mini|Titelseite der Erstausgabe Émile oder Über die Erziehung () ist das 1762Doppelausgabe von Nicolas Bonaventure Duchesne und Jean Néaulme in Den Haag/Amsterdam. Für beide Ausgaben und die Nachdrucke wurde als Erscheinungsort Den Haag und als Verleger Néaulme angegeben: Martin Rang: Einleitung zu: Jean-Jacques Rousseau: Emile oder Über die Erziehung. Reclam Stuttgart, S. 97. publizierte reformpädagogische Hauptwerk Jean-Jacques Rousseaus. In einer Mischung aus Abhandlung und exemplarischem Bildungsgang in Romanform beschreibt der Autor Jean-Jacques zur Veranschaulichung seiner Theorie die Erziehung Émiles von seiner Geburt an bis zu seiner Heirat mit Sophie. Die erste deutsche Ausgabe Aemil oder Von der Erziehung erschien in einer anonymen Übersetzung im selben Jahr in Berlin.
Inhalt Motto
Sanabilibus aegrotamus malis; ipsaque nos in rectum genitos natura, si emendari velimus, juvat. (Seneca)
Erster Lebensabschnitt (1. Buch) mini|Illustration aus dem ersten Buch von Charles Eisen Zu Beginn des ersten Buches beschreibt der Autor die Grundsätze seiner Lebensphilosophie und Erziehungsmethode. Um diese dem Leser, den er oft anspricht, an Beispielen der Praxis zu veranschaulichen und für seine Pädagogik zu werben, denkt er sich eine Modellsituation aus, in der ein Erzieher mit dem Namen Jean-Jacques den Jungen Émile bis zu seiner Heirat mit der ihm seelenverwandten Sophie nach seiner Theorie ausbildet.
In den ersten vier Büchern schildert der Erzieher Jean-Jacques seine Pädagogik am Beispiel des aus einer reichen Familie stammenden, durchschnittlich begabten Waisenkindes Émile, das er in einem Land mit gemäßigtem Klima, in dem sich seine Qualitäten am besten entwickeln können, 25 Jahre lang bis zur Selbständigkeit begleitet. Am Ende des 4. Buches beschreibt er, wie er sich, nach Horaz, für Émile das ideale Leben auf einem kleinen Landgut vorstellt: „Dem Mann von Geschmack, dem wirklichen Genießer bedeutet Reichtum nichts – ihm genügt es frei und sein eigener Herr zu sein. Wer gesund und im Besitz des Notwendigsten ist, ist reich genug, wenn er die Vorurteile falscher Meinung aus seinem Herzen bannt.“
Naturkräfte
Da Émile ein gesundes Kind ist, wird seine Erziehung weitgehend den Kräften der Natur überlassen. Wegen der frischen Luft und der dem Menschen schädlichen Enge der Stadt lebt er auf dem Land. Bei kleinen Erkrankungen vertraut Jean-Jacques auf die Abwehrkräfte, verabreicht keine Arznei und ruft nur im Notfall einen Arzt. Émile hat zwei feste Bezugspersonen. Eine Amme ernährt das Kind gesund und ausgewogen, vorwiegend vegetarisch. Sie achtet auf die Hygiene, das regelmäßige Waschen des Kindes mit kaltem Wasser und auf eine nicht den Bewegungsdrang einengende Kleidung. Die beiden Paten orientieren sich an den Bedürfnissen des Kindes. Alles Natürliche ist prinzipiell gut. Die Schreie des Babys sind nicht als Bösartigkeit, sondern als Schwäche zu interpretieren: „Alles Bösartige entspringt der Schwäche. Das Kind ist nur böse, weil es schwach ist. Macht es stark, und es wird gut sein. […] Weit entfernt, überflüssige Kräfte zu haben, haben die Kinder nicht einmal genug, um allen Anforderungen der Natur gewachsen zu sein. Deshalb muss ihnen der freie Gebrauch derer, die sie ihnen gibt und die sie nicht missbrauchen können, überlassen bleiben“ (Erste Maxime, 1. Buch).zitiert, wie auch im Folgenden, nach: Jean-Jacques Rousseau; „Emile oder Über die Erziehung“. Reclam, Stuttgart 1963.
Allerdings werden Forderungen des Kindes nach Zuwendung über seine natürlichen Bedürfnisse hinaus ignoriert, um es an die Notwendigkeit der Natur zu gewöhnen. So hilft der Erzieher nur in Angstsituationen, reagiert aber nicht auf jähzorniges Schreien und bewahrt das Kind auch nicht vor jeder Schmerzerfahrung, z. B. wenn es beim Laufenlernen fällt. Da das Kind in dieser Phase noch keine Erklärungen versteht, nicht über sein Verhalten reflektieren kann und die Umwelt als seinen Besitz auffasst, muss man es seine Grenzen erfahren lassen.
Jean-Jacques vertraut auch beim Sprechenlernen der Natur. Er benutzt nur einfache, dem Kind verständliche Wörter und versucht nicht die Entwicklung durch gezielte Übungen zu beschleunigen, sondern er verzichtet auf Ermahnungen und Verbesserungen, übergeht die Fehler und antwortet einfach in korrekter Formulierung. Das gilt auch für die Artikulation: Durch das Leben in der Natur muss das Kind, um verstanden zu werden, anders als im bürgerlichen Zimmer, sowieso laut und deutlich sprechen, wie es bei den Bauern üblich ist.
Motto: „Vivit, et est vitae nescius ipse suae“
Zweiter Lebensabschnitt (2. Buch)
Selbstbewusstsein
In der zweiten Phase der Entwicklung (ca. 5.–12. Lebensjahr), die bei Jean-Jacques Zögling mit der „Reife der Kindheit“ abschließt, „beginnt die eigentliche individuelle Existenz; jetzt wird der Mensch sich seiner selbst bewusst. […] Darum ist es so wichtig, ihn von jetzt ab als ein geistiges Wesen anzusehen.“ Bei allen Erziehungsmaßnahmen ist es „die vornehmste Aufgabe“, „menschlich“ zu sein: „Seid es jedem Lebensalter gegenüber, allen Ständen. […] Welche Weisheit habt ihr denn noch außer der Menschlichkeit? Liebt die Kindheit, fördert ihre Spiele, ihre Freuden und ihren liebenswerten Instinkt.“ Jean-Jacques kritisiert eine Pädagogik, die im Kind böse Neigungen des Menschen mit harten Strafen bekämpfen will, um es für die Zukunft zu veredeln:
„Wir wissen nicht, was das absolute Glück oder Unglück ist. In diesem Leben ist alles vermengt.“ Die Wünsche des Menschen werden nicht eingeschränkt, sondern mit seinen Fähigkeiten, mit Vermögen und Willen, in ein Gleichgewicht gesetzt, wie dies in seinem ursprünglichen, glücklichen Zustand vollkommen der Fall war. „Der wahrhaft freie Mensch will nur das, was er kann, und tut nur, was ihm passt.“ Am Abstand der Vorstellungen von der realen Welt beginnen die Leiden: „Lebe natürlich, sei geduldig und verjage die Ärzte“, und mit ihnen die täglichen Todesgedanken. Über die Vorsorge für die ungewisse Zukunft, ein imaginäres Glück, vergessen die Menschen die Gegenwart: „Wir existieren nicht mehr da, wo wir sind, sondern nur noch da, wo wir nicht sind“.
Gleichgewicht der Kräfte
Die Erhaltung des Gleichgewichts für die Kinder erfordert es, deren Schwäche der Natur gegenüber durch Zuneigung auszugleichen. Alle vernünftigen Wünsche der Kinder werden, wenn sie ihrem Entwicklungsstand entsprechen, ohne Verhandlungen akzeptiert: Den unvernünftigen, egoistischen Wünschen der Kinder dürfen nur natürliche Widerstände entgegengesetzt werden, z. B., ohne Diskussion, der Hinweis auf die begrenzten Ressourcen („Es ist nichts mehr da“). An die Stelle einer Bestrafung tritt die Erfahrung des Kindes aus seiner falschen Handlung (Selbstbelehrung): Wenn es mutwillig die Fensterscheiben einwirft, werden diese nicht ersetzt und es friert in der Nacht und lernt daraus. „Bewilligt mit Freude und verweigert es nur mit Bedauern, jedoch unwiderruflich.“ So erzieht man das Kind „zur Geduld, zur Ausgeglichenheit, zum friedfertigen Sich-Abfinden, sogar dann, wenn es das Gewünschte nicht erreicht hat.“
Gesellschaftskritik
Viele Eltern suggerieren in das Kind mehr Bedürfnisse oder Kräfte hinein, als es hat. Deshalb ist es wichtig, mit der Liebe, aber auch mit den Ansprüchen Maß zu halten, was jedoch durch gesellschaftliche Prägungen nicht einfach ist. Dieses mit den Widersprüchen im sozialen System zusammenhängende Problem versucht der Autor mit einem Grundgedanken aus seinem Contrat socialText im Internet: http://www.textlog.de/2350.html zu lösen: Die Gesetze der Nationen müssten die unbeugsame Kraft der Natur haben, die jedem menschlichen Einzelwillen überlegen ist, „dann würde die Abhängigkeit von den Menschen wieder zu der von Dingen“. Konkret bedeutet das für das Belohnungs- bzw. Bestrafungssystem, die konventionellen Methoden zu vermeiden, welche die gefährlichen Leidenschaften aktivieren wie „Wetteifer, Eifersucht, Neid, Eitelkeit, Habgier, Feigheit“.
Persönlichkeitsbildung
Die gesellschaftlichen Wertevorstellungen sind nur allmählich veränderbar und die Kinder können nicht in einer abgeschotteten Idylle außerhalb eines gesellschaftlichen Umfeldes aufwachsen. Jean-Jaques hofft auf die Ausstrahlungskraft seiner Zivilisationskritik auf den Leser und eine dadurch ausgelöste das System verändernde Bildungsreform. Seine Kritik entzündet sich am luxuriösen Lebensstil des Adels mit seiner Unverhältnismäßigkeit in allen Dingen: Essen, Kleidung, Wohnung, Unselbständigkeit, Arroganz, Formbewusstsein, Etikette usw. Vorbild ist ein einfacher nachhaltiger Lebensstil mit praktischer Kleidung und derber Nahrung. Das Ideal sind Autarkie und Freiheit. Er kritisiert nicht nur die autoritären Lehrmethoden mit ihren Schemata, dem Auswendiglernen vorgegebenen Bücherwissens und den vielen Vorschriften, sondern auch den traditionellen Bildungskanon (alte Sprachen, Geographie, Geschichte, Literatur usw.), der nicht am Verständnis und an den Bedürfnissen der Kinder orientiert sei, sondern an den Vorstellungen der Lehrer. Die Fabeln von La Fontaine würden ein Weltbild des Betrugs und der Lüge vermitteln und sich über das dumme Opfer lustig machen (Der Fuchs und der Rabe) oder ein Arbeitsethos proklamieren (Die Grille und die Ameise).
Anstelle theoretischer Naturkunde lernen die Kinder die Natur selbst kennen: Gartenbau und gesunde pflanzliche Ernährung bei der Pflege eines Gartens und anstelle Bücher-Geographie die Orientierung in der Umgebung. Bei beiden Aktivitäten kräftigen sich Geist und Körper gegenseitig. Die Motivation zum Lesenlernen kommt, wenn die Kinder Briefe erhalten und den Inhalt erfahren wollen. Ausführlich beschreibt der Autor Spielsituationen zur Schulung der Sinne und der Orientierung, zur Überwindung der Angst und Stärkung der Laufmuskulatur. Hat der ihm anvertraute Schüler sich am Lauftraining anfangs nur wegen eines Kuchens als Belohnung beteiligt, so spielt der Preis schließlich keine Rolle mehr und er verschenkt ihn. Alles, was den Kindern Freude macht, wird für die Pädagogik genutzt: Singen, Malen und sportliche Aktivitäten, auch solche, die bisher den Erwachsenen vorbehalten waren: Bogenschießen, die verschiedenen Ballspiele, Billard usw. Dabei kommt es nicht auf die Qualität an, sondern auf die Schulung der Sinne und Organe sowie den Umgang mit den Materialien. Die ungeschulten Künstler malen direkt in der Natur (Die Natur als Lehrer) und studieren dazu deren Proportionen. Die Beobachtungen können in geometrischen Zeichnungen abstrahiert fortgesetzt werden.
Dritter Lebensabschnitt (3. Buch)
Naturbeobachtungen und -experimente
In der dritten Phase der Kindheit (ca. 12–15 Jahre) hat der naturpädagogisch betreute Jugendliche eine stabile Persönlichkeit mit viel Potential entwickelt, aber seinen begrenzten Wissenshorizont gilt es jetzt mit Anleitungen zu erweitern. Dazu lenkt Jean-Jacques die Aufmerksamkeit auf Naturphänomene und weckt durch Betrachtung des Sternenhimmels die Neugier und natürliche Wissbegierde, die Phänomene zu beobachten und Erklärungen dafür zu finden, z. B. für die Punkte des Sonnenaufgangs bzw. -untergangs und die Sonnenbahn im Jahresverlauf oder die Bewegung der Planeten. Zur Erklärung der Phänomene regt der Erzieher seinen Schüler durch Fragen zum neuen Beobachten und zum selbständigen Denken an: Auch hierbei ersetzt der eigene Kopf die Autoritäten. Der Jugendliche versucht erst, sich selbst zu helfen, bevor er um Hilfe bittet. Um die Naturgesetze kennen zu lernen, schlägt der Autor eine ganze Reihe von Experimenten aus den Gebieten der Physik, Chemie und Geographie vor: Erdanziehung, Magnetismus, Kondensation, chemische Verbindungen, Strahlenbrechung im Wasser usw. Dabei geht es nicht darum, einen Bildungskanon zu entwickeln. Für die Auswahl ist allein entscheidend, dass der Schüler das Gelernte auch begreift und einen Nutzen für sich sieht.
Erfahrungspädagogik