Theorie des Partisanen. Zwischenbemerkung zum Begriff des Politischen ist der Titel einer 1963 erschienenen Veröffentlichung des deutschen Staatsrechtlers und politischen Philosophen Carl Schmitt.
Schmitt aktualisiert und erweitert seine frühere Untersuchung zum Begriff des Politischen, auf die er im Untertitel Bezug nimmt. Er stellt dar, welche Auswirkungen der Kalte Krieg und die Massenvernichtungswaffen auf das Verständnis von Politik, Feindschaft und Krieg haben. An der Entwicklung des Partisanen, der durch Irregularität, Mobilität, politisches Engagement und einen tellurischen Charakter bestimmt sei, zum Aktivisten, zeige sich die Entstehung einer neuartigen „absoluten Feindschaft“, die angesichts der Technik des modernen Kriegs den Menschen als solchen negiere und vernichte.
Entstehungsgeschichtlicher Hintergrund Nach dem Verlust seines Lehrstuhls 1945 aufgrund seiner Zuarbeit für die Nationalsozialisten begann Schmitts zweite Schaffensphase, in deren Mittelpunkt sein 1950 erschienenes zweites Hauptwerk Der Nomos der Erde steht, in dem er die völkerrechtsgeschichtliche Summe seiner Kriegserfahrungen zog. Im Jahre 1963 veröffentlichte Schmitt im Berliner Duncker & Humblot Verlag seine aus zwei 1962 in Spanien gehaltenen Vorträgen entstandene Abhandlung zur Theorie des Partisanen. Schmitt weist bereits im Vorwort dieses Werkes ausdrücklich auf dessen skizzenhaften Charakter, ja seine „anspruchslose Form einer Zwischenbemerkung“ hin. Schmitt nutzt den sich aus der ExotikZur Exotik des von Schmitt gewählten Themas vgl. Marcus Llanque, Ein Träger des Politischen nach dem Ende der Staatlichkeit: Der Partisan in Carl Schmitts politischer Theorie, S. 61. In: Herfried Münkler (Hrsg.), Der Partisan, 1990. seines vordergründigen Themas ergebenden Freiraum, um sich vor dem damaligen Hintergrund des Kalten Krieges seinem eigentlichen Hauptinteresse zuzuwenden, der Differenzierung der Begriffe „Freund“ und „Feind“ – der beiden Kategorien, aus deren Unterscheidung er erst den eigentlichen Begriff des Politischen erwachsen sieht.
Die vier charakteristischen Kennzeichen des Partisanen Schmitts Erkenntnisinteresse an der Figur des Partisanen ist rein theoretischer Natur. Er sieht ihn als das letzte wirklich politische Wesen der Gegenwart, das sich einer Subsumtion unter die traditionellen politischen Strukturen verweigert und dadurch als neuer, eigenständiger politischer Typus etabliert. Diese Eigenständigkeit versucht Schmitt anhand von vier charakteristischen Kennzeichen aufzuzeigen, die er jedoch nicht aus einer empirischen Aufbereitung historischen Materials gewinnt, sondern als reine Prämissen verwendet, um so das Fundament seiner Theorie zu schaffen.
Irregularität
Unter Irregularität subsumiert Schmitt die äußere Form der partisanischen Kriegführung, in der dem einzelnen Partisanen gerade nicht die Legitimation des gemeinen Soldaten zugutekommt, da er gegen alle Konventionen des Kriegsvölkerrechts verstößt.
Gesteigerte Mobilität
Unter dem Begriff der gesteigerten Mobilität fasst Schmitt die den objektiv militärisch-technischen Wert des Partisanen ausmachende taktische Bewegungsfreiheit zusammen.
Intensität
Das Kennzeichen der Intensität drückt das gesteigerte politische Engagement aus, welches den Partisanen von anderen Kämpfern unterscheidet – eine innere Haltung, die in einer unbedingten Einsatzbereitschaft sowie einer außergewöhnlichen „Kampfmoral“ zum Ausdruck kommt.
Tellurischer Charakter
Die Erd- und Heimatverbundenheit des Partisanen soll in dem Kennzeichen des tellurischentellurisch – die Erde betreffend, von ihr stammend; vgl. Wiktionary: tellurisch. Charakters zum Ausdruck kommen, den Schmitt als notwendig erachtet, um die prinzipiell defensive Haltung des Partisanen zu begründen, d. h. die Begrenzung seiner Feindschaft, welche ihn vom exportierbaren Terroristen unterscheidet.
Die Vereinnahmung des Partisanen Um die Entwicklung vom „defensiv-autochthonen Verteidiger der Heimat“ zum „weltaggressiven, revolutionären Aktivisten“ zu erläutern, beschreibt Schmitt die Entwicklung der Theorie vom „konventionellen“ über den „wirklichen“ zum „absoluten Feind“ als eine revolutionäre Verwendung ursprünglich preußischer Gedanken in einer gedanklichen Linie von Carl von Clausewitz über Friedrich Engels und Lenin zu Josef Stalin und Mao Zedong.
Während Clausewitz zwar den Kriegsbegriff erweitert habe, jedoch gedanklich im Rahmen der Staatlichkeit verblieben sei, sei es Lenin laut Schmitt gelungen, den Krieg seiner Fesselung durch zwischenstaatliche Hegung teilweise zu entziehen, indem er den konventionellen zum revolutionären Kriegsbegriff fortentwickelte. Für Lenin stelle der Krieg sich eben nicht mehr als Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Staaten im Rahmen des klassischen Völkerrechts dar, sondern als der „revolutionäre Parteien-Krieg des internationalen Klassenkampfes“. Schmitt impliziert an dieser Stelle recht eindeutig, dass Lenin den zwischenstaatlichen Krieg in sein politisches Instrumentarium aufgenommen habe, da er in ihm einen geeigneten Boden für sich entwickelnde Revolutionen sah.
Lenin war nach Schmitt daher auch der erste, der den Partisanen als eine wichtige Figur des internationalen Bürgerkriegs begriff und daher für seine Zwecke zu instrumentalisieren suchte. Lenin verwirklichte laut Schmitt „Das Bündnis der Philosophie mit dem Partisanen“, indem er das Kennzeichen der „Irregularität“ von seinem ursprünglichen Inhalt als Modus Vivendi der Kriegführung hin zur prinzipiellen Infragestellung bestehender gesellschaftlicher Ordnung erweiterte.
Stalins Konzept des „Großen Vaterländischen Krieges“ habe es dann ermöglicht,
...die wesentlich defensive, tellurische Kraft der patriotischen Selbstverteidigung ... mit der Aggressivität der internationalen Kommunistischen Weltrevolution zu verbinden. Die Verbindung dieser beiden heterogenen Größen beherrscht den heutigen Partisanenkampf auf der ganzen Erde.
Mao schließlich sei die vollständige Integration des Partisanen gelungen, indem er seine Erfahrungen aus zwei Jahrzehnten Partisanenkampf auf heimischem Boden in ein Bauernmilieu verpflanzte und dort auf neue Art weiterentwickelte. Daher sei seine Revolution tellurischer fundiert als die Lenins.
Die Entwicklung des Feindbildes und ihre Bedeutung im Kalten Krieg Der Wandel des Feindbildes Im Rahmen seiner Ausführungen zur schrittweisen Vereinnahmung des Partisanen durch „aggressive, weltrevolutionäre Kräfte“ geht Schmitt auf die damit einhergehende Veränderung des partisanischen Feindbildes ein. Das Feindbild als eigentliche Grundlage der Theorien Schmitts liefert zugleich die Grundlage zur Erkenntnis eines sich radikal fortentwickelnden Kriegsverständnisses. Laut Schmitt hatte sich im Verlauf der Kabinettskriege des 18. Jahrhunderts eine so starke Regelhaftigkeit der Kriegführung herausgebildet, dass „der Feind als ein bloß konventioneller Feind zum Gegenspieler eines Kriegsspiels wurde“. Die künstliche Trennung des Völkerrechts zwischen Erklärung und Ausführung der Feindschaft betrachtet Schmitt als seltene Errungenschaft der europäischen Menschheit, da durch sie „der Verzicht auf Kriminalisierung des Kriegsgegners, also die Relativierung der Feindschaft, die Verneinung der absoluten Feindschaft“ ermöglicht worden sei.
In der historischen Figur des Partisanen im Spanischen Bürgerkrieg trat nach Schmitt die Kategorie der wirklichen Feindschaft erneut in Erscheinung. Als einer der entscheidenden Eckpunkte in Schmitts Theorie des Partisanen dient sie zur Unterscheidung zwischen dem autochthon-tellurisch fundierten Partisanen mit grundsätzlich defensiver Grundposition und dem revolutionär-aggressiven Aktivisten des Weltbürgerkrieges, der als primäres Ziel nicht mehr die Verteidigung nationalen Bodens im Blick habe, sondern die Vernichtung des Klassenfeindes im Rahmen des internationalen Bürgerkrieges.
Anknüpfend an Lenins Unterscheidung von Woina (Krieg) und Igra (Spiel) folgert Schmitt, dass für Lenin nur revolutionärer Krieg wahrer Krieg sei, weil er aus absoluter Feindschaft entspringt. Alles andere sei konventionelles Spiel. So „wurde der Krieg zum absoluten Krieg und der Partisan wurde zum Träger der absoluten Feindschaft gegen einen absoluten Feind“.
Auch in Mao erblickt Schmitt noch einen Vertreter der wirklichen Feindschaft. Am Beispiel Maos schildert er, weshalb die wirkliche Feindschaft auch im Kalten Krieg fortdauere: Dieser ist demnach nicht etwa halber Krieg und halber Friede, sondern eine der Lage der Dinge angepaßte Bestätigung der wirklichen Feindschaft mit anderen als offenen gewaltsamen Mitteln.
Der technische Aspekt des Partisanentums Als entscheidendsten Aspekt seiner Betrachtung des modernen Partisanentums betrachtet Schmitt den der Technik. Ausgehend von der Tatsache, dass der moderne Partisan an den Fortschritten von Wissenschaft und Technik unmittelbar teilhat und in einem sich ständig verändernden Umfeld operiert, kommt Schmitt zu mehreren Folgerungen:
Auch wenn er am grundsätzlich tellurischen Charakter des Partisanen weiter festzuhalten sucht, räumt er doch ein, dass die Steigerung der partisanischen Mobilität zu einer völligen „Entortung“ des einzelnen irregulären Kämpfers führen könne, so dass er seinen tellurischen Charakter verliere und „nur noch das transportable und auswechselbare Werkzeug einer mächtigen, Weltpolitik treibenden Zentrale“ sei, ein Techniker des unsichtbaren Kampfes in der Situation des Kalten Krieges.
Vor dem Hintergrund der Verfügbarkeit nuklearer Massenvernichtungsmittel fragt Schmitt nach der Zukunft des Partisanen und entwickelt hierbei verschiedene Szenarien: Das erste, rein technisch-optimistische einer technisch durchorganisierten Welt ohne die „alten, feudal-agrarischen Formen und Vorstellungen von Kampf und Krieg und Feindschaft“, in dem der Partisan sich aufgrund tiefgreifender struktureller Wandlungen einfach überlebt hätte, lehnt er ab. Der Grund dieser Ablehnung ist zum einen Schmitts negative Anthropologie, zum anderen die Annahme, dass es dem Partisanen gelingen werde, sich seiner gewandelten technisch-industriellen Umwelt anzupassen und zu einer neuen Form des irregulären Kämpfers weiterzuentwickeln. Diese neue Form kennzeichnet Schmitt mit dem Begriff des Industriepartisanen. Im Rahmen seines Fortschrittspessimismus zeigt er die Möglichkeit auf, dass sich ein solcher Industriepartisan modernster konventioneller wie nichtkonventioneller Vernichtungsmittel bemächtigen könnte. Das atomare Gleichgewicht der Weltmächte ermögliche den Massenvernichtungsmittel einsetzenden irregulären Kämpfer, der in einem begrenzten, in Umfang und Intensität durch die Weltmächte kontrollierten Rahmen weiterhin irregulär tätig würde. In seinem radikalpessimistischen Tabula-rasa-Szenario entwickelt Schmitt als logische Konsequenz seines vorherigen Gedankens die Notwendigkeit, schon jetzt den post-atomaren Kämpfer auszubilden, der nach einem Atomkrieg in der Lage sei, in der von Bomben verwüsteten Zone sofort die Bombentrichter zu besetzen und das zerstörte Gebiet zu okkupieren. In Anspielung auf seine Nomos-Theorie stellt Schmitt fest, dass „[...] eine neue Art von Partisan der Weltgeschichte ein neues Kapitel mit einer neuen Art von Raumnahme hinfügen“ könne. Den zu seiner Zeit aktuell werdenden Raumfahrtwettlauf der beiden Supermächte nutzt er, um seine Nomos-Überlegungen in den interplanetarischen Raum auszuweiten und die theoretische Möglichkeit zukünftiger Kosmopartisanen aufzuzeigen.
Der interessierte Dritte