mini|hochkant|Hermann Müller (1928) Hermann Müller (* 18. Mai 1876 in Mannheim; † 20. März 1931 in Berlin; zur Unterscheidung von Hermann Müller nach seinen Wahlkreisen auch Müller-Breslau bzw. ab 1920 Müller-Franken genannt) war ein deutscher Politiker. Er war von 1919 bis 1928 einer der Vorsitzenden der SPD. Im Kabinett Bauer war er von 1919 bis 1920 zunächst Reichsminister des Auswärtigen, ehe er von März bis Juni 1920 kurzzeitig Reichskanzler des Deutschen Reiches wurde. Im selben Jahr übernahm Müller den Vorsitz der SPD-Reichstagsfraktion bis 1928, als er zum zweiten Mal Reichskanzler wurde. Am 27. März 1930 musste Müller im Streit um die Arbeitslosenversicherung zurücktreten. Bis zu seinem Rücktritt war er der letzte Reichskanzler, der sich auf eine parlamentarische Mehrheit stützte, bevor mit Heinrich Brüning die Zeit der Präsidialkabinette der Weimarer Republik begann. Müller gehörte der Republikschutzorganisation Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold an.

Leben und Wirken Frühe Jahre Hermann Müller war der Sohn des Schaumweinfabrikanten Georg Jacob Müller. Dieser zog mit der Familie 1888 nach Niederlößnitz bei Dresden. Dort war er Leiter der Sektkellerei Bussard. Müller besuchte ab 1882 Schulen in Mannheim, Kötzschenbroda und Dresden. Beeinflusst von seinem Vater, der Anhänger Ludwig Feuerbachs war, gehörte Müller keiner Konfession an. Prägend waren die Schuljahre am Realgymnasium in Dresden-Neustadt. Zu den Jugenderlebnissen Müllers gehörte das Kennenlernen von Karl May in Radebeul. Nach dem Tod des Vaters 1892 musste er die Schule ohne Abitur verlassen. Anschließend absolvierte er eine kaufmännische Lehre bei Villeroy & Boch in Frankfurt am Main und arbeitete danach als Handlungsgehilfe in Frankfurt am Main und Breslau. mini|Hermann Müller auf dem Klassenfoto der Sexta des Mannheimer Gymnasiums im Jahr 1885. Hintere Reihe, 5. von links Die kaufmännische Tätigkeit hat ihm offenbar wenig zugesagt. Stattdessen engagierte er sich für die gewerkschaftliche Organisation der Handlungsgehilfen. Er trat 1893 der SPD und ein Jahr später den freien Gewerkschaften bei. Er arbeitete zunächst als freier Mitarbeiter an der sozialdemokratisch orientierten Schlesischen Volkswacht und ab 1899 bis 1906 als Redakteur bei der Görlitzer Volkswacht.

Er heiratete 1902 Frieda Tockus († 1905). Sie war jüdischer Herkunft;Der Hinweis darauf ist Hans Günter Hockerts zu verdanken, em. Professor für Zeitgeschichte an der LMU München. Hockerts zufolge wirft die Heirat ein Licht auf Müllers Haltung zum Antisemitismus; so wandte er sich entschieden gegen die Judenhetze der NS-„Bewegung“. ihr Vater war Kantor. Sie starb wenige Wochen nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Annemarie. Später heiratete er Gottliebe Jaeger. Aus dieser Ehe ging Erika Biermann hervor, die später Sekretärin von Rudolf Breitscheid wurde.

Politik in der Vorkriegszeit Von 1903/04 bis 1906 war er Stadtverordneter in Görlitz. Gleichzeitig war er auch Vorsitzender des dortigen sozialdemokratischen Unterbezirks. Durch seine Tätigkeit wurde der SPD-Vorsitzende August Bebel auf Müller aufmerksam. Bereits 1905 wollte Bebel ihn zum Parteisekretär wählen lassen. Da der starke Gewerkschaftsflügel der Partei Müller als Vertreter der extremen Linken in der Partei ansah, wurde er nicht gewählt. Statt seiner wurde Friedrich Ebert gewählt. Im folgenden Jahr gelang die Wahl als Parteisekretär in den Vorstand. Dort leitete er das Referat für die Parteipresse. In dieser Funktion setzte er die Einrichtung eines SPD-Nachrichtenbüros ein, um die Parteizeitungen von den bürgerlichen Nachrichtenagenturen unabhängiger zu machen. Er beteiligte sich auch an innerparteilichen Schiedsverfahren und gehörte der Zentralstelle für die arbeitende Jugend an. Dort kam er unter anderem mit Ludwig Frank und Karl Liebknecht zusammen. Letzterem bewahrte er trotz späterer politischer Unterschiede eine persönliche Hochachtung und hat seine Ermordung scharf verurteilt. mini|SPD-Parteivorstand 1909. Hintere Reihe: Luise Zietz, Friedrich Ebert, Hermann Müller, Robert Wengels. Vordere Reihe: Alwin Gerisch, Paul Singer, August Bebel, Wilhelm Pfannkuch, Hermann Molkenbuhr Im Jahr 1908 kandidierte er – vergebens wegen des Dreiklassenwahlrechts – bei der Wahl zum preußischen Landtag für den Kreis Brandenburg-Westhavelland. Trotz aller Loyalität zu Bebel teilte er nicht immer dessen Positionen. Müller befürwortete noch 1910 den Parteiausschluss für diejenigen süddeutschen Sozialdemokraten, die entgegen allen Parteitagsbeschlüssen für die Haushalte ihrer Länder stimmen wollten.

Wegen seiner Sprachkenntnisse übertrug ihm der Vorstand vielfach den Kontakt mit den ausländischen sozialistischen Parteien, deren Parteitage er besuchte. Müller galt innerhalb der SPD als Kenner der Situation im Ausland und als eine Art „informeller Außenminister“ der SPD. Diese Erfahrungen kamen ihm während der Weimarer Republik zugute.Heinrich August Winkler: Weimar 1918–1933: Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. München, 1993, S. 128. Während der 2. Marokkokrise im Jahr 1911 plädierte er zusammen mit Ebert für eine abwartende Haltung der SPD und lehnte Konsultationen mit den ausländischen Sozialisten ab. Dies brachte ihm die Kritik von Otto Wels ein, der auf dem nächsten Parteitag vergeblich beantragte, Müller und Ebert nicht wieder zu wählen. Dieser Konflikt stand einer guten persönlichen Beziehung zu Wels nicht entgegen. Möglicherweise weil sich Müller 1909 gegen die Wahl von Otto Braun in den Parteivorstand wandte, war die Beziehung zu diesem stets gespannt.

Seit der Erkrankung von August Bebel 1910 gehörte Müller dem engsten Führungszirkel der Partei an. Spätestens seitdem er 1911 Rosa Luxemburg scharf angegriffen hatte, war deutlich, dass Müller nicht dem äußersten linken Flügel angehörte. Er war ein Zentrist, der sich sowohl gegen die Linke um Luxemburg als auch gegen die Revisionisten stellte. Ebert und Müller setzten die Errichtung eines Parteiausschusses als das höchste Gremium der Partei zwischen den Parteitagen durch.

Erster Weltkrieg und Revolution Zu Beginn des Jahres 1914 versicherte er auf dem Parteitag der französischen Sozialisten, dass die enge Freundschaft der Arbeiterbewegung der Völker immer stärker würde. Im selben Jahr war er auch auf dem Parteitag der Labour Party in England zu Gast. Als der Krieg im Sommer drohte, drängte Müller den Parteivorsitzenden Ebert, in die Schweiz zu gehen, um einer befürchteten Festsetzung durch die deutschen Militärbehörden zu entgehen. Müller selbst reiste nach Paris, um über ein gemeinsames Vorgehen mit der französischen Schwesterpartei zu beraten. Als er dort ankam, war gerade Jean Jaurès ermordet worden. Zu einer Einigung kam es auch wegen Vorbehalten von französischer Seite nicht mehr. Müller wusste zu dieser Zeit auch nicht, dass in Berlin die SPD-Fraktion bereits die Zustimmung zu den Kriegskrediten beschlossen hatte. Sein Bericht über die gescheiterten Beratungen in Frankreich schien die Entscheidung zu bestätigen.

Nach Kriegsausbruch rückte Müller nach rechts, stand dem Kreis um Eduard David nahe und unterstützte die Burgfriedenspolitik. Als es zwischen dem linken Flügel und dem Vorstand zu Streitigkeiten um den Kurs der Stuttgarter Tagwacht kam, reisten Müller und Ebert nach Stuttgart und unterstellten wegen angeblicher Kassenverfehlungen die Zeitung dem Vorstand. Im Frühjahr 1916 erhielt Müller den Auftrag, beim Vorwärts eine Vorzensur durchzuführen. Er entschied, ob Artikel erscheinen durften oder nicht. Innerhalb der Partei hatte Müller zugunsten von Ebert und Philipp Scheidemann während des Krieges an Einfluss verloren.

Als Folge einer Nachwahl war Müller von 1916 bis 1918 Mitglied des Reichstags für den Wahlkreis Reichenbach-Neurode.

Zusammen mit Ebert, Scheidemann und anderen Delegierten reiste er 1917 zur Sozialistenkonferenz nach Stockholm. Die Hoffnung auf eine Annäherung an die Parteien der Kriegsgegner erfüllte sich nicht. Während die übrige Delegation bald wieder abreiste, blieb Müller für einige Zeit in Schweden, damit er, als Folge der schlechten Ernährung in Deutschland geschwächt, wieder zu Kräften kommen konnte.

Müller war Gegner der bürgerlichen Annexionsforderungen und plädierte für die Unabhängigkeit Belgiens nach dem Krieg. Allerdings plädierte er für die Annahme des Diktatfriedens von Brest-Litowsk. Er trat auch für den Eintritt der SPD in die Regierung von Max von Baden ein.

Nach dem Ausbruch der Novemberrevolution wurde Müller zusammen mit Gustav Noske Anfang November 1918 nach Kiel entsandt, um auf die revolutionären Matrosen einzuwirken. Müller war vom 11. November bis zum 21. Dezember 1918 Mitglied des Vollzugsrates der Arbeiter- und Soldatenräte Groß-Berlin, anschließend bis zur Bildung der Regierung Scheidemann Mitglied des Zentralrats der Deutschen Sozialistischen Republik. Er wurde einer von drei Vorsitzenden des Zentralrates. Als solcher setzte er sich durchaus erfolgreich für die Positionen der SPD und die baldige Wahl zu einer Nationalversammlung ein.

Regierungsbeteiligung und Opposition mini|Kabinett Bauer In den Jahren 1919/1920 gehörte er der Weimarer Nationalversammlung an, dort dem Vorstand der Fraktion der SPD. Im Juni 1919 wurde er gemeinsam mit Otto Wels zum Parteivorsitzenden gewählt, nachdem Ebert und Scheidemann als Reichspräsident beziehungsweise Reichsministerpräsident amtierten. Zwischen Müller und Wels kam es zu einer Aufgabenteilung. Müller war hauptsächlich zuständig für die Fraktionsarbeit und die Repräsentation nach außen. Wels übernahm die eigentlich innere Parteiorganisation. Im Zweifel war Wels, gestützt auf den Apparat, stärker als Müller. Allerdings war Müller, obwohl ein Mann des Ausgleichs, mit begrenztem Rednergeschick, ohne charismatische Ausstrahlung und scharfe persönliche Konturen, innerhalb der Partei populärer als Wels.Heinrich August Winkler: Weimar 1918–1933: Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. München, 1993, S. 335. Bis 1928 blieb Müller neben Wels und seit 1922 auch Arthur Crispien einer der Vorsitzenden der Partei.

Nach dem Rücktritt des Kabinetts Scheidemann im Sommer 1919 lehnte er den Wunsch Eberts ab, eine neue Regierung zu bilden. Stattdessen war Müller vom 21. Juni 1919 bis zum 26. März 1920 Reichsminister des Auswärtigen in der von Reichskanzler Gustav Bauer geführten Reichsregierung. In dieser Funktion unterzeichnete er auch zusammen mit dem Zentrumsabgeordneten Johannes Bell den Versailler Vertrag. Von der nationalistischen Rechten wurde er dafür als Landesverräter diffamiert. Für Müller waren die Bedingungen kaum erträglich, nach seiner Einschätzung war jedoch nach Lage der Dinge eine Unterzeichnung nicht zu vermeiden. In der späteren Zeit gehörte die Revision des Vertrages zu seinen außenpolitischen Zielen. Gleichwohl bahnte Müller in seiner kurzen Amtszeit jener Verständigungspolitik den Weg, die sein nationalliberaler Nachfolger Gustav Stresemann prominent fortsetzte. Dabei kam ihm zugute, dass er bereits vor dem Krieg die Kontakte zu den sozialistischen Parteien des westlichen Auslands gepflegt und sie als Parteivorsitzender gefördert hatte.Vgl. dazu auch die Studie von Matthias Bauer: Die transnationale Zusammenarbeit sozialistischer Parteien in der Zwischenkriegszeit. Droste, Düsseldorf, 2018, ISBN 978-3-7700-5339-1.

Innerhalb des Auswärtigen Amtes setzte er eine von Unterstaatssekretär Schüler entworfene Organisationsreform durch. Danach wurden diplomatischer und konsularer Dienst zusammengelegt und der Dienst für Seiteneinsteiger geöffnet. In Müllers Amtszeit kamen so z. B. in Paris mit Wilhelm Mayer und in London mit Friedrich Sthamer zwei „Außenseiter“ auf wichtige Botschafterposten. Zusammen mit Otto Braun galt Müller den Beteiligten des Kapp-Lüttwitz-Putsches als „besonders verderblich“.Heinrich August Winkler: Weimar 1918–1933: Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. München, 1993, S. 118.