Der nationalsozialistische Reichsgau Wartheland (polnisch Okręg Rzeszy Kraj Warty) oder verkürzt Warthegau (polnisch Okręg Warcki) bestand im Verband des expandierenden Deutschen Reiches von 1939 bis 1945. Das Territorium kam nach der deutschen Besetzung Polens infolge einer völkerrechts­widrigen Annexion zum Deutschen Reich. Der Reichsgau hatte seinen Namen von der Warthe, die ihn vom Südosten zum Nordwesten durchfloss. Flächenmäßig umfasste der Reichsgau Wartheland im Wesentlichen die Landschaft Großpolen. Die Fläche des Reichsgaus betrug 43.905,19 km², die Einwohnerzahl Ende 1939 laut dem Statistischen Reichsamt 4.693.722.Amtliches Gemeindeverzeichnis für das Deutsche Reich auf Grund der Volkszählung 1939. Herausgegeben vom Statistischen Reichsamt. 2. Auflage, Verlag für Sozialpolitik, Wirtschaft und Statistik Paul Schmidt, Berlin 1941, S. 8 (Digitalisat). Laut Fußnote 2 beruht die Angabe der Einwohnerzahl auf „polizeilicher Einwohnererfassung und anderen Unterlagen“. mini|hochkant=1.5|Der Reichsgau Wartheland (orange hinterlegt) lag etwa je zur Hälfte östlich und westlich der Grenze des Deutschen Reiches vor 1918

Geschichte Das seit Jahrhunderten polnische Kerngebiet Großpolen fiel 1793 mit der Zweiten Teilung Polens an Preußen und bildete bis zum Frieden von Tilsit 1807 die Provinz Südpreußen. Bis 1815 Teil des Herzogtums Warschau, wurde der westliche Teil auf dem Wiener Kongress dem Königreich Preußen als Provinz Posen zugeschlagen, die nach 1918 bis auf die mehrheitlich deutschsprachigen Randgebiete (Grenzmark Posen-Westpreußen) an Polen fiel. Der östliche Teil kam zum neu geschaffenen Kongresspolen, als Teil des Russischen Kaiserreiches. 1916 wurde dieses Territorium unter der Herrschaft der Mittelmächte zu einem Teil des Regentschaftskönigreichs Polen deklariert. Ab 1919 gehörte Großpolen zur neu gegründeten Republik Polen und geriet 1939 mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs in Europa wieder unter deutsche Herrschaft.

Annexion polnischen Gebietes mini|Arthur Greiser in Posen, Oktober 1939 mini|NS-Feierstunde im Stadttheater Posen, November 1939

Während des Überfalls auf Polen im September 1939 wurde im westlichen Polen der deutsche Militärbezirk Posen eingerichtet. Dieser umfasste ganz oder teilweise die westlichen Woiwodschaften Polens. Er grenzte im Nordwesten, Westen und Südwesten an die vorherige deutsche Reichsgrenze von 1937/39 (preußische Provinzen Pommern, Brandenburg und Schlesien) und folgte im Norden im Wesentlichen dem Lauf der Netze und der mittleren Weichsel. Im Osten verlief die Abgrenzung von der Weichsel westlich an Łódź vorbei bis zur schlesischen Grenze. Sie griff dabei über die 1918 bestehende Ostgrenze der preußischen Provinz Posen und des Deutschen Reichs hinaus. Zum Chef der Zivilverwaltung in Posen (polnisch Poznań) wurde der ehemalige Danziger Senatspräsident und NSDAP-Parteigänger Arthur Greiser bestellt.

Schon Mitte Oktober 1939 fand mit der „Blutnacht von Hohensalza“ die erste große deutsche Gewaltmaßnahme statt. Es wurden nachweislich 59 polnische und deutsch-polnische Bürger ermordet.Werner Röhr, Elke Heckert, Karin Rauhut: Die faschistische Okkupationspolitik in Polen (1939–1945), In: Nacht über Europa; Band 2, Teil der Anne-Frank-Shoah-Bibliothek, Pahl-Rugenstein, Köln 1989, ISBN 3-7609-1260-5, S. 180.

Mit dem 26. Oktober 1939 wurde der Militärbezirk Posen in das Deutsche Reich eingegliedert, und zwar nicht als neue Provinz in das Land Preußen, sondern in seinen bisherigen Grenzen als neuer Reichsgau Posen mit Verwaltungssitz in Posen. Zum Reichsstatthalter wurde der bisherige Chef der Zivilverwaltung Greiser ernannt.

Die zunächst noch ungeklärte Grenze zum neuen Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete wurde am 9. November 1939 durch Eingliederung des Industriegebietes von Łódź, jetzt „Lodsch“ genannt, nach Osten verschoben und am 20. November 1939 endgültig abgerundet und festgelegt. Bestrebungen, diese Grenze noch weiter nach Osten zu verschieben, wurden für die Dauer des Krieges zurückgestellt und kamen damit nicht mehr zum Zuge.

Seit dem 29. Januar 1940 galt für den Reichsgau die Bezeichnung Wartheland.Martin Broszat: Nationalsozialistische Polenpolitik 1939–1945. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main / Hamburg 1965, S. 38. Als „Organ der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei und Verkündungsblatt des Reichsstatthalters im Reichsgau Wartheland und seiner Behörden“ diente ab dem 1. November 1939 der Ostdeutsche Beobachter.Miriam Y. Arani: Fotografische Selbst- und Fremdbilder von Deutschen und Polen im Reichsgau Wartheland 1939–45. Verlag Dr. Kovač, Diss., 2008, S. 339.

Zwangsgermanisierung und Holocaust mini|Herkunft der im Wartheland angesiedelten Volksdeutschen (zeitgenössische Propagandakarte)Der Text auf der Karte ist schlecht lesbar. Dort steht: „Nach dem Feldzug der 18 Tage [In dem Buch von Rolf Bathe ‚Der Feldzug der 18 Tage – Chronik des polnischen Dramas‘, das 1939 im Verlag G. Stalling (Oldenburg) erschien, wird der Überfall auf Polen als Feldzug der 18 Tage bezeichnet.] begann die bisher großzügigste Umsiedlungsaktion der Weltgeschichte. Alle Volksgruppen, die draußen ihre Aufgaben erfüllt haben, rief der Führer zurück in die Heimat ihrer Väter. Sie helfen jetzt mit beim Ausbau und der Festigung des großdeutschen Reiches. In besonderem Maße werden beim Aufbau des Warthegaues ihre kolonisatorischen Fähigkeiten wirksam werden.“ Im dunkel gefärbten Gebiet des Warthelandes und Danzig-Westpreußens sind die beiden Städte Posen und Litzmannstadt eingezeichnet. An den Pfeilen ist von Nord nach Süd zu lesen: „Balten, Narew-Deutsche, Wolhynien-Deutsche, Cholmer u. Lubliner, Galizien-Deutsche, Buchenländer, Bessarabien-Deutsche, Dobrutscha-Deutsche“. An der Grenze zu Italien sind die „Süd-Tiroler“ markiert – von dort geht aber kein Pfeil aus.

Im westlichen Teil (Provinz Posen) stellten deutsche Muttersprachler zum Zeitpunkt der preußischen Volkszählung von 1910 rund 37 % der Gesamtbevölkerung. Nach der Eingliederung dieser Provinz in Polen (1919) im Zuge des Versailler Vertrages verließen zahlreiche Deutsche das Gebiet, so dass zu Beginn des Zweiten Weltkriegs Deutsche weniger als 15 % der Gesamtbevölkerung ausmachten. Gleichzeitig wurde eine Industrialisierungspolitik eingeleitet (insbesondere im Raum Posen und Bromberg) mit dem Ziel einer Ansiedlung einer möglichst hohen Zahl von Polen.

Im östlichen Teil des Warthelandes, das auch vor 1919 nicht zum deutschen Staatsgebiet gehört hatte, gab es lediglich einige im 18. Jahrhundert gegründete deutschsprachige Streusiedelungen (Hauländereien); ferner eine deutsche Minderheit im Raum Łódź, die sich während des textilindustriellen Booms („Manchester des Ostens“) um 1850 dort angesiedelt hatte. Insgesamt stellten Deutsche oder sich als Deutsche verstehende Polen jedoch im Jahre 1939 in diesem Gebiet des Warthelandes nicht mehr als drei Prozent der Gesamtbevölkerung. Ziel der NS-Politik im Wartheland war es, dieses Gebiet so schnell wie möglich zu „germanisieren“.

Im westlichen Teil des Landes war man zunächst bestrebt, die ethnischen Verhältnisse aus der Zeit vor dem Posener Aufstand (1918–1919) wiederherzustellen. Dabei griff man nicht allein zur Restitution (Rückgabe) von unter polnischer Verwaltung enteignetem Agrarbesitz für deutsche Rücksiedler, bei gleichzeitiger Ausweisung von nach 1919 zugewanderten Polen; es wurde auch durch Neuansiedelung weiterer Deutscher versucht, eine deutsche Bevölkerungsmehrheit herzustellen – der dafür geprägte Begriff war Umsiedler.

mini|„Verordnung des Reichsstatthalters von Posen über die Errichtung einer deutschen Volksliste“ vom 28. Oktober 1939

Ferner wurde eine harte Assimilationspolitik mittels der sogenannten „Deutschen Volksliste“ betrieben. Dabei wurde die Bevölkerung in verschiedene Gruppen eingeteilt:Vier Abteilungen der Volksliste Volksliste I: „Bekenntnisdeutsche“, die sich vor dem Krieg für das „deutsche Volkstum“ eingesetzt hatten (Volksdeutsche) Volksliste II: Deutschstämmige, deren Familien an deutscher Sprache und Kultur festgehalten hatten Volksliste III: im Sinne der NS-Politik auf Widerruf „zur Eindeutschung fähige Menschen“ (Eingedeutschte) Volksliste IV: gemäß „Rassegutachten“ nach Umerziehung im „Alt-Reich“ zur Eindeutschung fähige „Schutzangehörige“ (Rückgedeutschte) Volksliste V: Nicht Eindeutschungsfähige

Als „nicht eindeutschungsfähig“ eingestufte Personen (insbesondere Personen jüdischen Glaubens) wurden von der SS aus dem Warthegau ins Generalgouvernement deportiert.

mini|Geplante sogenannte deutsche Volkstumsbrücken (Siedlungsplanung), d. h. vollständig deutsch zu besiedelnde Gebiete

Verantwortlich für die Umsetzung dieser Politik war der Leiter des Reichssicherheitshauptamts Heinrich Himmler. Himmler war am 7. Oktober durch Hitler dafür zum Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums ernannt worden. Bereits am 30. Oktober 1939 ordnete Himmler die Germanisierung des Gebiets an. Hierzu wurden stufenweise mehrere Pläne erstellt. Der sogenannte Erste Nahplan wurde bis zum 17. Dezember 1939 realisiert und umfasste die Deportation von 87.883 Menschen (so genannte ethnische Polen und Juden) ins Generalgouvernement. Im Zuge des Zwischenplans wurden vom 10. Februar bis zum 15. März 1940 insgesamt 40.128 Menschen deportiert. Die größten Deportationen fanden im Rahmen des Zweiten Nahplans von Mai 1940 bis zum 20. Januar 1941 statt und betrafen insgesamt 121.594 Menschen. Darüber hinaus wurden bis zum 15. März 1941 weitere 19.226 Personen ins Generalgouvernement gebracht. Diese Angaben ergeben zusammen eine Deportiertenzahl von 280.606 Personen. Einige Historiker vermuten sogar höhere Deportiertenzahlen, bis zu einem Maximum von 650.000 Personen.

Die Deportationen erfolgten unter der Aufsicht des SD und mit der Unterstützung von Gendarmerie, Schutzpolizei, Volksdeutschem Selbstschutz sowie SA- und SS-Einheiten. Die Deportierten kamen zunächst in speziell eingerichtete Übergangslager, von denen das größte in Posens Stadtteil Główna eingerichtet wurde. In diesen Lagern litten die Internierten häufig unter Hunger, Kälte, Krankheiten und schlechten sanitären Verhältnissen. Sie wurden anschließend weiter in andere Lager im Generalgouvernement Polen transportiert, zumeist mit Güterwaggons, und gelangten schließlich in die deutschen Vernichtungslager. Den Deportierten wurde meist nur zwischen einer und 24 Stunden Zeit gelassen, ihr Hab und Gut einzupacken. Es war zumeist nur die Mitnahme von warmer Kleidung, Decken, Trink- und Essgefäßen, Lebensmittel für einige Tage, einer kleinen Menge Geld (ab Dezember 1940: Polen 50 Reichsmark, Juden 25 Reichsmark) und Dokumenten erlaubt. Ein Gesamtgewicht von zunächst 12 kg, später 25 oder 30 kg pro Erwachsenem durfte nicht überschritten werden (für Kinder galt jeweils die Hälfte). Widerstand gegen die Deportationen wurde mit Waffengewalt gebrochen.

Zusätzlich wurden im Rahmen des Holocaust im Wartheland mehrere jüdische Ghettos errichtet. Das größte darunter war das im Februar 1940 eingerichtete Ghetto Lodsch/Litzmannstadt, wo insgesamt 160.000 Juden unter menschenunwürdigen Bedingungen leben mussten. Das Ghetto wurde 1944 aufgelöst, die meisten Insassen zur Zwangsarbeit im Reich oder in Vernichtungslager, anfangs vorwiegend in das im Gebiet des Reichsgaus befindliche Vernichtungslager Kulmhof, später nach Auschwitz-Birkenau, deportiert.

Das Vernichtungslager Kulmhof war im Dezember 1941 durch das Sonderkommando Lange eingerichtet worden, ab 1942 wurde es von Hans Bothmann geführt. Vor der Öffnung des Lagers hatte Einsatzgruppenleiter Herbert Lange bereits Tausende psychisch Kranker in Gaswagen ermorden lassen. Nach der zwischenzeitlichen Schließung 1943 wurde das Lager 1944 zur „Liquidierung“ des Ghettos Litzmannstadt reaktiviert. Schätzungen zufolge wurden zwischen 1941 und 1944 insgesamt 150.000 Menschen im Vernichtungslager Kulmhof ermordet.