mini|400px|Archäologischer Plan der römischen Stadt; nicht alle eingezeichneten Reste waren gleichzeitig in Benutzung Corinium Dobunnorum (oder nur Corinium) ist der antike Name der römischen Stadt Cirencester in Gloucestershire, England. Es handelte sich mit 96 Hektar um die zweitgrößte Stadt des römischen Britannien. Die Stadt war Hauptort der Civitates der Dobunni und damit Verwaltungszentrum einer Stammesgemeinde. Als Vorort dieser Gemeinde wurde die Stadt mit allen wichtigen öffentlichen Gebäuden wie einem Forum, einer Basilika, Bädern und einem Amphitheater ausgestattet. Die Stadt war darüber hinaus auch das administrative und wirtschaftliche Zentrum im Westen der britischen Insel. Am Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. wurde Corinium Dobunnorum Sitz der Verwaltung der neu eingerichteten römischen Provinz Britannia prima.
Name Corinium ist die romanisierte Version eines keltischen Namens, der vielleicht original Cironion lautete. Andere Interpretationen ziehen eine Verbindung zu Ceri in Wales oder zu dem keltischen mythischen Begriff Cuirenn. Demnach erscheint die Stadt als Cironium Dobunorum bei dem Geographen von Ravenna.Group 9: Worcestershire, Gloucestershire and northern Hampshire Dobunni ist der Name des hier siedelnden keltischen Stammes, der auch vor der Ankunft der Römer eigene Münzen prägte. Insgesamt wird die Stadt in antiken Quellen nur bei zwei Geografen genannt. Sie erscheint in keinen weiteren Quellen. Claudius Ptolemäus (II, 3, 12) bezeichnet Corinium (κορίνιον) als Hauptort der Dobunni. Es ist nicht bekannt, wann die Stadt diesen Namen erhielt. Vielleicht war es der Name des in der Nähe gelegenen Oppidums und wurde später auf diese Siedlung übertragen oder das Militärlager erhielt den Namen bei seiner Gründung.Albert Lionel Frederick Rivet, Colin Smith: The Place Names of Roman Britain. London 1979, ISBN 0-7134-2077-4, S. 326.
Lage und Umland Corinium Dobunnorum liegt im Westen des heutigen Englands in einer Region, die landwirtschaftlich sehr ertragreich ist und daher bis heute zu den wohlhabendsten Englands gehört. Die Stadt liegt an dem kleinen Fluss Churn an der Stelle, an der er aus dem Kalksteingebirge von Cotswolds in das flache Schwemmland der Themse eintritt. Das ummauerte Stadtgebiet liegt dabei ziemlich genau in dem vom Fluss geschaffenen Tal. Die Stadt befindet sich am Knotenpunkt wichtiger Straßen, was sicherlich schnell zu ihrem Wachstum und ihrer Bedeutung beitrug. Vom Südwesten traf der „Fosse Way“ auf die Stadt, der das nahe am Meer gelegene Isca Dumnoniorum (Exeter) mit der römischen Kolonie Lindum Colonia (Lincoln) verband. Die „Ermine Street“ kam von Südosten und verband Calleva Atrebatum (Silchester) mit der römischen Kolonie Glevum (Gloucester) nördlich der Stadt gelegen. Die „Akeman Street“ hatte ihren Ausgangspunkt in der Stadt und verband sie mit Verulamium (St Albans) weiter östlich in der Provinz Britannia gelegen.
Das Umland von Corinium Dobunnorum ist ausgesprochen reich an römischen Villen (villae rusticae), die zum großen Teil ihre Blütezeit im 4. Jahrhundert n. Chr. erlebten, als die Stadt zur Hauptstadt (caput provinciae) der neu erschaffenen Provinz Britannia prima wurde. Ungefähr 25 Villen liegen innerhalb eines Radius von 20 Kilometer. Dazu zählen die Villa von Woodchester und Chedworth, die auch durch ihre reiche Ausstattung auffallen. Diese Villen sind oftmals Gründungen des 1. oder 2. Jahrhunderts n. Chr., sind aber erst am Ende des 3. und zu Beginn des 4. Jahrhunderts n. Chr. ausgebaut und reich ausgestattet worden. Dies steht sicherlich mit der Erhebung von Corinium Dobunnorum zur Provinzhauptstadt in Verbindung, ist aber auch an anderen Orten zu beobachten und hat auch mit gesellschaftlichen Veränderungen in der Spätantike zu tun. Die Städte verloren an Bedeutung. Die Landgüter gewannen an Bedeutung.Roger White: Britannia Prima, Britain's Last Roman Province. Chalford 2007, ISBN 978-0-7524-1967-1, S. 123–147.
Die nächste größere römische Stadt war Glevum, die nur 27 Kilometer nordwestlich von Corinium Dobunnorum entfernt liegt. Diese Nähe zweier wichtiger Städte ist einmalig im römischen Britannien. Glevum hatte den Status einer colonia, einer römischen Kolonie. Es war von Anfang an eine wohlhabende Stadt, die jedoch nie ein bedeutendes Wachstum zeigte, während sich Corinium Dobunnorum schnell zur zweiten Metropole Britanniens entwickelte. Über die Gründe dieser unterschiedlichen Entwicklungen kann nur spekuliert werden. Es ist vermutet worden, dass die Bürger Glevums, die ja meist Kriegsveteranen waren, einfach konservativer waren, nicht offen für Neuankömmlinge, was diese davon abschreckte, in die Kolonie zu ziehen und deshalb Corinium Dobunnorum bevorzugten, wo Veteranen nicht die Belange der Stadt dominierten.Wacher: The Towns of Roman Britain, S. 164–165.
Geschichte miniatur|Grabstein eines Reiters Die Stadt oder zumindest ein Vorgängerort in dieser Gegend (wohl 4,8 Kilometer nordwestlich gelegen, bei Bagendon) war in vorrömischer Zeit Hauptort des keltischen Stammes der Dobunni. Die Dobunni und damit dieser Teil Britanniens kamen im Jahr 44 bis 45 n. Chr. unter römische Herrschaft. Im Jahr 47 n. Chr. wurde die Grenze an der Stelle des späteren „Fosse Way“ festgelegt und es wurden verschiedene Grenzlager zur Sicherung der neu eroberten Provinz errichtet. Auch an der Stelle des späteren Corinium Dobunnorum wurde ein militärisches Lager erbaut, neben dem eine zivile Siedlung (Vicus) entstand. Dieses Lager wurde um 50 n. Chr. durch ein weiteres ersetzt. Hier wurde nach der Aussage von zwei Grabsteinen eine Kavallerieabteilung stationiert. Es war die Ala Gallorum Indiana und später die Ala I Thracum.
Die alte keltische Stadt Bagendon wurde offensichtlich nicht zerstört, aber es hat den Anschein, dass immer mehr Menschen in die Nähe des Militärlagers zogen, da die dort stationierten Reiter finanzkräftig waren und die Einheimischen auf lukrative Geschäftsmöglichkeiten hoffen konnten. Diese Zivilsiedlung neben dem Lager bestand hauptsächlich aus Holzbauten. Das eigentliche Lager war rechteckig mit Gräben und lag im Zentrum der späteren Stadt. In den folgenden Jahren verschob sich die Provinzgrenze, wodurch das Lager nicht mehr gebraucht und die Truppen abgezogen wurden. Als das Lager aufgegeben wurde, gab es hier schon eine blühende Zivilsiedlung. Die römische Stadt Corinium Dobunnorum wurde in der Mitte der 70er-Jahre n. Chr. gegründet und erhielt die Funktion des Verwaltungszentrums der Civitates der Dobunni. Die Gründe für die Wahl dieses Ortes scheinen eindeutig. Einerseits hatte der Ort eine verkehrstechnisch günstige Lage, andererseits lebten hier wahrscheinlich zahlreiche Dobunni, darunter vermutlich auch viele, die zu dem alten Adel des keltischen Stammes gehörten und möglicherweise immer noch einflussreiche Positionen innehatten.Wacher: The Towns of Roman Britain, S. 28–29.
Die neu gegründete Stadt erhielt einen Stadtplan mit sich rechtwinklig kreuzenden Straßen und öffentlichen Gebäuden, wozu ein Markt, ein Forum und eine Stadtmauer (diese wurde aber erst am Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. errichtet) gehörten. Im folgenden 3. Jahrhundert n. Chr. erlebte Corinium Dobunnorum eine erste Blütezeit, was man vor allem an den reich ausgestatteten Wohnbauten im Stadtgebiet ablesen kann. Das Forum gehörte zu den größten im römischen Britannien, was wiederum die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt von Anfang an unterstreicht.
Im Jahr 212 oder 213 teilte Caracalla die römische Provinz Britannia in die Provinzen Britannia inferior (Nordengland bis zum Hadrianswall) und Britannia superior (Südengland und Wales) auf. Corinium Dobunnorum gehörte ab nun wahrscheinlich zur Provinz Britannia superior, deren Hauptstadt Londinium (London) war. Das 3. Jahrhundert war in fast allen Teilen des Römischen Reiches eine Zeit politischer Krisen und des wirtschaftlichen Niedergangs. Wahrscheinlich in dieser Periode erhielt die Stadt eine Stadtmauer aus Stein. Bauarbeiten an anderen öffentlichen Gebäuden sind jedoch kaum bezeugt. mini|Säulenpostament mit Inschrift, die L. Septimius, Statthalter von Britannia prima, nennt Unter Kaiser Diokletian gab es eine weitere Teilung römischer Provinzen. Die Stadt wurde im 4. Jahrhundert wahrscheinlich die Hauptstadt der Provinz Britannia prima. Dies wird nirgendwo ausdrücklich erwähnt, doch fand man 1891 die Basis einer Säule, die von L. Septimius […], dem Statthalter (praeses) der Provinz Britannia prima, errichtet wurde. Daneben deuten die zahlreichen Umbauten im 4. Jahrhundert auf eine besondere Stellung der Stadt. In dieser Zeit erlebte die Stadt ihre größte Blütezeit, was auch an den zahlreichen, reich mit Mosaiken ausgestatteten Wohnhäusern erkennbar ist. Die Struktur der Wohnbebauung in der Stadt änderte sich. Viele kleine und mittlere Wohnhäuser wurden abgerissen und durch wenige, oftmals prächtige Stadtvillen ersetzt. Dies mag auf eine Veränderung der Sozialstrukturen in der Stadt hindeuten und hat möglicherweise mit dem Verschwinden der Mittelschicht zu tun. Auch das Umland erlebte im 4. Jahrhundert eine Zeit besonderen Wohlstands. Aus keinem anderen Teil Britanniens stammen so viele große und reich ausgestattete Villen.
Es ist kaum etwas zu Christen in der Stadt bekannt. 1868 wurde ein Fragment eines Wandverputzes mit folgenden eingeritzten Buchstaben gefunden. Es handelt sich jedoch nach heutigem Erkenntnisstand um ein magisches Sator-Quadrat:
R O T A S O P E R A T E N E T A R E P O S A T O R
Die Zeichenfolge zu einem Kreuz umarrangiert ergibt das Vaterunser PATERNOSTER. Die Inschrift wird als ein geheimer Hinweis auf das Christentum, zu einer Zeit, als diese Religion noch unterdrückt wurde, interpretiert.Wacher: The Towns of Roman Britain, S. 320.
Niedergang der Stadt Die Blütezeit der Stadt hielt bis ungefähr 375 an. Danach fand ein langsamer Niedergang statt. Es wurde veranschlagt, dass um 375 noch 23 der ausgegrabenen Stadthäuser (die natürlich nur einen kleinen Teil der einstigen Bebauung darstellten) bewohnt waren. Um 400 waren es jedoch nur noch zehn, um 425 nur noch vier und danach kein einziges mehr. Eine vergleichbare Studie untersuchte die Anzahl der bewohnten oder zumindest genutzten Räume. Demnach erlebte die Stadt um 350 ihre größte Blüte mit etwa 150 Räumen, die in den ausgegrabenen Gebieten genutzt wurden. Um 375 waren es noch etwa 145 Räume. Um das Jahr 400 waren es dagegen nur noch etwa 45 und um das Jahr 425 weniger als 10. Nach 375 ist also ein starker Verfall zu beobachten:Neil Faulkner: Urban Stratigraphy and Roman History. In: Neil Holbrook (Hrsg.): Cirencester, The Roman Town Defences, Public Buildings and Shop, S. 371–388. Corinium Dobunnorum wurde, wie fast alle römischen Orte Britanniens im 5. Jahrhundert, langsam aufgegeben. Das Forum wurde vielleicht bis um 430 benutzt. Archäologische Reste aus dieser und der folgenden Zeit sind jedoch ausgesprochen spärlich. Im Amphitheater fanden sich Reste einfacher Hütten, die darauf hindeuten, dass sich eine Restbevölkerung in den folgenden Jahren an diesen leicht zu verteidigenden Ort zurückzog. Für das Jahr 577 wird in der Angelsächsischen Chronik ein britischer König in der Stadt erwähnt und dass die Stadt von den Sachsen Cuthwine und Ceawlin erobert wurde. Dort wird die Stadt schon als Cirenceaster bezeichnet.
Forschungsgeschichte