Die Geschichte der Stadt Leer reicht über 1200 Jahre zurück. Die Stadt lag ursprünglich an der Leda, hat sich aber im Laufe der Zeit bis an das östliche Ufer der Ems ausgebreitet.

Die Stadt Leer hat im Laufe der Jahrhunderte die Geschichte des östlichen Frieslands entscheidend mitgeprägt. So bauten die Hamburger hier auf einer strategisch günstig gelegenen Landzunge zwischen Ems und Leda im Jahr 1435 die Feste Leerort, die ab 1453 von den ostfriesischen Grafen und Burgherren zur stärksten Festungsanlage Ostfriesland erweitert wurde. Hier fand während der sächsischen Fehde eine Schlacht statt, in deren Verlauf der Herzog Heinrich von Braunschweig getötet wurde.

Im Laufe der Jahrhunderte war Leer – wie Ostfriesland – wechselnden Herrschaften unterworfen.

Frühgeschichte Menschen waren im Mündungsbereich der Leda bereits in der mittleren Steinzeit anwesend, das ist durch archäologische Funde belegt. Ab 3200 v. Chr. wurden die nomadisierenden Menschen sesshaft. Auch für diese Zeitperiode gibt es Funde in Leer. Eine Siedlung in diesem Bereich wird auch im Zeitraum bis 750 v. Chr. vermutet, worauf Hügelgräber hindeuten.

Mit der römischen Welt kamen die Menschen in diesem Gebiet ebenfalls in Kontakt. Der Feldherr Drusus fuhr im Jahr 12 v. Chr. mit einer Flotte die Ems hinauf und fand in den Friesen, die damals noch hauptsächlich westlich des Flusses lebten, Verbündete für seinen Feldzug. Es ist davon auszugehen, dass die Menschen aus dem Gebiet der heutigen Stadt Leer in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt Handelsbeziehungen bis ins römische Reich knüpften. In Leer fanden Archäologen die Bruchstücke eines bronzenen Eimers.

Spätestens im 5. Jahrhundert siedelten die Friesen auch östlich der Ems.

Mittelalter mini|Ein Standbild Liudgers im Dom zu Münster Ein genaues Gründungsdatum von Leer ist nicht bekannt. Es gilt jedoch als sicher, dass das Dorf schon deutlich vor dem Jahr 800 existierte. Künstlich geschaffene Anhöhen aus dieser Zeit deuten an, dass der Geestrücken nahe dem Zusammenfluss von Ems und Leda schon vor der Christianisierung als zusammengehörige Siedlung bewohnt war. Die Keimzelle der Ortschaft lag wohl im Gebiet um den späteren Kirchhügel am Westerende und der Kaakspütte.

Der Name der heutigen Stadt geht wahrscheinlich auf das germanische Wort „Hleri“ zurück, das eine umzäunte Weide bezeichnet und auf das Auskommen der Leeraner als Viehzüchter hindeutet. Weiterhin lebten die Einwohner vom Fischfang. Trotz der strategisch und wirtschaftlich günstigen Lage brachte Leer es zunächst zu keiner großen Bedeutung.

Christianisierung Gegen Ende des 8. Jahrhunderts kam der Friesenapostel Liudger im Auftrag Karls des Großen nach Friesland, um die Friesen zum Christentum zu bekehren. In Leer vollbrachte Liudger der Legende nach sein so genanntes „Fischwunder“ und gründete im Jahr 791 die erste Kapelle im ostfriesischen Raum am Westrand der Siedlung Leer. Von der zunächst hölzernen, im 12. Jahrhundert mit Steinen umgebauten und im 15. Jahrhundert erweiterten Kirche ist heute nur noch die Krypta erhalten. Das marode Bauwerk darüber wurde 1785 abgebrochen. In einer Vita des Missionars Liudger, die etwa im Jahr 850 entstand, wird Leer das erste Mal schriftlich erwähnt.

Mit der Missionierung wurden die Leeraner Teil von Karls Frankenreich. Bevor Leer den Grafen des fränkischen Emsgaus unterstand, war es vor allem der vom Bistum Münster in Leer eingesetzte Propst, der einen großen Einfluss auf das Dorf und seine Umgebung ausübte und die Selbstverwaltung Leers unter sein Patronat stellte.

Häuptlingssitz Doch im Laufe des Mittelalters verloren das Bistum und die eingesetzten fränkischen Gaugrafen ihre Macht in Friesland und die Zeit der friesischen Freiheit brach an. Doch währte diese nicht lange, im späten Mittelalter brachten die ostfriesischen Häuptlinge immer mehr Macht an sich. Leer gehörte nun zu der friesischen Landesgemeinde Moormerland, die neben anderen Gebieten im frühen 15. Jahrhundert von dem Häuptling Focko Ukena beherrscht wurde.

Ukena verlegte seinen Hauptsitz von seinem Stammsitz in Neermoor nach Leer, erbaute dort die Fockenburg und trug fortan den Titel Häuptling von Leer. Im Jahr 1426 schlug Ukena schließlich in der Schlacht von Detern die Häuptlingsfamilie der tom Brok und brachte die Herrschaft über den größten Teil Ostfrieslands an sich. Leer war somit für eine kurze Zeit das wichtigste politische Zentrum des Landes.

mini|Die Harderwykenburg heute Allerdings wollten sich die anderen Häuptlinge nicht damit abfinden, das abgeschüttelte Joch der tom Brok gegen das des Fokko Ukena einzutauschen. Im Jahr 1430 belagerte ein Bund der Freiheit Ukena in seiner Burg in Leer und vertrieb ihn. Die Burg wurde geschleift. Sein Erbe Hayo Unken erbaute später die heute noch existierende Harderwykenburg. Er arrangierte sich jedoch mit der Vorherrschaft der Familie Cirksena.

Ukena hatte mit Seeräubern gemeinsame Sache gemacht und so nutzte die Hanse – insbesondere die Hamburger – die Gelegenheit nach Ukenas Vertreibung und bemächtigte sich der wichtigsten ostfriesischen Verkehrswege. Unweit des Dorfes Leer wurde von den Hamburgern 1435 an dem Zusammenfluss von Ems und Leda aus den Steinen der zerstörten Burg Focko Ukenas die Festung Leerort errichtet.

Der mit den Hamburgern verbündete Häuptling Ulrich Cirksena erhielt diese Festung im Jahr 1453. Derselbe Ulrich war es auch, der 1464 vom Kaiser mit der Grafschaft Ostfriesland belehnt wurde, zu der nun auch Leer gehörte. Leerort wurde zur wichtigsten Festung der Grafschaft ausgebaut und entwickelte sich auch zum Verwaltungssitz des Amts Leerort. Der Flecken Leer war Teil dieses Amts. Die Leeraner hatten in der Festung Dienste zu leisten. Leerort war häufig Schauplatz von kriegerischen Auseinandersetzungen, etwa während der Sächsischen Fehde von 1514 bis 1517. Das unweit liegende Leer war ungeschützt und wurde daher mehrfach geplündert.

Wirtschaftlicher Aufschwung mini|Edzard der Große mini|Haus Samson. 1508 verlieh Edzard der Große dem Flecken Leer, der fortan mit dem Markt im nahen Groningen konkurrieren sollte, das Marktrecht. Der Gallimarkt (benannt nach dem St.-Gallus-Tag am 16. Oktober) findet noch immer jedes Jahr im Oktober statt. Dem Chronisten Ubbo Emmius zufolge nahm Leer von da an einen gewaltigen Aufschwung.

Der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten entwickelte sich gut. Ins 16. Jahrhundert fällt auch die Organisation der Leeraner Handwerker in Zünften. Die bedeutendste Zunft wurde jene der Leinenweber. Der Flachsankauf war von Graf Edzard an Leer gebunden worden und die Bauern des Leeraner Umlandes produzierten diesen Grundstoff für das Leinen reichlich und günstig.

In Leer ließen sich zahlreiche protestantische Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden nieder und brachten ihr Wissen um die Leinenweberei mit in die Stadt. Neben den Webern waren es aber vor allem kapitalstarke Händler, die sich zudem auf dem niederländischen Markt auskannten. Das Leinen aus Leer wurde in der Folgezeit in weite Teile Europas exportiert. Leer zählte um das Jahr 1600 bereits zwischen 3000 und 3500 Einwohner.

Zeugen dieser Blütezeit sind die Errichtung zahlreicher Bauten, etwa der heutigen Haneburg. Im 1643 wird im Stile des niederländischen Frühbarocks das „Haus Samson“ erbaut. In der Fassade wird später das Wappen der Familie Vissering eingebracht. Heute ist das Haus Sitz der überregional bekannten Weinhandlung Wolff.

Die Reformation und die Entwicklung der Kirche mini|Die erhalten gebliebene Krypta der alten Liudgeri-Kirche Die Reformation wurde in Ostfriesland von Graf Edzard dem Großen eingeführt. Bereits zwischen 1520 und 1530 verdrängte das protestantische Bekenntnis die katholische Konfession nahezu vollständig aus dem Flecken Leer. Dem Calvinismus zugeneigte und lutherische Christen lebten einträchtig nebeneinander und benutzten sogar gemeinsam die alte Liudgeri-Kirche unweit des Plytenbergs. Eine klare Definition der neuen Konfessionen gab es jedoch noch nicht.

Kriegerische Auseinandersetzungen wegen des Glaubens fanden in Leer nicht statt. Der Flecken wurde 1533 im Zuge der Geldrischen Fehde zweimal von den Truppen des katholischen Herzogs Karl von Geldern geplündert. Allerdings war dieser Krieg eher von machtpolitischem Charakter denn ein Glaubenskrieg.

In Leer setzte sich jedoch schließlich – ähnlich wie in Emden – das reformierte Bekenntnis gegenüber den Lutheranern durch. Dies war zwar nicht im Sinne der meist lutherischen Landesherren, jedoch wurden die Reformierten im Flecken Leer nicht an ihrer Glaubensausübung gehindert. Der Rat der reformierten Gemeinde übernahm die Rechte des ehemaligen Propstes und war damit so etwas wie ein Stadtrat geworden. Die Kirche nahm einen Großteil der örtlichen Verwaltungsaufgaben wahr.

Die reformierte Gemeinde wurde sehr wohlhabend. Dies lag nicht zuletzt an Einkünften aus den Waagerechten, welche die Gemeinde innehatte. Diese wurden ihr von den Landesherren auch nicht streitig gemacht. Gräfin Anna bestätigte sie der Gemeinde im Jahr 1542 sogar noch einmal ausdrücklich. Als sich der Flecken immer weiter zum Ufer der Leda hin entwickelte, verlegte die Gemeinde die Waage um 1570 ans Wasser und legte damit den Grundstein für die Entwicklung Leers zur Hafenstadt.

Die reformierte Gemeinde konnte mit ihren Einkünften seit 1525 eine eigene Volksschule einrichten und unterhielt auch das Armenhaus. Unter Graf Johann wurde 1584 zusätzlich eine Lateinschule in Leer gegründet, der 1588 bis 1594 Ubbo Emmius als Rektor vorstand. Der reformierte Graf Johann II. war dank der Abschaffung der Primogenitur durch seine Mutter gleichberechtigter Landesherr neben seinem lutherischen Bruder Edzard, mit dem er ständig im Zwist lag. Diese gegenseitige Schwächung der beiden Grafen war jedoch auch eine Ursache dafür, warum in Ostfriesland weder das lutherische noch das reformierte Bekenntnis durch das landesherrliche Regiment durchgesetzt werden konnte.

Am Ende des 16. Jahrhunderts hatte der Marktflecken Leer ostfriesische Städte wie Aurich, Norden und Esens an Bedeutung und Größe überflügelt. Das Stadtrecht wurde Leer allerdings vorenthalten. Der lutherische Graf Enno III. fürchtete sich offenbar davor, mit der Verleihung der Stadtrechte ein „zweites Emden“ zu erschaffen.

Die ebenfalls vorherrschend reformierte Hafenstadt Emden hatte Ennos Vorgänger Edzard II. aus ihren Mauern vertrieben und sich durch die Emder Revolution als fast autonomer Stadtstaat etabliert. Der Landesherr konnte mehr Einfluss auf Leer ausüben, wenn der Ort ein Markflecken blieb, auch wenn Leer mit Stadtrechten eventuell zu einer Konkurrenz für Emden hätte aufgebaut werden können. Schutzmacht der Emder waren die niederländischen Generalstaaten, die ab 1611 nicht nur in Emden, sondern auch in Leerort eine Garnison unterhielten.

Der reformierte Graf Johann II. hatte 1585 für Leer eine Verwaltungsordnung erlassen, die an der Spitze der Verwaltung vier von der reformierten Gemeinde gewählte Schüttmeister vorsah. Der lutherische Graf Ulrich II. änderte diese Ordnung 1637 insoweit ab, als dass die reformierten Schüttmeister nun von den Landesherren ernannt wurden. Zwei Jahre später setzte er zudem durch, dass zwei der Schüttmeister lutherischen Bekenntnisses sein mussten.

Dies hatte den Hintergrund, dass mittlerweile auch wieder zahlreiche Lutheraner nach Leer gezogen waren. Auch wenn die Reformierten weiterhin ein Übergewicht im Flecken Leer behielten, wurden die Rechte der Lutheraner durch die Landesherren gesichert. Im Jahr 1675 wurde mit Hilfe der Fürstin Christine Charlotte die lutherische Kirche erbaut. Die Grundsteinlegung erfolgte am 2. Juni. Doch die Reformierten hüteten weiter eifrig ihre Privilegien und versuchten noch Jahrzehnte lang, der lutherischen Gemeinde das Recht auf ein eigenes Kirchengeläut zu verwehren.

Vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Ende der Cirksena