mini|Ramses II. Regierungszeit 1279–1215 v. Chr., Museo Egizio, Turin.

Herrscherbilder repräsentieren eine Einzelperson, die an der Spitze eines Staatswesens steht. Sie definieren die Person des Herrschers als Amtsträger, als Träger eines göttlichen Auftrags, und sie können auf die Bestätigung eines Herrschaftsanspruchs zielen.Martin Warnke: Herrscherbildnis. In: Handbuch der politischen Ikonographie. Band 1, München 2011, S. 481.

Es ist die Funktion des Bildes, die Position und die Bedeutung des betreffenden Herrschers oder auch seine Zugehörigkeit zu einer Dynastie visuell zu vermitteln. Das Bildnis kann in Abwesenheit des Herrschers als Stellvertreter eingesetzt werden, dem Bildnis gebührt dann die gleiche Ehre wie dem Herrscher selbst.Warnke: Herrscherbildnis. 2011, S. 483. Das Bildnis kann einen Verewigungswunsch enthalten und auf die Verankerung eines bestimmten, autorisierten Bildes im Gedächtnis der Nachwelt zielen.

Die Art der Darstellung wechselt im Laufe der Geschichte, konstant bleibt jedoch die Erkennbarkeit des Herrschaftsanspruchs, der anhand von Herrschaftszeichen oder Symbolen für eine göttliche Legitimation visualisiert wird. Individuelle Züge der Person sind nicht Ziel der Darstellung, sie treten zugunsten einer Idealisierung zurück und werden erst seit dem Mittelalter stärker berücksichtigt.

Dargestellt werden die Herrscher stehend, auf dem Thron sitzend, seit dem Vorbild von Marc Aurel als Reiterstandbild sowie als Büste, im Profil auf Münzen oder in der Neuzeit auf Briefmarken. Ausgestattet sind sie in der Regel mit ihren Macht- und Amtsinsignien.

Herrscherbilder sollen den Porträtierten in einer bestimmten Art zeigen, sei es, um sein Äußeres zu idealisieren, dem aktuellen Empfänger oder der Nachwelt ein positives „Image“ nahezubringen oder um eine bestimmte politische Botschaft zu vermitteln. Wie Peter Burke es formuliert, ist die Genese eines Herrschaftsporträts .Peter Burke: Augenzeugenschaft. Berlin 2010, S. 29.

Formen Herrscherbilder gibt es als Gemälde oder Skulpturen, die sich wiederum in verschiedene Kategorien untergliedern lassen:

Porträt (Kopfbild) Büste Halbfigur, Ganzfigur, Sitzfigur (Thronbild) Gruppenbild, Familienbild Reiterbildnis, Reiterstandbild

Ikonografie Pose und Gesten eines Herrschers folgen bestimmten gesellschaftlichen oder kunsthistorischen Konventionen, ebenso wie die Wahl von Hintergrund und Accessoires, die häufig zu Trägern symbolischer Bedeutungen werden.

Zu typischen Accessoires zählen die Herrschaftsinsignien Krone, Zepter, Globus und Zeremonialschwert, das Ornat, der Thron, der Ehrenbaldachin, der sich im Laufe der Zeit in den roten Ehrenvorhang wandelt, vor dem Könige und Machthaber posieren. Säulen symbolisieren Stärke, römische Antiken oder tempel- oder triumphbogenartige Architekturen stellen einen Zusammenhang mit Rom her, idyllische Panoramalandschaften weisen auf das Blühen und Gedeihen des regierten Landes hin, durch die Zugabe allegorischer Figuren kann an Eigenschaften, Tugenden, und Leistungen des Präsentierten angespielt werden, auf seine Weisheit und Gerechtigkeit, auf Reichtum und Überfluss, Eintracht und Frieden, auf Siege über Städte und Völker. Augustus von Primaporta wird z. B. von Eros begleitet, möglicherweise als Anspielung auf Venus, von der die Julier abstammen sollen. Sein Panzer zeigt neben einer Reihe olympischer Götter auch Personifikationen unterworfener oder tributpflichtiger Völker. Auf Philippe de Champaignes Porträt Ludwigs XIII. nach dem Sieg bei La Rochelle wird der König von der Siegesgöttin Viktoria mit Lorbeer bekrönt.Abbildung

Der Herrscher zu Pferd weist auf seine Fähigkeit hin, Gewalt zu zügeln und ein Land mit geschickter Hand zu regieren.

Geschichte mini|Narām-Sîn-Stele, Detail; Narām-Sîn ist bewaffnet und trägt eine Hörnerkrone

Mesopotamien, Ägypten Herrscherbilder aus Sumer und Ägypten sind seit dem 4.–3. Jahrtausend vor Christus erhalten. Ein frühes sumerisches Beispiel ist die Stele des Naram-Sîn/Suen aus dem 3. Jahrtausend vor Christus. Der König, der an Körpergröße die besiegten Feinde übertrifft, trägt eine Hörnerkrone, die ein Zeichen übernatürlicher Macht ist und im Alten Orient nur den Göttern zustand.Jürg Eggler: Hörnerkrone

In großer Zahl erhalten sind Gudea-Statuen, die den Stadtfürsten der sumerischen Stadt Lagaš repräsentieren. Gudea wird stehend oder sitzend dargestellt, in der Pose eines Betenden und mit einem überproportional großen Kopf, entweder kahl oder mit einem kronenartigen Kopfschmuck.Seated Statue of Gudea, The Metropolitan Museum of Art. Diese Statuen wurden von Gudea selbst in Auftrag gegeben und vertraten den Herrscher in den Tempeln, die er hatte erbauen lassen und die gelegentlich auf der Skulptur aufgelistet sind.

In der hethitischen Kunst werden Könige sowohl auf Flachreliefs als auch in voller Körpergröße vollplastisch dargestellt. Der König trägt entweder seine Amtstracht wie Mantel und Zepter oder auch Bogen und Lanze, Schwert und eine spitze oder kalottenförmige Mütze.

In Ägypten wurden Königsstatuen seit etwa 3000 v. Chr. hergestellt. Die erste lebensgroße Statue eines Pharao stammt aus dem Serdab der Djoser-Pyramide. König Djoser thront auf einem Lehnsessel, er trägt eine mächtige Perücke mit Nemes-Kopftuch, den Zeremonialbart und ein Zepter in der rechten Hand. Zwei Löcher in der Grabkammer ermöglichten dem Pharao einen Blick auf den Hof, um die für ihn durchgeführten Rituale zu beobachten. Königsstatuen in Totentempeln dienten zunächst dem Fortleben des Königs im Totenreich. Seit dem Mittleren Reich finden sich Herrscherbilder auch als Repräsentation der Königsmacht in Göttertempeln und seit dem Neuen Reich als Kolossalstatuen vor Pylonen. Ausgestattet ist der König jeweils mit Herrschaftsinsignien oder Zeichen religiöser Symbolik, wie Tierschwanz, Phallustasche, Krummstab, Zepter, Geißel, Nemes-Kopftuch, Uräusschlange am Kopftuch, roter oder weißer Krone bzw. Doppelkrone.

Antike Im klassischen Griechenland wurden zwar gelegentlich Statuen und Büsten von Personen aufgestellt, die sich um die Polis verdient oder durch sportliche Leistungen ausgezeichnet hatten, Ehrungen durch lebensgroße Standbilder blieben aber in der Regel den Göttern vorbehalten. mini|Makedonischer Goldstater Vorbildlich und stilbildend für Münzprägungen überhaupt waren Münzen, die Philipp II. von Makedonien prägen ließ, und die auf der Retro-Seite das Profil der olympischen Götter Athene, Apollo, Zeus oder Herkules zeigen, auf der Verso-Seite häufig auch Attribute der Götter.

Alexander der Große ließ Münzen mit dem Bildnis von Athene, unter deren persönlichem Schutz er sich sah, prägen, die sich zur Leitwährung im gesamten Gebiet entwickelten und bis nach Mittel- und Nordeuropa nachgeahmt wurden.Ursula Kampmann: Die Münzen Alexanders III. des Großen von Makedonien. Nach seinem Tod statteten die Stempelschneider die Götterbilder immer deutlicher mit Alexanders Zügen aus. Münzen aus der Zeit der Diadochen zeigen häufig das Profil des jeweiligen Herrschers zusammen mit seinem Namen.

Während des Hellenismus nimmt der Brauch zu, Herrscher und andere Personen durch Aufstellung von Statuen im öffentlichen Raum zu ehren. Wurden Königreiche und Stadtstaaten integriert, war das Aufstellen von Herrscherporträts mit Ritualen begleitet, in denen ihnen „göttergleiche Ehren“ (isotheoi timai) erwiesen wurden.

Byzanz mini|Byzantinischer Solidus um 705; retro: Christus mit Kreuznimbus und Buch des Lebens, verso: Justinian I. mit Kreuz-Krone, Zepter und Globus mit aufgesetztem Doppelkreuz als Symbol für das (ost)römische Reich

In der byzantinischen Kunst steht der Herrscher in einen religiösen Kontext. In der Tradition byzantinischer Bildprogramme wird der Kaiser als Abbild Gottes in einen Zusammenhang mit der himmlischen Hierarchie interpretiert.Klaus Maria Girardet: Der Kaiser und sein Gott. Berlin 2010, S. 108. Münzen zeigen auf der Verso-Seite häufig das Bild Christi und auf der Retro-Seite den Kopf des jeweiligen Kaisers, der wie Christus auf der Vorderseite frontal dargestellt wird. Bildnisse des Kaisers werden in Byzanz in der Regel in einer typisierten und idealisierten Form hergestellt und außer in der Buchmalerei und über die Münzen auch auf Siegeln von Bullen, auf Schildern höherer Militärs oder auf dem Tablion des Chlamys verbreitet.Lexikon des Mittelalters. Band 1, München/Zürich 1989. Sie dienen damit der Repräsentation der Kaisermacht und seiner Memoria.

Herausragende, für Byzanz aber seltene Beispiele der Kaiserdarstellung sind die überlebensgroßen Mosaiken von Theodora und Justinian in der Kirche San Vitale in Ravenna, d. h. im westlichen und weniger bilderfeindlichen Teil des Oströmischen Reichs.

Das seit dem Ende des 3. Jahrhunderts in Rom etablierte Ritual, anlässlich der Einsetzung von Kaisern und Mitkaisern in Provinzen und Städte des Reichs Kaiserbilder zu versenden, wurde auch von Byzanz übernommen. So zeigt die 1891 aufgefundene Reiterschale aus Kertsch Kaiser Constantius II. als Triumphator zu Pferde. Bis ins 8. Jahrhundert schickte man von Byzanz aus Bilder des Kaisers nach Rom und an Herrscher an den Höfen der Franken und Germanen. Diese Bilder waren, wie es Quellen vom Konzil von Nizäa überliefern, enkaustische Tafeln.Claudia List, Wilhelm Blum: Sachwörterbuch zur Kunst des Mittelalters. Stuttgart 1996, S. 175.

Mittelalter mini|Augustalis Kaiser Friedrichs II., nach 1231 mini|links|hochkant|Dynastie der Salier, 12. Jh.

Herrscherbilder gibt es in karolingischer und ottonischen Zeit vor allem in der Buchmalerei. Typische Darstellungen sind der unter einem Baldachin oder in einer Mandorla thronende Herrscher, der Herrscher, der Huldigungen von tributpflichtigen Stämmen entgegennimmt, das Dynastiebild, das Dedikationsbild und die durch Christus vorgenommene Krönung. Dieses ursprünglich byzantinische Bildmotiv breitete sich in der Zeit der Ottonen nach Westen aus. Mit diesem Bildtypus wird ein Höhepunkt theokratischen Königtums dargestellt. Es visualisiert die höchstmögliche, eine von Gott erteilte Legitimation kaiserlicher Herrschaft, und es präsentiert gleichzeitig den Kaiser als Diener Gottes (servus dei).

Dedikationsbilder dokumentieren die Übergabe eines kostbaren, meist liturgischen Kodex durch den Vertreter eines Klosters, das seinerseits großzügige Schenkungen des Herrschers empfangen hat und ihm durch Gebete verbunden bleibt.Wolfgang Eric Wagner: Die liturgische Gegenwart des abwesenden Königs. Brill Academic Publ., 2010. Seit dem Konflikt zwischen Heinrich IV. und Gregor VII. verschwindet der Typ des von einem christozentrischen Verständnis geprägten Dedikationsbildes allmählich.Egon Boshof: Königtum und Königsherrschaft im 10. und 11. Jahrhundert. 3. Auflage. 2010, S. 115.

Die in den Kodizes enthaltenen Bilder war nur einer kleinen Anzahl ausgewählter Personen zugänglich. Eine weitere Verbreitung des Herrscherbildes fanden die Abbildungen auf Siegeln und Münzen, deren Ikonografie in der Regel antiken Vorbildern folgt.

Neuzeit mini|hochkant|Kaiser Maximilian I., Holzschnitt von Albrecht Dürer, 1518

Herrscherbilder dienen auch in der Neuzeit der Memoria des Auftraggebers, werden aber auch zu diplomatischen Zwecken eingesetzt. Seit der Erfindung des Buchdrucks und der erleichterten Produktion von Druckgrafik wird der Verbreitungsbereich von Herrscherbildern ausgedehnt. Breitere Bevölkerungsschichten können sich nun mit dem „Bild“, dem „Image“ ihres Souveräns und seiner Familie bekannt machen, so wie es der jeweilige Auftraggeber wünscht. Verbreitet wurden diese Bilder als Flugzettel, wie Dürers Porträt Kaiser Maximilians, das in hohen Auflagen produziert und immer wieder reproduziert wurde. Mancher Landesfürst ließ Martin Luthers Bibelübersetzung mit seinem Porträt als Frontispiz ausstatten, was neben dem Bekanntheitsgrad auch seine Sakralisierung förderte.Warnke: Herrscherbildnis. 2011, S. 485.

Renaissance, Barock