Der Schweizer Film begann sich im internationalen Vergleich erst spät zu entwickeln. Bis zu Beginn der Tonfilmzeit um 1930 verfügte die Schweiz über keine etablierte Filmindustrie. Die kulturelle Besonderheit der Schweiz, in drei grosse Sprachgebiete aufgeteilt zu sein, ist sicherlich mit ein Grund für den späten Beginn eines organisierten Filmschaffens. Die französischsprachige, italienischsprachige und deutschsprachige Schweiz orientierte sich stets mehr an den Nachbarländern desselben Sprachraumes als aneinander, weshalb die Entwicklung der Filmgeschichte in jedem Sprachgebiet unterschiedlich verlief.

Das Schweizer Filmschaffen ist massgeblich von der Filmförderung abhängig. mini|Solothurner Filmtage: Schweizer Film heute

Frühgeschichte Ein nennenswertes Stummfilmschaffen gab es in der Schweiz nicht. Nur wenige Produktionen vor 1930 sind bekannt oder erwähnenswert. Obgleich die erste Filmvorführung der Schweiz wie überall in Europa bereits 1896 von den Gebrüdern Lumière getätigt wurde, an der im selben Jahr durchgeführten Genfer Landesausstellung (exposition nationale) tat sich in der Folge nur wenig. Bekannt sind zwei französisch-schweizerische Produktionen, das 1923 bis 1925 entstandene Kindergesichter (Visages d’enfants) des Belgiers Jacques Feyder und der von dem Franzosen Jean Choux 1925 in der Schweiz inszenierte Film Die Macht der Arbeit (La Vocation d’André Carel).

Bis Anfang der 1930er-Jahre waren die wenigen Schweizer Filmschaffenden jedoch meist im benachbarten und filmwirtschaftlich weit entwickelten Deutschland tätig, da es in der deutschsprachigen Schweiz keine Filmproduktionsgesellschaft gab, und jede Filmproduktion ein individuelles Unterfangen darstellte. Aus dem Fehlen von Filmproduktionsgesellschaften resultierte, dass es kein erfahrenes Filmpersonal gab. Ein wesentlicher Grund für dieses Manko war die geringe Einwohnerzahl und die Aufteilung der Bevölkerung in drei kulturell voneinander getrennte Sprachgebiete. Andere Länder vergleichbarer Grösse, die dennoch über eine etablierte Filmindustrie verfügten, wiesen zum einen eine höhere Bevölkerungszahl derselben Sprach- und Kulturgruppe auf (Dänemark mit rund 5 Millionen Dänen) oder verfügten über bedeutend grössere Ballungszentren (z. B. Wien in Österreich mit rund 2 Millionen Einwohnern zur Stummfilmzeit), wo sich Gleichgesinnte treffen und organisieren konnten.

Um daher als Filmschaffender kontinuierlich arbeiten zu können, musste man ins Ausland. So tat dies der Szenenbildner und Regisseur Edmund Heuberger. Schweizer Schauspieler blieben im Gegensatz zu ihren Kollegen in den Nachbarländern meist auf der Bühne. Gelegentlich gab es Ausflüge zu deutschen Filmproduktionen. So hatte Heinrich Gretler beispielsweise einen amüsanten Kurzauftritt als Jo-Jo-Spieler in Das Testament des Dr. Mabuse. Eine lebendige, gegenseitige Beeinflussung, wie sie zwischen Deutschland und Österreich bestand, konnte sich mangels einer Schweizer Filmszene gar nicht erst entwickeln. Schweizer Kinos spielten bis Mitte der 1930er-Jahre zu 95 bis 99 Prozent ausländische Filme.

1915 wurde der «Verband der Kinematographen-Interessenten der Schweiz» gegründet, der zwei Jahre später zu Schweizerische Lichtspieltheaterverband umbenannt wurde.

Frühe Tonfilmzeit Ausgangssituation und Pioniere Einige Aktivität entfaltete der in 1898 in Riehen geborene Milton Ray Hartmann in Bern. Er war Mitgründer vom Schweizerischen Schul- und Volkskino (SSVK) und Teilhaber an der G. m. b. H. Schwarz-Filmtechnik zusammen mit Edgar Schwarz, dem späteren Gründer des führenden Schweizer Filmlabors, Schwarz Film. August Kern wurde bekannt mit einem Bildbericht Die Geheimnisse der Kalmückensteppe, 1923. Er war später Sekretär des SSVK. Kern muss als einer der produktivsten Filmmenschen der Schweiz angesehen werden, gemessen an der Zahl einzelner Streifen. Er war auch Inhaber der filmtechnischen Unternehmung Eoscop in Basel. Von der Kern-Film, Basel, ist seit 2003 die Bell & Howell Eyemo erhalten, die er 1931 über das SSVK-Sekretariat angeschafft hatte. Diese Kamera kam auch für Die Herrgottsgrenadiere zum Einsatz.

Mitte der 1930er Jahre gab es heftige Diskussionen darüber, ob eine staatlich geförderte Filmindustrie geschaffen werden solle. Die einzige bedeutende Schweizer Filmgesellschaft war bis dahin die Terra Film in Berlin, in die sich 1930 der Zürcher Bau- und Kinounternehmer Ralph Scotoni eingekauft hatte. Ein Schweizer Zweig dieser Filmgesellschaft wurde aufgebaut, die zwischen 1932 und 1935 fünf aufwändige Produktionen mit dem deutschen Zweig der Gesellschaft herstellte. Zwei davon – Wilhelm Tell (1934), dessen Führerqualitäten betont wurden und Hermine und die sieben Aufrechten / Das Fähnlein der sieben Aufrechten (1935), das direkt vom NS-Propagandaministerium subventioniert wurde – waren Tendenzfilme im nationalsozialistischen Geiste, da die Terra von Anfang an Nähe zum NS-Regime suchte. In der finanziellen Krise der noch zersplitterten deutschen Filmwirtschaft 1935/1936 wurde diese fragwürdige Programmpolitik eingestellt, da sich die «Swiss Connection» für Deutschland als nicht besonders ergiebig erwies.

Dass ab den 1930er-Jahren ein Schweizer Filmszene entstand, ist einigen wenigen Personen zu verdanken. Am bedeutendsten war zweifellos der im österreichisch-ungarischen Galizien (heute Polen) geborene Lazar Wechsler, der bis 1923 Österreicher blieb und danach die Schweizer Staatsbürgerschaft erhielt und in den späten 1950er-Jahren für fast alle Erfolge des Schweizer Films verantwortlich zeichnete. Mit einigen der 40 Produktionen seiner Praesens Film erlangte er innerhalb weniger Jahre nicht weniger als vier Oscars und Auszeichnungen an allen weiteren wichtigen Filmfestivals. Auch die zweite prägende Person für die Entwicklung des frühen Schweizer Films war Österreicher. Der Wiener Leopold Lindtberg war zunächst an Theatern in Berlin tätig, bis er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in die Schweiz, ans Zürcher Schauspielhaus, flüchtete. Dieses war während des Nationalsozialismus ein Sammelbecken für antifaschistische Theaterleute, die letztendlich das gesamte Schweizer Kulturleben beflügelten und auch dem Film, zu dem Lindtberg 1935 stiess, eine Stütze sein sollten.

Entstehung einer Schweizer Filmkultur Die erste bedeutende Filmproduktion der Schweiz entstand 1930 und ist im Grunde den guten Verbindungen des Neo-Schweizers Lazar Wechsler zu verdanken. Dieser machte sich für seine Praesens-Film-Produktion Frauennot – Frauenglück eine Europareise des berühmten russischen Filmpioniers Sergei Eisenstein zu Nutze. Er gewann ihn für sein Filmprojekt, so dass Eisensteins bevorzugter Kameramann Eduard Kasimirowitsch Tisse Regie führte, Grigori Wassiljewitsch Alexandrow das Drehbuch verfasste und Eisenstein die Supervision übernahm. Der Film wurde bereits im Vorhinein als «meistverbotener Film der Geschichte» beworben, da er gegen das Abtreibungsverbot Stellung nahm, zugleich jedoch meinte, Gebären sei die bessere Alternative.

Der erste dem Genre des Schweizer Films, der sich durch Komik und den Schweizer Dialekt auszeichnet, zuzurechnende Film war Wie d’Warret würkt (1933) von Regisseur Walter Lesch. Leopold Lindtberg wurde von Lazar Wechsler als Regisseur von der Bühne zum Film geholt, wo er zu Jä-soo! (1935) erstmals Filmregie führte. Das Kabarett prägte damals die Schweizer Unterhaltungskultur und diente auch als Grundlage für diesen Film, der als Dialektschwank angelegt war. Aus diesem Grund stellte man dem Wiener Lindtberg den Zürcher Walter Lesch als Co-Regisseur zur Seite. Jä-soo! kam beim Schweizer Publikum zwar gut an, war filmisch jedoch eher ein Lehrbeispiel für die Tücken des Kabaretts als Filmgrundlage. Der Film fiel mit papierenen Dialogen und einer «Nummer-für-Nummer»-Abfolge auf. Inhaltlich zeigte der Film ein charakteristisches Merkmal des Schweizer Films dieser Zeit: Das Land-Stadt-Gefälle. Die Stadt wurde oft als Hort des moralischen Übels, als gefährlicher Ort für anständige Mädchen und als Heimat zwielichtiger Figuren dargestellt. In einer Zeit, da die Schweizer Arbeiterbewegung genau so ihren Höhepunkt wie die Gründung von Naturvereinen hatte, wird dies schon leichter erklärbar. «Anständige» Schweizer Familien waren in den Filmen fast immer kleinbürgerlich, gutmütig, etwas langsam, aber treusorgend, naturverbunden und mit grossem Familiensinn.

Trotz aller formaler Schwächen des Kabarettfilms war er beim Publikum äusserst beliebt. Der Grund lag in der Besetzung der Rollen. In zahlreichen Filmen wirkte das Ensemble des Cabaret Cornichon mit – einer «nationalen Institution» dieser Jahre. Diese Gruppe, die sich auch antifaschistisch engagierte, demaskierte typisch eidgenössische Verhaltensweisen mit moderatem Biss, sodass sich die ertappten Zuschauer mit den Figuren identifizieren konnten. Ihre Mitglieder waren Max Werner Lenz, Elsie Attenhofer, Emil Hegetschweiler, Mathilde Danegger und Zarli Carigiet.

Trotz der in der Schweiz besonders starken Arbeiterbewegung der 1930er Jahre blieb die politische Linke der Schweiz im kleinbürgerlichen Filmschaffen ohne jede Berücksichtigung.

Der «Soziale Film» der Arbeiterbewegung Zwischen der Weltwirtschaftskrise und der Nachkriegshochkonjunktur gaben die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS), die dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SBG) nahestehenden Gewerkschaften, die Genossenschaften und die Jugend-, Sport- und Kulturorganisationen der Arbeiterbewegung rund siebzig Filme in Auftrag. Wegen der stets knappen Geldmittel waren es vor allem Stummfilme. Etliche der Filme wurden in Zürich gedreht und dokumentieren das Rote Zürich, wie zum Beispiel: Teuerungsdemonstration in Zürich (1917), Das genossenschaftliche Zürich (1929), Der rote Tag (1934), Die neue Stadt (1938), Zürich baut (1938), Die Stadt greift ein (1939). Die Filme unterscheiden sich deutlich vom proletarischen Film der Weimarer Republik und den Russenfilmen der jungen Sowjetunion. Sie widerspiegeln die politischen Verhältnisse in der Schweiz (Direkte Demokratie in der Schweiz) und waren zeitlich und thematisch auf die nächste Volksabstimmung, anstehende Wahlen oder auf die Mitgliederwerbung ausgerichtet. Die Filme wurden von den Zürcher Filmproduktionsgesellschaften Praesens-Film AG, Central Film, Pro-Film, Turica-Film, Gloria-Film und von Amateuren erstellt und hauptsächlich von der Schweizerischen Arbeiterbildungszentrale Zürich (SABZ) verliehen und vertrieben. Die SABZ versuchte dem moralisch bedenklichen Unterhaltungsfilm, den sozialen Film als Teil der Bildungs- und Propagandabestrebungen der Arbeiterbewegung entgegenzustellen. Die vor 1935 entstandenen kämpferischen Filme waren vom materiellen Elend und der sozialen Erbitterung (Landesstreik 1918) geprägt, während die Filme nach dem Friedensabkommen von 1937 weniger konfrontativ waren.Stefan Länzlinger, Thomas Schärer: Stellen wir diese Waffe in unseren Dienst. Film und Arbeiterbewegung in der Schweiz. Chronos Verlag, Zürich 2010, ISBN 978-3-0340-0971-3.

Die Filme zur Zeit der «geistigen Landesverteidigung» Im Auftrag der Schweizer Armee produzierte Robert Rosenthal der Inhaber der EOS-Film Basel, 1917 den Stummfilm Die Schweizerische Armee -L'Armée Suisse. Der Film hatte am 5. April 1918 seine Premiere in Zürich. Georges Passavant hatte später die Film Rechte von Rosenthal erworben und für 1 000 Schweizer Franken eine Filmkopie hergestellt. Die einzige Kopie, die im Besitz der Armee selbst war, hatte im Krieg durch die unzähligen Vorführungen stark gelitten.

1937 wurde in der Schweiz eine offizielle Kulturpolitik im Dienst des nationalen Zusammenhalts beschlossen, die mit Geistiger Landesverteidigung (GLV) umschrieben wurde. Für den Film bedeutete dies die zwischen 1938 und 1943 eine erste Blütezeit, da grosse Kulturförderungen auch dem Film zugutekamen.