Die Geschichte des Tschad ist die Geschichte des modernen Staates Tschad, der Untergliederung der französischen Kolonie Französisch-Äquatorialafrika, aus der dieser Staat entstanden ist sowie die Geschichte der Völker und Reiche, die vor der Kolonialzeit dort existierten.

Frühe Geschichte Das Gebiet des heutigen Staates Tschad besitzt einige der reichsten archäologischen Stätten Afrikas.

2001 wurde in Borkou ein sechs bis sieben Millionen Jahre altes Fossil gefunden, das Sahelanthropus tchadensis benannt und dahingehend gedeutet wurde, dass es an die Wurzel der Hominini stehe, also am Beginn jener Entwicklungslinie, die letztlich zum modernen Menschen führte. 1993 war bereits der ein drei Millionen Jahre alter Unterkiefer entdeckt worden, der zur neuen Art Australopithecus bahrelghazali gestellt wurde.

Während des 7. Jahrtausends v. Chr. war die nördliche Hälfte des Tschad Teil eines breiten Landstreifens, der sich vom südasiatischen Indus bis zum Atlantischen Ozean erstreckte, in dem die ökologischen Bedingungen günstig waren für eine menschliche Besiedlung. Felszeichnungen des „Rundkopf-Stiles“, die in der Region Ennedi gefunden wurden, stammen aus der Zeit vor dem 7. vorchristlichen Jahrtausend. Aufgrund der Werkzeuge, mit denen die Felsen geritzt wurden und der Szenen, die dort abgebildet wurden, dürften diese Felsen die ältesten Zeugnisse neolithischer Materialbearbeitung in der Sahara sein. Viele der Töpfereien und andere Produkte in Ennedi sind älter als vergleichbare Zeugnisse im östlich gelegenen Nildelta.

In der prähistorischen Periode war der Tschad deutlich feuchter als heute, wie Tierbilder in Felszeichnungen in den Regionen Tibesti und in Borkou belegen. Jüngste linguistische Forschungen legen nahe, dass sämtliche afrikanischen Sprachen (mit Ausnahme der Sprache der Khoisan) ursprünglich aus dem Gebiet zwischen dem Tschadsee und dem Niltal stammen. Dennoch ist der Ursprung der Bevölkerung des Tschad unklar. Viele archäologische Stätten sind bisher erst teilweise erforscht.

Nördlich von N’Djamena im Tschad wurden Verhüttungsöfen ausgegraben, deren Datierung ins erste vorchristliche Jahrtausend fällt (700–500 v. Chr.). Damit stellen sie neben den Funden aus Taruga in Zentral-Nigeria die frühesten Belege für Eisenverhüttung in Afrika dar und markieren so den Beginn der Eisenzeit im subsaharischen Afrika.

Das Zeitalter der großen Reiche, 900–1900 miniatur|Dromedare waren das Hauptverkehrs- und -transportmittel des Transsaharahandels

Gegen Ende des ersten Jahrtausends begannen sich im gesamten Sahelgebiet zwischen Sahara und tropischem Regenwald Staaten zu bilden. Für die folgenden 1000 Jahre bestimmten diese Staaten, ihre Beziehungen untereinander und ihre Auswirkungen auf die Völker, die in sogenannten „staatenlosen“ (akephalen) Gesellschaften lebten, die politische Geschichte des Gebietes des heutigen Tschad. Umstritten ist, wieweit diese Staaten originär schwarzafrikanische Gründungen waren. Einen gewissen Einfluss dürften in jedem Fall arabisch sprechende Einwanderer und vor allem ihre Religion, also der Islam, bei der Entstehung dieser Staaten gehabt haben. Die meisten dieser Reiche begannen als sakrale Königreiche, in denen der König als göttlich angesehen wurde und ihm spirituelle Kräfte zugeschrieben wurden. Keines dieser Reiche konnte seine Macht allerdings in die südlichen Teile des Tschad ausdehnen, da hier der Regenwald und die Tsetse-Fliege den Einsatz von berittenen Heeren erschwerte. Die ökonomische Basis dieser Reiche bildete der Transsaharahandel. Etliche Reiche kamen und gingen auf dem Gebiet des Tschad innerhalb dieses Jahrtausends. Die wichtigsten und dauerhaftesten waren das Reich von Kanem-Bornu, das Reich von Baguirmi und von Waddai. Über diese Reiche geben uns vor allem die Chroniken der Königshöfe und die Schriften arabischer Händler und Reisender Auskunft.

Kanem-Bornu

Das Reich von Kanem entstand im 9. Jahrhundert im Nordosten des Tschadsees. Die Herrscher dieses Staates waren die Vorfahren der Kanembu. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts konvertierte der König (oder mai) Hummay, ein Angehöriger der Sefuwa-Dynastie, zum Islam. Im folgenden Jahrhundert expandierten die Sefuwa-Herrscher Richtung Süden in die Region Kanem, in der sie auch ihre erste Hauptstadt, Njimi, errichteten. Den Höhepunkt erreichte diese Expansion unter der Herrschaft des Mai Dunama Dabbalemi (ca. 1221–1259).

Ende des 14. Jahrhunderts schwächten interne Kämpfe und Angriffe von außen Kanem. Schließlich zwangen 1396 Bulala-Invasoren den Mai Umar Idrismi Njimi aufzugeben und die Kanembu zogen in das Gebiet der Bornu an das westliche Ende des Tschadsees und gründeten dort ihre neue Hauptstadt Ngarzagamu. Im Lauf der Zeit bildete sich durch Vermischung von Kanembu und Bornu ein neues Volk und eine neue Sprache, das Kanuri.

Kanem-Bornu erreichte den Höhepunkt seiner Macht unter dem Mai Idris Aluma (ca. 1571–1603), der nicht nur militärische Fähigkeiten besaß, sondern auch eine Verwaltungsreform durchführte und für seine Frömmigkeit bekannt war. Durch seine militärischen Leistungen und Reformen blühte das Land bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts, als die Macht des Reiches nachließ. Im frühen 19. Jahrhundert war Kanem-Bornu eine Macht im Niedergang und 1808 eroberten Fulbe-Krieger im Rahmen des Dschihad von Usman dan Fodio Ngazarguma. Bornu überstand die Attacke, aber die Sefuwa-Dynastie endete 1846 und das Reich selbst hörte 1893 auf zu existieren.

Baguirmi

Im 15. Jahrhundert entstand im Südosten von Kanem-Bornu das Reich Baguirmi. Um 1600 übernahm es den islamischen Glauben und wurde zum Sultanat. Später geriet es in Abhängigkeit von Kanem-Bornu, erlangte aber Ende des 16. Jahrhunderts seine Unabhängigkeit zurück, um Mitte des 17. Jahrhunderts wieder tributpflichtig zu werden. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Baguirmi vom nahegelegenen Königreich Wadai militärisch bedroht. Baguirmi widerstand zwar, akzeptierte aber einen tributpflichtigen Status um Wadais Hilfe bei internen Konflikten zu erhalten. Als 1893 die Hauptstadt niedergebrannt wurde, ersuchte der Sultan um den Schutz der Franzosen und das Reich wurde zum französischen Protektorat.

Wadai

Das Königreich von Wadai entstand im 16. Jahrhundert nordöstlich von Baguirmi als Abspaltung des Reiches Dar Fur in der heutigen Region Darfur. Im frühen 17. Jahrhundert sammelten sich dort verschiedene Gruppen um den islamischen Führer Abd al-Kerim, der die regierende Tunjur-Gruppe mit der damaligen Hauptstadt Ain Farah besiegte und Wadai in ein islamisches Sultanat mit Wara als Hauptstadt umwandelte. Um 1800 begann Wadai unter Sultan Sabun zu expandieren. Eine neue Route Richtung Norden war entdeckt worden und Sabun rüstete königliche Karawanen aus, um von ihr zu profitieren. Er prägte seine eigenen Münzen und importierte Feuerwaffen und militärische Experten aus Nordafrika. Sein Nachfolger war allerdings weniger erfolgreich und Darfur nutzte eine Thronfolgestreitigkeit aus, um seinen eigenen Kandidaten auf den Thron von Wadai zu setzen. Dieser Kandidat Darfurs, Muhammad Sharif, widersetzte sich jedoch bald Darfur und etablierte Wadais Macht über Baguirmi und verschiedene Königreich bis hin zum Fluss Schari. Wadai widersetzte sich bis ins 20. Jahrhundert der französischen Kolonialmacht und wurde von dieser erst 1912 endgültig unterworfen.

Kolonialzeit 1900–1940 miniatur|Major Lamy

Die Franzosen begannen erstmals 1891 militärische Expeditionen vor allem gegen muslimische Königreiche im Tschad. Erst am 22. April 1900 wurde die entscheidende Schlacht bei Kousséri zwischen dem französischen Mayor Amédée-François Lamy und dem sudanesischen Kriegsherren Rabih az-Zubayr geschlagen. Beide kamen in dieser Schlacht um.

1905 wurde der Tschad einem Generalgouverneur unterstellt, der in Brazzaville, der Hauptstadt von Französisch-Äquatorialafrika, stationiert war. 1920 erlangte der französische Tschad einen eigenen kolonialen Status, als das Gebiet unter die Hoheit eines Gouverneur-Leutnants gestellt wurde, der in Fort Lamy (heute N’Djamena) stationiert wurde.

Die französische Kolonialherrschaft war durch zwei Dinge gekennzeichnet: das Fehlen jedes politischen Versuchs, das Land zu einen und ein außergewöhnlich geringes Tempo an Modernisierung. Innerhalb des französischen Kolonialreiches rangierte der Tschad ganz weit unten, als Quelle von roher Baumwolle und für ungelernte Arbeitskräfte, die in den „produktiveren“ Kolonien des Südens eingesetzt werden konnten.

Während der Kolonialzeit wurden weite Gebiete des Tschad nicht effektiv regiert, in der großen Präfektur Borkou-Ennedi-Tibesti etwa ließen die wenigen militärischen Verwalter üblicherweise die Bevölkerung allein. Im zentralen Tschad war die französische Herrschaft nur wenig mehr zu bemerken. Nur den Süden des Landes regierten die Franzosen tatsächlich. Wobei zur spürbaren Herrschaft auch die Verpflichtung zur Zwangsarbeit und die Zwangsrekrutierung gehörte.

Der Weg in die Unabhängigkeit 1940–1960 miniatur|Einer der vielen tschadischen Soldaten, die für das Freie Frankreich während des Zweiten Weltkrieges kämpften.

Während des Zweiten Weltkrieges war der Tschad nach der Niederlage Frankreichs gegen die Deutschen am 26. August 1940 die erste französische Kolonie, die sich dem Freien Frankreich General Charles de Gaulles und den Alliierten anschloss.

Unter der Verwaltung von Félix Éboué, Frankreichs erstem schwarzen Kolonialgouverneur, wurde von Fort Lamy aus eine militärische Einheit, darunter zwei Bataillone von Sarasoldaten, kommandiert von Colonel Leclerc nach Norden geschickt, um die alliierten Kräfte in Libyen zu unterstützen, wo sie die Oase Kufra eroberten und sich am Kampf um Tunesien beteiligt.

Nach dem Krieg entwickelten sich lokale Parteien im Tschad. Den Anfang machte die konservative Demokratische Union des Tschad (UDT), die kommerzielle französische Interessen und einen Block traditioneller einheimischer Führer, überwiegend Muslims und Waddai-Oberschicht, repräsentierte. Mit der Tschadische Fortschrittspartei (PPT) entstand kurz darauf eine radikalere Gruppe, geführt vom späteren Präsidenten François Tombalbaye. Diese Partei gewann die ersten Wahlen vor der Unabhängigkeit. Der Gegensatz von UDT und PPT war nicht nur ein ideologischer, sondern hierin spiegelten sich auch die regionalen Gegensätze innerhalb des Landes. Die PPT repräsentierte den christlichen und „traditionell religiösen“ Süden, die UDT den islamischen Norden.

Am 25. April 1946 wurde von der Konstituierenden Nationalversammlung Frankreichs die Loi Lamine Guèye verabschiedet, nach der ab dem 1. Juni 1946 alle Bewohner der überseeischen Gebiete einschließlich Algeriens denselben Bürgerstatus wie Franzosen in Frankreich oder den überseeischen Gebieten hatten, die Frauen und Männer also auch wählen durften. Das passive Wahlrecht war zwar nicht ausdrücklich im Gesetz genannt worden, aber auch nicht ausgeschlossen. Bei den Wahlen zur Französischen Nationalversammlung sowie für alle örtlichen Wahlen in ganz Afrika außer Senegal galt bis 1956 ein Zweiklassenwahlrecht.Franz Ansperger: Politik im Schwarzen Afrika: Die modernen politischen Bewegungen im Afrika französischer Prägung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH Wiesbaden, 1961, S. 73. Unter französischer Verwaltung wurde durch die loi-cadre Defferre, die am 23. Juni 1956 eingeführt wurde, das allgemeine Wahlrecht und damit auch das Frauenwahlrecht eingeführt. Dieses wurde bei der Unabhängigkeit 1960 bestätigt.June Hannam, Mitzi Auchterlonie, Katherine Holden: International Encyclopedia of Women’s Suffrage. ABC-Clio, Santa Barbara, Denver, Oxford 2000, ISBN 1-57607-064-6, S. 9.Mart Martin: The Almanac of Women and Minorities in World Politics. Westview Press Boulder, Colorado, 2000, S. 266.