Die Gattungszeichen dienten den deutschen Eisenbahngesellschaften zur Identifizierung der Eigenschaften ihrer Güter- und Reisezugwagen. Diese Buchstaben kennzeichnen die wichtigsten technischen Merkmale jedes Wagens.

Bei beiden deutschen Bahnverwaltungen wurde dieses System bis spätestens 1. Januar 1968 durch die UIC-Kennzeichnung für Reisezugwagen und die UIC-Kennzeichnung für Güterwagen abgelöst.

Definition

Die Bezeichnung setzt sich meist aus zwei Teilen zusammen:

Das vorn stehende Hauptgattungszeichen besteht aus mindestens einem Großbuchstaben (selten auch mit Kleinbuchstaben im Sinne einer Abkürzung), bezeichnet die Gattung des Wagens und ermöglicht damit die grobe Zuordnung zu einer bestimmten Wagenart. Darauf folgen meist ein oder mehrere Nebengattungszeichen, welche stets Kleinbuchstaben sind, die genaue Eigenschaften der Wagen kodieren.

Die gesamte Zeichenfolge aus Haupt- und Nebengattungszeichen heißt Gattungszeichen. Die Deutsche Bundesbahn änderte 1952 die Nomenklatur: Die früheren Hauptgattungszeichen nannte man fortan Gruppenzeichen, die Nebengattungszeichen nur Nebenzeichen.

Bei beiden deutschen Bahnverwaltungen, der DB und der DR wurde dieses System bis spätestens 1. Januar 1968 durch die UIC-Kennzeichnung für Reisezugwagen und die UIC-Kennzeichnung für Güterwagen abgelöst. Vielfach waren einige Jahre lang beide Bezeichnungen parallel angeschrieben. Zur Unterscheidung wurde an den Güterwagen der DR der internationalen Bezeichnung ein Punkt vorangestellt.Helmut Behrends, Wolfgang Hensel, Gerhard Wiedau: Güterwagen-Archiv 2. transpress, Berlin 1989, ISBN 3-344-00330-5, S. 242 ff.

Heute findet man die deutschen Gattungszeichen noch regelmäßig an Schmalspurbahn-Güterwagen, da diese meist keine UIC-Kennzeichnung bekamen, sowie an vielen historischen Fahrzeugen.

Entwicklung

Gattungszeichen wurden für Güterwagen etwa 1890Helmut Behrends, Wolfgang Hensel, Gerhard Wiedau: Güterwagen-Archiv 1. transpress, Berlin 1989, ISBN 3-344-00184-1, S. 29 ff. und für Reisezugwagen circa 1902Werksfoto eines vierachsigen preußischen Durchgangszug-Wagens von 1902 mit stirnseitig angeschriebener Bezeichnung AB in: Theurich: 160 Jahre Waggonbau in Görlitz. ISBN 978-3-88255-564-6 von den Preußischen Staatseisenbahnen eingeführt und später auch von anderen den anderen Länderbahnen verwendet. Wiederum hatten viele Länder- und Privatbahnen ihre eigenen Bezeichnungssysteme.

Nach der Gründung der Deutschen Reichsbahn wurde das vormals preußische System 1921Stefan Carstens, Rudolf Ossig: Güterwagen Band 1. MIBA-Verlag, Nürnberg 2000, ISBN 978-3-89610-250-8, S. 110 ff.P. und S. Wagner: Reisezugwagen-Archiv 1. transpress, Berlin 1989, ISBN 3-344-00170-1, S. 115ff. in ganz Deutschland verbindlich. Im Lauf der Jahre erfolgten immer wieder Anpassungen und Veränderungen, die sich im Detail zeitlich nicht immer genau bestimmen lassen. Dies führt zu teils widersprüchlichen Angaben über die Gültigkeitszeiträume der Gattungszeichen in der Literatur. In den nachfolgenden Tabellen wird in diesen Fällen immer das früheste belegte Jahr für die Einführung und das späteste bekannte Jahr für das Ende der Gültigkeit angegeben.

Bedeutung der verwendeten Abkürzungen:

(DWV) = Deutscher Staatsbahnwagenverband von 1909 bis 1921 (DR) = Deutsche Reichsbahn von 1921 bis 1945 (DR) = Deutsche Reichsbahn von 1949 bis 1993 (DB) = Deutsche Bundesbahn von 1949 bis 1993

Hauptgattungszeichen für Reisezugwagen

Gültigkeit BedeutungADPersonenwagen 1. Klasse mit Gepäckraum (Spezialanfertigung für den Rheingold)DASitzwagen der 1. Klasse als DoppelstockwagenABSitzwagen der 1. Klasse und 2. Klasse A Personenwagen 1. Klasse B Personenwagen 2. KlasseDBSitzwagen der 2. Klasse als Doppelstockwagen BB 1928 bis 1938 ehemalige BC (C-Abteile nachträglich mit Polstern für die 2. Klasse ausgestattet) BD seit 1966 Halbgepäckwagen mit Sitzplätzen der zweiten Klasse C bis 1956 Personenwagen 3. Klasse CC 1928 bis 1956Wolfgang Diener: Anstrich und Bezeichnung von Trieb- und Reisezugwagen. VGB Verlagsgruppe Bahn, Fürstenfeldbruck 2014, ISBN 978-3-8375-1160-4, S. 175–177 ehemalige CD (D-Abteile nachträglich mit Bänken für die 3. Klasse ausgestattet) D bis 1928 Personenwagen 4. Klasse ab 1962 Gepäckwagen Dienst DR; DB bis 1956 Dienstwagen D… ab 1952 (DB und DR)Wolfgang Diener: Anstrich und Bezeichnung von Trieb- und Reisezugwagen. VGB Verlagsgruppe Bahn, Fürstenfeldbruck 2014, ISBN 978-3-8375-1160-4, S. 164 Doppelstockwagen, Doppelstockzug (den übrigen Hauptzeichen vorangestellt) DG… ab 1957 (DR) Doppelstock-Gliederzug (den übrigen Hauptzeichen vorangestellt) DGR ab 1958 (DR) Bufettwagen für den Doppelstock-Gliederzug DPost 1962 bis 1992 (DB) vereinigter Gepäck- und Postwagen K… ab 1922Wolfgang Diener: Anstrich und Bezeichnung von Trieb- und Reisezugwagen. VGB Verlagsgruppe Bahn, Fürstenfeldbruck 2014, ISBN 978-3-8375-1160-4, S. 144–145 Schmalspurreisezugwagen (nur in Kombination mit A, B, C, D, Pw, Post) …K ab 1954 (DR) Reisezugwagen mit Küche (nicht in Kombination mit WL, WR) …L 1933 bis 1956 Lokalbahnwagen (nur in Kombination mit B, C, Pw, Post) ab 1957 (DB) Liegewagen L… ab 1957 (DB) Lokalbahnwagen (nur in Kombination mit B, C, Pw, Post) …L(Z) 1954–1970 (DR) Wagen mit Lautsprechern für Zugfunk M… ab 1943(DR bis 1954, DB bis 2000)Behelfsreisezugwagen der Kriegsbauart (nur in Kombination mit B, C, Pw) M 1954–1970 (DR) Personenwagen der Güterwagenbauart, abgeschafft mit Umstellung auf EDV-Nummern MD DR seit 1970 einstöckiger Reisezuggepäckwagen für den Autotransport MDD DR seit 1970 doppelstöckiger Reisezuggepäckwagen für den Autotransport P bis 1927 Packwagen (für Personenwagen mit Gepäckraum nicht zu verwenden, stattdessen das Nebengattungszeichen p, s. u.) ab 1928 Privatwagen Post bis 2000Wolfgang Diener: Anstrich und Bezeichnung von Trieb- und Reisezugwagen. VGB Verlagsgruppe Bahn, Fürstenfeldbruck 2014, ISBN 978-3-8375-1160-4, S. 198–199 Postwagen (bis 1927 für Personen- und Gepäckwagen mit Postabteil nicht zu verwenden, stattdessen das Nebengattungszeichen post, s. u.) Pw 1928 bis 1962 Gepäckwagen (Packwagen) PwPost bis 1962 (DB) vereinigter Gepäck- und Postwagen Pwg bis 1992 (DB) Güterzuggepäckwagen …R ab 1956 (DB) Wagen mit Speiseabteil (nicht in Kombination mit WR) S ab 1972 (DB) Salonwagen S… ab 1928(DR bis 1945) Sonderreisezugwagen für FD-Züge (nur in Kombination mit A, B, C, Post, Pw, WR) …S ab 1954 (DR) Sonderwagen Sdr ab 1945 (DR) Sonderreisezugwagen Salon DR; DB bis 1972 Salonwagen Schlaf bis 1927 Schlafwagen Speise bis 1927 Speisewagen (für Personenwagen mit Speiseraum nicht zu verwenden, stattdessen das Nebengattungszeichen speise, s. u.) WG ab ??? (DB) Gesellschaftswagen WGS ab 1972 bis 2000 (DB) Gesellschaftswagen mit Sondereinrichtungen WL… ab 1928 Schlafwagen – "wagon-lit" (den übrigen Hauptzeichen vorgestellt) WR ab 1928 Speisewagen – "wagon-restaurant" Wf ab 1952 (DB) Kinowagen Z ab 1928 Zellenwagen

Kennzeichnung von Reisezug-Drehgestellwagen bis 1927:Bis mindestens 1902 erfolgte keine Unterscheidung. Später wurde der letzte Buchstabe der Hauptgattung verdoppelt (z. B. BC → BCC), ausgenommen hiervon waren die Gattungen Post, Salon, Schlaf und Speise. Kennzeichnung der Achszahl von Reisezugwagen ab 1928:Bei Wagen mit mehr als zwei Radsätzen erfolgte die Angabe der Achszahl als dem Hauptgattungszeichen nachgestellte Ziffer. Ein vierachsiger BC-Wagen hieß fortan nicht mehr BCC sondern BC4. Damit war es auch möglich, drei- und mehrachsige Reisezugwagen kenntlich zu machen. Mit der Einführung der EDV-Nummern zwischen 1966 und 1970 wurden Drehgestellreisezugwagen als Normalfall angesehen, seitdem kennzeichnete die DR zwei- und dreiachsige Reisezugwagen mit den Nebenzeichen aa und a.

Hauptgattungszeichen für Güterwagen

Gültigkeitszeitraum(wenn eingeschränkt) Bedeutung des Hauptgattungszeichens BT ab 1949 Groß-Behälter-Tragwagen G Gedeckter Güterwagen H ab 1924 Drehschemelwagen (Langholzwagen) HH bis 1923 Langholzwagenpaar K Klappdeckelwagen M ab etwa 1957 (DR) Gedeckter Güterwagen mit Sondereinrichtungen für Mannschaftstransporte N 1911 bis 1921 Gedeckter Güterwagen oder Fakultativwagen mit Luftbremse oder -leitung für schnellfahrende Züge O Offener Güterwagen Pwg ab 1933 Gepäckwagen für Güterzüge R ab 1914 Rungenwagen S Flachwagen (Schienenwagen) T ab 1943 Kühlwagen (Thermoswagen) V Verschlagwagen für Kleinvieh VO bis 1921 Offener Viehwagen (für Großvieh) X Offener Arbeitswagen Z ab 1951 (DR) Kesselwagen (Zisternenwagen) ZM 1945 bis 1950 Kesselwagen zur Beförderung von Mineralöl

Kennzeichnung von Drehgestellgüterwagen:Hier wurde in der Regel das Hauptgattungszeichens verdoppelt (z. B. S → SS). Lediglich bei Dgw und ZM wurde auf die Unterscheidung verzichtet, während von BT, H, Pwg, V und VO gar keine Drehgestellwagen existierten. Das Hauptgattungszeichen RR wurde nur von der DR für die RRym-Wagen verwendet; alle anderen Drehgestellflachwagen gehörten zur Hauptgattung SS.

Nebengattungszeichen für Reisezugwagen

Die Nebenzeichen für Reisezugwagen sind nicht international genormt, jedoch bestehen seit der Einführung der zwölfstelligen EDV-Wagennummern trotzdem Vereinheitlichungsbestrebungen.