mini|Orientierungsskizze des Großen Parterres von Schloss Schönbrunn Das Gros der Figuren im Schlosspark Schönbrunn und in seiner unmittelbaren Nähe befindet sich am Rand des Großen Parterres und wurde in der Zeit von 1773 bis 1780 unter der Leitung von Johann Christian Wilhelm Beyer großteils in seinem Atelier geschaffen. Nahezu ebenso viele Figuren, oft von denselben Künstlern geschaffen, sind über den restlichen Park verteilt.
Mythologie zu den Steinfiguren Wilhelm Beyer schrieb 1784 in seinem Aufsatz „Die neue Muse oder der Nationalgarten“:Johannes Wilhelm Beyer: Die neue Muse, oder der Nationalgarten, den akademischen Gesellschaften vorgelegt 1784. ÖNB, Sammlung von Handschriften, Mikrofilm MF3227 400x400px|Beyer Mythtxt
Wesentlicher Bestandteil dieser Mythologie ist Homers Ilias Der Krieg um Troja und Vergils Aeneis.
Beatrix Hajos schreibt in ihrem Buch:Beatrix Hajós: Schönbrunner Statuen, 1773 bis 1780, Ein neues Rom in Wien, Eine Publikationsreihe der Museen des Mobiliendepots, Band 19, 2004. 188 Seiten.
Die Marmorstatuen am Großen Parterre
Für die Beschreibung dieser 32 Statuen wurden sie im Uhrzeigersinn nummeriert, links des Schlosses beginnend (siehe obige Skizze). Diese Nummerierung entspricht der von Beatrix Hajós, deren maßgeblichem Buch auch die Details zu Deutung und Entstehung sämtlicher besprochener Objekte entnommen wurden.
Linke Seite (Figuren 1–16)
(1) – Artemisia war die Gemahlin des Mausolos. Als dieser verstarb, errichtete sie ihm das Mausoleum und mischte täglich etwas von seiner Asche in ihren Trank, um mit ihm vereint zu bleiben. Sie ist an die Urne gelehnt dargestellt, und mit dem Trinkgefäß in der Hand. Das Volk verstand die Statue als Anspielung auf Maria Theresia, die nach dem Tod ihres Gatten ihr Haar schnitt und nur noch Witwentracht trug.(Entwurf von Beyer,Beyer organisierte als Generalunternehmer die Ausgestaltung des Parks mit Skulpturen, die er großteils selbst entwarf und in seinem Atelier fertigen ließ. Die tatsächlich ausführenden Bildhauer lassen sich nur für einen Teil des Gesamtwerkes ausfindig machen, da er selbst dies grundsätzlich zu unterbinden trachtete.Hauptartikel unter Johann Wilhelm Beyer. Ausarbeitung begonnen von Jakob Christoph Schletterer nach dessen Tod beendet von Johann Baptist Hagenauer,Einer der Mitarbeiter Hagenauers, der in den Tiroler Steinbrüchen Vorarbeiten für (nicht näher genannte) Schönbrunner Statuen leistete, war Anton Matthias Grassi 1774.)Eine „verfallene“ Statue nach demselben Modell befindet sich in einer Mauernische im linken Seitenflügel der Römischen Ruine. Sie wurde von Franz Zächerl geschaffen (* 3. Juni 1738, Hall in Tirol; † 5. August 1801, Wien, ab 1778 enger Mitarbeiter Beyers, schuf auch die Egeria des Schönen Brunnens.
(2) – Kalliope, die mit der schönen Stimme, Muse der Künste und Wissenschaften. Nach einer Deutung Zedlers (1732) hat sie staatstragende Funktion: Sie vermag gewaltlos Völker zu bewegen. Amphitryon (31), ihr gegenüber auf der rechten Seite des Parterres, ist ihr ergänzendes Gegenstück.(Beyer).
(3) – Brutus hält den Dolch in der Hand, mit dem Lucretia sich soeben ermordete. Ein Sohn des Tarquinius, des letzten der sieben Könige Roms, der später superbus, „der Hochmütige“, genannt wurde, hatte Lucretia geschändet und damit in den Selbstmord getrieben.In der Familie von Brutus (lat. „der Einfältige“) hatte Tarquinius (sein Onkel) gemordet, um die Thronfolge der eigenen Nachkommen zu sichern. Brutus überlebte, weil er sich zu dumm stellte, um als Thronanwärter in Frage zu kommen. Als Zeuge von Lucretias Selbstmord legte er die Verstellung ab und schwor, die Tarquinier aus Rom zu vertreiben. Er gilt als Begründer der Republik und [historisch unhaltbar] als erster Konsul Roms. Die Skulptur ist eine Mahnung an Herrscher.(Entwurf von Beyer, Ausarbeitung durch Platzer,Ignaz Franz Platzer und sein Sohn Johann Nepomuk Platzer, der alle Schönbrunner Statuen des Vaters überarbeitete. der vom Entwurf erheblich abwich (Beyer hatte eine sitzende Lucretia vorgesehen).)
(4) – Ceres, Göttin des Ackerbaus, der Fruchtbarkeit, der Ehe und des Todes, mit Bacchus, dem Gott des Weinbaus und der Vegetation. Beide Gottheiten werden häufig zusammen dargestellt. Ceres trägt Ähren und Mohn in den Händen, letzteren (Schlafmohn) als Hinweis auf die zur Reifung erforderliche Wintersruhe. Bachus' Symbole, der trunken machende Wein und der immergrüne Efeu seines Kranzes, bedeuten den Kreislauf des Lebens, Tod und Wiedergeburt. Über der Schulter des Bacchus liegt ein Leopardenfell, Symbol der Vitalität.(Entwurf (Gipsmodell) von Beyer, ausgeführt von Günther.Joachim Günther (* 1717 in Zusmarshausen bei Augsburg; † 12. Juli 1789 in Bruchsal))
(5) – Aeneas trägt seinen gelähmten Vater Anchises, dessen Linke die Hausgötter umfasst. An seiner Seite sein Sohn Iulus, der später zum Stammvater der Iulier werden sollte. Aeneas gilt als Vorbild fürsorglichen Helden- und Fürstentums.Ein Tonmodell (im Österreichischen Barockmuseum) und die Ausführung stammen von Prokop.Philip Jakob Prokop (* 1. Mai 1740 in Romberg in Böhmen; † 16. Oktober 1814 in Wien) Schüler des Balthasar Ferdinand Moll an der Wiener Akademie, 1772 Gehilfe Beyers. Er schuf, vermutlich nach Beyers Entwurf, diese Statue und das 57 cm hohe Terrakotta-Modell. Eine Goldmedaille, mit der Maria Theresia ihn dafür auszeichnete, soll zum Zerwürfnis mit Beyer geführt haben. Diese Sicht des Motivs findet sich allerdings nicht nur unter Beyers 1779 veröffentlichten Entwürfen, sondern bereits um 1616–1619 in der Villa Borghese (Pietro und Gian Lorenzo Bernini), und vorher, um 1515, bei Raffael (Lit. B. Hajós, S. 69).
(6) – Angerona, eine Schutzgottheit Roms, ist auch Göttin der klugen Verschwiegenheit [auf welche die Schlange hinweist] und der Wintersonnenwende. Sie wird häufig mit verbundenem Mund dargestellt, oder, wie hier. mit dem Zeigefinger vor den Lippen (beschädigt).(Beyer) (7) – Jason, der Führer der Argonauten, raubt das Goldene Vlies. Zu seinen Füßen liegt der Drache, der es bewachte.(Beyer) (8) – Aspasia war eine geistvolle Frau und Philosophin, deretwegen Perikles seine erste Frau verließ. Sie ist als Athene dargestellt, die einen Schild mit dem Haupt der Medusa trägt; diese Darstellung der Aspasia soll es bereits in Athen gegeben haben.(Beyer)
(9) – Königin Omphale, die Herakles als Sklaven gekauft hatte, trägt dessen Löwenfell und Keule, während er in verblendeter Liebe zu ihr Frauenarbeit verrichtet. Neben der Deutung Verkehrte Welt erlaubt diese Skulptur auch die Deutung Heldin, und eine Anspielung an Maria Theresia ist nicht auszuschließen. Sie ist das Pendant zum gegenüber stehenden Herkules (24).(WeinmüllerJosef Anton Weinmüller) (10) – Dass diese Figur eine Vase mit Blumen trägt, zeigt, dass sie zum Gefolge der Frühlingsgöttin Flora gehört. Wie bei allen Statuen, die an der Mündung von Alleen stehen, ist der Sockel, als Verbindung von Parkett und Allee, schräg zur Hauptachse des Gartens gestellt.(Beyer) (11) – Bacchantin (Mänade) mit einer Schale voll Trauben auf dem Haupt. Ihre Linke ruht auf einem Dreifuß mit Ziegenköpfen, über dem ein Pantherfell hängt. Beide Tiere sind dem Bacchus geweiht und beziehen sich auf Tod und Wiedergeburt.(Beyer) (12) – Apoll, Gottheit des Lichts, des Frühlings und der sittlichen Reinheit, Herr des Orakels von Delphi, worauf Dreifuß und Schlange hinweisen. Die Leier deutet seine Stellung als Oberhaupt der Musen an, sein Lorbeerkranz bezieht sich auf seine Trauer um Daphne, die sich ihm entzog, indem sie sich in einen Lorbeerstrauch verwandelte.(Beyer)
(13) – Hygieia, Tochter des Aeskulap, Göttin der wiedererlangten Gesundheit und Schutzpatronin der Apotheker. Die Schlange, die sich um ihren Arm windet, symbolisiert einerseits Bedrohung, andererseits Erneuerung (Häutung) und Verbindung zu geheimem Wissen (sie dringt in die Erde ein).(Hagenauer) (14) – Vestalin (jungfräuliche Priesterin der Göttin Vesta) mit Lampe (mit dem heiligen Feuer). Diese Statue wurde 1774 als erste in Schönbrunn [aber an einer Ecke des Parketts] aufgestellt und entsprechend gefeiert. Seit 1777 steht sie am heutigen Platz.(Posch,Leonhard Posch (* 7. November 1750 in Fügen im Zillertal; † 1. Juli 1831 in Berlin) Zu dieser Zeit war er ein Mitarbeiter Hagenauers. vollendet von Hagenauer.) (15) Paris, der Sohn des trojanischen Königs, als Hirte mit Hund, und mit dem goldenen Apfel, der Troja zum Verhängnis werden sollte.(KönigerVeit Königer.) (16) – Hannibal, der auch von den Römern bewunderte nahezu ebenbürtige Gegner, nach seiner größten und der letzten erfolgreichen seiner Schlachten, der Schlacht von Cannae.(Entwurf: Beyer, Ausführung: Hagenauer)
Rechte Seite (Figuren 17–32)
(17) – Der große Jäger Meleager, Königssohn und einer der Argonauten, mit dem Kopf des von ihm getöteten Kalydonischen Ebers. Seine Geste deutet auf die Debatte um seine Entscheidung hin, trotz Protestes der übrigen Jäger diese Tröphäe Atalante zu überlassen, die das Tier als erste mit einem Pfeil getroffen hatte. Die Skulptur steht am früheren Kleinen Fasangarten [jetzt Teil des Tiergartens], in dem auch gejagt wurde.(Beyer) (18) – Der Götterbote Merkur, ein Sohn des Jupiter. Er erfand Leier (an dem Stamm hängend, auf den er sich stützt) und Flöte.(Platzer) (19) – Priesterin in langem Kleid, eine Opferschale tragend.(Weinmüller) (20) – Die Sibylle von Cumae, ihre Orakelbücher (bis auf drei) verbrennend.(Entwurf: Beyer, Ausführung begonnen von LangVinzenz Lang, Tiroler Bildhauer, der die Sibylle nach Beyers Entwurf in Tirol begann. in Tirol, beendet von Hagenauer in Wien.)
(21) – Aeskulap, Gott der Heilkunst, mit Stock und Schlange.B. Hajós zitiert hier Hederichs Lexikon von 1741: Er hat solchem nach einen Bart, weil die Medici keine jungen Laffen, sondern erfahrene Leute seyn sollen. Er hat einen Stab in der Hand auf den er sich stemmet, weil die Medicin gleichsam auch Stütze des menschlichen Lebens ist. Solcher Stab ist von einer Schlange umwunden, welche sehr schrafsichtig seyn soll, und dergleichen von einem Medico auch gefordert wird, ist aber voller Knoten, weil es in der Medicin noch viele Schwierigkeiten giebet. (Lit. B. Hajós, S. 101).(Königer) (22) – Priesterin der Ceres, auf dem Haupt einen Korb mit Früchten für die Göttin tragend.(Hagenauer) (23) – Eine andere Priesterin der Ceres, ebenfalls mit Früchtekorb, um dessen Rand sich jedoch Schlangen winden [Symbol der Erneuerung]. Diese beiden Skulpturen sind als Gegenstücke zu den Nymphen der Flora (10) und des Bacchus (11) zu verstehen.(Hagenauer) (24) – Herkules in einer ungewöhnlichen Fassung: Mit Spindel, Maske, Tamburin und Panflöte. Dies symbolisiert den Wert von Kunst und Handwerk gegenüber dem Kampf und ist im Zusammenhang mit Omphale (9) zu sehen.(Platzer)
(25) – Perseus, gerüstet mit geflügeltem Tarnhelm und Flügelschuhen, mit dem Haupt der Medusa.(Beyer) (26) – Fabius Maximus, Diktator und Gegner von Hannibal, mit Beinamen „der Zauderer“. Der zu seinen Füßen liegende Schild bedeutet den „Schild Roms“, sein Heer, das er durch Zaudern vor der Vernichtung bewahrte.(Hagenauer) (27) – Flora, die Göttin der Blumen, mit Blütenkranz in der Hand, nach dem Vorbild von Pietro Berninis berühmter Flora Farnese (1616).(Beyer) (28) – Die Schöne Helena wird von Paris entführt, was den Trojanischen Krieg auslöst. Sie wehrt sich nicht ausdrücklich. Die kniende Gestalt, die Anker und Tauwerk hält [aus dieser Perspektive nicht erkennbar], deutet an, dass sich die beiden soeben einschiffen. Das Paket, auf das Paris steigt, weist darauf hin, dass mehr als nur die Frau geraubt wurde.(Beyer)
(29) – Janus, der doppelgesichtige römische Gott des Anfangs und Endes, mit der Kriegsgöttin Bellona, die auch als Schwester, Gemahlin, Freundin oder Wagenlenkerin des Mars gilt. Der mit Blick auf Vergangenheit und Zukunft agierende Janus beschwichtigt die impulsive Bellona.(Beyer)