KV62 (KV als Akronym für Kings’ Valley) bezeichnet in der Ägyptologie das Grab des Tutanchamun im Tal der Könige in West-Theben. In der Reihenfolge der Entdeckungen der Gräber im Tal ist es das 62. altägyptische Grab und liegt im östlichen Bereich der Königsnekropole. KV62 wurde am 4. November 1922 im Auftrag seines Finanziers George Herbert, 5. Earl of Carnarvon, meist nur als Lord Carnarvon bezeichnet, durch den britischen Archäologen Howard Carter entdeckt.
Die Entdeckung erwies sich als Königsgrab, denn aufgrund der Kartusche (Namensring) mit dem Thronnamen Neb-cheperu-Re von Tutanchamun, die sich neben Abdrücken der königlichen Nekropole am vermauerten Grabeingang befand, konnte die Begräbnisstätte eindeutig diesem König der späten 18. Dynastie (Neues Reich: 1550 bis 1070 v. Chr., 18. bis 20. DynastieJürgen von Beckerath: Chronologie des Pharaonischen Ägypten (= Münchner Ägyptologische Studien. (MÄS) Band 46). von Zabern, Mainz 1997, ISBN 3-8053-2310-7, S. 189–190.) zugeordnet werden. KV62 war nur teilweise beraubt und bereits im Altertum zweimal wieder verschlossen worden.
Das Grab des Tutanchamun, der von ca. 1332 bis 1323 v. Chr.Datierung nach Rolf Krauss aus: Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 1997, ISBN 3-7608-1102-7, S. 318. regierte, ist durch seine öffentlichkeits- und medienwirksame Entdeckung mit einem teilweise erhaltenen Grabschatz und der intakten Bestattung eines altägyptischen Königs weiterhin eine populäre Grabstätte in Ägypten. KV62 zog bereits während der gesamten Ausgrabungszeit tausende Besucher an. Die Räumung, Erfassung und Konservierung der Fundobjekte sowie die Säuberung des Grabes nahmen rund zehn Jahre in Anspruch. Der Ausgrabungszeitraum war nicht nur vom Tod Lord Carnarvons 1923 überschattet, sondern immer wieder von Auseinandersetzungen mit der Altertümerverwaltung (auch Antikenverwaltung – seinerzeit Service d’Antiquités) begleitet. Insgesamt wurden 5398 ObjekteZahi Hawass: Discovering Tutankhamun. From Howard Carter to DNA. Cairo 2013, S. 64. geborgen, die heute zum Teil im Ägyptischen Museum in Kairo ausgestellt sind oder seit der Grabentdeckung in den Magazinen des Museums lagern. Wenige Stücke sind im Luxor-Museum zu sehen. Im Zuge des Baus des Grand Egyptian Museum ist vorgesehen, den vollständigen Grabschatz dort nach entsprechender Restaurierung der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Mumie Tutanchamuns ist die einzige eines altägyptischen Königs, die seit ihrer Bestattung und auch nach ihrer Entdeckung im Tal der Könige verblieben ist. Sie ruhte ab 1926 im geschlossenen, äußeren vergoldeten Holzsarg im Sarkophag in der Grabkammer, der mit einer Glasplatte abgedeckt worden war. Heute ist die Mumie, bis auf Kopf und Füße bedeckt, in der Vorkammer des Grabes in einem klimatisierten Glaskasten zu sehen.
Howard Carters Notizen, Zeichnungen und Tagebucheinträge wurden nach dessen Tod 1939 von seiner Nichte, Phyllis Walker, 1946 an das Griffith Institute in Oxford übergeben und werden seitdem, wie ein Teil der Negativfilme des Fotografen Harry Burton, dort aufbewahrt. Die übrigen Negative befinden sich im Metropolitan Museum of Art in New York, für das Burton tätig gewesen war. Für die Archivierung und Aufbereitung für das Internet war der Ägyptologe Jaromír Málek verantwortlich. 95 % der Dokumentationen zur Ausgrabung sind auf Tutankhamun: Anatomy of an Excavation für jedermann frei zugänglich.The Griffith Institute: Tutankhamun: Anatomy of an Excavation. (The Howard Carter Archives.) Auf: griffith.ox.ac.uk; abgerufen am 14. Oktober 2015 (englisch). Carters Grabungstagebuch befindet sich im Ägyptischen Museum in Kairo.
Entdeckung mini|hochkant|Howard Carter (1924) mini|hochkant|Lord Carnarvon, auf der Veranda von Carters Wohnsitz in Theben
Vorgeschichte Die Zusammenarbeit von Howard Carter und Lord Carnarvon, den Carter über Gaston Maspero kennengelernt hatte, begann 1907. Howard Carter war fest davon überzeugt, dass das Grab Tutanchamuns im Tal der Könige zu finden sei. Hierfür sprachen seiner Ansicht nach mehrere Indizien. Unter anderem hatte er während seiner Grabungskampagne von 1905 bis 1906 Artefakte mit den Kartuschen Tutanchamuns identifizieren können. Als weiteren Hinweis für eine Bestattung des Pharaos im Tal der Könige diente Carter außerdem ein 1905 von dem amerikanischen Rechtsanwalt Theodore M. Davis gefundener kleiner Fayencebecher mit dem Namen Tutanchamuns, sowie Einbalsamierungsmaterial aus dem ebenfalls von Davis 1907 entdeckten Grab KV54 („Balsamierungsdepot“). Davis selbst hielt dieses Depot für das Grab von Tutanchamun und ließ diese Schlussfolgerung als Ergebnis 1912 in The Tomb of Harmhabi and Touatânkhamanou veröffentlichen. Zudem konnten dem König und dessen Hofbeamten Eje aus dem 1909 ebenfalls unter Davis entdeckten Grab KV58 („Streitwagengrab“) Goldfolien zugeordnet werden. Auch der Name von Anchesenamun, der Großen königlichen Gemahlin Tutanchamuns, ist auf einer dieser Goldfolien lesbar.
Theodore M. Davis erklärte das Tal der Könige schließlich nach vielen erfolgreichen Jahren und einer weniger ergiebigen Grabung in seiner Publikation The Tomb of Harmhabi and Touatânkhamanou für archäologisch erschöpft: I fear that the Valley of the Tombs is now exhausted.Theodore M. Davis: The Tombs of Harmhabi and Touatânkhamanou. Duckworth Publishing, London 2001, ISBN 0-7156-3072-5, S. 3. Er gab in der Grabungssaison von 1913 bis 1914 nach über zwölf Jahren Arbeit im Tal der Könige seine Lizenz für das Gebiet zurück. Danach erhielt Lord Carnarvon vom Service des Antiquités de l’Egypte, dem heutigen Supreme Council of Antiquities, die Erlaubnis, Ausgrabungen im Tal der Könige durchzuführen. Die Grabungslizenz wurde am 18. April 1915 von Georges Daressy und Howard Carter unterschrieben.T. G. H. James: Howard Carter: The Path to Tutankhamun. I. B. Tauris, London 1992; überarbeitete Neuauflage: Tauris Parke, London 2006, ISBN 1-84511-258-X, S. 477. Die Arbeiten im Tal der Könige konnten wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges 1914 erst 1917 aufgenommen werden. Carter hatte bis dahin alle bekannten Hinweise zu Tutanchamun verfolgt und begann seine systematische Suche nach dem Grab ab 1917. Die Ergebnisse der Grabungen von 1917 bis 1921 waren allerdings spärlich. Zwischen den Gräbern Ramses II. (KV7) und Ramses VI. (KV9) legte Howard Carter für Carnarvon eine Arbeitersiedlung frei und konzentrierte sich daraufhin auf die umliegenden Gebiete, als Lord Carnarvon sich 1921 für die Beendigung der Finanzierungsvereinbarung entschied. Carter bot an, die Grabung selbst zu finanzieren und eine mögliche Entdeckung Lord Carnarvon zuzuschreiben. Dieser stimmte schließlich einer letzten Grabungssaison ab dem folgenden Jahr zu.
Das Jahr, in dem Carter seine Arbeit für Lord Carnarvon für eine letzte Grabung im Tal der Könige fortsetzte, war ein Umbruch in der Geschichte und Politik Ägyptens. Das Land erlangte 1922 seine Unabhängigkeit von Großbritannien als Königreich und stand nicht mehr unter britischer Herrschaft. Die ägyptische Altertümerverwaltung stand seit der Gründung 1859 bis 1952 unter französischer und ab 1953 (Republik Ägypten) ausschließlich unter ägyptischer Leitung.
Grab des Vogels Die einheimischen Arbeiter gaben Grab KV62 den Namen „Grab des Vogels“ (Tomb of the Bird) oder auch „Grab des goldenen Vogels“. Diese Bezeichnung geht auf den Kanarienvogel zurück, den Howard Carter in dieser Grabungssaison von Kairo mit nach el-Qurna (Gurna) in sein Haus gebracht hatte. Carter war von dem Gesang des Vogels in einem Café in Kairo so angetan gewesen, dass er das Tier seinem Besitzer abkaufte. Die Frage, weshalb er ausgerechnet einen Vogel gekauft habe, beantwortete er: „Als Freund in der Einsamkeit der Wüste.“ Carter schreibt, dass, als er Theben erreichte, der Vogel am schönsten gesungen habe und er in diesem Moment dachte: „Das Grab eines Vogels!“ Seine Angestellten waren von dem Tier und dessen Gesang ebenfalls fasziniert und die Arbeiter bezeichneten es nach Entdeckung der ersten Stufen von KV62 als Glücksbringer.
Nach der Ankunft von Lord Carnarvon und Räumung aller Stufen soll der „Glücksvogel“ von einer Kobra gefressen worden sein. Das war für die am Grab beteiligten Arbeiter ein schlechtes Vorzeichen, da diese Schlange (Wadjet) Landesgöttin für Unterägypten, neben dem Geier (Nechbet), Landesgöttin für Oberägypten, ein Schutzsymbol eines altägyptischen Königs war. Später wurde der Tod des Kanarienvogels in den Fluch des Pharao mit eingebunden. Für Howard Carter war wichtig, seine Angestellten und Arbeiter zu beruhigen und ihnen zu versichern, dass dieses Ereignis auf keinen Fluch zurückzuführen sei. Er erklärte ihnen, der Vogel werde zurückkommen. Nach einem Telegramm brachte Lady Evelyn, Lord Carnarvons Tochter, schließlich am 24. November 1922 einen weiteren Kanarienvogel mit nach Theben.Howard Carter: The Tomb of Tutankhamun. Band 1: Search, Discovery and Clearance of the Antechamber. Mit Percy White: The Tomb of the Bird. London 2014, xii.
Der Fund mini|Die Neun Bogen, hier in Gestalt von liegenden Gefangenen auf einem Fußschemel aus dem Grab Tutanchamuns
Howard Carter schrieb seinerzeit zu der Suche nach dem Grab Tutanchamuns: „Unter dem Risiko, dass man mich einer post factum Vorhersage beschuldigt, möchte ich sagen, dass wir definitiv die Hoffnung hatten, das Grab eines ganz bestimmten Königs zu finden, und zwar das von Tut-ankh-Amen.“T. G. H. James: Tutanchamun. Der ewige Glanz des jungen Pharaos. Köln 2000, S. 67.
Carter traf am 28. Oktober 1922 in Luxor ein,The Griffith Institute: Tutankhamun: Anatomy of an Excavation. In: The Howard Carter Archives. 1st Season, October 28th 1922 to May 30th 1923., abgerufen am 30. Oktober 2015 (englisch). die Ausgrabungssaison sollte am 1. November beginnen. Am 4. November 1922 stieß ein Arbeiter im Grabungsareal auf eine Treppenstufe. Nach der Entdeckung der obersten Treppenstufe wurde das Gelände von Geröll befreit. Im oberen Bereich einer vermauerten Wand fand Carter mehrere intakte Siegel. Diese „Stempelabdrücke“, meist als Siegel (Seal Impressions) bezeichnet, haben die Form einer Kartusche. Darin ist der Gott Anubis als liegender Schakal über neun Gefangenen, den sogenannten Neun Bogen (Feinde Ägyptens), abgebildet. Dieses Siegel der Nekropole war ein Zeichen für die Unversehrtheit eines Grabes, das die verantwortlichen Aufseher der „Totenstadt“ nach der Bestattung angebracht hatten.I. E. S. Edwards: Tutanchamun. Das Grab und seine Schätze. Lübbe, Bergisch Gladbach 1978, S. 14–16. Es wurde außerdem nach einer Grabplünderung oder Restaurierung verwendet, wenn das Grab wieder verschlossen wurde. Carter schickte daraufhin ein Telegramm an Lord Carnarvon:
Bis zur Ankunft von Lord Carnarvon wurde der freigelegte Zugang erneut mit Schutt verfüllt. Der Lord und dessen Tochter Lady Evelyn Herbert trafen am 23. und 24. November in Luxor ein.
Der Junge, der das Grab fand mini|hochkant|Hussein Abdel-Rassoul, Fotografie von Harry Burton (um 1925)