Georg Wolff (* 14. Februar 1914 in Wittenberge; † 1996) war ein deutscher SS-Hauptsturmführer und Journalist. Im Zweiten Weltkrieg war Wolff Referatsleiter in der Abteilung III des SD beim Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD in Oslo. Nach dem Krieg war er von 1952 bis zu seiner Pensionierung Ende 1978 in leitenden Funktionen Redakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel.
Leben Georg Wolff war der Sohn des Volksschullehrers Friedrich Wilhelm Wolff und dessen Ehefrau Dora. Das Elternhaus mütterlicherseits gehörte zur gehobenen sozialen Schicht, der Großvater war „Rechnungsrat“ bei der Eisenbahn. Die Familie besaß ein eigenes Heim und Wolff wuchs zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Hans in gesicherten Verhältnissen auf.Lutz Hachmeister: Heideggers Testament. Der Philosoph, der Spiegel und die SS. Propyläen, Berlin 2014, S. 150 f.
Zeit des Nationalsozialismus Wolff trat nach seinem Abitur und der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 der SA bei.Lutz Hachmeister: Heideggers Testament. Der Philosoph, der Spiegel und die SS. Propyläen, Berlin 2014, S. 153.Heiko Buschke: Deutsche Presse, Rechtsextremismus und nationalsozialistische Vergangenheit in der Ära Adenauer. Campus, Frankfurt 2003, ISBN 3-593-37344-0, S. 113 Nach einem Volontariat bei der Tageszeitung Nordischer Kurier in Itzehoe kehrte Wolff nach Wittenberge zurück und studierte an der Universität Kiel ein Semester lang Volkswirtschaftslehre. Nach einem freiwilligen Arbeitsdienst und zwei Jahren Wehrdienst absolvierte Wolff ein zeitungswissenschaftliches Studium bei Franz Six in Königsberg, das er jedoch nach zwei bis drei Semestern abbrach.Lutz Hachmeister: Heideggers Testament. Der Philosoph, der Spiegel und die SS. Propyläen, Berlin 2014, S. 153f. u. S. 162. Weil Six Brigadeführer der SS war, konnte Wolff durch seine Vermittlung und ohne Studienabschluss im März 1938 zum hauptamtlichen Referenten beim SD-Leitabschnitt Königsberg avancieren. Sein dortiger Vorgesetzter SS-Sturmbannführer Kurt Gritschke bescheinigte dem NSDAP-Mitglied (Mitgliedsnummer 4.982.494) 1940 „ausgezeichnete Leistungen“; Wolff sei, so die Gesamtbeurteilung, „in jeder Hinsicht Nationalsozialist“.Lutz Hachmeister: Ein deutsches Nachrichtenmagazin. Der frühe „Spiegel“ und sein NS-Personal., 2002, S. 101.
1940 agierte Wolff im SS-Einsatzkommando unter SS-Standartenführer Walther Stahlecker in Norwegen, dann bis Kriegsende als Referatsleiter in der Abteilung III des SD beim Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD in Oslo, wo er die „Meldungen aus Norwegen“ an das Reichssicherheitshauptamt betreute. SS-General Six förderte Wolff nach Kräften und empfahl per Rundschreiben vom 13. Februar 1942 an alle Referenten des Reichssicherheitshauptamts einen ausführlichen Wolff-Bericht über das „gegenwärtige Geschehen“ in Norwegen wegen der „objektiven Darstellung und vergleichenden Wertsetzung“. In dem Bericht, der auch an Reinhard Heydrich gelangte, analysiert Wolff, warum die „Vernichtung des Widerstandswillens des norwegischen Volkes“ nicht gelungen sei.Lutz Hachmeister: Ein deutsches Nachrichtenmagazin. Der frühe „Spiegel“ und sein NS-Personal. 2002, S. 102. In der SS stieg Wolff bis zum Hauptsturmführer auf, was dem Rang eines Hauptmanns im Heer entspricht. Nach dem tödlichen Attentat einer norwegischen Widerstandsgruppe auf einen mit den Deutschen kooperierenden Polizeichef ordnete der Reichskommissar im Februar 1945 die Erschießung von 34 norwegischen Geiseln an, die aus einer von Wolffs Abteilung geführten Datei norwegischer Widerstandskämpfer ausgewählt wurden. Ob Wolff die Todeskandidaten selbst auswählte und bei deren Erschießung anwesend war, wie ehemalige Gestapo-Beamte nach dem Krieg aussagten, ist nicht gesichert.Martin Doerry/Hauke Janssen: Augstein. Ein deutsches Leben. C.H. Beck, München 2026, S. 185f. Bei Kriegsende 1945 geriet Wolff wie auch sein Bruder Hans, der Landgerichtsdirektor in Köpenick gewesen war, und 1944 beim Reichskommissar Norwegen die Abteilung Binnenwirtschaft geleitet hatte, in norwegische Gefangenschaft.Lutz Hachmeister: Heideggers Testament. Der Philosoph, der Spiegel und die SS. Propyläen, Berlin 2014, S. 160.
Nachkriegszeit In Norwegen blieb Wolff auch wegen seiner Involvierung in die Erschießung von Unschuldigen drei Jahre interniert. Nach seiner Entlassung 1948 kam er in der Nähe von Salzgitter bei Verwandten unter und arbeitete als Tankwart. Als er 1949 seinen alten Weggefährten Horst Mahnke wieder traf, mit dem er schon zusammen bei Six in Königsberg studiert hatte, nahm er dessen Angebot wahr, gemeinsam in Hamburg beim Kaffee-Kontor als Marktbeobachter zu arbeiten.Martin Doerry/Hauke Janssen: Augstein. Ein deutsches Leben. C.H. Beck, München 2026, S. 186. 1950 schrieb Wolff zusammen mit Mahnke beim Spiegel die Serie „Am Caffeehandel betheiligt“, bei der die beiden Autoren vor allem jüdische Displaced Persons (DPs) für den Kaffeeschmuggel verantwortlich machten; andere, die an den illegalen Geschäften verdienten, auch gewöhnliche Deutsche, wurden ausgeblendet. So trugen die in der Serie genannten Schmuggler fast nur jüdisch klingende Namen, deutsche Namen wurden nur für deutsche Beamten verwendet, die dem kriminellen Treiben hilflos hätten zusehen müssen. Damit beschuldigten die ehemaligen SS-Offiziere Wolff und Mahnke ein Netz jüdischer Geschäftsleute, mit illegalen Kaffeeimporten Millionen verdient zu haben. Die Botschaft lautete: Die Überlebenden der NS-Verbrechen seien nun selbst Straftäter geworden und schadeten den Deutschen im großen Stil.Martin Doerry/Hauke Janssen: Augstein. Ein deutsches Leben. C.H. Beck, München 2026, S. 177–180. Im März 1952 wurde Wolff zunächst Ressortleiter „Internationales“ bzw. „Ausland“ des Spiegels und dann von 1959 bis 1961 dessen stellvertretender Chefredakteur. Nach den Recherchen des ehemaligen Spiegel-Redakteurs Peter-Ferdinand Koch kooperierte er in Fragen der Auslandsberichterstattung mit dem früheren Goebbels-Adjutanten, Wilfred von Oven, der in den 1950er-Jahren für den Spiegel als Südamerika-Korrespondent wirkte.Peter-Ferdinand Koch: Enttarnt. Doppelagenten: Namen, Fakten, Beweise. Ecowin-Verlag, Salzburg 2011, S. 224–225.
Wolff verfasste alleine für den Zeitraum von 1952 bis 1961 über 80 Titelgeschichten für den Spiegel, unter anderem über Charles de Gaulle (1952), die „Negerfrage“ am Beispiel der „Neger-Studentin Lucie“ (1956), das sowjetische Politbüromitglied Jekaterina Furzewa (1957), John Foster Dulles (1953 und 1959), acht Spiegel-Folgen über Konrad Adenauer (1961/1962) und 15 Folgen über den Weltkommunismus, die noch 1961 unter dem Titel „Warten auf das letzte Gefecht“ beim Verlag DuMont auch als Buchpublikation erschienen. Für eine Spiegel-Geschichte zum neuen Bundeskanzler Ludwig Erhard 1966 kooperierte Wolff mit seinem Bruder Hans, der unter Ludwig Erhard Ministerialdirigent im Wirtschaftsministerium war.Lutz Hachmeister: Heideggers Testament. Der Philosoph, der Spiegel und die SS. Propyläen, Berlin 2014, S. 151. Zudem publizierte Wolff eine Art „Besinnungsaufsätze“ in der Zeitschrift für Geopolitik, die im Leske-Verlag, dessen Geschäftsführung Franz Six innehatte, erschienen.Lutz Hachmeister: Heideggers Testament. Der Philosoph, der Spiegel und die SS. Propyläen, Berlin 2014, S. 164. 1953 schrieb er dort über die schwarze Bevölkerung in Kolonialafrika: „Der Neger ist intelligent, anstellig und lernbegierig, aber er ist ‚faul‘. Er hat keine Moral und kein Arbeitsethos.“Zit. nach Lutz Hachmeister: Heideggers Testament. Der Philosoph, der Spiegel und die SS. Propyläen, Berlin 2014, S. 164.
1966 wurde extra für Wolff das Ressort „Geisteswissenschaften“ geschaffen, das er bis zu seiner Pensionierung am 31. Dezember 1978 leitete. In dieser Funktion führte er für das Magazin auch Interviews mit Jean-Paul Sartre, Max Horkheimer, Arnold Gehlen und Martin Heidegger.Lutz Hachmeister: Heideggers Testament. Der Philosoph, der Spiegel und die SS. Propyläen, Berlin 2014, S. 167. 1986 stellte er seine unveröffentlichten Memoiren fertig, die zu dem Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister gelangten.Lutz Hachmeister: Heideggers Testament. Der Philosoph, der Spiegel und die SS. Propyläen, Berlin 2014, S. 145f. Da seine Vergangenheit als SS-Hauptsturmführer zunehmend bekannt geworden war, erschien bei seinem Tod 1996 kein Nachruf im Spiegel.Lutz Hachmeister: Heideggers Testament. Der Philosoph, der Spiegel und die SS. Propyläen, Berlin 2014, S. 171.
Schriften Warten auf das letzte Gefecht. Aspekte des Kommunismus. Marx, Lenin, Mao. DuMont Schauberg, Köln 1961 Zusammen mit Horst Mahnke: 1954. Der Frieden hat eine Chance. Leske, Darmstadt 1953 (beide Verfasser waren Spiegel-Redakteure, Six war Geschäftsführer des Verlags) (Hrsg.): Wir leben in der Weltrevolution; Gespräche mit Sozialisten. Mit einer Einleitung von Dieter Brumm. München, List Verlag 1971
Literatur Martin Doerry/Hauke Janssen: Augstein. Ein deutsches Leben. C.H. Beck, München 2026, ISBN 3-406-85309-9. (Digitaler Anmerkungsapparat) Lutz Hachmeister: Ein deutsches Nachrichtenmagazin. Der frühe „Spiegel“ und sein NS-Personal. In ders. mit Friedemann Siering (Hrsg.): Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945. Beck, München 2002, ISBN 3-406-47597-3, S. 87–120 Lutz Hachmeister: Heideggers Testament. Der Philosoph, der Spiegel und die SS. Propyläen, Berlin 2014, ISBN 978-3-549-07447-3, Kapitel: Georg Wolff. Vom SD-Offizier zum „Geisteswissenschaftler“ des Spiegel, S. 145–171 Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt 2003, ISBN 3-10-039309-0. Peter-Ferdinand Koch: Enttarnt. Doppelagenten: Namen, Fakten, Beweise. Ecowin, Salzburg 2011, ISBN 978-3-7110-0008-8, S. 212–225 Otto Köhler: Rudolf Augstein. Ein Leben für Deutschland. Droemer, München 2002, ISBN 3-426-27253-9
Meldungen aus Norwegen. Die geheimen Lageberichte des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD in Norwegen Teilband I, Hrsg. Stein Ugelvik Larsen, Beatrice Sandberg, Volker Dahm, Oldenbourg Verlag München 2008
Einzelnachweise
Kategorie:SD-Personal Kategorie:SS-Mitglied Kategorie:SA-Mitglied Kategorie:NSDAP-Mitglied Kategorie:Person (deutsche Besetzung Norwegens 1940–1945) Kategorie:Journalist (Deutschland) Kategorie:Person (Spiegel-Verlag) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1914 Kategorie:Gestorben 1996 Kategorie:Mann