mini|Schematischer Plan der Stadt Calleva Atrebatum war eine römische Stadt in der Provinz Britannien im heutigen England. Calleva Atrebatum ist archäologisch von besonderer Bedeutung, da es seit der Antike nie wieder besiedelt wurde. Der nächstgelegene Ort ist heute das Dorf Silchester. In den Jahren von 1890 bis 1909 wurden große Teile der antiken Stadt ausgegraben. Bis heute gibt es zahlreiche Nachgrabungen. Es handelt sich um die am besten ergrabene und daher am besten bekannte römische Stadt Englands und eine der am vollständigsten ausgegrabenen römischen Städte überhaupt.
Geografie Die Reste der Stadt liegen in der nördlichen Hampshire, auf halbem Weg zwischen den modernen Städten Reading und Basingstoke. In der Antike kreuzten sich hier Handelswege, die vom Norden kamen und an die Südküste Englands führten. In der Umgebung der Stadt gab es keine bedeutende Flüsse, doch hatte ein Bach seine Quelle innerhalb des Stadtgebietes. Pollenanalysen haben gezeigt, dass die Landschaft in römischer Zeit von Heide, Ackerland, sowie Feuchtgebieten und Marschen im Südosten geprägt wurde. Hier standen auch einige Bäume, wie Eichen und Birken. Calleva Atrebatum steht auf einer kleinen Landzunge, vor allem im Norden, Osten und Süden fällt das Land außerhalb der Stadtmauern ab.
Forschungsgeschichte mini|Grabungsfeld Die Ruinen der Stadt waren nie überbaut und vor allem die Stadtmauer steht noch heute stellenweise einige Meter hoch an und war immer sichtbar. Es gab schon früh Legenden, die sich um die Ruinen rankten. In dem posthum veröffentlichten Werk Britannia Romana von Horsley wurde 1732 zum ersten Mal die Identifizierung dieser Ruinen mit Calleva Atrebatum vorgeschlagen. Diese Gleichsetzung setzte sich in den folgenden Jahren langsam durch, auch wenn andere Orte immer wieder als das antike Calleva Atrebatum in Betracht gezogen wurden. Erst 1907 fand man in der Stadt eine Inschrift, die Calleva nennt und diese Identifizierung sicherte.
Erste Grabungen fanden seit 1833 statt. Seit 1890 gab es systematische Ausgrabungen, die das Ziel hatten, die ganze Stadt freizulegen. Bis 1907 war das Stadtgebiet innerhalb der Mauern untersucht. Finanziert wurden die Grabungen durch Spendengelder und durch die Society of Antiquaries. Die Grabungen konzentrierten sich vor allem auf die Steingebäude. Metallfunde und pflanzliche Reste wurden zum ersten Mal in England genauer beobachtet und gesammelt. Aus heutiger Sicht sind diese Grabungen jedoch eher mangelhaft. Reste von Holzbauten wurden übersehen und es wurden keine stratigrafischen Aufzeichnungen gemacht. Der Fundort vieler Kleinfunde wurde nicht vermerkt. Der Keramik wurde nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Weitere Grabungen gab es auch in der Folgezeit und laufen bis heute an. Sie versuchen vor allem die vorrömerzeitliche Besiedlung und Einzelfragen zu klären.
Die Insulae wurden von den Ausgräbern durchnummeriert, wobei sich die niedrigsten Nummern im Stadtzentrum, die höheren eher am Stadtrand befinden.
Keltische Stadt Einige wenige Funde deuten an, dass an der Stelle der späteren Stadt schon seit der Jungsteinzeit und in der Bronzezeit Menschen lebten. Seit dem vierten vorchristlichen Jahrhundert ist mit einer Dauersiedlung zu rechnen. Calleva Atrebatum wurde in der Folgezeit Hauptort des keltischen Stammes der Atrebaten und war vielleicht eine der größten keltischen Siedlungen Britanniens. Aus dieser Zeit sind vor allem Verteidigungswälle erhalten. Reste von Wohnbauten und Kleinfunde zeigen, dass das Stadtgebiet schon damals dicht besiedelt war. Ein keltischer König mit dem Namen Eppillus prägte Münzen in der Stadt, jedenfalls tragen diese die Aufschrift CALLE oder CALLEV. Tonmodeln für diese Münzen fanden sich in und in der Umgebung der Stadt.Wacher: The Towns of Roman Britain, S. 272
Die römerzeitliche Stadt mini|Überreste des Südtores mini|Reste der alten Stadtmauer Im Jahr 43 n. Chr. wurden große Teile Englands von den Römern unterworfen. Die keltische Stadt florierte weiter, wurde aber wahrscheinlich beim Boudicca-Aufstand zerstört. In den folgenden Jahren wurden Teile der neuen Provinz unter die Herrschaft von Vasallenkönigen gestellt. Einer von ihnen war Tiberius Claudius Cogidubnus, der König der Atrebaten war. Er hatte seine Hauptstadt wahrscheinlich in Noviomagus Regnorum, doch scheint es wahrscheinlich, dass auch Calleva Atrebatum eine besondere Rolle unter diesem Herrscher spielte, da es doch später der Hauptort der Atrebaten werden sollte. Wahrscheinlich waren in dieser Zeit auch für kurze Zeit römische Soldaten in der Stadt stationiert.
Der genaue Ablauf der Umwandlung von einer keltischen zu einer römischen Stadt ist noch unklar, mag aber in den Jahren des Aufbaues nach dem Boudicca-Aufstand stattgefunden haben. An dem Ort des späteren Forums fanden sich Reste eines Vorgängerbaues aus Holz. Ziegel, die mit dem Namen des Kaisers Nero versehen waren, deuten auf ein größeres, wohl öffentliches Gebäude aus dieser Zeit. Daneben zeigen zahlreiche Gebäude eine andere Orientierung als die späteren Bauten, die sich dem römischen Stadtplan anpassen. Dies deutet auf einen anderen Stadtplan und Straßenorientierung in dieser Phase.
An einem bestimmten Zeitpunkt erhielt die Stadt ein vollkommen neues Straßennetz. Es ist noch umstritten, wann sie diesen Plan mit sich rechtwinklig kreuzenden Straßen erhielt. Die Zeit um 100 n. Chr. scheint am wahrscheinlichsten. Die nun eingerichteten Insulae waren 400 zu 400 oder 275 zu 400 römische Fuß groß.
Der Ort wird nur in zwei antiken Werken genannt. Claudius Ptolemäus in seinem Geographike Hyphegesis bezeichnet den Ort als Hauptstadt der Atrebaten und liefert die Koordinaten 19*00 54°15. In der Itinerarium Antonini wird der Ort gleich viermal genannt. Demnach lag die Stadt auf dem Weg von Noviomagus Regnorum (Chichester) nach Londinium, auf dem Weg von Venta Belgarum (Winchester) nach Ad Pontes (Staines-upon-Thames, Surrey), was wiederum auf dem Weg nach Londinium lag. Ein letzter Weg führte von Isca Dumnoniorum (Exeter) nach Calleva und endete hier.
Öffentliche Bauten Forum mini|Bronzeadler aus dem Forum mini|Grundriss der Basilika Im Zentrum befand sich ein Forum mit einer Basilika. Es konnten mehrere Bauetappen unterschieden werden. Der erste Bau wurde um 85 n. Chr. errichtet und bestand aus Holz, der zweite Bau stammt aus der Zeit um 150 n. Chr. Es scheint jedoch sicher, dass das erste Forum errichtet wurde, bevor das rechtwinklige Straßennetz ausgelegt wurde.Boon: Silchester, S. 108 Das Aussehen und die Ausmaße des ersten Forums sind bis heute noch nicht ganz geklärt, jedoch gab es zwei Bauphasen. Vor allem erhielt das Forum in der zweiten Bauphase, die um 85 n. Chr. datiert wird eine Basilika. Das Forum und die Basilika des zweiten Jahrhunderts nahmen zusammen ca. 0,8 Hektar ein. Das Forum hatte einen großen Hof (etwa 43 × 40 m), der an allen Seiten von Portiken gerahmt war. Dahinter befanden sich Läden und Büros. Vor allem im Süden gab es zwei Räume mit Apsiden, bei denen es sich sicherlich um Büros handelte. Auch an der Außenseite des Gebäudes gab es an allen Seiten Portiken. Der Haupteingang lag im Westen und trug eine große Weihinschrift. Gegenüber, im Westen stand die Basilika, die 82 m lang und 17,5 m breit war. In ihre befand sich eine Reihe von korinthischen Säulen, die einst ca. 8,6 m hoch waren. An den Kurzseiten befanden sich jeweils Apsiden. Im Westen befanden sich weitere Büros, in deren Mitte sich eine dritte Apsis befand. Ab der Mitte des dritten Jahrhunderts befanden sich Schmieden in der Basilika, was andeutet, dass das Gebäude ab dieser Zeit nicht mehr als öffentlicher Bau diente.
Es sind einige Teile der Forumsausstattung gefunden worden. Teile der Basilikawände waren mit lokalem Kalkstein und Marmor dekoriert. Es fanden sich Reste von Wandmalereien. Es fanden sich Reste zweier steinerner Tische, einer davon aus Marmor. Es gibt Fragmente von einem Dutzend Inschriften, die aber meist so klein sind, dass man kaum Aussagen zu ihrem Inhalt machen kann. Es gibt Fragmente von vier Statuen, die in der Basilika standen. Eine Figur der Tutela, einer gallischen Göttin, war aus Stein und datiert an das Ende des zweiten oder an den Beginn des dritten Jahrhunderts. Es fand sich vor allem ein zwei große Fragmente des Kopfes und Fragmente des Gewandes. Die Figur war überlebensgroß. Von einer überlebensgroßen Statue, vielleicht von einer kaiserlichen Figur, fand sich nur noch ein Fuß mit Sandale. Fragmente einer überlebensgroßen Bronzestatue gehören vielleicht auch zu der Figur eines Kaisers. Die am besten erhaltene Plastik stellt jedoch einen Adler in Bronze dar und ist fast vollkommen erhalten. Der Adler war wahrscheinlich Teil einer Statue.Boon: Silchester, S. 119–120
Gasthaus Im Süden der Stadt stand ein großes Gasthaus (Mansio). Es handelt sich nach dem Forum um das größte Gebäude der Stadt, das wahrscheinlich zur selben Zeit, wie das Straßennetz errichtet wurde. Der Komplex nimmt Teile von zwei Insulae ein. Der Haupteingang lag im Norden, wobei genau einer der nordsüdlichen Straßen der Stadt auf den Eingang trifft. Die Anlage bestand aus drei Flügeln, die sich um einen großen Hof (45 × 35 m) gruppierten. In diesen Flügeln befanden sich jeweils diverse Räume, wobei sich beheizbare Zimmer nur im Westflügel fanden. Der Bau ist mehrmals umgestaltet worden. Im Südosten befanden sich ein weiterer großer Hof und ein Badehaus. Hier standen auch Latrinen, die jedoch anscheinend erst später erbaut worden sind. Die Funktion des Baues als Mansio ist nicht gesichert, doch spricht die Größe des Gebäudes dafür.Wacher: The Towns of Roman Britain, S. 277–278
Thermen Im Südosten der Stadt befanden sich die Thermen. Sie gehören zu den frühsten Steinbauten der Stadt, die vielleicht schon um 50 n. Chr. errichtet wurden. Der Bau ist nicht nach dem späteren Stadtplan ausgerichtet und der Eingangsbereich wurde zu einem bestimmten Zeitpunkt umgebaut um in das neue Straßennetz zu passen.Wacher: The Towns of Roman Britain, S. 274 Es konnten mehrere Bauphasen unterschieden werden. Zunächst bestanden sie aus einer Portikus, einer Palästra und den dahinter liegenden Baderäumen. Die Portikus wurde später entfernt und die Baderäume in zwei Hälften unterteilt, sicherlich damit Männer und Frauen getrennt baden konnten.
Tempel mini|Mosaik aus dem als Kirche interpretierten Bau Südöstlich des Forums stand ein kleiner Bau, der etwa 13 × 9 m groß war. Er wurde 1892 und dann nochmals 1961 ausgegraben.Fulford: A Guide to Silchester, S. 20–21 Das Innere hatte eine Halle mit einer Apsis und zwei Schiffe und ist ost-westlich orientiert. Es konnten nur noch die Grundmauern freigelegt werden, vielleicht hatte das Innere zwei Reihen von Säulen. In der Apsis fand sich ein geometrisches Mosaik, das von einem einfacheren Boden aus kleinen roten Steinen umgeben war. Das Innere war ausgemalt und zeigte Marmorimitierung. Im Grundriss ähnelt der Bau einer christlichen Kirche, doch ist diese Zuweisung nicht gesichert.A.C.King: The Roman church at Silchester reconsidered. In: Oxford Journal of Archaeology 2 (1983), S. 225–237 Es fanden sich keine eindeutigen Hinweise auf das Christentum in diesem Bau. Die Keramik, die sich unter dem Bau fand, zeigt, dass er nicht vor 200 n. Chr. erbaut worden sein kann. In der Stadt fanden sich nur wenige Hinweise auf Christen. Ein Ring zeigt das grobe Bild einer Venus; später wurde eine Inschrift hinzugefügt: SENICAE VIVAS IIN DE(O) – Mögest du in Gott leben, Senicicanus.Boon: Silchester, S. 133, 183 Es gibt verschiedene kleine Objekte, die ein Chi-Rho-Zeichen tragen, doch ist eine christliche Interpretation nicht zwingend, auch mögen diese Objekte ursprünglich aus anderen Orten stammen und sagen nichts über den Glauben in der Stadt aus.Boon: Silchester, S. 183
Daneben konnten ein Tempelbezirk und mehrere weitere Tempel in der Stadt ausgegraben werden. Keiner der Tempel entsprach dem klassischen antiken Typ; vielmehr handelte sich um gallo-römische Umgangstempel.