miniatur|Frühe Illustration von Hermann Wögel zu MS. Found in a Bottle MS. Found in a Bottle (deutsche Titel u. a.: Das Manuskript in der Flasche, Die Flaschenpost oder Manuskript in Flasche gefunden) ist Edgar Allan Poes zweite Kurzgeschichte und die erste, mit der er Geld verdienen konnte: 1833 gewann Poe mit ihr den ersten Preis eines Schreibwettbewerbs der Zeitung Baltimore Saturday Visiter. Zusammen mit The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket und A Descent into the Maelström ist sie Teil von Poes Seefahrergeschichten in der Tradition von Samuel Taylor Coleridges Der alte SeemannRichard Gravil/Molly Lefebure (Hrsg.): The Coleridge Connection: Essays for Thomas McFarland. Humanities-Ebooks, Penrith 2007, S. 242.Zur Technik: Margaret Alterton: Origins of Poe's Critical Theory. Severus Verlag, Hamburg 2011. ND der englischen Ausgabe von 1925, S. 22.Zur kontinuierlichen Verwendung des Motivs: Eberhard Schmitt: Indienfahrer 2. Seeleute und Leben an Bord im ersten Kolonialzeitalter (15. bis 18. Jahrhundert) Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2008, S. 190.

Inhalt Der namenlose Ich-Erzähler hebt mit einer der für Poe typischen umfangreichen Vorreden an: „Von meiner Heimat und meiner Familie weiß ich wenig zu sagen. Schlimme Erfahrungen und die Länge der Jahre haben mich aus der einen vertrieben, der anderen entfremdet. Ererbter Reichtum verschaffte mir eine ungewöhnliche Bildung, und meine nachdenkliche Sinnesart setzte mich in den Stand, die Schätze des Wissens, die mir durch mein Studium von Jugend auf erworben hatte, in methodische Ordnung zu bringen.“ Doch begründete er den darauffolgenden seitenlangen Exkurs damit, dass die unglaubliche Geschichte, die er zu erzählen habe, „nicht so sehr als das Faseln einer rohen Einbildungskraft erscheint, sondern vielmehr als die positive Erfahrung eines Menschen, dem phantastische Träumereien immer nur ein wesensloses Geschwätz und Nichtigkeiten bedeutet haben.“Edgar Allan Poe: Der Mord in der Rue Morgue und andere Erzählungen. Buch und Zeit Verlagsgesellschaft, Köln o. J., ISBN 3-8166-0090-5, S. 69. Er beschreibt den Aufbruch zu einer Seereise im Jahre 18.., die ihn auf einem Lastensegler von etwa 400 Tonnen von Batavia auf der Insel Java zum Sunda-Archipel führen soll. Unterwegs gerät das Schiff zuerst in eine Windstille, dann in einen furchtbaren Sturm; die erste Welle bricht mit der Plötzlichkeit eines Tsunamis über das Schiff herein und zerstört Masten und Takelage. Nur ein Schwede und der Erzähler überleben. Das Wrack wird ständig weiter nach Süden getrieben, bis es in die südliche Polarnacht gerät und in dieser mit einem riesigen Schiff von rund 4.000 Tonnen zusammenprallt, auf das der Erzähler hinübergeschleudert wird. Er versteckt sich vor der Mannschaft im Schiffsbauch, entdeckt dann aber, dass die uralten und gebrechlichen Seeleute ihn nicht bemerken wollen. Er kann sich gefahrlos unter ihnen bewegen, kann sich auch Schreibzeug besorgen und so das Manuskript fortsetzen, das er als Flaschenpost absetzen will. Immer höhere Eisberge tauchen auf, das Schiff hat trotz des Sturms alle Segel gesetzt und ist so schnell, dass es sich manchmal übers Wasser in die Luft erhebt. So nähert es sich einem Abgrund, den der Erzähler mit einem Amphitheater vergleicht, und schießt in ihn hinab: „Enger und enger werden die Kreise – wir tauchen rasend in des Strudels Umarmung – und unter dem Heulen und Brüllen und Donnern von Sturm und Meer geht ein Schauder durch das Schiff – und, o Gott! – es sinkt.“Edgar Allan Poe: Der Mord in der Rue Morgue und andere Erzählungen. Buch und Zeit Verlagsgesellschaft, Köln o. J., ISBN 3-8166-0090-5, S. 80.

Deutung Poes Vorrede ist, gemessen an seiner Biographie, zugleich wahr und unwahr; denn in der Tat wurde er von der Familie, in der er aufwuchs, schlecht behandelt und hat sich ihr und seiner Heimatstadt Richmond entfremdet. Aber geerbt hat er nicht einen Cent. Sein familiärer Hintergrund vermag sich jedoch durch seinen zwei Jahre zuvor verstorbenen älteren Bruder, William Henry Leonard, geäußert haben, den er für dessen Seereisen bewunderte und der ebenfalls Gedichte und Geschichten verfasst hatte.Deborah Schultz: Marcel Broodthaers: Strategy and Dialogue. Peter Lang Verlag, Oxford u. a. 2007, S. 215. Auch wenn viele weitere Geschichten Poes im weitesten Sinne „Seemannsgeschichten“ sind, schöpft er seine Beschreibung der See nur in Teilen aus authentischer Erfahrung: „Except for a few passages indicating some knowledge of seamanship, the sea in Poe’s work is a poetic construct conjured largely from literary and imaginative sources.“Patricia Ann Carlson (Hrsg.): Literature and Lore of the Sea. Rodopi/Humanities Press, Amsterdam/Atlantic Highlands, N.J., 1986, S. 177.Vgl. Brett Zimmerman: Edgar Allan Poe: Rhetoric And Style. McGill-Queen's University Press, Montreal 2005, S. 259.

Zwei der beliebtesten literarischen Stoffe seiner Kindheit weisen ebenfalls Parallelen zur Handlung auf: Daniel Defoes Robinson Crusoe und Samuel Coleridges The Rime of the Ancient Mariner.James M. Hutchisson: Poe. University Press of Mississippi, Jackson 2005, S. 39. miniatur|The Flying Dutchman von Albert Pinkham Ryder, Smithsonian American Art Museum, Washington, D.C.

Die Erzählung reflektiert zum einen die Sage vom Fliegenden Holländer,Stuart Levine, Susan F. Levine (Hrsg.) The Short Fiction of Edgar Allan Poe: An Annotated Edition. University of Illinois Press, Urbana 1990, S. 622. zum anderen die von John Cleves Symmes jun. aufgestellte Theorie der hohlen Erde:Hans Richard Brittnacher: Monster im Packeis. In: Achim Geisenhanslüke, Georg Mein (Hrsg.): Monströse Ordnungen: Zur Typologie und Ästhetik des Anormalen. transcript Verlag, Bielefeld 2009, S. 103–124, hier: S. 117.Edgar Allan Poe: Thirty-Two Stories. Hrsg. und kommentiert von Stuart Levine u. Susan F. Levine, Hackett Publishing, Indianapolis 2000, S. 16.Edgar Allan Poe: The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket, and Related Tales. Hrsg. und eingeleitet von J. Gerald Kennedy, Oxford University Press, Oxford S. XVI. Die Erde sei hohl und habe an Nord- und Südpol Öffnungen, in die sich der Ozean strudelartig hineinergösse. Beide Motive werden von Poe zu einer Symphonie der Angst zusammenkomponiert. Auch in der kurzen Nachrede verweist Poe indirekt auf die Theorie der hohlen Erde: „Erst viele Jahre später wurde ich mit den Karten von Mercator bekannt, auf denen sich der Ozean in vier Mündungen in den nördlichen Polargolf stürzt und von den Eingeweiden der Erde verschluckt wird. Der Pol selbst ist durch einen schwarzen Felsen dargestellt, der sich zu ungeheurer Höhe auftürmt.“Edgar Allan Poe: Der Mord in der Rue Morgue und andere Erzählungen. Buch und Zeit Verlagsgesellschaft, Köln o. J., ISBN 3-8166-0090-5, S. 80.

In welcher Form Poe die Legende vom Fliegenden Holländer kennengelernt hat, ist unbekannt, möglicherweise durch eine Übersetzung von Wilhelm Hauffs Gespensterschiff. Wer sich auf die Suche nach Symbolen begibt, wird um die beiden Schiffe und deren bauchige Weiblichkeit, in der der Ich-Erzähler Geborgenheit sucht, nicht herumkommen: Beim Tod seiner Mutter wurde Poe im wörtlichsten Sinne von der leiblichen zur Ziehmutter hinübergeschleudert, nur um in der Welt der letzteren in die Katastrophe der endgültigen Verwaisung zu schliddern. Somit erklärt sich auch seine Begründung für sein Versteck: „Ich war nicht gewillt, mich Wesen anzuvertrauen, die, wie schon ein flüchtiger Eindruck zeigte, soviel Fremdartiges, Zweifelhaftes und Beängstigendes an sich trugen.“Edgar Allan Poe: Der Mord in der Rue Morgue und andere Erzählungen. Buch und Zeit Verlagsgesellschaft, Köln o. J., ISBN 3-8166-0090-5, S. 75. Wie die Flaschenpost einem Strudel entgangen sein soll, der ein ganzes Schiff verschlang, wird von Poe nicht erklärt.

Jutta Ernst sah in der Erzählung weniger eine fiktive Reiseerzählung als vielmehr in der eindringlichen Schilderung von „Orientierungsverlust und chaotischer Raumerfahrung“ im Verwandlungsraum und Verwirrungsraum, bei der der Erzähler konzeptuelle Schwierigkeiten bekommt das Erfasste zu formulieren, „eher die Beschreibung einer geistigen Entdeckungsfahrt, „the positive experience of a mind“ (..), wie der Erzähler zu Beginn formuliert.“Jutta Ernst: Edgar Allan Poe und die Poetik des Arabesken. (= Saarbrücker Beiträge zur vergleichenden Literatur- und Kulturwissenschaft, 3; Zugl.: Saarbrücken, Univ., Diss., 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1996, ISBN 3-8260-1244-5, S. 98. Am stärksten komme diese Entwicklung in Poes vier Jahre später veröffentlichten Roman Der Bericht des Arthur Gordon Pym zum Ausdruck.

Poe selbst vertraute ähnlich wie John Keats absolut auf die menschliche Vorstellungskraft und das Potenzial der Sprache, war sich aber auch dessen bewusst, dass er damit womöglich seine Leserschaft überfordern würde. Daher wählte er die Verschlüsselung der Flaschenpost und durch Einleitung des anonymen Erzählers, um gewissermaßen den Rahmen für die Erfassung der Geschichte zu ermöglichen: „Moving beyond all fixed codes, in search for the origins of language itself, it involved the discovery of something that might not, in the last analysis, be capable of being shared.“Seymour Betsky: Doodling America: Poe's „Ms. Found in a bottle“ In: Robert Druce, Seymour Betsky (Hrsg.): A Centre of Excellence: Essays Presented to Seymour Betsky. Rodopi, Amsterdam 1987, S. 15.

Für die äußerst phantasievollen Beschreibungen des ungenannten Erzählers fand May eine radikalere Deutung, indem er auf die ursprüngliche Ladung des Handelsschiffs (unter anderem Opium und Palmzucker) verwies, von denen dieser sich laut eigenem Bekunden nach dem Schiffbruch ernährt habe: „For five entire days and nights — during which our only subsistence was a small quantity of jaggeree, procured with great difficulty from the forecastle (…)“Originaltext, S. 115. Daraus folgerte May: „we perhaps have the immediate answer as to why the narrator’s perception and his discription of his experience change radically after the consuming small quantities of such a diet.“Charles E. May: Edgar Allan Poe. A Study of the Short Fiction. Twayne, Boston 1991, S. 24.

Rezeption Die Herausgeber, die Das Manuskript in der Flasche erstmals veröffentlichten, nannten es in Superlativen „eminently distinguished by a wild, vigorous and poetical imagination, a rich style, a fertile invention, and varied and curious learning.“Dawn B. Sova: Edgar Allan Poe: A to Z. Checkmark Books, New York City 2001, ISBN 0-8160-4161-X, S. 162.

Schriftstellerkollege Joseph Conrad, dessen Erzählung Herz der Finsternis ebenfalls die Reise in unbekannte Zonen als Symbol der Selbstfindung verwendete, betrachtete später die Kurzgeschichte als etwas „as fine as anything of that kind can be-so authentic in detail that it might have been told by a sailor of sombre and poetical genius in the invention of the fantastic.“. Der Poe-Fachmann Scott Peeples fasste die Bedeutung der Erzählung darin zusammen, dass sie maßgeblich Poes schriftstellerische Karriere initialisiert habe.Scott Peeples: Edgar Allan Poe Revisited. Twayne Publishers, New York 1998, ISBN 0-8057-4572-6, S. 46.