Dieser Artikel behandelt die Direktionen des Wiener Burgtheaters seit dem Jahr 1776, als die alte Spielstätte des Burgtheaters am Michaelerplatz von Kaiser Joseph II. zum „Teutschen Nationaltheater“ erklärt wurde.
Erste Direktionen des alten Burgtheaters am Michaelerplatz (1776–1814) mini|250px|Blick aus dem Zuschauerraum in Richtung Bühne (um 1880). Rechts im Rang die Kaiserloge. mini|250px|Eingang zum alten Burgtheater mit Theaterplakaten (um 1880). Der eigentliche Eingang zwischen den Kandelabern ist heute noch im Bereich der Michaelerkuppel vorhanden und mit einer Gedenkplakette versehen. mini|250px|Nottreppen des alten Burgtheaters (um 1880)
Künstlerrepublik (8. April 1776 bis 25. Februar 1789): 15 von 22 Mitgliedern wählten 9 alternierende Wöchner sowie einen Regisseur, nämlich Christian Gottlob Stephanie d. Ä. Später wurden 5 Inspizienten von den Mitgliedern gewählt: Stephanie d. Ä., Johann Heinrich Friedrich Müller, Gottlieb Stephanie d. J., Konrad Steigentesch (nach dessen Tod: Josef Lange), Franz Carl Hieronymus Brockmann.
Johann Franz Brockmann (26. Februar 1790 bis 1790): Nach der Wahl durch die Schauspielergesellschaft wurde Brockmann vom Kaiser zum Dirigenten, also zum Künstlerischen Leiter, bestimmt. Brockmann war somit der erste, der allein als Künstlerischer Leiter des Theaters fungierte.
Regiekollegium (21. November 1792 bis 31. Juli 1794): Nachdem das Regiekollegium Brockmann bereits 1790 inoffiziell abgelöst hatte, wurde es 1792 vom Kaiser offiziell anerkannt. Ihm gehörten an: Stephanie d. Ä., Stephanie d. J., J. H. F. Müller (ab 1794: Philipp Friedrich Klingmann), Joseph Weidmann sowie Brockmann. Verantwortlich für die späte Anerkennung waren die komplizierten Verhältnisse in der obersten Theatralleitung. Kaiser Leopold II. enthob am 25. Jänner 1791 den Fürsten Franz Xaver Wolfgang von Orsini-Rosenberg von der obersten Theatral-Direction. An dessen Stelle wurde der Musikcavalier Johann Wenzel Graf Ugarte zum Hoftheatral-Musikdirector bestellt. Leopold II. starb am 1. März 1792. Dessen Nachfolger Franz II. beschloss am 4. Juli 1792, die Hoftheater zu verpachten. Doch fanden sich keine geeigneten Pächter. Nun wurde Orsini-Rosenberg vom Kaiser gebeten, einen Vorschlag für die künftige Führung des Theaters zu machen. In der Folge wurde Graf Ugarte am 11. November 1792 von seinen Direktionsaufgaben entbunden, die nun wieder von Orsini-Rosenberg übernommen wurden.
Am 21. November 1792 stellte Kaiser Franz fest, dass die vielseitigen Theatralgeschäfte (nämlich Oper und Schauspiel) unmöglich von einer einzigen Person geleitet werden könnten; erschwerend käme hinzu, dass Brockmann auch als Schauspieler tätig sei. So wurde der bereits bestehende fünfköpfige Ausschuss, der sich die Direktionsaufgaben teilte, offiziell anerkannt.
Peter von Braun (1. August 1794 bis 31. Dezember 1806): In dieser Zeit war das Burgtheater verpachtet. Brauns offizieller Titel war Vizedirektor. Braun, dem 1795 der Titel Freiherr verliehen wurde, trat von 1804 selbst als Pächter auf, was er ursprünglich für fünfzehn Jahre zu bleiben beabsichtigte. Im selben Jahr entließ Braun die traditionelle, einst u. a. für die Aufführung von Mozart-Opern wichtige italienische Operngesellschaft, die jedoch ziemlich kostspielig war. Brauns Pachtvertrag erlaubte es ihm, nach seinem Belieben jede Gattung von Theater zu geben, wobei er nicht gezwungen war, Ballette oder italienische Opern aufzuführen. Die einzige Verpflichtung bestand darin, täglich Vorstellungen anzubieten. Italienische Opern in italienischer Sprache wurden bald darauf vom Kärntnerthortheater angeboten, wo es auch zu Aufführungen der Werke von Gaetano Donizetti (der vorübergehend als Hofkompositeur wirkte) sowie von Gioachino Rossini kam. Die lange italienische Tradition des Burgtheaters war nun jedoch beendet.
Kavaliersdirektion (1. Jänner 1807 bis 31. März 1817): Die „Gesellschaft der Kavaliere“ übernahm 1806 von Braun die beiden Hoftheater sowie das von Braun kurz zuvor gekaufte Theater an der Wien. Dieses „Konsortium“ bestand aus Nikolaus Fürst Esterházy, Joseph Fürst von Schwarzenberg, Ferdinand Graf Pálffy, Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz, Stephan Graf Zichy, Franz Graf Esterházy, Franz Niklas Graf Esterházy und Hieronymus Graf Lodron. In der Zeit der Kavaliersdirektion fiel im November 1810 der Beschluss, im Burgtheater nur noch Sprechstücke aufzuführen. Von diesem Zeitpunkt an wurde die Kavaliersdirektion nur noch von Graf Palffy, Fürst Lobkowitz und Fürst Schwarzenberg gebildet, wobei die beiden zuletzt Genannten als stille Teilhaber fungierten. Ab dem 11. Februar 1811 agierte Graf Palffy unter dem Titel Hoftheaterdirektor. Ihm folgte 1812 unter der gleichen Bezeichnung Fürst Lobkowitz nach. Von 1814 an war wieder Graf Palffy der Pächter.
Vormärz und Biedermeier (1814–1849) Joseph Schreyvogel (1. April 1814 bis 13. Mai 1832) führte den Titel Artistischer Sekretär. Er war außerdem Vizedirektor des Theaters an der Wien, an dem von April 1814 bis 1817 die Hofschauspieler nach Bedarf eingesetzt wurden. Auch wurden in dieser Zeit dieselben Stücke abwechselnd im Theater an der Wien und im Burgtheater gezeigt. In seiner Ära wurde am 31. März 1817 die Pachtzeit beendet.
Johann Ludwig Deinhardstein (1. Juni 1832 bis 31. März 1841) arbeitete unter dem Titel Vizedirektor. Vor seiner Bestellung hatte er als Professor der Ästhetik und Literatur an der Theresianischen Ritter-Akademie gewirkt.
Franz Ignaz von Holbein (Edler von Holbeinsberg) (3. April 1841 bis 26. Dezember 1849): Der 1779 im niederösterreichischen Zistersdorf geborene Holbein führte wieder den Titel Direktor. Holbein hatte ein bewegtes Leben geführt; als Schauspieler, Sänger und Theaterdirektor war er durch ganz Deutschland gezogen und hatte 1827 als Leiter die Königliche Bühne in Hannover übernommen. Der Ruf, ein gewandter Geschäftsmann zu sein, drang bis nach Wien, wo man ihn zum Burg-Direktor bestellte, ohne dass er sich dafür beworben hatte.
In seiner Ära gab es viele nur kurze Zeit umspannende Engagements, wovon die meisten probeweise erfolgten. Grundlage war seine Befugnis, eigenständig Kontrakte abzuschließen, sofern sie die Theaterkassen nicht länger als ein Jahr belasteten. Gegen Ende seiner Direktionszeit beschränkte sich Holbein mehr und mehr auf die wirtschaftliche Leitung des Burgtheaters, wohingegen die künstlerische Leitung stark vom Obersthofkämmerer Moriz Graf Dietrichstein beeinflusst wurde. Immer mehr Stimmen sprachen sich indes für eine Reform der Hoftheater aus.
Die Jahrzehnte nach der Märzrevolution (1849–1888) Heinrich Laube (26. Dezember 1849 bis 30. September 1867) war zunächst bis 22. Juli 1851 provisorisch, danach definitiv Artistischer Direktor. Noch in der Ära seines Vorgängers Holbein hatte Laube sein Theaterstück Die Karlsschüler selbst am Burgtheater inszeniert (Premiere am 24. April 1848). Die Aufführung wurde zu einem glänzenden Erfolg. Laube hatte sich zudem in einer Schrift für eine Reform des Hoftheaters ausgesprochen. Obersthofkämmerer Graf Dietrichstein zeigte sich darob begeistert und empfahl die Ernennung Laubes zum artistischen Direktor, während sich Regierungsrat Holbein auf die ökonomischen Belange zu konzentrieren hätte. Allerdings trat Graf Dietrichstein am 1. Dezember 1848 von seiner Position zurück. Am 24. Februar 1849 wurde eine Kommission eingesetzt, die über die Reformen am Hoftheater beraten sollte. Nach zähen Verhandlungen, die sich über ein Jahr hinzogen, wurde mit kaiserlicher Entschließung vom 26. Dezember 1849 Heinrich Laube für die Dauer von fünf Jahren provisorisch zum artistischen Direktor des Burgtheaters ernannt; am 22. Juli 1851 wurde Laube indes, auf Veranlassung des Obersthofkämmerers Karl Graf Lanckoronski, definitiv artistischer Direktor.
Wie so manche andere Burg-Direktion endete auch Laubes Ära mit einem unüberbrückbaren Zwist. Nachdem am 8. Juli 1867 der Oberstkämmerer Fürst Auersperg verstorben war, übertrug ein Handschreiben von Kaiser Franz Joseph I. vom 11. Juli 1867 die Oberleitung der beiden Hoftheater dem Präfekten der Hofbibliothek, Eligius Freiherr von Münch-Bellinghausen, der nun unter dem Titel eines Generalintendanten amtieren sollte. Münch-Bellinghausen, der als Schriftsteller unter dem Pseudonym Friedrich Halm agierte, wurde in einer Dienstvorschrift angewiesen, bezüglich der artistischen Leitung der beiden Hoftheater im Einvernehmen mit den Direktionen vorzugehen. Die Beratungen mit Laube ergaben aber, zumal in Hinsicht auf das Repertoire und die Besetzungen, gravierende Meinungsunterschiede. Laube wollte in diesen beiden Punkten autonom entscheiden. Generalintendant Münch-Bellinghausen wollte sich mit einer passiven Rolle jedoch nicht abfinden, er sah darin eine Verletzung der Würde seines Amtes sowie seines literarischen Namens. Laube beharrte jedoch auf seiner Ansicht und bot schließlich seinen Rücktritt an, der dann angenommen wurde. mini|Elegius Freiherr von Münch-Bellinghausen Eligius Freiherr von Münch-Bellinghausen (Oktober 1867 bis 9. Jänner 1868) amtierte interimistisch als Artistischer Direktor; er verwendete das Pseudonym Friedrich Halm.
August Wolff (10. Jänner 1868 bis 31. Dezember 1870) trug wie von nun an alle seine regulären Nachfolger den Titel Direktor. Vor seiner Bestellung zum Burg-Chef war er Oberregisseur des Mannheimer Theaters gewesen. Försters Vorgänger Münch-Bellinghausen avancierte nun zum Generalintendanten der Hoftheater. Allerdings band er alle Rechte der Stückauswahl, der Engagements und der Besetzung an seine Person, Wolff hingegen war lediglich das ausführende Organ. Als Münch-Bellinghausen 1870 aus gesundheitlichen Gründen um die Enthebung aus seinem Amt ansuchte und dieser am 1. November entsprochen wurde, stand man vor einer schwierigen Situation. Wichtige Entscheidungen konnten bzw. durften durch den machtlosen Wolff nicht gefällt werden.
Franz von Dingelstedt (19. Dezember 1870 bis 15. Mai 1881): Die Lösung für die Burg-Direktionskrise von 1870 fand sich vor Ort, nämlich im Wiener Hofoperndirektor Franz von Dingelstedt. Dieser kannte nicht nur die Wiener Szene, sondern hatte zudem früher die Schauspielhäuser in Weimar und München geleitet. Also wurde mit Dekret vom 19. Dezember die Enthebung Wolffs und zugleich die Ernennung Dingelstedts bekanntgegeben. Diese geschah von Anfang an bereits im Hinblick auf ein zu erbauendes neues Haus. Dingelstedt, der von der Hofoperndirektion entbunden wurde, sollte so lange Burg-Chef bleiben, bis das neue Hofschauspielhaus vollendet wäre.
Vom 17. bis zum 23. April 1875 ließ Dingelstedt zum ersten Mal die Königsdramen Shakespeares zyklisch aufführen: König Richard II. (17. April), König Heinrich IV. (I. Teil) (18. April), König Heinrich IV. (II. Teil) (19. April), König Heinrich V. (20. April), König Heinrich V. (21. April), König Heinrich VI. (I. Teil) (21. April), König Heinrich VI. (II. Teil) (22. April), König Richard III. (23. April). Der Königsdramen-Zyklus blieb für einige Jahre eine ständige Einrichtung auf dem Spielplan. Erst unter Dingelstedts Nachfolger Wilbrandt verschwand er.
Seit 1880 war Dingelstedt bettlägerig und leitete die Direktionsgeschäfte von seinem Krankenlager aus. Nach seinem Tod am 15. Mai 1881 übernahmen die Schauspieler Carl La Roche, Ludwig Gabillon, Adolf Sonnenthal, Josef Lewinsky und Ernst Hartmann provisorisch die Direktion.
mini|Adolf von Wilbrandt Adolf von Wilbrandt (30. November 1881 bis 23. Juni 1887): Für die Nachfolge Dingelstedts gab es eine Vielzahl von Bewerbungen, aus denen sich schließlich zwei Personen herauskristallisierten, der Schauspieler August Förster sowie der Dichter Adolf Wilbrandt.