Handfläche an und versetzt so die Saite in Schwingung, wobei nur die Fingerkuppe die Saite berührt. Der Arm bewegt sich nur geringfügig; die jeweils darunterliegende Saite wird nicht berührt. Der Klang ist hell und durchsichtig. Diese Art des Pizzicatos ist eher im Bereich der Klassischen Musik verbreitet. Der gestreckte Zeigefinger liegt zunächst fast parallel zur Saite. Er wird aus einem Armschwung bis zur jeweils darunterliegenden Saite durchgezogen, ohne sich dabei zu beugen. Die Hautfläche, die die Schwingung der Saite auslöst, ist relativ groß; sie kann je nach Technik und Saite bis zum Grundgelenk reichen. Der Klang ist dunkler und voller. Soll der Klang härter werden, wird der Finger in seiner Ausgangsposition steiler aufgerichtet. Dabei wird oft der Mittelfinger zur Stützung an den Zeigefinger gelegt, oder die Saite wird mit beiden Fingern zugleich angerissen. Dieses ist das häufigste Jazz-Pizzicato.

Sonderformen Das Pizzicato der linken Hand als Spieltechnik mini|100px|Pizzicato der linken Hand Beim Pizzicato der linken Hand wird mit einem Finger ein Ton gegriffen, mit einem anderen wird die Saite gleichzeitig angerissen. Da dieser andere Finger über dem schwingenden Teil der Saite liegen muss, ist kein Linke-Hand-Pizzicato möglich, wenn der kleine Finger zum Greifen benötigt wird. Diese Töne werden dann entweder durch Pizzicati der rechten Hand oder durch kurzes Aufschlagen des Bogens auf die Saite ausgeführt. Das heute übliche Zeichen ist ein Kreuz (+) über oder unter der entsprechenden Note.

Das Pizzicato mit der linken Hand ist klanglich und spieltechnisch dem Pizzicato der rechten Hand weit unterlegen. Da der Finger am Rand des schwingenden Teils der Saite und nicht, wie beim Pizzicato der rechten Hand, weiter Richtung Mitte ansetzt, werden vor allem hohe Teiltöne angeregt, die einen relativ hellen und nicht sehr tragfähigen Klang verursachen. Zudem ist die linke Hand, solange keine leere Saite angerissen wird, durch die Notwendigkeit behindert, einen anderen Finger auf das Griffbrett aufzusetzen. Die für ein gutklingendes Pizzicato erforderliche freie Armbewegung kommt daher nicht zustande. Das Pizzicato der linken Hand wird fast nur auf den hohen Streichern Geige und Bratsche eingesetzt, auf deren kürzeren Saiten die Anrissstelle proportional günstiger liegt und bei denen das Anreißen der Saiten eine geringere Kraft erfordert. Möglich sind in jedem Fall nur einzelne Töne oder einfache Tonfolgen, die speziell auf die Möglichkeiten dieser Technik abgestimmt sind.

Das Linkehand-Pizzicato wurde im 17. und 18. Jahrhundert sehr selten eingesetzt. Es verbreitete sich durch Niccolò Paganini und ist seitdem ein fester Bestandteil der Virtuosenliteratur des 19. Jahrhunderts. Bemerkenswertestes Beispiel ist Paganinis Duo Merveille, bei dem eine arco zu spielende Melodielinie durch denselben Spieler mit einer Basslinie im Linke-Hand-Pizzicato zu begleiten ist. Weitere bekannte Beispiele finden sich in Paganinis Caprice Nr. 24 (Var. IX, hier bezeichnet durch einen Kreis, der normalerweise leere Saite oder Flageolett bedeutetvgl. das Autograph), den Aires gitanos (Zigeunerweisen) und der Carmen-Fantasie von Pablo de Sarasate. Erst seit dem 20. Jahrhundert wird es manchmal auch außerhalb der Virtuosenliteratur gefordert, etwa in der Sonate pour Violon seul (1927)1. Satz der Sonate pour Violon seul und im 2. Streichquartett2. Streichquartett, 3. Satz Takt 18 und 4. Satz Takt 33–36 von Erwin Schulhoff, in der Gigue aus Igor Stravinskys Duo concertante für Violine und Klavier (1931–32), im 3. Streichquartett von Arnold Schönberg1. Satz Takt 101–102 oder im zweiten Satz des Violinkonzerts von Alban BergAlban Berg, Violinkonzert, 2. Satz ab Takt 64.

Aufgrund seiner geringen musikalischen Einsatzfähigkeit und seiner klanglichen Minderwertigkeit gilt das Linke-Hand-Pizzicato jedoch nicht als vollwertige geigerische Technik. Carl Flesch schrieb 1929:

Linke-Hand-Pizzicato als Übetechnik für hohe Streicher