miniatur|hochkant=1.3|Stift Wilten (2009) Stift Wilten ist ein 1138 von Bischof Reginbert von Brixen begründetes Kloster der Prämonstratenser in Wilten, einem am Fuße des Bergisels gelegenen Stadtteil von Innsbruck, der Landeshauptstadt des österreichischen Bundeslandes Tirol.

Das Stift Wilten kann mit den Innsbrucker Straßenbahnlinien 1 und 6 (Innsbrucker Mittelgebirgsbahn) und der Stubaitalbahn erreicht werden.

Geschichte mini|Klosteranlage von oben (2009) Die Stiftsgebäude stehen auf den Ruinen der römischen Siedlung Veldidena. Im 16. Jahrhundert wurden dort zahlreiche römische Ziegel, Münzen und Mauerreste entdeckt und von Matthias Burglechner in seiner Landesbeschreibung Tirolischer Adler von 1619 erwähnt. Der Sage nach wurde das Kloster vom Riesen Haymon ca. 880 gegründet.

Zwei Statuen am Eingang und eine weitere Haymonstatue im Eingangsbereich, die die abgeschnittene Zunge des Drachen in der Hand hält, erinnern im Stift an diese Sage. Tatsächlich wurde das Kloster wohl vor 1138 durch Bischof Reginbert von Brixen als bischöfliches Eigenkloster gegründet, auf dessen Wunsch Prämonstratenser aus dem oberschwäbischen Kloster Rot an der Rot ein älteres Kollegiatstift von Weltpriestern ablösten; Papst Innozenz II. bestätigte am 30. April 1138 dem Wiltener Kanonikerorden unter seinem ersten Propst namens Marquard die Augustinusregel in ihrer prämonstratensischen Ausprägung, den Besitzstand, das freie Propstwahl- und Begräbnisrecht und die Vorrechte des Brixner Diözesanbischofs. Seine Blütezeit erlebte das Stift im 17. und 18. Jahrhundert.

Das Stift geriet im Laufe der Geschichte verschiedentlich in Bedrängnis. 1807–1816 war das Kloster durch eine Verfügung des Königreiches Bayern aufgelöst. In der NS-Zeit wurde das Stift gezwungen, das Kloster dem Reichsgau Tirol-Vorarlberg zu verkaufen, so dass 1946 nach Bombardierung und NS-Herrschaft ein Neubeginn nötig war. Erst 1988 wurde diese Aufbauphase zum 850. Gründungsjubiläum abgeschlossen.

Wappen mini|hochkant|Darstellung des Stiftswappens auf einem Grenzstein von 1745 Das seit dem 17. Jahrhundert nachweisbare Stiftswappen zeigt in Rot eine grüne, mit einem silbernen Balken belegte, leicht eingeschwungene Spitze, rechts einen silbernen Rost, links drei silberne Steine. Der silberne Balken gilt als das Wappen des Riesen Haymon, der Rost als Attribut des hl. Laurentius und die Steine als Attribut des hl. Stephanus stehen für die beiden Patrone des Stiftes.

Wie die meisten Tiroler Klöster begann Wilten erst spät mit der Führung eines Wappens. Die ältesten Darstellungen aus dem späten 15. Jahrhundert zeigen die Martersymbole der beiden Stiftspatrone in je einem Wappenschild. Der Tiroler Historiograph Matthias Burglechner konstruierte im 17. Jahrhundert auf älteren Grundlagen ein Wappen für den legendären Gründer, das in einem grünen Schild einen silbernen Mittelbalken zeigte. Dieser Balken wird häufig als Symbol für die Sill interpretiert, was allerdings unwahrscheinlich ist, da man dafür wohl einen (schrägen) Wellenbalken gewählt hätte. Abt Andreas Mayr (1621–1650) kombinierte schließlich die zwei Schilde der Stiftspatrone und den des Riesen Haymon in einem Wappenschild, wie er seitdem in Verwendung ist.Franz-Heinz Hye: Das Wappen des Stiftes Wilten und seine Geschichte. In: 850 Jahre Prämonstratenser-Chorherrenstift Wilten, S. 375–380

Stiftskirche mini|Stiftskirche Wilten (2005) mini|Innenraum der Stiftskirche (2025)

Baugeschichte Abt Heinrich Schuler (1922–1949) war ein unermüdlicher Forscher, besonders was Alter und Geschichte der Stiftskirche anbelangt. Er stellte fest, dass es sich bei der ersten Kirche in Wilten wohl nur um einen kleinen Holzbau gehandelt hat, umgeben von schlichten Hütten – den ersten Klostergebäuden. Urkundlich erwähnt werden Kirche und Kloster im Jahre 1138 bei der Einsetzung durch den Brixener Bischof Reginbert. Die Stiftskirchenpatrone St. Laurentius und St. Stephanus, die im Stiftswappen dargestellt sind, deuten auf römische Erstbesiedelung (Veldidena).

Ein gotisches Tafelgemälde des ehemaligen Ursulaaltars zeigt eine spätmittelalterliche Ansicht von Kirche und Kloster. Die dreischiffige Pfeilerbasilika mit erhöhtem Mittelschiff dürfte bereits in romanischer Zeit dieselben Ausmaße gehabt haben. Im Osten schloss ein erhöhter Chor in drei Apsiden; darunter befand sich eine Krypta, Begräbnisort der Äbte und adeliger Stifter. Unter dem als Seligen verehrten Abt Wernher wurde die Kirche bereits um 1300 im frühgotischen Stil wiedererrichtet.

Unter Abt Dominikus Löhr (1651–1687) kam es zur Grundsteinlegung des barocken Kirchenbaues, nachdem unter dem Vorgänger Abt Andreas Mayr der einstürzende Turm den gotischen Bau vollends zerstört hatte.

Die eigentliche Weihe der Kirche und des Hochaltars vollzog am 18. Oktober 1665 der Brixener Fürstbischof Sigmund Alfons Graf Thun. Kaiser Leopold I. war höchstpersönlich zugegen. Der Nordturm wurde 1667 vollendet, der Südturm jedoch nur bis zur halben Kirchdachhöhe ausgeführt, da der Hofbaumeister Christoph Gumpp 1672 gestorben war. Später vorgenommene Änderungen und Ergänzungen (Kanzel, Speisgitter, Tabernakel am Kreuzaltar usw.) sowie der Wiederaufbau nach den Bombardements von 1943 und 1944 können den Eindruck einer geschlossenen frühbarocken Anlage nicht verwischen.

Architektur Die Stiftskirche Wilten ist eine langgestreckte, frühbarocke Wandpfeileremporenhalle. Sie entspricht ganz dem Typus der süddeutschen Wandpfeilerkirchen des 17. Jahrhunderts. Der in ein Rechteck eingeschriebene Grundriss zeigt eine regelmäßige Abfolge von querrechteckigen Jochen, zu denen sich seitlich Abseiten öffnen. Der zweijöchige Chor ist nicht eingezogen. Im Aufbau prägen Wandpfeiler, vor deren Stirnen übereinandergelegte, flache Pilaster stehen, den Innenraum. Das kräftig vorkragende Gebälk beschränkt sich auf die Pilasterbreite. Zwischen den Wandpfeilern liegen unten Kapellenräume und oben Emporen. Beide werden mit Quertonnen gedeckt. An den Ostseiten der Kapellen stehen jeweils Altäre. Die Emporenbrüstungen liegen auf gleicher Höhe wie der obere Teil des Hauptgebälks. Die Brüstungen ersetzen somit das Gebälk der den gesamten Raum bestimmenden Pilasterordnung. Wandpfeilersaal und Chor werden von einer gurtgegliederten Stichkappentonne gewölbt. Ein aus vorspringendem Pilasterpfeiler und kräftigem Gurtbogen gebildeter Triumphbogen leitet zum Chor. Im Chor liegen über Nischen, die u. a. das Gestühl aufnehmen, Doppelemporen.

Der Innenraum der Kirche beeindruckt ob seiner einheitlich-strengen Komposition. Die Fresken (Kaspar Waldmann) und Stuckaturen entstanden zwischen 1702 und 1707. Akanthuslaub, Fruchtgirlanden, Adler und Engelsgestalten bilden eine unübersehbare und doch noch sehr streng gegliederte Fülle an Ornamenten. Der oberitalienische Meister Bernardo Pasquale zeichnet mit 31 Gehilfen für diese hervorragenden Arbeiten des „späten Frühbarock“ verantwortlich.

Ausstattung

Altäre und weitere Ausstattung In der Vorhalle der Kirche fällt sofort die über fünf Meter hohe Kolossalstatue des Riesen Haymon aus der Zeit um 1470 auf, die sich einst liegend in der alten Turmkapelle an der Nordseite des Chores befand. Das prächtige schmiedeeiserne Vorhallengitter des Wiltener Schlossermeisters Adam Neyer (1707) ist neben dem „Rosengitter“ in der Stamser Stiftskirche eine der bedeutendsten Arbeiten barocker Schmiedeeisenkunst in Tirol.

Neben dem Hochaltar, den Langhaus- und Seitenkapellenfresken und der Kanzel ist der Kreuzaltar von besonderer Bedeutung. Er stand, nach alter Prämonstratensertradition, in der Mitte des Langhauses, unterhalb des Chorbogens. Das spätgotische Kruzifix mit echtem Haar (um 1510) war beim Einsturz der Kirche im Jahre 1644 unversehrt geblieben, weshalb es im Volk große Verehrung genoss. Das Altarblatt hinter dem Kreuz zeigt den Berg Golgota und die Stadt Jerusalem. Das Stifterwappen am Gebälk ist ein Allianzwappen der Grafen Ferrari-Occhieppo und der Fenner von Fennberg.

Eine weitere Besonderheit ist das Altarblatt des dem Hl. Johannes geweihten Seitenaltars, das der Südtiroler Nazarener Michael Andersag ab 1826 nach dem Vorbild von Raffaels Madonna von Foligno schuf. Ein Messkelch mit Patene und Fistula (Niedersachsen?, um 1160/70) befindet sich heute in der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien.

Orgeln Berühmt ist die Stiftskirche auch durch ihre vier Orgeln.

Herz-Orgel (1675) Die älteste Orgel, 1675 gebaut von Daniel Herz, steht auf einer Empore auf der linken Seite des Presbyteriums. Sie wurde 2002/2003 vom Orgelbauer Jürgen Ahrend aus Ostfriesland fachgerecht restauriert. Das Instrument hat zehn Register auf einem Manualwerk und Pedal.

Manualwerk CDEF–c3 1. Prinzipal 8′ 2. Octav 4′ 3. Quint 3′ 4. Superoctav 2′ 5. Quintoctav ′ (Fortsetzung) 6. Quartoctav 1′ 7. Qintadez ′ 8. Cimbl maior ′ 9. Cimbl minor ′ Kanaltremulant Pedalwerk CDEF–fis0 10. Subbass 16′

Salve-Orgel Die Salve-Orgel wurde um 1650 vermutlich von Sebastian Achamer aus Hall in Tirol erbaut. Sie stand ursprünglich in der Waldauf-Kapelle der Stadtpfarrkirche Hall. 1957 wurde die Orgel mit Landesmitteln erworben und nach der Instandsetzung im Jahr 1961 in St. Korbinian, Assling in Osttirol, aufgestellt, aber bereits 1969 in die Pfarrkirche Lans überstellt. Auf Grund des dortigen Orgelneubaus kam die Salve-Orgel 2024 in den Besitz des Stifts Wilten. Sie wurde 2024 durch Henrik Ahrend restauriert.

Der in der Literatur genannte Name Salve-Örgele deutet auf das Salve Regina hin, das in der von Florian Waldauf gestifteten Waldauf-Kapelle gemäß dem Haller Heiltumbuch der Stiftung jeden Abend gesungen werden musste. Die Orgel steht der Herz-Orgel gegenüber auf einer Empore auf der rechten Seite des Presbyteriums. Die gleiche Stimmung (Viertelkomma-Mitteltönige Stimmung) und dieselbe Stimmtonhöhe erlaubt das doppelchörige Zusammenspiel mit der Herz-Orgel.

Manualwerk CDEFGA–c3 1. Copel 8′ 2. Fleten 4′ 3. Octav 2′ 4. Quint ′ (Fortsetzung) 5. Principal 1′ 6. Cimbl ′ Kanaltremulant Pedalwerk CDEF–fis0 7. Subbass 16′

Chororgel Im Zuge der Generalsanierung erhielt die Stiftskirche 2008 zwei neue Orgeln. Die Chororgel wurde von der Orgelmakerij Reil (Heerde/NL) erbaut. Das Instrument steht gegenüber dem Abtchorstuhl mittig am südlichen Wandpfeiler des Presbyteriums. Das Hauptgehäuse ist flach gehalten, die Trakturen sind teilweise im Boden versenkt, die Balganlage in einem Schrank in dem Flur hinter dem Chorgestühl. Das Instrument hat 14 Register auf zwei Manualen und Pedal.

I Rückpositiv C–f3 1. Coppel 8′ 2. Traversflöte 8′ 3. Flöte 4′ 4. Waldflöte 2′ Tremulant II Hauptwerk C–f3 5. Gedackt 8′ 6. Viola di Gamba 8′ 7. Principal 4′ 8. Quinte 3′ 9. Octave 2′ 10. Mixtur II–III 1′ 11. Cornett IV 4′ 12. Regal 8′ Pedalwerk C–d1 13. Subbass 16′ 14. Gedackt 8′ Koppeln: Manualschiebekoppel, Pedalkoppeln als Züge

Hauptorgel Die große Festorgel mit 53 Registern wurde 2008 von Verschueren Orgelbouw (Heythuysen/NL) errichtet. Die Konzertorgel hat 53 Register und ein Nebenregister auf drei Manualen und Pedal.Nähere Informationen zur

I Rückpositiv C–g3 1. Prestant 8′ 2. Holpijp 8′ 3. Octaaf 4′ 4. Roerfluit 4′ 5. Nasard 3′ 6. Superoctaaf 2′ 7. Fluit 2′ 8. Terts ′ 9. Sesquialter II 10. Mixtuur IV 11. Dulciaan 16′ 12. Trompet 8′ 13. Cromhoorn 8′ Tremulant II Hauptwerk C–g3 14. Prestant 16′ 15. Prestant 8′ 16. Roerfluit 8′ 17. Viola di Gamba 8′ 18. Octaaf 4′ 19. Fluit 4′ 20. Quint 3′ 21. Superoctaaf 2′ 22. Cornet V8′ 23. Mixtuur V 24. Cymbel III 25. Fagot 16′ 26. Trompet 8′ 27. Trompet 4′ Nachtigall III Oberwerk C–g3 28. Bourdon 16′ 29. Prestant 8′ 30. Holpijp 8′ 31. Quintadeen 8′ 32. Unda maris 8′ 33. Octaaf 4′ 34. Fluit travers 4′ 35. Nasard 3′ 36. Fluit 2′ 37. Terts ′ 38. Flageolet 1′ 39. Mixtuur III 40. Hautbois 8′ 41. Vox humana 8′ Tremulant Pedalwerk C–f1 42. Prestant 16′ 43. Subbas 16′ 44. Quint 12′ 45. Octaaf 8′ 46. Bourdon 8′ 47. Quint 6′ 48. Octaaf 4′ 49. Mixtuur V 50. Bazuin 16′ 51. Fagot 16′ 52. Trompet 8′ 53. Trompet 4′