Die Rennmäuse (Gerbillinae) bilden eine Unterfamilie der Langschwanzmäuse und bewohnen die Wüsten, Halbwüsten, Steppen und Savannen Afrikas und Asiens. Sie sind die größte Gruppe der Nagetiere, die an ein Leben in trockener Umgebung angepasst ist. Einige Rennmausarten, insbesondere die Mongolische Rennratte, werden als Heimtier gehalten.Schlitter und Ågren 2004 (S. 652).

Körpermerkmale

Körperbau und Körpermaße

Rennmäuse ähneln oft der vertrauten Mongolischen Rennratte, kommen jedoch in unterschiedlichen Größen von mausgroß und schlank bis größer und kompakt vor. Im Gegensatz zu den ihnen äußerlich ähnlichen Ratten und Mäusen besitzen sie meist behaarte Schwänze und Fußsohlen sowie etwas verlängerte Hinterbeine.

Kleinere Rennmausarten, wie die eigentlichen Rennmäuse kommen mit einem Gewicht von 8 bis 11 Gramm auf eine Körperlänge von 6,2 bis 7,5 Zentimeter und eine Schwanzlänge von 7,2 bis 9,5 Zentimeter. Die Indische Nacktsohlenrennmaus dagegen ist 115 bis 190 Gramm schwer, Körper und Schwanz messen 15 bis 20 Zentimeter und 16 bis 22 Zentimeter.Schlitter und Ågren 2004 (S. 653).

Fell, Farbe und Schwanz

Das weiche Fell der Rennmäuse verleiht ihnen ein mäuseähnliches Aussehen. Das der Oberseite ist meist hellgelb, hellbraun oder gräulich, das der Unterseite weiß oder cremefarben. Diese Färbung verringert zum einen die Gefahr gefressen zu werden, da sie der Farbe des Bodens entspricht, auf der die Tiere leben. Sogar innerhalb einer Art passen sich regionale Populationen der jeweiligen Farbe des Untergrundes an. So sind Tiere auf dunklen Böden dunkelbraun, solche auf roten Böden besitzen ein rötliches Fell. Zum anderen reflektiert die helle Unterseite besser die Hitze des Untergrundes. Auch die behaarten Fußsohlen ermöglichen ihnen das Laufen auf heißen Böden.

Der Schwanz dient den Rennmäusen als Gleichgewichtshilfe bei der Bewegung und sie können damit Sand über den Eingang ihres Baues fegen, um diesen zu verbergen. Er dient außerdem als Schutz vor Fressfeinden. Die Quaste an der Schwanzspitze lenkt vom Körper des Tieres ab und der Schwanz kann ganz oder teilweise abfallen, wenn er gefasst wird. Ein behaarter Schwanz schützt die Tiere vor Austrocknung.

Sinnesorgane

Rennmäuse besitzen große, dunkle Augen, die weit oben am Kopf liegen und ihnen ein großes Gesichtsfeld verleihen. Typisch ist auch ihr großes Mittelohr, besonders bei Arten in Wüstenlandschaften. Dies ermöglicht das Hören im Niedrigfrequenzbereich und sogar Geräusche wie der Flügelschlag von Eulen können wahrgenommen werden.

Schädel

200px|mini|Schädel einer Mongolischen Rennratte (ohne Unterkiefer und mit beschädigten Jochbögen)

Schallleitungsapparat

Das Trommelfell der Rennmäuse ist entweder einfach und besteht lediglich aus einem Hauptteil, oder es ist mehrteilig mit zusätzlichem Nebentrommelfell.Pawlinow, 2008 (S. 19–20, Abb. 8) Den Hauptteil bilden zwei Teile, die sich wie bei anderen Säugetieren im Aufbau des Gewebes voneinander unterscheiden: die große, gespannte Pars tensa und die kleine, schlaffe Pars flaccida. Das Gewebe des Nebentrommelfells gleicht dagegen wie bei den Springmäusen dem der Pars tensa. Es liegt oberhalb von dieser und nimmt somit eine ähnliche Lage wie die Pars flaccida bei den meisten anderen Mäuseartigen ein. Von der Pars tensa ist es durch den Grenzbogen, ein dünnes Band aus Bindegewebe zwischen den vorderen und hinteren Knochenvorsprüngen, getrennt. Die Knochenvorsprünge sind jedoch lediglich bei Rennmäusen mit Nebentrommelfell deutlich ausgeprägt. Bei der Kap-Kurzschwanz-Rennmaus, der Brauer-Rennmaus, der Somali-Rennmaus und der Fettschwanz-Rennmaus ist das Nebentrommelfell groß, außerdem kommt es bei einigen Arten der Eigentlichen Rennmäuse und der Rennratten vor.Lay, 1972 (S. 50–52)

Bei Rennmäusen ohne Nebentrommelfell wird die seitliche Wand des Recessus epitympanicus durch eine dünne Knochenplatte gebildet. Zwei Knochenblätter nähern sich vom vorderen und vom hinteren Schenkel des Anulus tympanicus an und sind gewöhnlich durch eine schmale, schlitzartige Öffnung voneinander getrennt. Diese Öffnung ist am freien, unteren Ende am breitesten und wird nach oben hin schmaler. Sie wird durch einen Teil der Pars flaccida überspannt. Gelegentlich sind die beiden Knochenblätter lückenlos miteinander verschmolzen. Bei der Aserischen Rennratte weist das Knochenblatt vor der Einkerbung in der Umrandung des Trommelfells, der Incisura tympanica, eine abgerundete Öffnung auf. Dagegen ist der Unterteil ihres Hinterrandes mit dieser Einkerbung verwachsen. Ist das Knochenblatt wie bei der Mongolischen Rennratte und der Libyschen Rennratte vergrößert, verdrängt sein Hinterrand den Unterteil der Einkerbung und verringert somit deren vertikale Ausdehnung. Bei einer weiteren Vergrößerung des Knochenblatts, so bei einigen Arten der Eigentlichen Rennmäuse, der Fettschwanz-Rennmaus und der Brauer-Rennmaus, werden die Einkerbung und die seitliche Wand des Recessus fast vollständig durch das Nebentrommelfell verdrängt. Die Einkerbung bleibt jedoch bei allen Rennmäusen zumindest als kleiner Spalt an der hinteren, oberen Kante der Umrandung des Nebentrommelfells erhalten.

Fehlt das Nebentrommelfell, wird der Kopf des Hammers durch die knöcherne Scheidewand verdeckt, die den oberen Teil des Gehörgangs ausfüllt. Bei vorhandenem Nebentrommelfell ist der Kopf dagegen von außen sichtbar. Er ist entweder leicht mit gerader Oberkante oder eher massiv und tränenförmig mit hervorstehender Oberkante. Der kleinere Hammergriff nimmt eine vertikale Lage ein.

Die Kombination aus leichtem oder massivem Kopf und einfachem oder mehrteiligem Trommelfell ermöglicht die Rekonstruktion der stammesgeschichtlichen Beziehungen einiger Rennmausgruppen. Dabei kommt der Kenntnis über die ursprüngliche oder abgeleitete Natur von Nebentrommelfell und leichtem Kopf die wichtigste Bedeutung zu. Der ursprüngliche Merkmalszustand der Mäuseartigen, ein Hammer mit leichtem Kopf und horizontalem Hammergriff, geht stets mit einem Nebentrommelfell einher. Er kommt bei bezüglich der Paukenblasen generalisierten Mäuseartigen und niemals bei den Rennmäusen vor. Die evolutionäre Umwandlung umfasst zunächst die Verlagerung des Hammergriffs von einer horizontalen in eine vertikale Lage und dann die Entwicklung vom leichten zum massiven Kopf sowie gelegentlich eine Rückentwicklung zum leichten Kopf. Bei Wühlmäusen weist der vordere Teil des Hammers wie bei den Rennmäusen ein rippenförmiges Element auf, das beim Hammer mit horizontalem Hammergriff immer oben und beim Hammer mit massivem Kopf immer mittig verläuft. Für die Rennmäuse ist dementsprechend anzunehmen, dass beim Hammer mit leichtem Kopf eine oben verlaufende Rippe auf den ursprünglichen Merkmalszustand und eine mittig verlaufende Rippe auf ein abgeleitetes Merkmal hindeutet. So weisen einige Rennratten mit stark aufgeblähten Paukenblasen ein Nebentrommelfell und einen Hammer mit mittig verlaufender Rippe sowie leichtem Kopf auf. Die genannten Merkmalszustände des Hammers lassen Rückschlüsse auf die Untergliederung der Kurzschwanz-Rennmäuse sowie die Stellung der Buschschwanz-Rennmaus innerhalb der „typischen Rennmäuse“ (Gerbillini) zu.

Kauapparat

Rennmäuse weisen den für die Mäuseartigen typischen, myomorphen Kauapparat auf. Jedoch dominieren anders als bei den diesbezüglich generalisierteren Vertretern der Mäuseartigen die vorderen Anteile des Kaumuskels den Schläfenmuskel. Entsprechende Abwandlungen des knöchernen Kauapparats sind eine Vergrößerung der Jochbeinplatte und des vorderen Anteils des Jochbogens, verbunden mit einer Verkleinerung der Temporalplatte des Hirnschädels und einer Verkleinerung des Muskelfortsatzes des Unterkiefers.Pawlinow, 2008 (S. 9–10) Der Gelenkfortsatz ist dagegen hoch, der aufsteigende Unterkieferast ist schmal, und die hintere Einwölbung zwischen dem Gelenkfortsatz und dem Winkelfortsatz ist groß. Der Kiefer ist somit vergleichsweise schwach. Das Unteraugenloch ist häufig stark verschmälert und niemals groß.Ellerman, 1941 (S. 497)

Die Jochbeinplatte besteht aus zwei deutlich unterscheidbaren Teilen. Der vordere Teil ist der einen Kiel bildende, verlängerte Auswuchs der Platte nach vorne. Er verläuft entlang der Schnauze und ist kennzeichnend für die Rennmäuse, tritt jedoch auch bei einigen anderen Mäuseartigen auf. Der hintere Teil ist für alle Mäuseartigen typisch und befindet sich nahe dem Ansatz der vorderen Jochbogenwurzel. Unter den rezenten Rennmäusen sind die Brauer-Rennmaus und die Eigentlichen Rennmäuse durch die am wenigsten entwickelte Jochbeinplatte gekennzeichnet. Daneben können zwei wesentliche, wenn auch nicht gänzlich verschiedene Weiterentwicklungen festgestellt werden: Bei den Taterillinen, insbesondere den Nacktsohlen-Rennmäusen, ist der Kiel stark verlängert, bei den „höheren Rennmäusen“ (Rhombomyina), insbesondere bei der Großen Rennmaus, ist die Platte dagegen vertikal vergrößert. Bei einigen Gattungen, so bei der Somali-Rennmaus, führt eine Ausdehnung des vorderen Anteils des Jochbogens nach oben zur Bildung eines auffälligen Orbitalschilds. Zwischen den stammesgeschichtlichen Gruppen können jedoch hinsichtlich dieser Merkmale keine klaren Unterschiede festgestellt werden. Lediglich die Verlängerung des Kiels kann möglicherweise als abgeleitete Gemeinsamkeit der Taterillinen aufgefasst werden.Pawlinow, 2008 (S. 10, Abb. 1) Mit den beiden Entwicklungstrends der Jochbeinplatte hängt eine Umformung der oben durch Parasagittalleisten begrenzten Temporalplatte des Hirnschädels zusammen: Sie ist bei den Taterillinen mit zunehmender Kielverlängerung schmaler und dehnt sich bei den fortgeschrittensten „höheren Rennmäusen“ aus. Die Umformung der Temporalplatte spiegelt die parallele Evolution des Kauapparats zwischen „höheren Rennmäusen“ und Wühlmäusen wider und kann als abgeleitete Besonderheit der „höheren Rennmäuse“ gewertet werden.Pawlinow, 2008 (S. 10)

Die Veränderungen am Unterkiefer hängen teilweise mit der Entwicklung der Paukenblasen sowie der Änderung der Größenverhältnisse der Kaumuskeln zusammen. Es ist anzunehmen, dass die Aufblähung der Paukenblasen ursächlich für die Umformung des Kauapparats verantwortlich ist. Am auffälligsten ist dieser Zusammenhang im Vergleich zu Mäuseartigen mit generalisierten Paukenblasen: Der aufsteigende Ast des Unterkiefers nimmt bei den Rennmäusen eine vertikalere Lage ein und ist schmaler, die hintere Einwölbung zwischen Gelenkfortsatz und Winkelfortsatz ist tiefer, und der Winkelfortsatz verläuft weniger vertikal. Diese miteinander zusammenhängenden Merkmale wurden sogar bei Rennmäusen mit vergleichsweise kleinen Paukenblasen festgestellt und können als indirekter Hinweis auf eine Aufblähung der Paukenblasen dienen. Insbesondere scheinen die rezenten Rennmäuse dadurch von den fossilen Myocricetodontinen, die einen für die Mäuseartigen typischen Unterkiefer aufweisen, unterscheidbar zu sein. Jedoch ist dieser Zusammenhang nicht besonders ausgeprägt und bei der Fettschwanz-Rennmaus mit ihren aufgeblähten Paukenblasen ist der aufsteigende Ast des Unterkiefers sehr breit, nimmt jedoch eine vertikalere Lage als bei den „typischen Rennmäusen“ (Gerbillini) ein. Einige andere Rennmäuse weisen ebenfalls einen eigentümlichen, jeweils eine abgeleitete Besonderheit darstellenden Bau des Unterkiefers auf. Bei der Somali-Rennmaus fehlt der Muskelfortsatz vollständig. Dies ist ein innerhalb der Mäuseartigen einzigartiges Merkmal und geht mit der schmalsten Temporalplatte sowie dem größten Orbitalschild einher. Bei der Brauer-Rennmaus ist der Gelenkfortsatz lang und schmal und der Winkelfortsatz ist sehr breit. Einen ähnlichen Bau des Unterkiefers wie die Brauer-Rennmaus weist die Mauretanische Rennmaus auf.Pawlinow, 2008 (S. 10–11, Abb. 2)

Lebensweise

Wasserhaushalt