mini|Blick von der Arbeiterkolonie auf das Hochofenwerk mini|Direktor Moritz Neumark mini|Blick auf die noch im Ausbau befindliche Arbeiterkolonie mini|Villa von Herrenwyk aus gesehen während des Waldbrandes in der Palinger Heide am 9. Juni 1915.

Die Hochofenwerk Lübeck AG, ab 1954 Metallhüttenwerke Lübeck AG, war ein 1905 nach dem Vorbild der 1895 in StolzenhagenStolzenhagen ist heute ein Stadtteil Stettins.-KratzwiekKratzwiek war eine vor 1908 Stolzenhagen als Stadtteil angegliederte Gemeinde des Landkreises Randow. in Betrieb gesetzten Hütte „Kraft“ bei Stettin gegründetes Hüttenwerk im Ortsteil Herrenwyk des 1913 in die Hansestadt Lübeck (Schleswig-Holstein) eingemeindeten Stadtteils Kücknitz. Der Transportvorteil des Seehafens Lübeck sollte genutzt werden.Wulf Schadendorf (Hrsg.): Leben und Arbeit in Herrenwyk: Geschichte der Hochofenwerk Lübeck AG, der Werkskolonie und ihrer Menschen. Verlag Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-0101-3, S. 3. Die Grundlagen dafür hatte der Bauingenieur Peter Rehder geschaffen.

Nach 1937 gehörte das Unternehmen zum Konzern von Friedrich Flick. Ab 1954 hieß es Metallhüttenwerke Lübeck AG. 1958 wurde es in eine GmbH umgewandelt. 1975 wurde es von der US Steel Corporation gekauft. 1981 ging das Unternehmen in Konkurs. Das Unternehmen mit der einst höchsten Beschäftigtenzahl in Lübeck bestimmte das Leben von Generationen von Menschen der Stadt. Ende der 1950er Jahre hatte das Werk mit knapp 3.000 Beschäftigten seinen Höchststand erreicht.Wulf Schadendorf (Hrsg.): Leben und Arbeit in Herrenwyk: Geschichte der Hochofenwerk Lübeck AG, der Werkskolonie und ihrer Menschen. Verlag Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-0101-3, S. 147.

Geschichte Gründung Auf Veranlassung des Vereinsvorstandes des Industrie-Vereins bildete man eine aus Ewers , Meyer, Herrmann Meyer war Inhaber der Chemischen Fabrik Schlutup. Syndikus Siewert und Heinrich Thiel bestehende Kommission zur „Errichtung einer Hochofenanlage bei Lübeck“. Sie beauftragte Fritz Lürmann (1865–1914), einen Fachmann auf jenem Gebiet, mit der Ausarbeitung eines Gutachtens zur Prüfung des Projektes. Als dieser einen Kostenvoranschlag in Höhe von 4000 Mark stellte, beteiligte sich Emil Possehl an diesen aus eigener Tasche.Bernd Kreutzfeldt: Der Lübecker Industrie-Verein. Eine Selbsthilfeeinrichtung lübeckischer Bürger 1889-1914, Lübeck 1969, S. 138 in Veröffentlichungen zur Geschichte der Hansestadt Lübeck, Bd. 22. sind Dieses kam zu dem Schluss, dass es ein „aussichtsreiches Unternehmen“ sei.

Das Unternehmen wurde auf Betreiben des Lübecker Industrievereins gegründet. Er setzte 1902 eine Kommission ein, die die Rentabilität eines Hüttenwerks in Lübeck untersuchen sollte. Im Auftrag des Industrievereins errechnete Fritz Lürmann, ein Fachmann für Metallhüttenbau, bei Anlagekosten in Höhe von 4,5 Millionen Mark eine Dividende von 8,76 Prozent ohne eigene Koksproduktion und von 13,66 Prozent bei eigener Koksproduktion.

Am 18. Oktober 1905 wurde die Aktiengesellschaft gegründet. Sie hatte ein Grundkapital von vier Millionen Mark, an dem sich die Stadt Lübeck nach einem Senatsbeschluss vom 20. September 1905 mit 1,3 Millionen Mark beteiligte. Die Kaufmannschaft der Stadt übernahm einen Anteil in Höhe von 100.000 Mark. Dem Vorstand gehörten der Kaufmann Carl Schlömer, der 1906 wieder ausschied, und Moritz Neumark an. Neumark war von 1906 bis 1934 alleiniger Vorstand und Generaldirektor. Am 30. Juli 1906 genehmigte die Bürgerschaft den Verkauf der benötigten Flächen in Herrenwyk an die Hochofenwerk Lübeck AG.

Das Werk war zum Zeitpunkt der Gründung das einzige Hochofenwerk nördlich des Kohlereviers nördlichstem Standpunkt in Hörde (heute ein Stadtteil von Dortmund).

1906 bis 1913 mini|Traveseitige Ansicht des Hochofenwerks vor dem Ersten Weltkrieg mini|Hochöfen mit Schrägaufzug mini|Ausstoßen eines Koksofens der Kokerei mini|Erzmassen beim Hochofenwerk mini|Denkmalgeschützte Gichterstraße mini|Berufskleidung für Straßenbahnschaffnerin und Schwerarbeiterin in der Ausstellung von Berufskleidern arbeitender Frauen (1917) mini|Beamtenwohnhaus a. D. mini|Blick zwischen zwei Beamtenwohnhäusern hindurch auf ein Wohnhaus einstiger rangniederer Kollegen. Am 8. Mai 1906 wurde der Grundstein für den ersten Hochofen gelegt. Um Baumaterial in das noch unerschlossene Gelände an der Trave schaffen zu können, ließ der Lübecker Senat einen Bahnanschluss legen. Im August 1907 lief die Produktion mit zwei Hochöfen und zwei Koksofengruppen an. Das Hochofen-Journal verzeichnete als ersten Eintrag „Der Ofen wurde angesteckt am 7. August nachmittags 5.45 von Susi Neumark“, der Tochter Moritz Neumarks.Sebastian Prey: Heute vor 100 Jahren ging Lübecks erster Hochofen in Betrieb. In: Lübecker Nachrichten, Ausgabe vom 7. August 2007, S. 14. Die Exklusivrechte als Schiffsmakler und Befrachter sicherte sich Friedrich Heinrich Bertling. Die 1907 eingerichtete Schiffsmakler-Abteilung mit Klarierungsstellen in Herrenwyk und Travemünde übernahm für das Hochofenwerk bis 1973 Organisation und Abfertigung des gesamten An- und Abtransports auf dem Wasserweg.150 Years of Bertling, S. 39

Das Werk produzierte Roheisen und Koks. Außerdem verwertete es Teer und Ammoniak als Nebenprodukte der Kokerei. Die anfallende Schlacke wurde zu Schlackensteinen, dem so genannten Hüttenstein, sowie zu Eisenportlandzement verarbeitet. Um 1909 wurde der dritte Hochofen in Betrieb genommen. Hergestellt wurden Qualitätseisen und Qualitäts-Stahleisen.

Für die Arbeiter des Hochofenwerks, das gut zehn Kilometer vom Zentrum der Lübecker Altstadtinsel entfernt lag, wurde ab 1906/1907 der erste Abschnitt einer Werkssiedlung in Herrenwyk gebaut. Drei Jahre später begann der Bau der Kolonie Kücknitz. Im Westen die Villa des Generaldirektors, in der Hochofenstraße die „Beamtenwohnhäuser“ (112 m²) für Direktoren und leitende Angestellte, dahinter Meisterhäuser (90 m²) und das Werkkaufhaus (heute Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk). Die Arbeiterkolonie bestand aus einstöckigen Reihenhäusern mit gleichem Grundriss, aufgelockert gestalteten Fassaden und einem Stück Garten. Mit 55 m² waren die Wohnungen für kinderreiche Familien sehr beengt. Sie besaßen keine Sanitären Einrichtungen, ein Schuppen mit Waschküche, Ställen und Plumpsklo im Garten. In den 50er Jahren wurden häufig in Eigenarbeit Toiletten und Duschkabinen eingebaut. Die Gichterstraße steht heute unter Denkmalschutz.Hrsg.: Verein für Lübecker Industrie- und Arbeiterkultur e. V.: Arbeiterkolonie Herrenwyk – einst und jetzt, Stadtteil Lübeck-Kücknitz, Lübeck 2013, S. 4. und 5. Die Werkswohnungen waren, wie in jener Zeit üblich, hierarchisch und somit auch strategisch gegliedert. Im Falle von Unruhen war die Kolonie von den Beamtenhäusern aus überschaubar. Die Wohnungen gehörten 1981 zur Konkursmasse.

Viele Straßennamen haben einen Bezug zum Hochofenwerk (z. B. Eisen-, Schmelzer-, Silber-, Sinter-, Kokerstraße). Ein großer Teil der Hüttenarbeiter war aus Oberschlesien, dem Rheinland, Stettin und Galizien angeworben worden, weil es in Lübeck keine Fachkräfte gab. Der zweite und dritte Bauabschnitt wurde zwischen 1911 und 1920 verwirklicht.

Andere Beschäftigte kamen von der anderen Seite der Trave bis 1977 mit einer Fähre aus Schlutup. Aus Lübeck erreichten Arbeitnehmer das Werk entweder über die erste Herrenbrücke, deren Benutzung auch für Fußgänger bis 1918 fünf Pfennig kostete, oder mit dem Zug bis Waldhusen. Erst ab 1912 fuhr die Straßenbahn bis Kücknitz, ab 1924 bis zum Hochofenwerk.

Versorgt wurden die Beschäftigten über ein Kaufhaus, die Consum-Anstalt. Zum Angebot gehörten Lebensmittel, Haushaltswaren und Textilien. Ein schwarzes Brett am Ausgang informierte die Koloniebewohner über Bekanntmachungen und über Verkaufsangebote und -gesuche der Bewohner. Es gab außerdem eine Schlachterei und eine Bäckerei. Sie gehörte zum Werk; der Bäckermeister musste eine Brotsorte preiswert anbieten.

Am 16. Januar 1912 kaufte das Unternehmen die Eisenhütte Hochdahl. Der Standort in Hochdahl wurde stillgelegt und die Roheisenquote von 3,72 Prozent nach Lübeck übertragen.

1914 bis 1918 Bei Beginn des Ersten Weltkriegs hatte das Hochofenwerk 944 Beschäftigte. Die Zahl nahm während des Krieges ab, stieg aber 1917/18 auf 1439. Während der Kriegsjahre übernahmen Frauen Arbeiten, die bisher von Männern ausgeübt wurden. Eine Frau aus einer Arbeiterfamilie des Jahrgangs 1898 schilderte: „Ich musste auch auf dem Werk arbeiten: Da mussten wir Kokswagen rausschaufeln, dann war ich in der Zementfabrik, dann war ich im Zementsilo, dann war ich im Zementlabor. Überall wurde man hingeschickt und musste arbeiten. Ich war auf dem Werk von 1914 bis Oktober 1918.“Wulf Schadendorf (Hrsg.): Leben und Arbeit in Herrenwyk: Geschichte der Hochofenwerk Lübeck AG, der Werkskolonie und ihrer Menschen. Verlag Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-0101-3, S. 123.

1919 bis 1932 mini|Aktie über 1000 Mark der Hochofenwerk Lübeck AG vom 1. Dezember 1922 In den Nachkriegsjahren wurde das Hochofenwerk zu einem wichtigen Faktor der Streikbewegungen. Die Arbeiter beteiligten sich neben Lohnstreiks im März 1920 am Generalstreik zur Niederschlagung des Kapp-Putsches sowie 1922 am Streik nach der Ermordung des Außenministers Walther Rathenau. Ein Arbeiter, geboren 1902, berichtete: „Wenn gestreikt wurde, dann wurde auf dem ganzen Werk gestreikt, nur die Kokerei streikte nicht mit – die war ausgenommen, wegen der Gaslieferungen und der Schäden, die an den Öfen entstehen, wenn sie kalt geworden sind. Da wurde dann für gewöhnlich eine Bewilligung für den Notdienst gegeben.“Leben und Arbeit in Herrenwyk: Geschichte der Hochofenwerk Lübeck AG, der Werkskolonie und ihrer Menschen, S. 233. Der längste Streik richtete sich gegen die Aufhebung des 1923 durchgesetzten Achtstundentages. Den fünf Wochen dauernden Streik im März und April 1924 bezeichneten die Arbeiter als ihren „großen Streik“. Er scheiterte durch Streikbrecher, die zum Teil per Bahn aus dem Ruhrgebiet ins Werk gebracht wurden.

1927 hatte das Werk eine Gesamtbelegschaft von 1354 Mitarbeitern, darunter waren nur 34 Frauen. Sie stellten zumeist Papiersäcke zur Verpackung des Hochofenzements her. 1930 traf die Weltwirtschaftskrise auch das Werk. Massenentlassungen wurden zum 1. April 1932 ausgesprochen; nur 300 bis 400 Arbeiter blieben.

1933 bis 1945

Als die Lübecker Arbeiterschaft am 3. Februar 1933 mit einem einstündigen Generalstreik gegen die Verhaftung des Reichstagsabgeordneten, Lübecker SPD-Vorsitzenden und Chefredakteurs des Lübecker Volksboten Julius Leber protestierte, beteiligten sich auch die Arbeiter des Hochofenwerks. Im Lübecker Senat forderten die Nationalsozialisten 1933, die Leitung des Werks zu arisieren. Generaldirektor Moritz Neumark, der wegen seiner jüdischen Herkunft ins Visier der Nationalsozialisten geraten war, schied mit Ablauf des Geschäftsjahres 1933/34 aus. Unterdessen besserte sich die wirtschaftliche Lage des Hochofenwerks. Von Januar 1933 bis August 1933 stieg die Zahl der Arbeiter von 636 auf 928. Staatliche Subventionen, mit der die Rüstungsindustrie gefördert wurde, ließen auch das Hochofenwerk prosperieren. Es stellte ab 1936/37 vornehmlich Stahleisen für die Rüstungsindustrie her. 1937 wurde der Großindustrielle Peter Klöckner Aufsichtsratsvorsitzender; die Anteile der jüdischen Gesellschafter gingen nach und nach in den Besitz von Friedrich Flick über. 1934 waren noch etwa 70 % der Aktien im Besitz von jüdischen Banken und Firmen.Wulf Schadendorf (Hrsg.): Leben und Arbeit in Herrenwyk: Geschichte der Hochofenwerk Lübeck AG, der Werkskolonie und ihrer Menschen. Verlag Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-0101-3, S. 142. Die Zahl der Beschäftigten wuchs kontinuierlich von 1252 im Jahr 1934 auf 1835 im Jahr 1938. Zu ihnen gehörten seit Ende 1938 oder Anfang 1939 auch Zwangsarbeiter.