mini|Verner Panton (1996)

Verner Panton (* 13. Februar 1926 in Gamtofte bei Assens; † 5. September 1998 in Kopenhagen) war ein dänischer Architekt und Designer. Er führte als einer der ersten die Pop Art in die Welt der Möbel ein und erlangte internationale Bekanntheit durch seine Entwürfe für Möbel, Leuchten, Textilien und Raumgestaltungen.Carola Padtberg: Möbel wie Mescalin. Spiegel online, 10. November 2018 Er wird als einer der einflussreichsten Möbeldesigner und Innenarchitekten des 20. Jahrhunderts betrachtet.

Karriere Panton war der Sohn eines Gastronomen und studierte in den Jahren 1947 bis 1951 an der Technischen Hochschule in Odense und der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen und beschäftigte sich mit Farbpsychologie. Der Vater betrieb bei Langesø auf Fünen die Gaststätte Kom Igen, die Panton später umfassend umgestaltete. Er arbeitete von 1950 bis 1952 als Assistent im Designstudio des Architekten Arne Jacobsen. In dieser Zeit war Panton am Entwurf der Ameise beteiligt, dem bekanntesten Stuhl von Arne Jacobsen. Panton setzte sich vom damaligen Stil mit weichen Formen und Naturwerkstoffen ab: Er bevorzugte künstliche Materialien. Nach zwei Jahren verließ er das Studio Jacobsen und Dänemark. In den Jahren 1952 bis 1955 reiste er mit einem zum Zeichenbüro umgebauten VW-Bus quer durch Europa. Den Bus finanzierte er durch Einnahmen aus dem Verkauf eines von ihm entworfenen Hemdes. Das Fahrzeug diente ihm während dieser Jahre auch zeitweise als Unterkunft und wurde zu einem wichtigen Instrument seiner internationalen Vernetzung mit Herstellern und Händlern. 1955 eröffnete er sein eigenes Designstudio und widmete sich zunächst überwiegend dem Entwurf von Stühlen. Er brachte 1955 mit der ersten Serienproduktion in Zusammenarbeit mit dem Möbelhersteller Fritz Hansen den Bachelor-Chair und Tivoli-Chair heraus und entwarf ein zerlegbares Wochenendhaus, welches auch als Garage genutzt werden konnte. 1958 erweckte er erstmals weltweites Aufsehen durch den Wire Cone Chair.

Ein frühes, öffentlich stark beachtetes Beispiel für Pantons Anspruch, Architektur, Möblierung, Leuchten, Textilien und Grafik zu einem Gesamtkonzept zu verbinden, war der Umbau und die Erweiterung der väterlichen Gaststätte Kom Igen am Langesø (Fünen) im Jahr 1958. Die in der Öffentlichkeit als Den Røde Rubin („Der rote Rubin“) bekannte Inneneinrichtung kombinierte mehrere abgestufte Rottöne mit von Panton entworfenen Leuchten, Möbeln und sogar Arbeitskleidung für das Personal. Das Lokal wurde dadurch zu einem Ausflugsziel, das wegen der ungewöhnlichen Farb- und Formwelt gezielt besucht wurde.

Für die Gebrüder Thonet in Frankenberg entwickelte er den Stuhl Freischwinger S, einen Freischwinger aus einem Stück unter Dampfdruck gebogenen Sperrholz und experimentierte mehrere Jahre damit, dieses Prinzip auf das Material Kunststoff anzuwenden. Für erste Versuche benutzte er Polyurethan-Hartschaum. 1959/60 gelang ihm mit dem Styrol-Copolymer Acrylester-Styrol-Acrylnitril (ASA) das Design des mit seinem Namen verbundenen Panton Chair, der als erster Monobloc-Freischwinger aus Kunststoff vermarktet wurde.Andrej Kupetz: Ein Material in Form gebracht. In: Kunststoffe. Bd. 5, 2010, S. 90–94. In der dänischen Fachpresse wurde die Form des Stuhls kontrovers diskutiert; im Magazin Mobila warfen einzelne Gestalter Panton vor, eine ähnliche Idee übernommen zu haben, ehe die Redaktion die Debatte mit dem Hinweis beendete, dass zwischen einem Prototyp und der industriellen Realisierung zu unterscheiden sei. Marianne Panton erinnerte später daran, dass Panton den Stuhl als fortlaufendes Projekt verstand und ihn mit jeder materialtechnischen Verbesserung weiter optimierte.

Im Jahr 1963 übersiedelte Panton nach Basel und begann die Zusammenarbeit mit dem Möbelhersteller Vitra. Von den 1960er-Jahren an lebte Panton überwiegend in der Schweiz, hielt sich aber weiterhin regelmäßig in Dänemark (unter anderem in Kopenhagen) auf. 1967 hatte Vitra das neue Material im Griff und begann mit der Serien-Produktion. Der Panton Chair verhalf Verner Panton zum endgültigen Durchbruch und führte zur weltweiten Bekanntheit. Darüber hinaus war er an dem Entwurf von Stoff-Designs beteiligt. Marianne Panton berichtete, dass er Inspiration unter anderem aus Musik, Natur und Theater bezog und zugleich Entwicklungen in Ländern wie den USA und Italien aufmerksam verfolgte.

Ein wiederkehrendes Motiv in Pantons Arbeit war das Spiel mit Licht; als prägend wird unter anderem seine Begeisterung für das rosafarbene Straßenlicht in Venedig beschrieben, das er in eigenen Leuchten nachempfinden wollte. 1972 entwarf Panton für seine eigene Wohnung in der Region Basel eine großformatige Deckeninstallation aus Muschelschalen, die später im Restaurant der Kunsthalle Basel installiert wurde. Rund 100.000 Muschelschalen hängen dabei wie Tropfsteine von der Decke herab und klirren bei Luftzug.

In dieser Zeit wurde seine Abkehr von den skandinavischen Design-Traditionen deutlich. Hatten in den 1950er Jahren, die als goldenes Zeitalter des dänischen Designs galten, Gestalter wie Hans J. Wegner und Børge Mogensen mit natürlichen Materialien und handwerklicher Herstellung Erfolg, so verwendete Panton am liebsten Plastik, Gummi, Schaumstoff und Stahl – seine Entwürfe waren „Statements gegen das Establishment.“ Panton verfolgte dabei ausdrücklich die Idee einer vollständig industriellen Fertigung von Möbeln und Innenausstattungen. Er galt als kompromisslos in der Detailarbeit und als Gestalter, der Produktionsmethoden bewusst bis an technische Grenzen ausreizte.

mini|Spiegel-Kantine, Hamburg, Entwurf von 1969 Unter anderem entwarf er 1960 die Innenausstattung für das Hotel Astoria in Trondheim, wobei der dänische Licht- und Designvorreiter Poul Henningsen eine Panton-Inneneinrichtung in Trondheim ausdrücklich lobte. Im Jahr 1969 entwarf er das Interieur für das Verlagshaus des Spiegels in Hamburg vom Schwimmbad im Keller über unterschiedliche Farben in jeder Etage bis zur Kantine. Zum Entwurf gehörte auch ein Schwimmbecken im Keller, das als Freizeitangebot für die Mitarbeitenden gedacht war und später bei einem Brand zerstört wurde. Nur die Spiegel-Kantine und die „Snackbar“ blieben auch nach einer Erweiterung 1998 im originalen Stil erhalten. Beim Umzug des Verlags in einen Neubau in der Hamburger Hafencity Ende 2011 wurden Teile der Snackbar im Neubau installiert.Ulrike Simon: Spiegels neues Zuhause. In: Frankfurter Rundschau. 28. Oktober 2011. Der Rest der Einrichtung wurde in das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg überführt und wird dort teilweise als Period Room gezeigt.Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg: Spiegel-Kantine (mit vielen Bildern).Kantine ins Museum. In: Der Spiegel. Nr. 36, 2011, S. 128. Ein Beispiel für die bis heute erlebbaren Totalentwürfe ist zudem ein nach Panton gestaltetes Zimmer im Kopenhagener Hotel Alexandra.

Im Jahr 1970 folgte die Neugestaltung des Restaurants Varna in Århus und die Ausstellung der Wohn-Landschaft Visiona II in Köln aus verschiedenen Schaumstoffen, die er im Auftrag der Bayer AG für die Kölner Möbelmesse auf einem als zusätzlichem Ausstellungsraum gecharterten Binnenschiff auf dem Rhein installierte. 1974 übernahm er die Ausstattung des Gruner & Jahr Verlagshauses in Hamburg. 1978 erhielt er vom Universitätsspital Basel den Auftrag eine 100 Meter lange Passage zu gestalten. Im Jahr 1984 wurde mit seinem Farbenkonzept die Renovierung des Zirkusgebäudes in Kopenhagen vorgenommen. Ebenfalls 1984 übernahm er eine Gastprofessur an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main.

Obwohl Panton mehrere Design-Preise gewann, verlor er bereits in den 1970er Jahren allmählich an Bedeutung. Als Grund gilt die Ölkrise, die „das Aus für den kritiklosen Umgang mit Kunststoff“ bedeutete. Mitte der 1990er erlebte er ein Revival, so brachte unter anderem das Magazin Vogue 1995 Kate Moss auf einem Panton-Stuhl sitzend auf die Titelseite. Im Umfeld des 100. Geburtstags Pantons im Jahr 2026 verzeichneten seine Entwürfe eine auffällige Konjunktur im Handel. Dies galt insbesondere für Neuauflagen der Leuchten Panthella und Flowerpot sowie Wiederveröffentlichungen weiterer Entwürfe wie den Heart Cone Chair. 1998 starb Verner Panton kurz vor einer geplanten Retrospektive im Kunstmuseum Trapholt in Kolding, an der er selbst mitgearbeitet hatte.

Nach Pantons Tod gingen wesentliche Rechte an vielen seiner Entwürfe auf seine Witwe Marianne Panton über. Seit 2003 vergibt sie für Teile des Werks Produktionslizenzen, unter anderem an das Unternehmen Verpan, das Panton-Leuchten neu auflegte und die Zusammenarbeit 2010 um eine Möbellinie erweiterte. Im Zuge der wieder wachsenden internationalen Nachfrage entstand auch ein von Verpan betriebener Panton-Shop in Aarhus. Marianne Panton betonte zudem, dass der Nachlass zahlreiche Ideen enthalte, die bislang nicht realisiert oder in Produktion gebracht worden seien. Die nachhaltige Nachfrage nach Pantons Leuchten wird auch damit erklärt, dass die Produkte als formal auffällig und zugleich preislich vergleichsweise erschwinglich gelten.

Pantons Stil

Pantons Entwürfe waren prototypisch für die psychedelischen Designs der 1970er Jahre und wirkten häufig eher als Raumskulptur denn als Gebrauchsgegenstand. Er verwendete klare Farben aus dem ganzen Spektrum des Regenbogens. In den 1980er-Jahren experimentierte er mit geometrischen Formen. Er war fasziniert von den Möglichkeiten der neuartigen Kunststoffe, die durch ihre Strukturlosigkeit ihm völlige gestalterische Freiheit in Form und Farbgebung gaben. Panton liebte es, mit Farben und Materialien zu experimentieren. So kreierte er unter anderem die ersten aufblasbaren Möbel aus Plastik. Pantons Formensprache gilt als sinnlich und lebensfroh; einzelne Entwürfe wurden wegen ihrer Körperassoziationen in Film und Werbung häufig als Requisite eingesetzt. Ihm wird außerdem der Ausspruch zugeschrieben, wer gut sitzen wolle, solle sich auf eine Farbe setzen, die er möge – ein Hinweis darauf, wie eng Panton Wohlbefinden und Farbwirkung dachte. Pantons populäre Leuchten und Möbel sind häufig aus Kunststoff gefertigt und beruhen damit auf einem erdölbasierten Material. Kunststoffoberflächen altern vielfach nicht „schön“, etwa durch Vergilbung (z. B. durch Nikotin) oder eine als unansehnlich empfundene Oberflächenveränderung. Ältere Kunststoffteile werden zudem mit der Zeit spröde und können bei Stößen oder Umkippen reißen, was Reparatur und Werterhalt erschwere. Aus dieser Materialkritik lässt sich auch eine Nachhaltigkeitsfrage ableiten, da häufiger Ersatz oder Austausch nötig sein kann als bei Möbeln aus Holz, Leder oder Metall, die durch Gebrauch oft als patinierter und wertiger gelten.