Die Jüdin von Toledo ist ein 1955 veröffentlichter historischer Roman von Lion Feuchtwanger, der in Deutschland auch unter dem Titel Spanische Ballade vertrieben wurde. Er erzählt die in die zeitgenössischen Chroniken eingegangene Legende der mehrjährigen Liebesbeziehung zwischen dem kastilischen König Alfons VIII. (1169–1214) und Raquel, der Tochter seines jüdischen Ministers Jehuda Ibn Esra. Unter den Bedingungen der Reconquista und nach dem Aufruf des Papstes zur Rückeroberung Jerusalems galt nicht nur den christlichen Zeitgenossen diese Beziehung als Gotteslästerung, die trotz aller Anfeindungen und Intrigen der Legende nach sieben Jahre andauerte.
Im Mittelpunkt der Figuren steht neben Alfonso und seiner Geliebten Raquel ihr einflussreicher Vater, der unter dem Vorwand der notwendigen ökonomischen Vorbereitung des Krieges alles unternimmt, um ihn gerade dadurch zu verzögern, wohl wissend, dass in Glaubenskriegen die jüdischen Gemeinden oft als erste ausgelöscht werden.
Übersicht Der König des christlichen Kastiliens, Alfonso VIII., muss nach einer militärischen Niederlage gegen den Emir von Sevilla seine Staatskasse füllen, um die Schäden zu ersetzen, die Reparationen zu zahlen – und den nächsten Angriff auf den muslimischen Süden Spaniens vorzubereiten. Zu diesem Zweck umwirbt er einen Berater seines Gegners, der seinen muslimischen Fürsten für den christlichen König verlässt. Der König ernennt den Kaufmann und Bankier Jehuda Ibn Esra zum obersten Kämmerer und Generalsteuerpächter. Er soll durch sein Geschick die Wirtschaft wieder aufbauen.mini|Iberische Halbinsel zur Zeit der Herrschaft der Almohaden, die zwischen 1147 und 1269 über weite Teile des Maghreb und von al-Andalus herrschten. Die Pfeile zeigen die Stoßrichtungen der christlichen Heere während der Reconquista; A = Aragón, C = Kastilien, L = León, N = Navarra, P = Portugal.
Nicht nur der jugendliche, impulsive, zu langfristigen Planungen unwillige König hasst die Abhängigkeit von diesem mediterran gut vernetzten Exponenten der diskriminierten Minderheit, sondern auch der Erzbischof von Toledo und die Vasallen des Königs. Die Kirche versucht die häufigen Fehden und Kriege des Adels gegeneinander in einen gemeinsamen Kampf zur Eroberung auch der südlichen Hälfte der Iberischen Halbinsel, in die Reconquista umzulenken. Zur Zeit der Handlung haben die christlichen Heere die Iberische Halbinsel schon etwa bis zur Hälfte, bis Madrid und Toledo, erobert.Die christlichen Könige werden seit dem ersten Kreuzzug 1096 n. Chr. immer wieder zur Eroberung islamisch beherrschter Gebiete unter rassistischen Vorzeichen gegen Muslime und Juden aufgerufen.
Der Jude Jehuda in dieser einflussreichen Position als Finanzminister ist sowohl für die Kirche eine Provokation als auch für die Vasallen des Königs, die Granden, die durch die vom König unterstützten Vorschläge Jehudas an Einfluss verlieren. Seine Wirtschaftspolitik fordert höhere Zahlungen an die Krone, unterstützt aber gleichzeitig Handel und Gewerbe, so dass sich die Staatskasse allmählich füllt. Jehuda vermehrt durch diesen Erfolg zwar auch seinen Reichtum und seine Macht, vor allem aber verzögert er durch seine wiederholten Ausführungen zu steigenden Kosten militärischer Aktionen, durch immer neue Projekte und durch die Verhinderung von militärischen Bündnissen den Beginn neuer kriegerischer Auseinandersetzungen. Denn sein eigentliches Ziel ist nicht, die Kriegsfähigkeit Kastiliens wiederherzustellen, sondern sie in einem gefährlichen Doppelspiel auf intelligente Weise zu hintertreiben: Seiner Erfahrung nach wurden in Glaubenskriegen die jüdischen Gemeinden immer die ersten Opfer von Pogromen.
In diesem komplizierten politischen Feld der Macht begegnet König Alfonso der jungen Raquel, Tochter Jehudas, der Legende nach Rahel la Fermosa genannt, die mit ihrer Schönheit, ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Offenheit großen Eindruck auf den König macht. Von Anfang an fasziniert ihn diese Andersartigkeit einer außergewöhnlich Frau der jüdischen Elite, mit der er zu schlafen begehrt. Er renoviert ein verfallenes Schloss vor den Toren Toledos, die Galiana, im maurischen Stil und presst Jehuda die Zustimmung ab, Raquel als seine Maitresse dort wohnen zu lassen. Für eine längere, der Legende nach siebenjährige Beziehung pendelt er zwischen diesem Liebesnest, seinen Aufgaben am Hof von Toledo und – gelegentlich – auch der Residenz seiner Ehefrau Dona Leonor in Burgos, hoch im Norden der Halbinsel. Raquel bekommt mit Alfonso einen Sohn, den Jehuda zur Verhinderung seiner christlichen Taufe im moslemischen Gebiet in Sicherheit bringen lässt.mini|Manessische Liederhandschrift (Codex Manesse) um 1320, die hier in einer idealisierten Miniatur den Dichter Hartmann von Aue († vermutlich zwischen 1210 und 1220) darstellt.Neue Ereignisse verstärken den christlicher Ruf nach Rache: Jerusalem wird von moslemischen Truppen eingenommen, der ruhmsüchtige Richard Löwenherz besteigt den englischen Thron und bereitet den nächsten, schließlich von ihm als Feldherrn geführten Kreuzzug vor. König Alfons will seinen Ruf als Vorbild christlicher Ritter mit einem militärischen Erfolg verteidigen und entschließt sich, Raquel und seine Liebesinsel zu verlassen. Er plant einen Überraschungsangriff auf das riesige moslemische Heer, wird aber wegen seiner strategischen und taktischen Unfähigkeit wieder – und dieses Mal vernichtend – geschlagen. In den hierauf folgenden Wirren in Toledo werden Jehuda und Raquel vom Mob als Schuldige der Niederlage ermordet. Nachträglich erkennt König Alfonso seine aus der Verblendung durch Ehrsucht und Kriegshetze rührende Verantwortung für die militärische Niederlage und den Tod seiner Liebsten. In der Abkehr von bisherigen Überzeugungen will er in Zukunft den Inspirationen von Raquel und dem von Jehuda vorgeschlagenen Weg folgen.
Komposition und Erzählstil Der Roman ist in drei Teile von 140 bis über 180 Seiten gegliedert, und jeder Teil wird mit einer Mottoseite eröffnet, deren Texte einer Chronik des 13. Jahrhunderts und einer späteren Romanze entnommen sind. Diese drei Motti (Der König verliebt sich in die schöne Jüdin / Der König schließt sich fast sieben Jahre mit seiner Jüdin ein / Die Granden des Reiches ermorden die Jüdin) sind reduzierte Zusammenfassungen der Handlung, die den Leser vorweg informieren und ihn damit nicht auf das Was, sondern auf das Wie der Handlung lenken. Mit der Verweigerung der Überraschung unterstützt der Erzähler eine unemotionale Aufmerksamkeit: Statt der vor allem in der englischsprachigen Literatur einen eigenen Typ von Kriminalromanen konstituierenden Frage „Whodunit“ dreht es sich hier um ein „Howcomes“. Rehrmann erkennt in dem „klaren Handlungsaufbau“ einen „doppelten Spannungsbogen von Liebesbeziehung einerseits und Kriegsverzögerung andererseits“, der eine „bemerkenswerte narrative Ökonomie und thematische Konzentration“ entspreche.Rehrmann, „Ein sagenhafter Ort der Begegnung“, S. 41.
Diese Haltung unterstützt der Erzähler durch eine große Nähe zu seinen Figuren, deren Perspektiven er immer wieder im Wechsel übernimmt und auf diese Weise ihr Verhalten von innen her konstruiert: Der Romancier, schreibt Feuchtwanger, „begnügt sich nicht, die darzustellenden Menschen anzuschauen und sie mit denen der eigenen Zeit zu vergleichen, er lebt sich in sie hinein.“Rehrmann, „Ein sagenhafter Ort der Begegnung“, S. 33. Zur Erzähler-Perspektive und ihrem Wechsel vergleiche Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur, Stichworte „Erzähler“ und „Perspektive“. Er stellt im Stil einer objektiven, unbeteiligten Erzählung beispielsweise auf zwei Seiten dar, was der Vorsteher der jüdischen Gemeinde in drei Sekunden denkt, blickt in die Zukunft seiner Figuren, zeigt, zu einem personalen Erzählen wechselnd, wie ein von den Ereignissen überwältigter Beobachter seine Überraschung und BetroffenheitFeuchtwanger, Die Jüdin von Toledo, Aufbau-Verlag, 4. Aufl. 2003, S. 34, 243 f., 354, 359, 420, 435, 486, 500. und fühlt sich in die Zukunftsängste Jehudas ebenso ein wie in seine missionarische Hybris.Feuchtwanger, Die Jüdin von Toledo, Aufbau-Verlag, 4. Aufl. 2003, S. 300; 119 f., 235 f., 260 f., 273, 300, 360.
Die drei Teile sind in sieben, sechs und wieder sieben Kapitel untergliedert, die durch diese Ungleichheit den Akzent auf den Unterschied legen: Die Zahl Sieben wird an zentralen Stellen des Romans genannt, nicht nur als Dauer der Liebesbeziehung, sondern auch bei den „Säulen der christlichen Wissenschaft“, dem Trivium und Quadrivium, dann bei der Erläuterung des Sabbats, des siebenten Tages der Woche, und bei der Dauer der Trauer Jehudas um seinen konvertierenden Sohn Alazar.Feuchtwanger, Die Jüdin von Toledo, Aufbau-Verlag, 4. Aufl. 2003, S. 75, 193, 233. Die Sieben ist ein Hinweis auf einen Abschluss, eine Vollständigkeit oder Erfüllung. Da die Kapitel des mittleren Teils aus einer Vielzahl von Sequenzen bestehen, wäre es durch kleine Verschiebungen ohne weiteres möglich gewesen, auch den zweiten Teil in sieben Kapitel zu gliedern: Die Minderzahl zeigt daher schon in der Organisation des Stoffs die Unabgeschlossenheit, Unvollständigkeit und tiefe Erschütterung dieser Liebesbeziehung, die über den Tod Raquels hinaus den König prägt.
Sprache Die den Erzähler von der historischen Zeit der Handlung trennenden mehr als siebenhundert Jahre verdeutlicht der Autor auch durch die Sprache. Als Mittel der Distanzierung nutzt er vor allem die Modifikation von Verben und das Spiel mit Anklängen und Andeutungen. So schreibt er vom „kühlenden, sänftigen Wasser“, statt eines inneren Lachens „lächert“ es den König oder er handelt mit „versperrtem“ Gesicht und gibt Jehuda „danklos“ die schlaffe Hand. Jehuda sei von jeher „ruhmredig“ und „zettelt“ gegen den König seine Intrigen. Statt eines Herzschlags gibt es einen göttlichen „Schlag aufs Herz“, in das sich vielleicht ein Bedenken hinein „gewurmt“ hat. „Als etwas mühsam mögen einige jüngere Leser wahrscheinlich die leicht manieristische Sprache des Romans empfinden, die auch hier und da Kobolz schießt.“Markus Kohlbeck, siehe Weblinks. Dabei ist nicht immer zu entscheiden, ob es sich um Archaismen, Neologismen, Metaphern oder dialektale Verwendungen handelt.In Die Jüdin von Toledo lassen sich ohne Mühe mehr als 30 „Zeitschnitzer im Kostüm“ finden und nicht nur „weniger als ein Dutzend“ Beispiele einer „gewissen Archaisierung“, wie Rehrmann, „Ein sagenhafter Ort der Begegnung“, S. 34 und Anm. 17, konstatiert: Feuchtwanger, Die Jüdin von Toledo, Aufbau-Verlag, 4. Aufl. 2003, S. 19, 21, 30, 34, 45, 50, 52, 58, 60, 64, 67, 84, 89, 102, … 340, 345, 382, 393, 432, 457.
Geschichte und Historischer Roman Ein historischer Roman erzählt seine Geschichte in einem historischen Setting, aber er ist keine Geschichtsschreibung. Zwar scheint die Liebesbeziehung zwischen König Alonso und der Jüdin Raquel nach neueren Studien überhaupt nur eine Legende zu sein, aber der Roman schildert historische Realitäten mit den Konflikten zwischen den Königreichen Kastilien und Aragon sowie León, den gegensätzlichen Interessen von König und Granden, von Adel und sich entwickelndem Bürgertum sowie zwischen Klerus und Krone.Rehrmann, „Ein sagenhafter Ort der Begegnung“, S. 36 ff. mini|Burgberg mit Schloss und Kathedrale dominieren Toledo noch heute