mini|Liz und Lazar Wechsler (1934), Foto Walter Mittelholzer Lazar Linsor Wechsler (* 28. Juni 1896 in Petrikau, Russisch-Polen, heute Polen; † 8. August 1981 in Zürich) war ein polnisch- und österreichischstämmiger Filmproduzent. Er war die zentrale Figur des Schweizer Kinos während seiner Frühphase in den 1930er-Jahren und seiner Blütezeit in den 1940er-Jahren. Mit der 1924 gegründeten Praesens-Film läutete er die Frühphase des Schweizer Films ein, welcher bis zu diesem Zeitpunkt einige individuelle Produktionen, jedoch kein organisiertes und kontinuierliches Filmschaffen hervorgebracht hatte.

Werdegang Der Sohn jüdischer Eltern aus Polen kam im Jahre 1914, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in die Schweiz. Dort studierte er an der ETH Zürich Ingenieurwesen und schloss 1919 als Diplomingenieur ab. In der Folge war er im Brückenbau tätig. Er war Österreicher, bis er 1923 die Schweizer Staatsbürgerschaft erhielt.

mini|Wechslers bei Mittelholzers Abessinienflug 1934 Am 19. März 1924 gründete der bisher gänzlich filmunerfahrene Wechsler die Praesens-Film mit einem Grundkapital von 10.000 Franken. Das in den 1930er-Jahren zur größten und für lange Zeit einzigen bedeutenden Schweizer Filmgesellschaft aufsteigende Unternehmen schwächelte in den Anfangsjahren wirtschaftlich und konzentrierte sich auf die Herstellung von kurzen Werbefilmen, Reklamedias, Städtedokumentationen und Flugreportagen. Mit Beginn der Tonfilmära begann Praesens-Film die regelmäßige Herstellung von Spielfilmen. Bis Ende der 1930er-Jahre gelang es dem Unternehmen, der bisher cineastisch unbedeutenden Schweiz den Ruf einer engagierten Filmnation einzubringen. Dies gelang Wechsler mit dem Aufbau eines festen Teams, bestehend aus dem Regisseur Leopold Lindtberg, dem Drehbuchautor Richard Schweizer, dem Kameramann Emil Berna, dem Musiker Robert Blum und dem Filmeditor Hermann Haller. Wechsler verstand es, trotz mangelnden kaufmännischen und organisatorischen Talents mit Wagemut und einem Gespür für interessante Themen einige schwierige, eigenwillige und interessante Stoffe filmisch umzusetzen.

Wechslers Filmproduktionen umfassten lokalpatriotische Wehr- und Erbauungsstoffe, düstere Kriminalgeschichten mit regionalem Hintergrund und humanistisch geprägte Dramen. Der Praesens-Film Marie-Louise erhielt einen Drehbuchoscar. Die Flüchtlingsgeschichte Die letzte Chance brachte der Praesens-Film internationale Beachtung und Wechsler Angebote zu Koproduktionen aus Hollywood ein. In der Folge inszenierte Fred Zinnemann mit der Praesens in den städtischen Trümmerwüsten Süddeutschlands Die Gezeichneten (1948). Wechslers Pläne, nach Hollywood zu gehen, zerstreuten sich jedoch, und nach einigen Flops in den 1950er-Jahren nahm die Bedeutung der Praesens-Film ab.

1966 zog sich Lazar Wechsler weitgehend aus dem Spielfilmgeschäft zurück und stellte danach fast nur noch Dokumentarfilme für das Schweizer Fernsehen her: etwa 2000 Jahre Israel, Israel zwischen gestern und morgen oder auch Herausforderung des Lebens. Er fand auf dem Friedhof Sihlfeld seine letzte Ruhestätte.

Der Schriftsteller und Drehbuchautor David Wechsler (1918–1990) war sein Sohn.

Filmografie (Auswahl) 1929: Hello Switzerland! 1930: Frauennot – Frauenglück 1931: Feind im Blut 1931: Ein Werktag 1932: Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt? 1932: Tannenberg 1933: Wie d’Warret würkt 1935: Jä-soo! 1935: Erotik in der Schweiz 1936: So lebt China 1938: Füsilier Wipf 1939: Kriminalkommissar Studer (Wachtmeister Studer) 1940: Fräulein Huser 1940: Die missbrauchten Liebesbriefe 1941: Gilberte de Courgenay 1941: Landammann Stauffacher 1942: Das Gespensterhaus 1942: Der Schuss von der Kanzel 1943: Wilder Urlaub 1944: Marie-Louise 1944: Ein Mann wird vermisst 1945: Die letzte Chance 1945: Schulentlassen 1947: § 51 – Seelenarzt Dr. Laduner (Matto regiert) 1948: Die Gezeichneten 1948: Der schönste Tag meines Lebens 1949: Familie M 1949: Swiss Tour 1950: Demokratie in Gefahr 1951: Die Vier im Jeep 1952: Ein Lied vom Reisen 1952: Heidi 1953: Sie fanden eine Heimat (Unser Dorf) 1953: Familie M Junior 1954: Der Prozess der Zwanzigtausend 1954: Uli der Knecht 1955: Heidi und Peter 1955: … Und ewig ruft die Heimat (Uli der Pächter) 1956: Das Lied der Heimat (Zwischen uns die Berge) 1957: Taxichauffeur Bänz 1958: Rendez-vous mit Svea 1958: Es geschah am hellichten Tag 1958: Das verwechselte Bild 1960: Der Teufel hat gut lachen 1961: Eichmann und das 3. Reich 1961: Die Ehe des Herrn Mississippi 1961: Die Schatten werden länger 1962: Schneewittchen und die sieben Gaukler 1962: Der Sittlichkeitsverbrecher 1963: Im Parterre links 1966: Angeklagt nach § 218 (Der Arzt stellt fest…)

Literatur

Walter Boveri, W. M. Diggelmann, Leopold Lindtberg, David Wechsler: Morgarten kann nicht stattfinden. Lazar Wechsler und der Schweizer Film. Europa-Verlag, Zürich 1966.

Kay Weniger: Das große Personenlexikon des Films. Die Schauspieler, Regisseure, Kameraleute, Produzenten, Komponisten, Drehbuchautoren, Filmarchitekten, Ausstatter, Kostümbildner, Cutter, Tontechniker, Maskenbildner und Special Effects Designer des 20. Jahrhunderts. Band 8: T – Z. David Tomlinson – Theo Zwierski. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2001, ISBN 3-89602-340-3, S. 292 f. Martin Walder, Neue Zürcher Zeitung, 6. Januar 2024, Vor 100 Jahren gründet Lazar Wechsler die Produktiosfirma Praesens in Zürich.

Weblinks

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