mini|Bob Dylan (links) und Allen Ginsberg im Backstage-Bereich während der Tour (1975)
Die Rolling Thunder Revue war die Nordamerika-Tournee einer von Bob Dylan zusammengestellten und angeführten Musiker-Gruppe in den Jahren 1975/76. Zu den bekanntesten Teilnehmern gehörten u. a. Joan Baez, Roger McGuinn und Ramblin’ Jack Elliott sowie der Beat-Poet Allen Ginsberg. Die Konzerttournee umfasste insgesamt 57 Auftritte und war an zirkusartige Varieté-Shows angelehnt. Dylan befand sich auf einem künstlerischen Höhepunkt seiner Karriere und veröffentlichte in der Winterpause sein zuvor produziertes Studioalbum Desire.Anthony Scaduto: Bob Dylan - Eine indiskrete Biografie. 2. Auflage, Obertshausen, S. 219 Dokumentaraufnahmen aus dem Umfeld der Tournee bildeten die Grundlage für Dylans Filmprojekt Renaldo & Clara.
Der Name „Rolling Thunder“ (Rollender Donner) leitete sich vom gleichnamigen indigenen Medizinmann ab und bedeutet für Amerikas Ureinwohner „die Wahrheit sagen“.The Bob Dylan Who’s WhoOlaf Benzinger: Bob Dylan. Seine Musik und sein Leben. dtv Premium, München 2006, S. 149
Vorbereitungen Nach Beendigung der Aufnahmen zu seinem Studioalbum Desire, entwickelte der Singer-Songwriter Bob Dylan im Sommer 1975 den Plan einer Tournee durch den Nordosten der Vereinigten Staaten. Um mehr Nähe zum Publikum herzustellen, wollte er, im Gegensatz zu seiner bombastischen Comeback-Tour aus dem Vorjahr, lediglich in kleinen Konzerthallen auftreten.Robert Shelton: Bob Dylan - No Direction Home: Sein Leben, seine Musik 1941–1978. Edel Books, 2011, S. 400 Dabei schwebte Dylan das Konzept einer bunten Show mit unterschiedlichen Künstlern nach dem Vorbild einer Commedia dell’arte oder einer fahrenden Rock-Revue vor. Unter größter Geheimhaltung und ohne die Unterstützung seines Musiklabels Columbia begann er in Manhattan mit den Proben.Larry "Ratso" Sloman: On the Road with Bob Dylan. Helter Skelter Publishing, 2005, S. 102. Neben den Studiomusikern mit denen er bereits für Desire zusammengearbeitet hatte – Rob Stoner (E-Bass), Howard Wyeth (Schlagzeug) und Scarlet Rivera (E-Violine) – lud er auch die musikalisch vielseitigen Gitarristen T-Bone Burnett, David Mansfield und Steven Soles zu den Sessions ein, die schließlich den Kern der Begleitband für die bevorstehende Tournee bildeten. Daneben tingelte Dylan durch die Künstlerlokale von Greenwich Village und ließ spontan alte Freundschaften wiederaufleben. Kontinuierlich erweiterte er die Gruppe nach seinen Vorstellungen und holte mit Ramblin’ Jack Elliott, Roger McGuinn, Bob Neuwirth, David Blue, Mick Ronson, Ronee Blakley und Emmylou Harris weitere Musiker verschiedener Stilrichtungen dazu. Nach zehnjähriger Unterbrechung erneuerte Dylan auch die Zusammenarbeit mit der Friedensaktivistin und Folksängerin Joan Baez, die sich der heterogenen Formation ebenfalls anschloss. Auch der Beat-Poet Allen Ginsberg, ein langjähriger Vertrauter Dylans, stieß dazu.
Während der Vorbereitungen zur Tour kehrte Dylan am 24. Oktober kurzerhand mit seiner sich noch zusammenfindenden Band ins Tonstudio zurück. Er wollte den Song Hurricane, der auf dem kommenden Album Desire erscheinen sollte, noch einmal entscheidend überarbeiten. Die Endfassung des über acht Minuten langen Songs ist deutlich schneller als die vorherige Aufnahme und besticht sowohl durch Riveras Violinenspiel als auch Blakleys Begleitgesang.Olaf Benzinger: Bob Dylan. Seine Musik und sein Leben. dtv Premium, München 2006, S. 152 Mit dem Protestlied prangerte Dylan einen rassistisch motivierten Justizskandal an und positionierte sich als prominenter Stimmungsmacher. Damit sollte öffentlicher Druck erzeugt werden, um dem acht Jahre zuvor unter skandalösen Umständen wegen Mordes verurteilten afroamerikanischen Boxer Rubin „Hurricane“ Carter einen zweiten, dieses Mal fairen, Gerichtsprozess zu ermöglichen.Robert Shelton: Bob Dylan - No Direction Home: Sein Leben, seine Musik 1941–1978. Edel Books, 2011, S. 386 Hurricane wurde im November 1975 als Single vorab veröffentlicht und sollte fester Bestandteil der Setlist während der Rolling Thunder Revue werden.
Herbst 1975 miniatur|Dylans markanter Hut aus der Rolling Thunder Revue
Das Eröffnungskonzert der Rolling Thunder Revue fand am 30. Oktober 1975 vor 1.800 Zuschauern im War Memorial Auditorium in Plymouth (Massachusetts) statt. Von Anfang an erhob die Revue den Anspruch eines Gesamtkunstwerks und das Konzept zeichnete sich durch Improvisation, inklusive spontaner Änderungen der Route, aus.Larry "Ratso" Sloman: On the Road with Bob Dylan. Helter Skelter Publishing, 2005, S. 466. Obwohl die Auftritte nur per Mundpropaganda oder durch kurzfristig informierte Radiomoderatoren beworben wurden, entwickelte sich die Revue zu einem musikalischen Triumphzug durch Neuengland und Kanada.Robert Shelton: Bob Dylan - No Direction Home: Sein Leben, seine Musik 1941–1978. Edel Books, 2011, S. 407 Die bunte Musikergruppe absolvierte bis zum 8. Dezember insgesamt 30 ausverkaufte Shows, entgegen aller profitorientierter Vernunft, in zumeist kleinen Konzerthallen oder Sportstätten. Die Tournee war ein Glaubensbekenntnis zur Alternativkultur und machte Halt an vielen symbolisch aufgeladenen Orten, wie etwa am Grab von Jack Kerouac in Lowell, einem Tuscarora-Reservat nördlich von Buffalo oder bei Poetry-Lesungen im New Yorker Folk-Kaffeehaus The Other End.Robert Shelton: Bob Dylan - No Direction Home: Sein Leben, seine Musik 1941–1978. Edel Books, 2011, S. 400 Fast permanent begleiteten Familienmitglieder der Musiker, darunter auch Dylans Ehefrau Sara, den Tross, der zeitweise auf 100 Personen anwuchs und den Charakter eines Wanderzirkus verstärkte. Immer wieder wurden auch lokale Künstler verschiedener Bereiche in das Bühnenprogramm integriert und improvisierte Gastauftritte bekannter Musiker (Joni Mitchell, Arlo Guthrie, Robbie Robertson) erweiterten das Spektrum der ohnehin abwechslungsreichen Konzerte, deren Gestaltung dem Varieté oder der Schaustellerkunst entlehnt war.Olaf Benzinger: Bob Dylan - Seine Musik und sein Leben. dtv Premium, München 2006. S. 168.
Unbestrittener Mittelpunkt der zwischen drei und vier Stunden dauernden Shows war Bob Dylan. In Anlehnung an den Pantomimen Jean-Louis Barrault aus Marcel Carnés Film Kinder des Olymp trat er mit weiß geschminktem Gesicht und bunten Blumen am breitkrempigen Hut auf.Robert Shelton: Bob Dylan - No Direction Home: Sein Leben, seine Musik 1941–1978. Edel Books, 2011, S. 400 Dylan konnte auf eine große Anzahl ausgezeichneter Musiker zurückgreifen und die Konzerte der Rolling Thunder Revue zählen bis heute zu seinen intensivsten Auftritten. Nie zuvor oder danach hat er sich derart in die Begleitung einer Band fallen lassen und somit eine überwältigende Wall of Sound kreiert.Anthony Scaduto: Bob Dylan - Eine indiskrete Biografie. 2. Auflage, Obertshausen, S. 294 Während sein bellender, zuweilen ausgelassener Gesang ihm eine ungewöhnliche Präsenz verlieh, bewahrten seine akustischen Solonummern das von ihm beabsichtigte hohe Maß an Intimität.Robert Shelton: Bob Dylan: No Direction Home. Sein Leben, seine Musik 1941-1978. Edel Books, 2011. S. 201 Dabei hatte Dylan seine altbewährten Hits und selbst die gerade erst aufgenommenen Songs für Desire radikal umgearbeitet. Bei den Arrangements mischte er Folk mit Blues, Rock und Gospel oder ergänzte sie durch neue Instrumente. Zum festen Repertoire gehörten Mr. Tambourine Man, Just Like a Woman, Simple Twist of Fate, Knockin’ on Heaven’s Door, It Ain't Me Babe und When I Paint my Masterpiece.Robert Shelton: Bob Dylan: No Direction Home. Sein Leben, seine Musik 1941-1978. Edel Books, 2011. S. 202 Flankiert von der Violinistin Scarlet Rivera öffnete er seinen Sound sogar für orientalische (One More Cup of Coffee) und Tex-Mex-Einflüsse (Romance in Durango). Permanent änderte er Texte, Auftrittsweisen und Erscheinungsbild, als er beispielsweise mit einer Maske auf der Bühne erschien.Olaf Benzinger: Bob Dylan. Seine Musik und sein Leben. dtv Premium, München 2006, S. 172 Trotz aller Improvisation folgte die Revue einem straffen dramaturgischen Konzept. Als Leadsänger hatten Joan Baez, Roger McGuinn, Ramblin’ Jack Elliott und Joni Mitchell, die sich der reisenden Gruppe im November spontan angeschlossen hatte und bis zum Ende bleiben sollte, ihre eigenen Zeitfenster innerhalb der Shows. Ein Höhepunkt war Blowin’ in the Wind, das Dylan im Duett mit Baez sang, die sich für ihre Verhältnisse ungewohnt gelöst und unbeschwert zeigte. Auch Dylan, der keine Interviews gab, wirkte kaum je so umgänglich wie während des Herbst-Abschnitts der Tournee. Allen Ginsberg verfasste jeden Tag ein neues Gedicht, das er als Show-Element neben der Musik Abend für Abend vortrug. Dabei propagierte er, das durch den Vietnamkrieg und die Watergate-Affäre zerrissene Amerika, solle durch ihre Darbietungen zu einer „Nation der Poesie“ zusammenwachsen.Robert Shelton: Bob Dylan - No Direction Home: Sein Leben, seine Musik 1941–1978. Edel Books, 2011, S. 401 Zum Abschluss der Shows erschienen nochmal alle Künstler auf der Bühne und sangen gemeinsam den Woody-Guthrie-Evergreen This Land Is Your Land.Robert Shelton: Bob Dylan: No Direction Home. Sein Leben, seine Musik 1941-1978. Edel Books, 2011. S. 199
Für Dylan stand die Revue unter dem Motto der Rehabilitierung Rubin Carters, den er am 5. Dezember im Staatsgefängnis Trenton besucht hatte. Den ersten Tour-Abschnitt beendete er mit der fulminanten Night of the Hurricane im ausverkauften Madison Square Garden. Aus dem Erlös des Benefiz-Konzerts, sollten u. a. dessen Anwälte bezahlt werden, um den Fall neu aufzurollen. Neben Muhammad Ali waren auch Roberta Flack und Coretta Scott King anwesend. In der Pause der vierstündigen Veranstaltung wurde dem Publikum der Mordprozess vorgestellt und Ali und Dylan telefonierten auf der Bühne mit dem inhaftierten Carter. Ein illegaler Mitschnitt des Auftritts kursierte schon bald als Bootleg-Doppel-LP unter dem Namen The Hurricane Carter Benefit.Anthony Scaduto: Bob Dylan - Eine indiskrete Biografie. 2. Auflage, Obertshausen, S. 289
Am 25. Januar 1976 wurde ein weiteres Benefiz-Konzert (Night of the Hurricane II) zugunsten Rubin Carters in Houston, Texas veranstaltet. Dylan konnte mit Stevie Wonder, Carlos Santana, Stephen Stills und Ringo Starr zwar bedeutende Musiker für den Abend gewinnen, doch wegen Unregelmäßigkeiten im Promotionbereich geriet das Konzert zu einem finanziellen Fiasko, da mit 30.000 Zuschauern nur halb so viele wie erwartet in den Astrodome strömten.
Frühjahr 1976