Finanzielle Allgemeinbildung, auch Finanzkompetenz oder Finanzbildung, soll Verbraucher in die Lage versetzen, sich finanzwirtschaftliches Wissen anzueignen und dadurch auf Grundlage zutreffender Erkenntnisse eigenverantwortlich und selbstbestimmt Entscheidungen in finanziellen Angelegenheiten treffen zu können. Das schließt zum Beispiel die Fähigkeit ein, Probleme im Bereich von Finanzdienstleistungen selbständig zu lösen. Inwieweit eine bessere Finanzbildung bessere Finanzentscheidungen bewirken kann, ist allerdings in der Forschung umstritten. Finanzielle Allgemeinbildung ist abzugrenzen vom engeren Begriff der Financial Literacy der OECD, das lediglich eine finanzielle Grundbildung darstellt.
Die genauen Inhalte von finanzieller Allgemeinbildung sind umstritten. Verbraucherorganisationen verstehen finanzielle Allgemeinbildung als Bestandteil der ökonomischen Bildung, Verbände der Finanzwirtschaft hingegen verstehen Finanzbildung eher als Vorstufe der Entscheidung für ein konkretes Finanzprodukt. Zu letzterer Sichtweise gehört auch, dass Privathaushalte ihre Finanzen planvoll verwalten, den Umgang mit Finanzdienstleistungen bei Bank- und Versicherungsgeschäften beherrschen und die private Finanzplanung selbständig durch eigene Entscheidungen durchführen können. Zum Teil wird finanzielle Allgemeinbildung als Konzept stark kritisiert, da sie individuelle Entscheidungen und Einstellungen für etwaige finanzielle Schwierigkeiten verantwortlich macht. So nehmen einzelne Studien über finanzielle Allgemeinbildung an, dass unzureichendes Wissen und fehlende Fähigkeiten im Umgang mit Geld und bei der Inanspruchnahme von Finanzdienstleistungen und Konsumwünschen charakteristisch für viele überschuldete Haushalte sind.Bundesregierung, Zweiter Armutsbericht: Lebenslagen in Deutschland, 2005, S. 213
Allgemeines Finanzielle Allgemeinbildung ist eine wichtige Aufgabe sowie ein bedeutsames Teilgebiet der ökonomischen Bildung, die ihrerseits zur Allgemeinbildung beiträgt. Es gibt Stimmen, die Finanzbildung als Teil der Schullehrpläne fordern. Hierbei hat sich vor allem seit den späten 1990er und frühen 2000er Jahren ein internationales Netzwerk entwickelt, das finanzielle Allgemeinbildung vorantreibt.
Definitionen In der Wissenschaft besteht keine einheitliche Begriffsbestimmung für finanzielle Allgemeinbildung. Die Notwendigkeit finanzieller Bildung findet ihre Grundlage in dem Recht jedes einzelnen, seine Rechtsverhältnisse eigenverantwortlich zu gestalten. Die Privatautonomie setzt entsprechende Kenntnisse und Fertigkeiten in finanziellen Angelegenheiten voraus.
Institut für ökonomische Bildung In dem Arbeitspapier Finanzielle Allgemeinbildung als Bestandteil der ökonomischen Bildung (2012) des Instituts für ökonomische Bildung der Universität Oldenburg wird finanzielle Allgemeinbildung wie folgt definiert: „Finanzielle Allgemeinbildung bezeichnet den Prozess zur Entwicklung von Finanzkompetenz. Diese wird als die Summe von Einstellungen, Motivationen, Wertvorstellungen, Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten verstanden, die es einem Individuum ermöglichen, sich kompetent und mündig auf dem Finanzdienstleistungsmarkt zu orientieren, es befähigen, seine privaten Finanzen zu organisieren, entsprechend zu handeln und sich an der Analyse und Gestaltung der institutionellen Rahmenbedingungen des Finanzdienstleistungsbereichs zu beteiligen. Finanzielle Allgemeinbildung umfasst neben der Verbraucherperspektive auch die Unternehmensperspektive und die ordnungspolitische Dimension, um eine multiperspektivische Auseinandersetzung mit dem Finanzwesen, den Finanzprodukten und den darauf bezogenen institutionellen Rahmenbedingungen zu ermöglichen.“
OECD International Network on Financial Education (OECD INFE) Der Entwicklung des Messinstruments für die Pilotstudie zur Untersuchung der „Financial Literacy and Financial Inclusion“ von Erwachsenen (“Toolkit to Measure Financial Literacy and Financial Inclusion”) legte die OECD folgende Arbeitsdefinition zugrunde: “Financial literacy is a combination of financial awareness, knowledge, skills, attitudes and behaviours necessary to make sound financial decisions and ultimately achieve individual financial well-being”.https://www.oecd-ilibrary.org/finance-and-investment/oecd-infe-toolkit-for-measuring-financial-literacy-and-financial-inclusion-2022_cbc4114f-en
OECD PISA Bei der PISA-Studie 2022 der OECD lag der Erhebung der „Financial Literacy“ folgende, davon nennenswert abweichende Definition zugrunde: „Financial literacy is knowledge and understanding of financial concepts and risks, as well as the skills and attitudes to apply such knowledge and understanding in order to make effective decisions across a range of financial contexts, to improve the financial well-being of individuals and society, and to enable participation in economic life.“https://www.oecd.org/en/publications/pisa-2022-results-volume-iv_5a849c2a-en/full-report/component-8.html#chapter-d1e2440-c8fd274049 Neben kognitiven Kompetenzfacetten wie „Kenntnis und Verständnis finanzieller Konzepte und Risiken“ betont diese Definition stärker die Fähigkeit, dieses Wissen in verschiedenen Finanzkontexten anwenden zu können.
Unterschiede Drei wesentliche Unterschiede dieser beiden Definitionen der OECD sind festzustellen: Statt fundierter bzw. vernünftiger bzw. sinnvoller Entscheidungen sollen effektive bzw. zweckmäßige oder zielführende Entscheidungen getroffen werden können. Diese Entscheidungen sollen das finanzielle Wohlergehen des Einzelnen nicht erzielen oder gewährleisten, sondern verbessern. Das individuelle finanzielle Wohlergehen wird in der PISA-Studie um die gesellschaftliche Dimension („society“) erweitert: Durch zielführende Entscheidungen des Einzelnen soll zugleich auch das Wohlergehen der Gesellschaft verbessert werden. Zudem soll der Einzelne zur Beteiligung am Wirtschaftsleben befähigt sein. Durch die letztgenannte Erweiterung nähert sich das Begriffsverständnis von Financial Literacy dem in der deutschen Wirtschaftsdidaktik üblichen Verständnis von finanzieller Bildung als Teilgebiet ökonomischer Bildung an. Letztgenannte umfasst drei unabhängige Teilgebiete: die Mikroebene des Individuums, das entscheidet, plant und handelt, die Mesoebene der wirtschaftlichen Wechselbeziehungen mit anderen wirtschaftlich Handelnden und schließlich die Makroebene der Märkte, Wirtschaftsordnungen und -systeme sowie der politischen Rechtssetzung. Die Betonung der Spannweite („range“) der Ebenen, auf denen individuelle Entscheidungen notwendig sind, entspricht zudem der im Deutschen weithin anerkannten Ausrichtung der ökonomischen (resp. finanziellen) Bildung auf ökonomisch (resp. finanziell) geprägte Lebenslagen. Daher kann insgesamt eine zunehmende Annäherung des Begriffsverständnisses festgestellt werden, ohne dass es zu einer vollständigen Übereinstimmung gekommen wäre. Dem steht auch der Umstand entgegen, dass der deutsche Begriff der Bildung nur unzureichend ins Englische übersetzt werden kann.
Finanz-Alphabetismus
Der Finanz-Alphabetismus umfasst sowohl das abstrakte Wissen über grundlegende finanzielle Zusammenhänge und die Funktionsweise von Finanzprodukten als auch die konkrete Erfahrung im Umgang mit Bank- und Versicherungsprodukten. Schwachstellen der Verbraucher sind vor allem Zahlungsverkehr, Kapitalanlage, Kreditaufnahme und Versicherungen. Einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahre 2004 zufolge gaben 47,3 % der Befragten an, sich nur ungern mit Finanzen zu beschäftigen, 50,2 % schieben finanzielle Entscheidungen auf, obwohl 61 % dafür Zeit hätten, und 61,8 % empfinden Finanzfragen als schwierig.Johannes Leinert, Finanzieller Analphabetismus in Deutschland: schlechte Voraussetzungen für eigenverantwortliche Vorsorge, in: Gesundheits- und Sozialpolitik, Nr. 3/4, März 2004, S. 29 Einerseits ist das grundlegende finanzielle Wissen für angemessene Vorsorge- und Anlageentscheidungen in weiten Teilen der Bevölkerung nicht ausreichend, andererseits steigt der Anteil richtiger Antworten in der Regel mit Bildungsgrad und Einkommen. Auch trauen sich Befragte eine Antwort auf Finanzfragen umso häufiger zu bzw. verweigern die Antwort umso seltener, je höher ihr Bildungsgrad oder Einkommen ist.Johannes Leinert, Finanzieller Analphabetismus in Deutschland: schlechte Voraussetzungen für eigenverantwortliche Vorsorge, in: Gesundheits- und Sozialpolitik, Nr. 3/4, März 2004, S. 29
Finanzielle Bildung als Aufgabe und Teilgebiet der ökonomischen Bildung
Ökonomische Bildung dient nach allgemeiner Auffassung der bildenden Vorbereitung der Menschen auf die Bewältigung der Anforderungen in wirtschaftlich geprägten Lebenslagen. Unter ihnen stellen die finanziell geprägten Lebenssituationen eine bedeutsame Teilmenge dar. Da die einzelnen Lebenssituationen ungezählt und vielfältig sind und sich zudem rasch ändern, ist keine passgenaue, auf die jeweilige Gegebenheit abgestimmte Qualifizierung möglich. Daher sollen in Bildungsprozessen stattdessen fachliche Kompetenzen gefördert werden, die in unterschiedlichen Umständen zur Anwendung kommen können. Kompetenzen sind Befähigungen und Fertigkeiten, die ihr Träger in konkreten Situationen je neu aktualisieren muss (= Performanz). In entwickelten Ländern begegnen dem Grunde nach allen Menschen insbesondere folgende Herausforderungen:
Erzielung und Verwendung von Einkommen (Karriereplanung), Management von Liquidität (private Liquiditätsrechnung) Aufnahme und Tilgung von Krediten (Kreditmanagement) Umgang mit Vermögen (Vermögensverwaltung) Nutzung der Möglichkeiten des Zahlungsverkehrs Versicherung finanzieller Risiken Zahlung von Steuern, Abgaben und Beiträgen.
Die ökonomische Bildung behandelt in ihren Lehre diese Gesichtspunkte, die Verbraucherbildung räumt ihnen – neben anderen Teilgebieten – einen Platz ein, und für Fächer wie Sozialkunde, Gemeinschaftskunde oder Politik-Wirtschaft wird sie bisweilen ebenfalls in Anspruch genommen. Die finanzielle Allgemeinbildung wird daher in der ökonomischen Bildung in die Gesamtheit wirtschaftlicher Tätigkeiten, in der Verbraucherbildung in den Rahmen des Privathaushalts oder in die politisch-ökonomische Bildung eingebunden. Eine von der ökonomischen Bildung abgetrennte Behandlung finanzieller Sachverhalte ist wenig sinnvoll.Kaminski, Eggert, Burkard: Konzeptionen für die Ökonomische Bildung als Allgemeinbildung von der Primarstufe bis zur Sekundarstufe II. herausgegeben vom Institut für Ökonomische Bildung im Auftrag des Bundesverbandes Deutscher Banken, 2008.
Ziel der finanziellen Allgemeinbildung ist es, den Menschen und den privaten Haushalt zu befähigen, sämtliche finanziellen Aspekte seines Daseins sinnvoll und zu seinem Vorteil nutzen zu können.Institut für Finanzdienstleistungen: iff Forschungsbereich Finanzielle Allgemeinbildung. 2003 (zu finden hier)
Inhalt und Umfang der finanziellen Allgemeinbildung Schwerpunkt finanzieller Allgemeinbildung ist das Finanzwesen. Hierbei geht es nicht um Fachwissen über besondere Finanzprodukte oder Finanzinstrumente, sondern vielmehr um die Vermittlung von Wirkungsweisen und wirtschaftlichen Zusammenhängen und das Verständnis über grundlegende Eigenschaften von Finanzprodukten:Markus Hoffmann, Die Reform der Verbraucherkredit-Richtlinie (87/102/EWG), 2007, S. 273 Ermittlung und Bewertung der eigenen Bedürfnisse Informationsbeschaffung Bewertung von Handlungsalternativen Kontakt mit Anbietern Entscheidung Vertragsabschluss Umgang mit Rechten und Pflichten aus dem Vertrag Reaktion auf Situationen mit Anpassungsbedarf