Die Reproduktionsmedizin beschäftigt sich mit der menschlichen Fortpflanzung, den Grundlagen und der Kontrolle der menschlichen Zeugungsfähigkeit und ihren Störungen. Als ein interdisziplinär ausgerichtetes Fachgebiet der Medizin berührt die Reproduktionsmedizin auch die Fachgebiete Andrologie, Urologie, Gynäkologie und Genetik sowie die Disziplinen Rechtsmedizin, Medizinrecht und Bioethik. Im Zentrum der modernen Reproduktionsmedizin steht für Paare mit Kinderwunsch die Hilfe bei ungewollter Kinderlosigkeit.Hans-Rudolf Tinneberg, Hans Wilhelm Michelmann, Olaf G.J. Naether: Lexikon der Reproduktionsmedizin. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2007.Ralf Bröer: Reproduktionsmedizin. 2005, S. 1238.
Geschichte Das Wort Reproduktion ist aus der biologischen Reproduktion übernommen: Es bezeichnet die Erzeugung neuer, identischer oder weitgehend ähnlicher Individuen von Lebewesen. Entstanden ist das Fachgebiet aus den Interessen von Gynäkologen und Andrologen, die sie für die Diagnostik, Therapie und Erforschung des Fortpflanzungsgeschehens von Mann und Frau haben.Hellwig Bernadett: Reproduktionsmedizinische epidemiologische Untersuchungen auf der Basis eines Integrierten Andrologischen Informationsmanagementsystems (IAIMS). Dissertation Universität Gießen 2008, S. 1. Zu den Begründern der Andrologie in Deutschland zählt Carl Schirren. Er richtete 1983 in Hamburg ein erstes Zentrum für Reproduktionsmedizin ein, dessen Direktor er bis zu seiner Emeritierung 1987 war.
In der Humanmedizin gilt die Geburt von Louise Brown im Jahr 1978 als Beginn der modernen Reproduktionsmedizin. Die erstmals angewandte In-vitro-Fertilisation (als Form der assistierten Reproduktion)Ralf Bröer (2005), S. 1238. hatten Robert Edwards und Patrick Steptoe entwickelt. Ein am 16. April 1982 im Universitätsklinikum Erlangen entbundener Junge gilt als erstes so genanntes Retortenbaby Deutschlands.Leben aus dem Reagenzglas – 30 Jahre künstliche Befruchtung. In: Badische Zeitung, 14. April 2012, abgerufen am 3. Juni 2013.
Seitdem sind die theoretischen Erkenntnisse angewachsen sowie die Methoden der Diagnostik und Therapie verfeinert worden. Inzwischen stehen eine Vielzahl von Techniken zur Verfügung. Hieraus haben sich eine Fülle ethischer, juristischer und psychologischer Konsequenzen und Diskussionen ergeben.Hans-Rudolf Tinneberg, Hans Wilhelm Michelmann, Olaf G.J. Naether: Lexikon der Reproduktionsmedizin. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2007, S. V.
In Deutschland sind rechtliche Normen im Embryonenschutzgesetz (ESchG) vom 13. Dezember 1990 geregelt. Ethische Diskussionen werden seit dem 8. Juni 2001 im Deutschen Ethikrat ausgetragen. Diskutiert wird, ob Deutschland etwa nach dem Vorbild der Schweiz ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz benötigt, mit dem das in seinen biomedizinischen wie rechtlichen Grundannahmen nicht mehr als zeitgemäß empfundene ESchG abgelöst werden könnte.Gassner/Kersten/Krüger/Lindner/Rosenau/Schroth, Fortpflanzungsmedizingesetz, Augsburg-Münchner-Entwurf, 2013
Diagnostik Meist ist die Sterilität der Anlass für die Konsultation eines Reproduktionsmediziners. Von einem sterilen Paar wird gesprochen, wenn nach mindestens einem Jahr regelmäßigen Geschlechtsverkehrs ohne Empfängnisverhütung keine Schwangerschaft resultiert.WHO-Definition, https://www.who.int/reproductivehealth/topics/infertility/definitions/en/ Die Ursachen einer fehlenden Fertilität liegen zu 30 % beim Mann, 30 % bei der Frau, 30 % bei beiden Partnern, und zu 10 % handelt es sich um eine Infertilität idiopathischer Natur.Hans-Rudolf Tinneberg, Hans Wilhelm Michelmann, Olaf G.J. Naether: Lexikon der Reproduktionsmedizin. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2007, Lemma Sterilität.
Die Anamnese hat die Aufgabe, die Art der Störung herauszufinden: Beim Mann können es beispielsweise Störungen in der Spermatogenese sein, die über einen Funktionstest des Spermiums ermittelt werden. Insgesamt hat sich für die Diagnose der Störungen der männlichen Fruchtbarkeit die Andrologie entwickelt. Bei der Frau liegen typischerweise eine Störung in der Ovulation, hauptsächlich durch das PMO-Syndrom verursacht,CDC-Webseite, https://www.cdc.gov/reproductivehealth/infertility/ ein Verschluss des Eileiters oder eine Endometriose vor.
Auch psychische Gründe, die den Beginn einer Schwangerschaft behindern, können in der Anamnese gefunden werden: Beim Mann kann beispielsweise eine erektile Dysfunktion vorliegen, bei der Partnerin eine Frigidität.
Techniken Die reproduktionsmedizinischen Verfahren haben zum Ziel, bei einer erfolgreichen Zeugung behilflich zu sein. Hierfür sind in den vergangenen Jahrzehnten unterschiedliche Verfahren einer assistierten Reproduktionstechnik (ART) entwickelt worden:Hellwig Bernadett: Reproduktionsmedizinische epidemiologische Untersuchungen auf der Basis eines Integrierten Andrologischen Informationsmanagementsystems (IAIMS). Dissertation Universität Gießen 2008, S. 12–14. Insemination Dies ist die verhältnismäßig einfache Möglichkeit, bei ausbleibender (natürlicher) Schwangerschaft medizintechnisch nachzuhelfen. Gespendete Spermien werden verschieden tief eingeführt: in die Vagina oder durch den Gebärmutterhals bis in die Gebärmutter (intrauterine Insemination, IUI).Xuan Hang, Q Sun, X Tang, M Li, C Zhou, X Cheng, B Yao, Li Chen: Factors influencing the pregnancy outcome of intrauterine insemination and follow-up treatment. In: J Hum Reprod Sci 16, 2023: 42–49. PDF. Aufwändiger ist die Spermieneinführung in die Eileiter, die intratubuläre Insemination (ITI).
Lazzaro Spallanzani war der Erste, der im 18. Jahrhundert einer Hündin Spermien künstlich einführte – mit gewünschtem Erfolg. Die erste Frau bekam vom Chirurgen John Hunter 1770 eine Insemination.William W Beck Jr: Two hundred years of artificial insemination. In: Fertil Steril 41, 2, 1984: 193–195.
Befruchtung im Glas
Eine Frau mit Kinderwunsch spritzt sich an aufeinanderfolgenden Tagen Follikelstimulierendes Hormon (FSH), damit mehrere Follikel gleichzeitig reifen. Um die Follikelsprünge (Ovulationen) auszulösen, wird das Hormon Choriongonadotropin eingesetzt. Die Eizellen werden in ihrer Follikelflüssigkeit transvaginal aus den einzelnen Follikeln punktiert.
Meist zur selben Zeit werden die Spermien eines Mannes durch Masturbation oder durch einen mikrochirurgischen Eingriff gewonnen. Das aufbereitete Sperma trifft in einem Reagenzglas auf die isolierten Eizellen. So erfolgt bei der In-vitro-Fertilisation (IVF) eine natürliche Selektion der mobilen und schnellen Spermien. Einem von ihnen gelingt die spontane Befruchtung. Ist die Zygote gebildet, folgen die ersten Zellteilungen. Am fünften Tag nach der In-vitro-Fertilisation ist das Stadium der Blastula erreicht, die nun mit großer Vorsicht aus der Laborschale in die Gebärmutter zu übertragen ist. Komplikationen beim Transfer der Blastula mindern die klinische Schwangerschaftsrate.Giulia Galati, M Reschini, L Mensi, C Di Dio, E Somigliana, Ludovico Muzii: The impact of difficult embryo transfer on the success of IVF: A systematic review and meta-analysis. In: Sci Rep 13, 2023: 22188. PDF.
Gameten-Transfer Gamete-Intra-Fallopian-Transfer (GIFT). Im Oberbegriff Gameten sind Eizellen und Spermien zusammengefasst. Sie werden mikrochirurgisch gemeinsam in den Eileiter eingeführt. Der Ausdruck „Zervikal-Intra-Fallopian-Transfer“ (ZIFT) betont lediglich, dass der Eingriff durch den Gebärmutterhals erfolgt.
Injektion eines Spermiums
mini|Spermium-Mikroinjektion: Die Stechkanüle ist in das Zytoplasma der fixierten Eizelle eingedrungen Akronym des Verfahrens: ICSI. Zuerst sind, wie oben dargestellt, Eizellen und Spermien zu gewinnen. Die Injektion eines Spermiums in das Ei-Zytoplasma wird unter dem Lichtmikroskop mit Hilfe eines Mikromanipulators durchgeführt. Die Eizelle fixiert man an einer kapillaren Saugkanüle. Dann wird ein bewegliches Spermium in eine noch dünnere Stechkanüle aufgenommen. Die Stechkanüle wird in die fixierte Eizelle gestochen und das Spermium in deren Zytoplasma hineingedrückt. Die Befruchtung geschieht, wenn Eikern und Spermiumkern zum diploiden Zygotenkern verschmelzen. Einen Arbeitsschritt aufwändiger ist die intrazytoplasmische Injektion morphologisch selektierter Spermien (IMSI).
Ein klinischer Pilotversuch zeigte, dass die intrazytoplasmatische Spermium-Injektion von einem Roboter durchgeführt werden kann.Nuno Costa-Borges, S Munné, E Albó, S Mas, C Castelló, G Giralt, Z Lu, C Chau, M Acacio, E Mestres, Q Matia et al., Gloria Calderón, John Zhang: First babies conceived with automated intracytoplasmic sperm injection. In: Reprod Biomed Online 47, 3, 2023: 103237.
Eizellspende
Mit dem Wort „Spende“ kommt zum Ausdruck, dass gewonnene Eizellen von einer Frau stammen, die damit keine eigene Schwangerschaft beabsichtigt. Ihre gespendeten Eizellen werden im Glas befruchtet (IVF, wie oben). Dafür kommen die Spermien vom Partner jener Frau, welche die befruchteten Eizellen (Zygoten) nach der allogenen Transplantation austragen wird. Die genetische Mutter (von der die Eizellen stammen) und die austragende Frau sind also nicht identisch.
In einer (meist) kommerziellen Variante nehmen die genetischen Eltern (Ei-Spenderin und Sperma-Spender) eine Leihmutter in Vertrag. In dieser wächst nach Transfer der Blastula ein genetisch fremder Embryo. Für diese Art der Schwangerschaft (Xenogravidität) und die Geburt wird die Ersatzmutter in der Regel finanziell entgolten.Pedro Brandão, Nicolás Garrido: Commercial surrogacy: An overview. In: Rev Bras Ginecol Obstet 44, 12, 2022: 1141–1158. PDF.
Eine Studie untersuchte die Qualität des Eltern-Kind-Verhältnisses und des elterlichen Befindens. Sowohl die Eltern, die eine Eizellspende angenommen hatten, als auch deren Kinder (im fünften Lebensjahr) berichteten von höherem familiären Stress. Verglichen wurde mit Kindern, die einem „normalem“ IVF-Verfahren entstammten.Susan Imrie, J Lysons, S Foley, V Jadva, K Shaw, J Grimmel, Susan E Golombok: A longitudinal study of families created using egg donation: Family functioning at age 5. In: J Fam Psychol 37, 8, 2023: 1253–1265. PDF.
Spindel-Transfer Wenn wiederholte In-vitro-Fertilisation (IVF) keinen Erfolg brachte, mag das an mangelhaftem Zytoplasma der Eizellen liegen. Genauer: Die DNA der Mitochondrien (mtDNA) ist schadhaft, wodurch das Wachstum eines Embryos zum Stillstand kommt. In solchen Fällen könnte eine komplexe Technik zur Schwangerschaft verhelfen. Die Stichwörter dafür heißen „Spindel-Transfer“ und „Mitochondrien-Ersatz“ (mitochondrial replacement therapy).Nuno Costa-Borges Nuno, Eros Nikitos, Katharina Späth, I Miguel-Escalada, H Ma, K Rink, C Coudereau et al., Dagan Wells: First pilot study of maternal spindle transfer for the treatment of repeated in vitro fertilization failures in couples with idiopathic infertility. In: Fertil Steril 119, 6, 2023: 964–973. DOI:10.1016/j.fertnstert.2023.02.008.