Als Hypnotherapie oder Hypnosepsychotherapie werden heute Therapieformen zusammengefasst, die Trance und Suggestionen psychotherapeutisch, medizinisch und zahnmedizinisch nutzen um Heilungs-, Such- und Lernprozesse zu fördern und Krankheitssymptome zu lindern. Hypnotherapie kann auch zur Selbsthypnose und zum Erlernen von (Tiefen-)Entspannung angewendet werden.
Geschichte Die Geschichte der therapeutischen Anwendung der Hypnose (Hypnotherapie) beginnt mit der therapeutischen Anwendung des sogenannten „animalischen Magnetismus“ durch Franz Anton Mesmer (1734–1815), der die Balance der Körpersäfte wiederherstellen sollte und aus heutiger Sicht auf Tranceinduktion, Erwartungshaltung und Placeboeffekten beruhte, was Mesmer allerdings zu seiner Zeit nicht wusste.
Sigmund Freud wandte die Hypnose in seiner Praxis vor der Entwicklung der Psychoanalyse an, verwarf diese jedoch später mit der Entwicklung der Psychoanalyse. Die deutsch-amerikanische Psychotherapeutin Erika Fromm (1910–2003) entwickelte die Hypnoanalyse, die eine psychoanalytisch fundierte Nutzung von Trance-Zuständen ermöglichte.
Wegweisend für das Konzept der moderne Hypnotherapie war der US-amerikanische Psychiater Milton H. Erickson (1901–1980), der mit der Hypnotherapie neue Therapieformen in die Psychotherapie einführte wie Trance, Utilisation, lösungsorientierte Ansätze, Arbeit mit dem Unbewussten, indirekte Suggestionen, therapeutische Metaphern und Geschichten. Heute ist die Hypnotherapie als Therapieverfahren weltweit anerkannt und wird ergänzend zu Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologie, Systemischer Therapie, Psychoanalyse, aber auch in Humanmedizin und Zahnmedizin und als eigenständiges Verfahren angewendet.
Ablauf und Methoden Der Umfang der Therapie beschränkt sich oft auf wenige Sitzungen. Die Behandlung geschieht auftragsorientiert: Der Therapeut ermittelt mit den Klienten Ziele, die in der weiteren Beratung verfolgt und deren Erreichen am Ende überprüft werden. Voraussetzung für eine gelingende Therapie ist der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung für das Verfolgen der gemeinsam gesetzten Ziele.
In der Regel wird im therapeutischen Kontext zwischen der Hypnose und der eigentlichen therapeutischen Arbeit unterschieden. So kann die Tiefenentspannung und sogenannte hypnotische Trance durch verschiedene Verfahren induziert werden; im therapeutischen Teil kann rein hypnotherapeutisch gearbeitet werden, es können aber auch Elemente aus anderen psychotherapeutischen Verfahren einfließen.
Charakteristisch, aber nicht notwendig ist der Einsatz von Suggestion und die Einleitung und Nutzung eines durch vorherige Tiefenentspannung veränderten Bewusstseinszustandes. Diese Form des Bewusstseinszustands wird hypnotische Trance genannt.
Hypnotherapie nach Erickson Die moderne Hypnotherapie wurde stark durch Milton H. Erickson (1901–1980) geprägt. Bei der Hypnose nach Erickson handelt es sich um eine kommunikative Kooperation von Therapeut und Klient, wobei der Hypnotherapeut dem Klienten helfen soll, in eine hypnotische Trance zu gelangen und diesen Zustand für die Veränderungsarbeit zu nutzen. Im Tiefenentspannungszustand steht die vom Bewusstsein des Klienten ausgeübte Kontrolle mehr im Hintergrund, dadurch sollen sich Zugänge zu unbewussten Prozessen öffnen. Der Hypnotherapeut nutzt unter anderem Metaphern, Sprachbilder, Analogien und Wortspiele, um bei dem Klienten in Trance neue Ideen und Lösungsmöglichkeiten für seine Probleme anzuregen. Die Kontrolle darüber, welche dieser Ideen er annimmt und wie er sie nutzt, bleibe dabei beim Klienten.
Grundlegende Therapieprinzipien der Hypnotherapie nach Erickson sind Utilisation (Symptome, Widerstände und Muster des Patienten werden für Veränderungen genutzt), Destabilisierung (festgefahrene psychologische Muster sollen durch Anwendung von Konfusion gelöst werden), Beiläufigkeit (indirekte Suggestionen um Widerstand zu umgehen), minimale Veränderungen mit Kaskadeneffekt (in einfachen Bereichen werden Veränderungen bewirkt, die sich systemisch gegenseitig verstärken sollen), Schutz des Unbewussten (z. B. durch Suggestion von teilweiser oder vollständiger Amnesie, bis schließlich Veränderungsprozesse auch kognitiv integriert werden können), Nichtwissen und Absichtslosigkeit (der Therapeut geht davon aus, dass der Patient sich in der Trance bewusst oder unbewusst selbst neu organisieren kann).
Erickson hatte dabei ein weiteres Verständnis vom Unbewussten, als es bis dahin mancherorts in der Psychotherapie üblich war. Er glaubte, dass das Unbewusste auch eine Quelle von Ressourcen und Kreativität darstellt, und nicht, wie im engeren Freudschen Sinn, vorwiegend der Sitz des Abgelehnten und Verdrängten sei. Er sah allerdings im Bewusstsein eher einen Störfaktor für Persönlichkeitsveränderungen und versuchte, den analytischen Verstand mit Tranceinduktionen abzulenken, um dem Unbewussten Raum zu geben, für kreative Veränderungen im Klienten.
In seinen späten Lebensjahren hat Erickson immer weniger klassische Tranceinduktionen angewendet. Er nutzte vor allem hypnotische Sprachmuster, durch Geschichten und Metaphern regte er natürliche Trancezustände an und nutzte diese therapeutisch. Ericksons sprachliche Fähigkeiten haben viele seiner Schüler fasziniert. Ernest Rossi sowie Richard Bandler und John Grinder haben versucht, die hypnotischen Sprachmuster in ihren Büchern explizit lernbar zu machen. Die Wirksamkeit der „Erickson’schen Hypnotherapie“ wird seit vielen Jahrzehnten wissenschaftlich untersucht und ist für einige Krankheiten wie z. B. Reizdarmsyndrom oder in der Begleitung von Operationen und Eingriffen erwiesen. Bedeutende amerikanische Vertreter der Erickson’schen Hypnotherapie sind Jeff Zeig, Ernest Rossi, Jay Haley und Stephen Gilligan. In Deutschland sind wichtige Vertreter Dirk Revenstorf, Gunther Schmidt, Burkhard Peter und Helga Hüsken-Janßen.
Indikationen Eine Wirksamkeit von Hypnotherapie wurde in Studien nachgewiesen. Die folgende Tabelle aus dem Jahr 2003 orientiert sich an den im ICD-10 gelisteten Störungen. Bei den in der mittleren Spalte genannten Störungen ist die Anwendung empirisch belegt. In den in der rechten Spalte gelisteten Fällen ist die Anwendung ohne ausreichenden empirischen Beleg.
Kategorien nach ICD-10 Störungsbereiche mit empirisch belegter Wirksamkeit Weitere indizierte StörungsbereicheAffektive Störungen (F3)Depression, HypomanieAngststörungen (F40, 41, 42)PhobienPanikattacken, ZwangBelastungsstörungen (F43)akute Belastung, posttraumatische Belastung, AnpassungsstörungDissoziative, Konversions-, Somatoforme Störungen (F44, 45, 48)somatoforme Schmerzen, Reizdarm, Fibromyalgie u. a.autonome Funktionsstörungen, Konversionen, Hypochondrie, Dissoziative Identitätsstörung, Amnesie, Fugue, StuporEssstörungen (F50)Essattacken, Körperbild bei EssstörungenBulimie, AnorexieAndere Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen (F51, 52, 21)Schlafstörungen, sexuelle StörungenPsychische und soziale Faktoren bei somatischen Krankheiten (F54)Operationsschmerz, Geburtsschmerz, Krebsschmerz, Migräne u. a.TinnitusPersönlichkeitsstörungen (F60) Verhaltensstörungen (F63–69)Abnorme Gewohnheiten, Störung der sexuellen Identität und der sexuellen Präferenz, strukturelle FrühstörungenAbhängigkeit und Substanzmissbrauch (F1, 55)NikotinabhängigkeitAlkoholismus, Missbrauch von psychotropen DrogenSchizophrenie und wahnhafte Störungen (F29)Schizophrenie ohne IntelligenzminderungHirnorganische StörungenLähmung nach Insult, Infarkt, bei MSZusätzlichAdipositasKinder und JugendlicheSchmerzkontrolle, Enuresis, Übelkeit und Erbrechen bei KrebsTics, Aufmerksamkeitsstörungen, Störungen des Sozialverhaltens
Kontraindikationen Absolute Kontraindikation (Gegenanzeige, Gegenindikation) besteht bei einer akuten Psychose, psychotischen Zuständen (Manie, schizophrener Schub) und bei paranoiden Vorstellungen. Da eine grundsätzliche Therapiemotivation notwendig ist, können antisoziale Persönlichkeitsstörungen durch Hypnose kaum beeinflusst werden.
Als wichtigste Kontraindikation wurde auch „das übertriebene Verlangen nach einer Hypnose von Menschen, die über keinen echten Gesundungswillen verfügen oder die Eigenverantwortlichkeit gegenüber ihren Symptomen fliehen“ angesehen.Günter Clauser: Vegetative Störungen und klinische Psychotherapie. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 1218–1297, hier: S. 1289 f. (Die ärztliche Hypnotherapie).
Relative Kontraindikation liegt meist dann vor, wenn Rapportverlust während der Hypnose droht, wie bei schweren Borderline- und narzisstischen Störungen. Ursächlich ist die veränderte Realitätsorientierung in der hypnotischen Trance, die nur dann genutzt werden kann, wenn der Rapport aufrechterhalten bleibt.
Die Anwendung bei histrionischer Persönlichkeitsstörung ist umstritten. Einerseits ist zwar meist eine hohe Suggestibilität bei den Patienten vorhanden, andererseits jedoch wird die Gefahr des „Agierens“ vermutet.
Keine direkte Kontraindikation besteht bei seelisch traumatisierten Personen, jedoch ist in diesen Fällen ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen erforderlich. Insbesondere bei Missbrauchsopfern kann die Situation der Hypnose mit der meist stark asymmetrischen Rollenverteilung das Gefühl der Ohnmacht des Patienten wecken, das gerade therapeutisch bearbeitet wird. Wird vermutet, dass nicht erinnerbare Kindheitstraumata symptomauslösend sind, so ist zu beachten, dass die Gefahr von Fehlerinnerungen und induzierten Verzerrungen besteht.Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung der Hypnotherapie, 27. März 2006
Anerkennung als Psychotherapiemethode In Deutschland wurde vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP) im Jahr 2006 geprüft, ob die Hypnotherapie die Kriterien für eine wissenschaftliche Anerkennung im Sinne des Psychotherapeutengesetzes (§ 11 PsychThG in der alten, bis September 2020 geltenden Fassung) erfüllt und wenn ja, für welche Anwendungsbereiche.Bekanntmachungen der Bundesärztekammer: Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung der Hypnotherapie, In: Deutsches Ärzteblatt 2006, Heft 6, S. 285–287 In seinem Gutachten stellte der WBP fest, dass Hypnotherapie bei Erwachsenen in zwei von zwölf und für Kinder und Jugendliche in keinem von fünf geprüften Anwendungsbereichen als wissenschaftlich anerkannt gelten kann. In Österreich ist Hypnotherapie – unter dem Namen „Hypnosepsychotherapie“ ÖGATAP Österreichische Gesellschaft für angewandte Tiefenpsychologie und allgemeine Psychotherapie, Fachspezifikum Hypnosetherapie – eine gesetzlich anerkannte Psychotherapierichtung auf tiefenpsychologischer Basis.
Die Anwendungsbereiche, in denen der WBP in seinem Gutachten (Stand 2006) die Wirksamkeit der Hypnotherapie als wissenschaftlich anerkannt bewertete, sind:
Bei Erwachsenen: (1) Psychische und soziale Faktoren bei somatischen Krankheiten sowie (2) Abhängigkeit und Missbrauch (Raucherentwöhnung und Methadonentzug). Bei Kindern und Jugendlichen: Hier wurde in keinem der fünf geprüften Anwendungsbereiche die wissenschaftliche Anerkennung für den gesamten Anwendungsbereich festgestellt. Allerdings bewertete der WBP die (zumindest kurzfristige) Wirksamkeit der Hypnotherapie bei Kindern und Jugendlichen zur besseren Bewältigung von Chemotherapien bei Krebserkrankungen und weiteren belastenden medizinischen Interventionen als gut belegt.
Die Hypnotherapie wurde im Gutachten des WBP nicht als Verfahren für die vertiefte Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten oder zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten gemäß § 1 Abs. 1 der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für psychologische Psychotherapeuten (Stand 2006) empfohlen. Die Hypnotherapie gehört gegenwärtig (Stand 5/2026) auch nicht zu den anerkannten Psychotherapieverfahren im Sinne der Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses über die Durchführung der Psychotherapie (Psychotherapie-Richtlinie).