Die Tiefwerder-Wiesen sind ein Rest der ehemaligen Auenlandschaft in der Havel-/Spreetalniederung auf dem Berliner Tiefwerder und im Niederungsbereich der Flusshalbinsel Pichelswerder im Ortsteil Wilhelmstadt des Bezirks Spandau. Die Feuchtwiesen sind von Altarmen der Havel durchzogen und stehen seit 1960 mit einer Fläche von 66,7 ha als Landschaftsschutzgebiet (LSG) unter Schutz. Im LSG liegt der Faule See, der aus einem Havelaltarm hervorgegangen ist.

Das natürliche Überschwemmungsgebiet ist das letzte Berliner Hecht-Laichgebiet. Durch das Absinken des Havelwasserstandes hat sich die Zugänglichkeit der Wiesen für die Hechte seit 1990 bereits dramatisch verschlechtert. Das Verkehrsprojekt Deutsche Einheit 17, dessen Realisierung ein weiteres Absinken des Wasserstandes zur Folge hätte, bedroht das Biotop zusätzlich. Auf den seggengeprägten Feuchtwiesen wachsen in Berlin gefährdete Arten wie die Blasen-Segge. Das LSG ist ein wichtiges innerstädtisches Bindeglied im Biotopverbund Havel. Der Fluss dient beispielsweise als Flugleitbahn für Fledermäuse und als Wanderleitlinie für den in Berlin wieder heimischen Biber. Das Land Berlin prüft seit 2007 die Ausweitung des Schutzstatus zum Naturschutzgebiet.

Gebietsgrenzen Das stark zergliederte Landschaftsschutzgebiet liegt zwischen der Havel, der Havelchaussee und der Heerstraße (Bundesstraßen B 2/B 5).

Es beginnt im Norden mit einer schmalen Spitze östlich der Freiheitswiesen auf dem Tiefwerder. Die westliche Begrenzung des Gebiets verläuft nach Südwesten zwischen einer Kleingarten-/Wochenendsiedlung und einem Wald- und Wiesengebiet, dann weiter entlang des Faulen Sees, an dessen Ende sie den Kleinen Jürgengraben überschreitet. Im Niederungsgebiet südlich des Dorfes Tiefwerder wendet sich die Grenze nach Westen und führt ein Stück am Kleinen Jürgengraben entlang zur Havel. Entlang des Flusses und des Havelseenwegs zieht sich die Westgrenze nach Süden bis fast zur Freybrücke und erreicht auf dem Pichelswerder nach einem kurzen Schlenker die Heerstraße.

mini|hochkant=1.5|Lage des LSG Tiefwerder-Wiesen (Grenzen des LSG grün gestrichelt) in der Spree-Havelniederung

Die Ostgrenze verläuft von der schmalen Nordspitze des Gebiets – unter Aussparung des Wasserwerks Tiefwerder – nach Süden entlang der Havelchaussee beziehungsweise des Havelaltarms Hohler Weg, der in den Stößensee mündet. Sie verläuft hier zudem parallel zur Bezirksgrenze zu Charlottenburg-Wilmersdorf, die an dem S-Bahn-Damm der Spandauer Vorortbahn entlangführt, der sich wiederum wenige Meter neben der Havelchaussee erhebt. Direkt vor dem Stößensee überschreitet die Grenze des LSG den Hohlen Weg nach Westen zum Steffenhorn, verläuft unterhalb des Schulzenwalls und Langen Walls am Hauptgraben zurück nach Norden. Dann umrundet sie am Quergraben zum Toten Mantel die auf einer Anhöhe von Pichelswerder gelegene Wochenendsiedlung, wendet sich unterhalb der Höhe wieder nach Süden und erreicht vorbei am Erdgasspeicher Pichelswerder die Heerstraße. Die südliche Begrenzung verläuft mit rund 300 Metern entlang der Heerstraße. Die größte Längsausdehnung erreicht das Landschaftsschutzgebiet von Nord nach Süd mit rund 1,6 Kilometern, die größte Breite liegt von West nach Ost bei rund 900 Metern.

Während der deutschen Teilung wurde ein kleiner Teil der Tiefwerder Wiesen von der DDR als Exklave der Gemeinde Seeburg beansprucht. Wegen des Widerspruchs der britischen Behörden hatte dieser Anspruch aber keine Konsequenzen.

Geologie, Naturraum und Klima Die Tiefwerder-Wiesen befinden sich im südlichen Mündungsbereich der Spree in die Havel. Die Spreeniederung verläuft im weichselglazialen Berliner Urstromtal, das aus mächtigen Sanden aufgebaut ist, die mehr als 20 Meter Mächtigkeit erreichen können. Die Havel folgt in ihrem Verlauf einer glazialen Rinne und quert das Urstromtal, ohne es über eine längere Strecke zu benutzen.

mini|hochkant=1.2|Tiefwerder auf einer Karte von 1842 (Ausschnitt). Der Elsgraben von der Spree zum Faulen See ist bereits kartografiert.

Getrennt von der Havelchaussee und dem S-Bahn-Damm schließt sich im Osten der Schanzenwald an, der gleichfalls zum Talsandbereich der Spreeniederung gehört. Der Schanzenwald geht in die Murellenberge über und bildet mit ihnen das Naturschutzgebiet Murellenschlucht und Schanzenwald. Das Hügelgebiet aus Stauch- und Endmoränen gehört zur Nordwestkante des Teltowplateaus. Zwar verlaufen die Tiefwerder-Wiesen und der Schanzenwald nur durch wenige Meter getrennt beidseitig der Havelchaussee parallel zueinander, doch ist der ursprünglich verbundene Naturraum durch den S-Bahn-Wall der Spandauer Vorortbahn („Olympiabahn“) heute getrennt. Die Anlage der Bahn erfolgte im Zuge der Vorbereitungen zu den Olympischen Sommerspielen, die bereits für 1916 geplant waren, wegen des Ersten Weltkriegs ausfielen und erst 20 Jahre später in Berlin stattfanden.

Westlich der Havelrinne liegt die ehemalige Niederung Börnicker Lake (auch Birnicker Lake), auf deren sumpfigen Wiesen 1923 der Spandauer Südpark mit dem Südparksee angelegt wurde. Die Rinne läuft zur Scharfen Lanke und zum Grimnitzsee aus, der den Tiefwerder-Wiesen jenseits der Havel gegenüberliegt. Südlich der Heerstraße folgt dem LSG Tiefwerder-Wiesen das Landschaftsschutzgebiet Pichelswerder, nach dem sich die bei Tiefwerder kanalisierte Havel in die südliche Berliner Havelseenkette öffnet. Die Tiefwerder-Wiesen werden in der Naturraumeinheit D 12a (Ostdeutsches Tiefland, Mittelbrandenburgische Platten und Niederungen)Naturräumliche Gliederungsübersicht Deutschlands mit Haupteinheiten (altes und neues System). dem Brandenburg-Potsdamer Havelgebiet (Nr. 812) zugeordnet. (PDF; 110 kB) Redaktion: Ulrike Kielhorn, Manfred Schubert; Herausgeber: Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz e. V., Berlin 2000, S. 28.

Die Tiefwerder-Wiesen liegen in einer gemäßigten Klimazone im Übergangsbereich vom atlantisch geprägten Klima Nord-/Westeuropas zum kontinentalen Klima Osteuropas. Das Klima entspricht dem der Berliner Stadtrandlagen.

→ Abschnitt Klima im Artikel Berlin

Anthropogene Einflüsse auf die Überschwemmungsdynamik mini|Nach starken Regenfällen teilvernässte Wiesen im November 2010

Die Biotop- und Landschaftsfunktion der Tiefwerder-Wiesen (auch als Hechtlaichwiesen bezeichnet) hängt von ihrer Überschwemmungsdynamik ab, die wiederum in hohem Maß dem Wasserstand der Havel und menschlichen Einflüssen unterliegt. Infolge der Speicherwirkung der Havelseen hat der Fluss verhältnismäßig ausgeglichene Wasserstände und durchzieht aufgrund seines geringen Gefälles – im Mittel etwa 0,05 % (das heißt 5 cm pro Kilometer) – das Land in ruhigem Lauf.Winfried Schich: Die Havel als Wasserstraße im Mittelalter: Brücken, Dämme, Mühlen, Flutrinnen. Antrittsvorlesung …, S. 6

Mittelalter Archäologische Funde – Gefäßbruchstücke vom Prager Typus – aus dem sechsten bis achten Jahrhundert belegen, dass am Ostufer des Faulen Sees (bis in das 19. Jahrhundert Wirchen-See) eine frühslawische Siedlung bestand. Die slawische Siedlungsperiode des Mittelalters beeinflusste den Wasserhaushalt des Gebiets nicht. Allerdings gehen auf diese Periode die Namen der meisten Havel-Altwassername und der ehemalige Seename, der sehr wahrscheinlich dem Namen der Siedlung entlehnt ist (Wirchen aus slawisch verch/virch = Höhe, Erhebung – bezogen auf die benachbarten Teltowhänge), zurück.Winfried Schich: Burg, Stadt und Umland im Mittelalter. In: Wolfgang Ribbe (Hrsg.): Slawenburg, Landesfestung, Industriezentrum. …, S. 25, 90

→ Abschnitt Frühslawische Siedlung im Hauptartikel: Tiefwerder

Nach der deutschen Besiedlung stieg um 1180, insbesondere durch den Mühlenstau der Stadt Brandenburg, der Havel-Wasserspiegel per Rückstau in Spandau deutlich an,Winfried Schich: Die Havel als Wasserstraße im Mittelalter: Brücken, Dämme, Mühlen, Flutrinnen. Antrittsvorlesung …, S. 12, 22 was die Überschwemmungsdynamik des Gebietes förderte. Die ersten Wasserregulierungen in der neuzeitlichen vorindustriellen Periode (1500–1750) blieben ohne nennenswerten Einfluss auf den Wasserhaushalt des Gebiets.

Havelregulierungen, Elsgraben mini|Havel, Südhafen Spandau

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts überschwemmte das weitverzweigte Netz aus Mündungsarmen der Spree und zahlreichen Verästelungen der Havel die Niederung zwischen der Spree und Pichelswerder anhaltend. Nachhaltige Auswirkungen auf das Gewässernetz brachten 1880 und 1881 die Kanalisierung der bei Tiefwerder stark mäandrierenden HavelLandschaftsschutzgebiet Tiefwerder Wiesen. In: Senatsverwaltung […] (siehe Literatur). und die Flussregulierungen im Zuge des Ausbaus des Südhafens am Tiefwerder 1908.Wolfgang Ribbe: Spandau im Zeitalter der Industrialisierung. In: Wolfgang Ribbe (Hrsg.): Slawenburg, Landesfestung, Industriezentrum. …, S. 242 Allerdings blieb eine gute Überschwemmungsdynamik unter anderem durch den 1832 angelegten Elsgraben erhalten, der Hochwasser der Spree direkt in die Tiefwerder Wiesen leitete. Der bis 1886 schiffbare und bis etwa 1930 nach und nach zugeschüttete Wassergraben verband die (alte) Spree gegenüber der damaligen Otternbucht (ungefähr in Höhe des heutigen Heizkraftwerks Reuter) mit dem Faulen See. Der Graben sollte Spandau bei Hochwasser schützen, indem er das Wasser bereits vor der Stadt über den Faulen See zur Havel leitete. Der Elsgraben entwässerte zudem das Verlandungsmoor Fließwiese Ruhleben, eine ehemalige Toteisrinne und die nördliche Fortsetzung des Trockentals Murellenschlucht, in die Tiefwerder Wiesen.

Siedlungsbau und Interessenkonflikte Zu Beginn des 20. Jahrhunderts engte der Siedlungsbau das Überschwemmungsgebiet durch Aufschüttungen immer mehr ein. 1816 war auf einer höhergelegenen und überschwemmungsfreien Fläche das Fischerdorf Tiefwerder angelegt worden. Im Nordteil entstanden ab 1910 Industrieanlagen. Zwischen 1910 und 1912 folgte der Bau der Heerstraße, die den Stößensee auf einer Aufschüttung und auch Pichelswerder teilt. Die Trinkwassergewinnung des Wasserwerks Tiefwerder führte ab 1914 zu einer Grundwasserabsenkung, sodass südlich des Dorfes und an einigen Gräben Kleingartenkolonien und Wochenendhäuser errichtet werden konnten. Die nördlich gelegenen Freiheitswiesen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg mit Trümmerschutt aufgeschüttet.

mini|Wochenendsiedlung am Verbindungsgraben Toter Mantel – Hauptgraben mini|Mündung der Spree in die Havel, rechts die Schüttmühle Berlin mini|See am Zusammenfluss von Großem Jürgengraben, Faulem See, Hauptgraben, Kleinem Jürgengraben

Der verbliebene Überschwemmungsbereich im Landschaftsschutzgebiet Tiefwerder-Wiesen besteht heute nur noch aus einem begrenzten Niederungsbereich südlich des Dorfes. In diesem Bereich ließ das Land Berlin in den 1980er Jahren einen Straßendamm und aufgeschüttete Wege beseitigen und ersetzte die Fußwege zur Schonung der Feucht- und Nasswiesen zum Teil durch Stege und Brücken. Zur Renaturierung der Flächen sprach das Naturschutzamt Spandau im Jahr 2005 insgesamt 67 Pächtern, die Kleingartenparzellen auf landeseigenen Flächen des LSG hielten, die Kündigung aus. Zwar sind seither die meisten Parzellen geräumt und deren Lauben rückgebaut, allerdings gab das Kammergericht denjenigen Kleingärtnern, die gegen die Kündigung geklagt hatten, 2008 Recht.Sebastian Eberle: Gericht wirft Naturschutzamt Willkür vor. In: Berliner Morgenpost, 24. Mai 2008 Heute wehren sich einige Anwohner gegen die Elektrozäune, die anlässlich der gewerblichen Haltung von Wasserbüffeln, Ziegen und Schafen errichtet wurden und sämtliche früheren Erholungsflächen umfassen.Interessenverband der Freunde Klein-Venedigs e. V.: Tiefwerder ist in Gefahr, abgerufen am 12. Oktober 2015.

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